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Hat alles einen Preis?

„Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Für alles andere…“ so bewirbt ein großes Kreditunternehmen die Freiheit, die einem durch schier unbegrenztes Geldausgeben eröffnet wird. Doch ist dieser Slogan wahr? Bei genauem Hinsehen scheint es doch vielmehr so zu sein, dass so ziemlich alles seinen Preis hat. Es gibt heute fast nichts mehr, das nicht käuflich wäre. Die Idee des freien Marktes hat inzwischen alle Bereiche des Lebens erreicht, so die These des amerikanischen Philosophen Michael Sandel. Heute kann man nicht nur materielle Dinge kaufen, sondern Organe, Liebe, eine bessere Behandlung im Krankenhaus, Schönheit, Bildung und sogar Macht. Karl Marx diagnostizierte seiner Zeit bereits 1847:

„Es ist die Zeit der allgemeinen Korruption, der universellen Käuflichkeit oder, um die ökonomische Ausdrucksweise zu gebrauchen, die Zeit, in der jeder Gegenstand, ob physisch oder moralisch, als Handelswert auf den Markt gebracht wird.“

Selbst Preise für Menschen sind heute keine Seltenheit mehr. Und dies bezieht sich nicht nur auf die Summen in Millionenhöhen, die Fußballclubs sich den Einkauf neuer Spieler kosten lassen. Man kann heute ausrechnen, wie viel ein Mensch wert ist, wenn man ihn in seine Einzelteile zerlegt und auch die reproduzierenden Ressourcen wie Eizellen und Spermien verwertet. Frauen versteigern ihre Jungfräulichkeit im Internet oder bieten sich für Geld als Leihmütter an. Menschliche Körper und Leben nähern sich so immer mehr dem marktwirtschaftlichen Prinzip an.
Das Problem, das Michael Sandel in dem erweiterten Marktgedanken sieht, hängt einmal mit der ungleichen Verteilung von Wohlstand zusammen: Wenn sich überall derjenige mit dem meisten Geld durchsetzen kann, werden gesellschaftliche Grundgüter wie Gesundheit und Ausbildungschancen zu knappen Ressourcen, die an den Meistbietenden verkauft werden. Die Verlierer dieses Wettbewerbs sind dann natürlich die, die über wenig Geld verfügen und so vom kapitalistischen Prinzip nicht profitieren können, das auf freier Marktwirtschaft aufbaut. Die Philosophin Rahel Jaeggi gibt allerdings in der Zeitschrift Polar zu bedenken: Die Vermarktlichung hat auch positive Seiten. So richtet sich der Preis für etwas weder nach Herkunft, Geschlecht oder Stellung einer Person – er ist für alle gleich und eröffnet so jedem theoretisch die gleichen Möglichkeiten. Geld ist indifferent, macht keine individuellen Unterscheidungen. Problematisch sei demnach nicht die Vermarktlichung an sich, sondern die Umsetzung, welche von Ausbeutung und Bereicherung auf Kosten anderer geprägt ist.
Ein weiteres Problem, das Sandel in der Entgrenzung des Marktes sieht, ist die Frage nach dem Stellenwert den bestimmte Dinge in unserer Gesellschaft haben sollten. Sobald etwas gekauft werden kann, wird es seiner Meinung nach zur Ware. Hilft das Kind freiwillig beim Abwaschen, weil es helfen möchte, ist das ein anderer Fall als wenn man es dafür bezahlt. Streben wir eine Gesellschaft an, in der alles zur Ware werden kann? Oder gibt es Dinge, die unverkäuflich bleiben müssen, um ihren Wert nicht zu verlieren? Welche Dinge sind für Sie unverkäuflich?
Der Frage nach dem Verhältnis von Preis und Werten geht Thomas Vašek in der nächsten Ausgabe HOHE LUFT 01/14 auf den Grund, die diese Woche erscheint.

– Greta Lührs

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Um die Aktualität der Thesen Karl Marx‘ dreht sich auch alles beim nächsten philosophischen Leseabend im Cafe Luitpold:

Salon Luitpold

„Karl Marx, die Bourgeoisie und die 99 %“
Am Dienstag, 26.11.13
Beginn: 20 Uhr
Im Cafe Luitpold
Brienner Straße 11
80333 München

Philo_Motiv

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  1. Als Folge der völligen Verkennung des Charakters unserer Wirtschaft müssen sich Widersprüche zwischen Wirtschaftstheorie und -praxis ergeben. Wenn man die Lehrsätze der Ökonomen, die für eine Wirtschaft der freien Konkurrenz gelten, auf eine Praxis überträgt, die alles andere als eine Wirtschaft der freien Konkurrenz ist, so können sie unmöglich mit der Erfahrung übereinstimmen. Die Berufsökonomen haben irriger Weise eine freie Wirtschaft angenommen, d. h. den freien Wettbewerb für verwirklicht gehalten und diesen Irrtum ganz allgemein zu verbreiten gewusst. Heute wissen wir, dass sich die Wirtschaftswissenschaft tatsächlich geirrt hat. Nicht etwa, dass ihre Schlussfolgerungen nicht gestimmt hätten. Nein, es ist vollkommen richtig, dass eine freie Wirtschaft zu einer dauernden Harmonie von Angebot und Nachfrage, zur Vollbeschäftigung, allmählichen Zinssenkung, ansteigenden Reallöhnen und Wirtschaftsblüte führen muss. Nur die Voraussetzungen bestehen nicht. Was man für eine Wirtschaft der freien Konkurrenz gehalten hat, ist eben keine freie, sondern eine Monopolwirtschaft. Eine solche kann begreiflicherweise die günstigen Auswirkungen, die man von einer freien Wirtschaft mit Recht erwarten darf, nicht erfüllen!

    Die schwerstwiegenden Folgen ergaben sich, als die Politik sich des Widerspruchs bemächtigte. Man machte für die üblen Folgen der Monopolwirtschaft, für die wiederkehrenden Wirtschaftsstörungen, Krisen, Dauerarbeitslosigkeit, chronische Unterbeschäftigung, für die sozialen Missstände, die Verarmung der breiten Massen, die Proletarisierung des ehemaligen Mittelstandes usw. die – nicht existierende – freie Wirtschaft verantwortlich. Man warf und wirft der Wirtschaftswissenschaft vor, die von ihr gepriesene und nach ihrer ausdrücklichen Erklärung verwirklichte „freie Wirtschaft“ tauge nichts, habe nicht gehalten, was man sich von ihr versprochen habe und führe, anstatt zur vorausgesagten Wirtschaftsblüte und Harmonie, zu unerträglichen wirtschaftlichen und sozialen Missständen. Das Heil liege in einer staatlichen Planwirtschaft, in einer rigorosen Einschränkung, wenn nicht gar Abschaffung der privaten Unternehmertätigkeit, in einer Abkehr von der „freien“ Wirtschaft. Andere politische Richtungen wieder verweisen auf die zahlreichen Übelstände der staatlichen Planwirtschaft und fordern die „Rückkehr zur freien Wirtschaft“ – die es noch nie gegeben hat -, kurzum: die Begriffsverwirrung ist allgemein.

    Die aufgetretenen Missstände dieser so genannten freien Wirtschaft in die Schuhe zu schieben, ist ebenso verkehrt, wie zu ihr zurückkehren zu wollen. Beides ist ein Irrtum. Da es noch niemals eine freie Wirtschaft gegeben hat, ist es ebenso unsinnig, sie zurückzuwünschen, wie es unsinnig ist, sie für soziale und wirtschaftliche Missstände verantwortlich zu machen oder ihr die Nichterreichung des Wirtschaftsideals vorzuwerfen. Was heute als freie Wirtschaft bezeichnet zu werden pflegt, ist bestenfalls eine halbfreie Wirtschaft, eine Mischung von Markt- und Monopolwirtschaft, ein Bruchstück der freien Wirtschaft, mit einem Wort: Zinswirtschaft. Nicht weil die Wirtschaft (angeblich) frei war, hat sie versagt – wie die Anhänger der so genannten Planwirtschaft glauben -, sondern im Gegenteil: weil sie unfrei war und daher ein Instrument der Ausbeutung, musste sie versagen! Nur deshalb zeigten sich die bekannten wirtschaftlichen und sozialen Missstände.

    Marktgerechtigkeit

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