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Kann der Mensch wollen, was er will?

HOHE LUFT_live ging am 07.08. in die nächste Runde. In einer ausgebuchten modern life school diskutierte HOHE LUFT Chefredakteur Thomas Vašek mit dem Philosophen Ho-Seoung Moon das Thema „freier Wille“.

Ho-Seoung Moon, der eine philosophische Praxis in Göttingen betreibt, versteht den freien Willen als eine Form des Vermögens, seine eigenen Wünsche zu reflektieren und umzusetzen. Dabei ist die Frage nach der Existenz eines freien Willens seiner Ansicht nach nicht inhaltlich zu beantworten, sondern funktional. Wir müssen gar nicht zwingend definieren, was der freie Wille ist, da wir ein intuitives Alltagsverständnis davon haben, so Ho-Seoung Moon. Der Begriff ist dadurch bestimmt, wie wir ihn erleben, ähnlich wie die Liebe oder die Vernunft. Thomas Vašek widerspricht diesen Ausführungen: „meiner Meinung nach ist die Existenz des freien Willens tatsächlich ein Problem und kein Scheinproblem.“ Wenn wir wirklich in unserem Verhalten komplett determiniert (d.h. kausal vorherbestimmt) sind, hätte das massive Auswirkungen auf unser Leben. Ohne die Freiheit des Willens, kann es keine Verantwortung geben. Alles, was wir tun und als rationale Entscheidungen ansehen wäre sinnlos, wenn wir nicht willensfrei sind. Um also überhaupt handlungsfähig zu sein, müssen wir den freien Willen voraussetzen.

Nach der Auffassung Ho-Seoung Moons lässt die Freiheit des Willens Grade zu. Er zitiert Arthur Schopenhauer (1788 – 1860): „Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Demnach wirken zwar ständig Eindrücke auf uns ein, die unseren Willen bestimmen, doch haben wir die Freiheit, uns zu unseren Wünschen so zu verhalten, wie wir es möchten. Wer wenig willensfrei ist, richtet sich stets nach Fremdbestimmungen und identifiziert sich nicht selbst mit seinen Wünschen. Der von Harry Frankfurt (geb. 1929) beschriebene „Wanton“ (übers. Lüstling) betreibt diese Selbstreflektion gar nicht und ist somit seinen Trieben ausgeliefert. „Ist der Wanton nicht der freieste Mensch von allen, wenn ihm alles egal ist?“ fragt eine Dame aus dem Publikum. Thomas Vašek kann dem nicht zustimmen. Seiner Meinung nach muss man Willensfreiheit und Willensschwäche unterscheiden. Der Wanton ist bei Frankfurt gar keine Person, da er seine Wünsche nicht hierarchisch ordnen kann. Unsere Entscheidung, einen Schokoriegel zu essen oder es lieber sein zu lassen, untersteht dem freien Willen. Seiner Neigung gegen die eigene Überzeugung nachzugehen ist dann aber keine Unfreiheit, sondern die Schwäche des Willens. Genauso ist Willensfreiheit nicht gleich Handlungsfreiheit. Wer eingeschlossen ist, kann dennoch willensfrei sein.

Die Frage nach dem freien Willen wirft eine Reihe von Grenzfällen auf. Psychische Zwänge, Sucht, Demenz, wann ist ein Mensch (noch) willensfrei? Welche Rolle spielt die Neurophysiologie? Viele Ansätze wurden beleuchtet und die Schwierigkeiten eines radikalen Determinismus aufgezeigt. Dass wir uns als frei betrachten müssen, darin sind sich Thomas Vašek und Ho-Seoung Moon einig. Beweisen kann man den freien Willen natürlich nicht. Wie auch? Wenn er messbar wäre, wäre er doch nicht mehr frei, oder?
Das nächste Mal findet HOHE LUFT_live am 04.09. in der modern life school statt. Thema wird dann Thomas Vašeks neues Buch „Work-Life-Bullshit“ sein.

– Greta Lührs –

16 Kommentare

  1. Hamid Aslami sagt

    Gibt es einen freien Willen? Wenn ja, wovon ist er frei? Wenn nein, wovon ist er unfrei?

    Die Neurowissenschaften sehe ich in diesem Zusammenhang als den gegenwärtig stärksten Feind des freien Willens. So stützen sich die prominentesten und radikalsten Vertreter, die Hirnforscher Gerhard Roth und Wolf Singer, vorallem auf das Libet Experiment (http://de.wikipedia.org/wiki/Libet-Experiment), indem scheinbar nachgewiesen wurde, das kurz vor einer getroffenen Entscheidung eine meßbare Hirnaktivität verzeichnet werden konnte und man folglich nicht mehr von einem freien Willen sprechen könne, da unser Gehirn bereits entscheidet, bevor wir überhaupt ein Entscheidungsgefühl bekommen. Das Gehirn hält den Menschen quasi an die Leine, so die Hirnforscher.

    Meine Ansichten liegen dem von Thomas Vašek zumindest sehr viel näher als die von Ho-Seoung Moon, denn „die Existenz des freien Willens ist ein Problem und kein Scheinproblem“ und hätte tatsächlich verheerende Auswirkungen auf das menschliche Weltbild.

    „Beweisen kann man den freien Willen natürlich nicht.“ Dazu würde Kant wohl sagen: „Keine der transzendentalen Ideen ist beweisbar, aber gedacht werden müssen sie, besonders die Freiheit.“ Insbesondere für die Freiheit weist Kant nach, dass diese, insofern sie transzendental verstanden wird, weder durch reine Vernunft, noch durch Erfahrung je widerlegt werden kann. Insofern Zustände auch spontan entstehen können und der Verstand sie aber nur als Fälle von empirischer Regelmäßigkeit (Kausalität) begreifen und erfassen kann, kann für jede Erscheinung auch an eine transzendentale Ursache geglaubt werden, zum Beispiel an einen freien Willen der Menschen oder an Gott.

    Nun, die Frage nach der Existenz eines freien Willens bleibt weiterhin wohl einer der größten und zugleich spannendsten Fragen der Philosophie.

    • Eine kurze Bemerkung zum Libet Experiment, das 1983;1985 veröffentlicht wurde.

      Libet fand heraus, dass sich 550 ms vor der bewussten Bewegung ein Beritschafts/aktionspotenzial neuronal ausbildete, das erst 200 ms vor der Aktion zur bewussten Absicht wird und dann zur Aktion führt. Jedoch ist es bis zu 100 ms vor der Aktion möglich diese zu unterbinden. Libet selbst spricht von einem Veto, weshalb er schlussfolgerte, dass die Willensfreiheit in der Möglichkeit besteht, sich zu seinen neuronalen Reizen/Automatismen willentlich zu verhalten.

      Die Freiheit des Willens besteht also nicht darin, dass es keine Schranken, Grenzen oder bestimmende Gründe gibt, sondern darin, dass man selbst entscheiden kann, ob man wirklich etwas tut, das man im Begriff ist, zu tun.

      Mit freundlichem Gruß,
      Ho-Seoung Moon

      P.S.: Weiter unten beziehe ich nochmal kurz Stellung

      • Hamid Aslami sagt

        Vielen Dank für Ihre Bemerkung.
        Ihren weiteren Ausführungen zum Libet-Experiment stimme ich soweit zu. Die Schlußfolgerung von Libet, nach der „die Willensfreiheit in der Möglichkeit besteht, sich zu seinen neuronalen Reizen/Automatismen willentlich zu verhalten“ verstärkte er sogar noch dadurch, dass er in weiteren Experimenten gezeigt hat, dass ein Bereitschaftspotential nicht zwingend zu einer Handlung führt, sondern bis zirka 50 ms vor der Muskelaktivierung noch abgebrochen werden kann. Die Vermutung jedoch, dass das Veto selbst nicht unbewusst eingeleitet werde, sondern unmittelbar auf bewusster Ebene stattfinde, stützt er nicht auf experimentelle Befunde. Zur Begründung weist er stattdessen darauf hin, dass ihn davon abweichende Annahmen zu Schlussfolgerungen über die Willensfreiheit führen würden, die er für unbefriedigend hält.

  2. .

    „Beweisen kann man den freien Willen natürlich nicht“ – EXAKT!

    Eine Tatsache, also ein empirisches Faktum „beweist“ man auch nicht: man weist es auf oder nach, im einfachsten Fall durch bloßes Zeigen oder Hinweisen darauf.

    Was mit Willensfreiheit, freier Wille, Freiwilligkeit einschließlich Wahl- und Entscheidungsfreiheit gemeint ist, ist psychologisch leicht zu zeigen. Seit 1690 ist Philosophen sogar die Grundlage aller dieser „Freiheiten“ bekannt (…bis hin zur „Gedankenfreiheit“).

    Darauf hat seinerzeit John Locke in seinem Essay of Concerning of Human Understanding angeführten „power to supend the execution … of disires“ hingewiesen. Geert Keil hat darauf in seinen Büchern zum Thema in den letzten Jahren mehrfach aufmerksam gemacht. Psychologisch wäre diese Suspensionsfähigkeit genauer zu spezifizieren, weil es um Allgemeineres geht als bloß „desires“ nicht nachzugeben: Begierden, Leidenschaften oder Bedürfnissen, einem Verlangen, Drang oder Begehren, also instinktiven Wünschen irgendwelcher Art, auch wenn „Selbstbeherrschung“ ebenfalls unser Suspensionsvermögen zur Grundlage hat.

    Vielleicht wird aber so schon erkennbar, dass Willensbildung und damit Selbstbestimmung bis zu Selbststeuerung („Handlungsfreiheit“) mit einem Abbruch von naturhaftem, instinktiven oder automatischen, psychologisch genauer: reflexhaften Reagieren beginnt.

    Warum wir mit Geburt nur dazu fähig sind und das auch noch in den ersten darauf folgenden Lebensjahren, und was sich spätestens im Kindergartenalter ändert, dass wir dann immer mehr zur selbstbestimmten Selbststeuerung fähig werden, und überlegtes bewusstes Handeln lernen können bis hin zum Planen unserer Handlungen, ist dagegen weniger leicht einsichtig zu machen; philosophisch interessant ist aber, dass sich dazu Hinweise in Colin McGinn’s großartiger Analyse unserer Vorstellungsfähigkeit „Mindsight“ findet. (Dt. Übersetzung bei Primus in Darmstadt erschienen.)

    • Hallo lieber Ingo,

      es ist schön, einen Kommentar von Dir hier vorzufinden. Denke auch, dass Lockes „power“- Begriff Libets eigene Annahme untermauert, soweit es uns möglich ist, innehalten zu halten und noch einmal genau zu reflektieren, was wir denn genau wollen.

      Locke sieht ebenfalls in dem freien Willen eine funktionale Fähigkeit des menschlichen Bewusstseins zur Selbststeuerung oder Selbstregulierung des Gesamtorganismus. Da sich für ihn Bedingtheit/Determinismus nicht ausschließen, Gründe und Reflexionen auch kausale Ursachen einer Handlung sein können, ist in Locke wohl der erste nennenswerte Kompatibilist zu sehen. Das gilt insoweit Locke im kausalen Determinismus keinen Einwand gegen seinen Begriff der Willenfreiheit erkennen kann.

      Liebe Grüße,
      Ho-Seoung Moon

    • An dieser Stelle möchte ich kurz Stellung beziehen, wodurch in gewissen Maßen auch die Fragen von meinem Kollegen Herrn Bernd Waß berücksichtigt werde. Dabei möchte ich auf folgende zwei Punkte eingehen, die mir am Herzen liegen.

      1. Die Frage nach der Existenz eines „freien Willens“

      Die Frage nach der Existenz eines freien Willens lässt sich für mich aus zweierlei Gründen nicht sinnvoll stellen.

      1.1. Zum Einen kann nach der Existenz einer Sache nur dann sinnvoll gefragt werden, wenn der in Frage stehende Gegenstand wohl definiert/verstanden ist. Entsprechend ist es unsinnig, zu fragen, ob es etwas gibt (X), das man gar nicht kennt.

      1.2. Zum Anderen ist es unsinnig, etwas (X) beweisen zu wollen, das durch keine weitere Bedingung/Eigenschaft ausgezeichnet wird als, undefinierbar (indeterminiert) zu sein. Deshalb handelte es sich um einen unbedingten, absoluten und leere Vorstellung, die mit nichts gefüllt werden könnte.

      2. Warum der „freien Wille“ existiert

      Als Phänomenologe muss ich Phänomene (Erlebnisse/Erfahrungen) nicht erst beweisen, damit ich sie als Wirklichkeit erlebe. So spüre ich einen stechenden Schmerz im linken Fuß und es ist egal, ob das wissenschaftlich ausgewiesen ist. Für mich persönlich macht es keinen Unterschied, ob ich weiß, dass da entsprechende C-Faser Neuronen feuern oder nicht. ebenso sehe ich rot und brauch nicht zu wissen, dass mein Gehirn eine bestimmte Wellenlänge Lambda verarbeitet, damit es real ist und existiert.

      Und da ich mich bisweilen willensfrei wie auch -unfrei erlebe, bezeichne ich mit „Willensfreiheit “ ein bestimmtes Vermögen und Problem zugleich. In der Philosophie ist die Rede von Qualia, die mentale Repräsentationen darstellen und daher rein wissenschaftlich nicht zu greifen sind. Deshalb brauchen wir eine Erfahrungstatsache unseres personlaen Lebens meines Erachtens nach nicht erst zu beweisen, damit es von Belang ist.

      3. Das Scheinproblem

      Wie bereits ersichtlich geworden bedeutet ein reiner Indeterminismus, dass unser Wollen oder Überlegen keine Bedingung für unsere Handlungen darstellen können. Denn jegliche Kontrolle oder Einflussnahme heißt, dass weder wir selbst, noch unser Denken noch sonst etwas eine Bedingung für den Willen darstellen könnte. Wenn wir aber Einfluss auf unseren Willen haben können, kann er nicht unbedingt sein. Das ist vereinbar mit dem kausalen Determinismus, weil wir uns als frei erfahren, wenn etwas gelingt, das wir bewusst wollten. So können Gefühle, Werte, logische Gründe kausale Bedingungen für unseren freien Willen sein. Genau das ist die Position eines kompatibilisten, der sich dann gar nicht fragt, ob es den freien Willen gibt, weil ein kausaler Determinismus weder widerspricht noch -legt. Insofern braucht man sich nicht mit der Frage der Existenz aufhalten, weil freier wille und kausaler Determinismus vereinbar sind.

      4. Das wahre Problem des freien Willens

      Das wahre Problem erkenne ich in dem Auftrag, sich um ein explikatives Verständnis zu bemühen. durch die Aneignung des freien Willens, rücken wir im gleichen Maß unserer Möglichkeit zur Selbstbestimmung bzw. Selbstverwirklichung entscheidend näher. So sollten wir nicht überlegen, warum wir den freien Willen überhaupt voraussetzen müssen als viel mehr, wie wir ihn stärken und zu nutzen lernen.

      Die antike Philosophie mahnte daher zur Übung, Behaarlichkeit, Disziplin und Stärkung des Denkens. Denn es sind eben die kognitiven geistigen Vermögen wie Reflexion, Evalutaion, Antizipation und Intentionalität, die uns Personen die Fähigkeit zur Willensfreiheit bescheren.

      • Lieber Herr Moon, vielen Dank für Ihre Ausführungen, die ich mit Genuss gelesen habe. Ich werde Ihnen dennoch nicht in allen Punkten zustimmen, vor allem nicht der Behauptung in Punkt 1, der zufolge sich die Frage nach der Willensfreiheit nicht sinnvoll stellen lässt. Ich stimme zwar mit Ihnen überein, was 1.1. und 1.2 betrifft, behaupte aber, dass es sich im Fall des freien Willens weder um eine
        nicht-definierbare Entität noch um eine leere Vorstellung handelt. Um diese Behauptung zu begründen könnte ich nun Definitionsvorschläge einbringen bzw. Philosophen zitieren, die Definitionen von ‘Willensfreiheit’ hervorgebracht haben. Das werde ich aber nicht tun, denn es gibt einen wesentlich gewichtigeren Grund, der gegen Ihre Auffassung spricht: Ihr eigener Text nämlich. Sowohl in Punkt 3 und 4 als auch in den Antworten zu den anderen Kommentaren setzen Sie selbst stillschweigend einen Willensfreiheitsbegriff voraus, der weder undefiniert noch leer ist. Wäre er nämlich undefiniert und leer, so gingen Ihre Ausführungen, im wahrsten Sinn des Wortes, ins Leere. Viel mehr noch: Es wäre völlig unsinnig auf der Grundlage dieser Behauptung auch nur einen einzigen Satz über Willensfreiheit zu formulieren, denn niemand (auch Sie nicht) wüssten wovon die Rede ist. In Punkt 2 wiederum greifen Sie Ihre eigene Behauptung aus (1) an. Sie schreiben: “ […] bezeichne ich mit ‘Willensfreiheit’ ein bestimmtes Vermögen und Problem zugleich.“ Sie haben also einerseits sehr wohl eine Vorstellung davon, was der freie Wille ist (nämlich ein Vermögen und ein Problem), Ihre Vorstellung ist also nicht leer, und andererseits haben Sie in einem gewissen (zugegebenermaßen äußerst vagen) Sinn auch eine Definition gegeben. (Ich meine im Übrigen, dass es hier keinen prinzipiellen Unterschied gibt. Einen Begriff zu definieren heißt, sich eine Vorstellung zu machen, wovon genau die Rede ist).

        Beste Grüße
        Bernd Waß, Philosoph, Academia Philosophia

  3. Ich möchte hier auf drei Probleme hinweisen, die sich aus den Texten von Frau Lührs, Herrn Aslami und Herrn Kittel ergeben. Der Reihe nach:

    1) „Die Frage nach dem freien Willen wirft eine Reihe von Grenzfällen auf. Psychische Zwänge, Sucht, Demenz, wann ist ein Mensch (noch) willensfrei?“

    Diese Grenzfälle sehe ich nicht. Man muss in der Diskussion der Willensfreiheit zwischen empirischer Freiheit und metaphysischer Freiheit unterscheiden. Die Frage nach dem freien Willen ist eine Frage der metaphysischen Freiheit. Dabei geht es nicht darum, eine faktische Einschränkung des Wollens (etwa durch degenerative Prozesse) zu diskutieren, sondern darum, die Frage zu beantworten, ob wir prinzipiell in der Lage sind, unsere Präferenzen selbst zu bestimmen und unsere Handlungsgründe selbst zu wählen.

    2) “Keine der transzendentalen Ideen ist beweisbar, aber gedacht werden müssen sie, besonders die Freiheit.”

    Es würde mich interessieren, auf welche Weise in diesem Text der Ausdruck ‘transzendental’ gebraucht wird, denn dieser Ausdruck wird nicht selten mit dem Ausdruck ‘transzendent’ verwechselt. Die Ausdrücke ‘transzendental’ und ‘transzendent’ bedeuten aber nicht das Gleiche.

    3) „“Beweisen kann man den freien Willen natürlich nicht” – EXAKT!“
    „Eine Tatsache, also ein empirisches Faktum “beweist” man auch nicht: man weist es auf oder nach, im einfachsten Fall durch bloßes Zeigen oder Hinweisen darauf.“

    So wie ich diese beiden Sätze verstehe, geht damit die Behauptung einher, die Willensfreiheit sei ein empirisches Faktum. Das ist aber falsch – aus zwei Gründen: Der (freie) Wille ist erstens kein empirisches Faktum, weil er zum Bereich des Mentalen gehört, und dieser Bereich ist transempirisch, entzieht sich also der unmittelbaren Beobachtung. Was beobachtet wird ist ein bestimmtes Verhalten, woraus dann erst auf einen freien Willen geschlossen wird. Das macht die Angelegenheit ja überhaupt erst zu einem so vertrackten Problem, nicht nur für die Philosophie.
    Und zweitens: Wäre dem nicht so, also wäre der (freie) Wille tatsächlich ein empirisches Faktum, mithin eine Entität, die den Erfahrungswissenschaften (etwa der Neurobiologie) direkt, durch Beobachtung, zugänglich wäre, so würde gerade daraus seine Unfreiheit folgen. Das Beobachtbare gehört ja zum Bereich des Physischen, und das Physische, insbesondere der Bereich der Hirnprozesse, in den man den Willen wohl verorten müsste, weist keine Freiheitsgrade auf.
    Darüber hinaus: Die Erklärungen der Psychologie sind nicht selten Voraussetzungsvoll und alles andere als unproblematisch.

    Beste Grüße
    Bernd Waß, Philosoph, Academia Philosophia

  4. Hamid Aslami sagt

    zu Punkt 2)

    Der Begriff transzendental hat zwar eine Geschichte, er ist in der Philosophie aber heute fast nur in der Bedeutung im Gebrauch, die ihm Kant gegeben hat: »Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, insofern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt« (KrV, B 25).
    Der Ausdruck ‘transzendental’ wird hier so gebraucht, wie in Kant in seiner Transzendentalphilosophie gebraucht hat, da ich ja eine Stellungnahme aus Sicht von Kant zu diesem Thema formuliert habe.

  5. Andreas Urstadt sagt

    Alle Akteure hier definieren den Willen als feste Entitaet unbenommen, ob der Bereich im sogenannt Mentalen liegt (aber auf jeden Fall im Physikalischen) oder Empirischen (wiederum auf jeden Fall im Physikalischen) oder im Phaenomenalen (im auf jeden Fall real Empfundenen).

    Es wird nicht hinterfragt, wo der Wille eigentlich beginnt, ab wo er als Wille identifiziert wird. Was generiert Wille. Empfindung, Vernunft, Erfahrung? Habitus. Tradition. Das sind keine philosophischen Begriffe. Wille erweist sich ueber diese Faktoren als determiniert, man kann die Distinktion hinzu nehmen. Will man noch von Willen reden muss der Prozess dahin addiert werden. Wo beginnt die Freiheit, erst beim Auftauchen einer Ahnung davon? Heisst das, dass der gesamte Prozess dahin dann keine Rolle spielt. Kann man den Prozess einfach weglassen und den Willen setzen. Wo bleibt dann die Vernunft. Gehoert die Vernunft zum Willen? Gibt es eine freie Wahl?

    Wo bleibt der Geschmack? Geschmack ist eine soziale Instanz. Kann Wille abgetrennt vom Sozialen entstehen? Ist Wille dann noch frei? Ist das Soziale immer vernuenftig? Das Soziale bedeutet eine Gebundenheit, eine Wahl und auch Sorge. Ist Wille ohne Sorge moeglich, also ohne Ethik. Was ist der Unwille. Unwilligkeit wird als unsozial verstanden. Der Wille ist ergo ohne das Soziale nicht zu denken. Gibt es soziale Freiheit? Es gibt keine Aesthetik ohne Ethik. Der Wille kann, wenn er existiert nur sozial sein. Das Soziale ist komplex. Gehoert die Natur mit dazu?

    Ist der Wille durchgehend gleich oder passt er sich Konstellationen an. Kommt neben dem Geschmack der Tastsinn dazu und das Abwaegen?

    Kann Philosophie ueberhaupt etwas Einsames sein? Der Begriff der Liebe zu ist in der Philosophie vorhanden. Philosophie ist immer bezogen.

    Kann Wille erst a posteriori und final bestimmt werden? Ist sich der Akteur ueber seine Bedingungen voll bewusst, kann er sich ueber alle Bedingungen ueberhaupt bewusst sein?

    Muessen alle Bedingungen bekannt sein? Wenn nicht alle Bedingungen bekannt sein koennen, kann dann von Freiheit geredet werden? Ist Wille ohne Freiheit moeglich. Was ist das Gute? Muss es eine positive Leere geben, ohne die keine Bewegung moeglich waere?

    Ist erst ein natuerliches Unwissen ( man kann nicht alles wissen) noetig, um Willensentscheidungen zu treffen. Ist der Wille eine Ueberbrueckung von Disponibilitaet? Macht der Absolutheitsanspruch einer Definition Sinn. Am Ende steht der Wille, es gibt auch den letzten Willen. Somit folgt der Wille einer Vertikalen.

    Wie steht der Wille zum Gesetz? Wir wollen, dass dieses eingehalten wird (Normativitaet). Ist der Wille an Paradigmen gebunden? Ist er ein Regulativ? Ein Regulativ ist nicht unabhaengig vom zu Regulierenden, vom Habitus etc. Unbewusstes tacit knowledge. Sitten.

    Was ist Zivilcourage? Was ist, wenn Gesetze das Gute oder das Richtige behindern?

    Was ist der Unterschied zwischen Wille und Gewissen. Hat der Gewissenlose keinen Willen?

    Wenn jemand etwas moechte, will er dann weniger als wenn er etwas will?

    Beeinflusst Hoeflichkeit die Freiheit oder pluralisiert Hoeflichkeit Freiheit.

    Wenn jemand weiss, dass Nichthandeln besser ist als Handeln, verzichtet er dann auf seinen Willen? Wenn jemand auf seinen Willen verzichtet, kann er dann nicht freier sein als der, der seinen Willen durchsetzt? Gibt es einen fuzzy Willen?

    Mir ist die Verhandlung des Begriffs viel zu normativ. Zu eindimensional.

    • Guten Tag Herr Urstadt,
      ich stimme Ihnen zu, dass die Diskussion zu einseitig wäre, ginge es hier um den Willen an sich, oder besser gesagt, um die Frage nach den Dimensionen oder der Konstitution desselben. Doch darum geht es nicht. Was hier verhandelt wird, ist die Frage, ob unser Wille frei ist oder nicht, also ob wir wollen können, was wir wollen, oder nicht. Und diese Frage scheint mir wenig Spielraum zu haben. Man muss die Frage nach der Willensfreiheit überhaupt als metaphysische Frage (vom Willenssubjekt abstrahiert) begreifen, um zu verstehen, worauf im Grunde eine Antwort gesucht wird. Nämlich: Ist das Universum vollständig determiniert (etwa durch Naturgesetze, durch einen oder mehrere Götter, oder durch irgendwelche anderen Entitäten), oder gibt es im Universum prinzipiell Freiheitsgrade, d.h. gibt es Entitäten, die sich außerhalb solcher, das Universum ansonsten, bestimmenden Faktoren »bewegen« können?

  6. J.Roever sagt

    Freier Wille ist das abwägen potentieller Handlungsmöglichkeiten die nicht Handeln einschließen.
    Potentielle Handlungsmöglichkeiten sind alle die Möglichkeiten zum Handeln oder nicht Handeln,
    welche sich ein Individuum auf Grund seiner eigenen Selbst und Umweltwahrnehmung zuschreibt.
    Handeln ist der bewusste Versuch ein Ereignis in der Zukunft gezielt zu beeinflussen.
    Neurologische Prozesse sind die zugrundeliegenden mechanischen Micro Prozesse, welche zum Ablauf wahrgenommener Macro Prozesse führen.
    Der freie Wille existiert demnach, ist aber sowohl durch die Mechanik der zugrundliegenden Prozesse als auch durch die Logik der Abwägung und die Wahrnehmung und Selbsterkenntnis begrenzt.

  7. „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

    Das ist kein nachgewiesenes Zitat von Schopenhauer und außerdem argumentiert Schopenhauer gerade gegen die Willensfreiheit. Freiheit ist, nach Schopenhauer, nur in der Freiheit vom Willen möglich.

  8. Christian Hoppe sagt

    Wenn ich mein Wollen erst noch wollen müsste, könnte ich es nur aus einem übergeordneten Wollen heraus bestimmen. Was ist dann mit diesem Meta-Wollen, wie wird das bestimmt? Die Idee eines noch zu wollenden Wollens führt unweigerlich in einen infiniten Regress.

    Wenn wir auf den Willen rekurrieren, dann bezeichnen wir damit die momentane (!) Übereinstimmung von Handlungsintention und Handlung – das gilt auch bei Suchtverhalten. Dass mein Wille sich ändern kann, ggf. auch noch sehr kurz vor einer Handlung (oder in Reue danach) – geschenkt.

    Letztlich meinen wir mit dem Begriff Wille – uns selbst: ICH bin Urheber der Handlung. Sinnenfällig wird das besonders, wenn Handlungen kaum durch situative Trigger erklärt werden können, sondern auf für Dritte „unsichtbaren“ inneren Prozessen beruhen (das gilt wiederum auch für Süchte!).

    Wenn wir etwas oder jemanden wirklich wollen, leidenschaftlich wollen, sind wir gerade NICHT mehr frei – ein Liebender oder Verliebter ist doch nicht mehr frei! Und diese Bindung des Willens ist der Inbegriff wahrer Freiheit und menschlicher Erfüllung!

    Der Begriff „Willensfreiheit“ ist also verfehlt, er ist letztlich nur die feierliche Emphase des Begriffs „Freiheit“; die besteht jedoch einfach in der Übereinstimmung von Absicht und Handlung. Und diese Freiheit steht – das erleben wir tagtäglich – nicht in Widerspruch zu der Tatsache, dass ausnahmslos alle materiellen Vorgänge den Naturgesetzen folgend ablaufen und dadurch bereits vollständig erklärt sind; für „Bewusstsein“, „Geist“ oder „Wille“ bleibt da nichts mehr zu tun.

  9. Wolfgang Wagener sagt

    Also wirklich Hoppe!
    Sie jetzt auch noch -?!
    Als ich vor vielen (ca. 40) Jahren bei Heidegger las, dass „das Wesen west“ (und im Übrigen das „Mitsein den Charakter der Abständigkeit“ habe – und das willensunabhängig!), fragte ich mich zum ersten Mal, ob manche Philosophen nicht besser weniger regelmäßig Wein trinken und dafür mehr Gartenarbeit erledigen sollten, weil die Früchte bringen kann. Hier geht es mir ähnlich. Die ausgebreiteten Gedanken sind doch seitens der Neurowissenschaften bereits ausführlich kontrovers (und deutlich handlicher!) ventiliert und seitens der Neuro-Psychologie längst mit Hilfe anschaulicher Experimente reflektiert und für nutzbringende Interventionen eingesetzt. Warum jetzt noch mal Zeit, elektr. Energie und womöglich Druckerfarbe verbrauchen für hinlänglich Erledigtes, das trotz Aufblasens nicht an Gewicht zulegt. Um welche Scheinerkenntnis soll es denn hier gehen? Da wird ein Kant – verdienter Mann – hervorgeholt, scheinbar um zu zeigen, dass man ihn gelesen hat. Der hat doch aber verdient, dass seine teils wirklich relevanten Anstösse (etwa der KAT.IMP) konsequent in die Diskussion unserer politischen Alltagsprobleme eingebracht wird. Es wäre zu wünschen, dass jemand aus einem solchen Zirkel wie dem hiesigen versucht mit dem Ermüdungsredner Altmeier über seinen freien Willen zu debattieren oder den bildungsfernen Dobrindt davon zu überzeugen, dass er für sein willentliches Gemauschel mit der Autoindustrie durchaus verantwortlich ist und mit einem guten Teil seiner Bezüge für den Schaden aufzukommen hat. Raus aus dem E -Turm!

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