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Die Welt auf den Kopf stellen

Die Narren sind los. Schon seit Wochen wird hemmungslos Karneval gefeiert, regional sehr unterschiedlich ausgeprägt, mit oft ganz eigenen Ritualen. Dabei ist alles erlaubt. Einmal so richtig die Sau raus lassen, Politik und Kirche durch den Kakao ziehen, und auch sich selbst nicht ganz ernst nehmen. Man tanzt, singt und lacht zusammen, Tabus werden gebrochen, Alkohol fließt in Strömen, wildfremde Menschen werden geküsst, sexuelle Begierden offen gezeigt (und nicht selten auch ausgelebt). Und das alles in bunten Kostümen, in einer Rolle, die man spielt, und die mit einem selbst wenig bis gar nichts gemeinsam hat. Am Aschermittwoch schminkt man sich ab und geht wieder ins Büro, als sei nichts gewesen. Nun beginnt die sechswöchige Fastenzeit, die Ostern endet. Eine Zeit der Stille, des Innehaltens. Größer könnten die Gegensätze zur lärmenden Karnevalszeit kaum sein.

Warum ist es so wichtig, ab und zu gesellschaftliche Konventionen zu brechen? Wozu braucht es dieses schamlose Gelächter und närrische Treiben? Fritz Heidegger, der jüngere Bruder des weltbekannten Philosophen meinte einmal: „Fastnacht halten, heißt ja nichts anderes, als sich auf den Kopf stellen, damit die trübe Wasserbrühe Eurer Voreingenommenheit besser auslaufen kann.“ (in faz.net: „Das Dasein nachtet fast“ von Maximilian Krämer ) Brauchen wir den Karneval, um den Ernst des Lebens besser zu ertragen? Um den eigenen Blick zu erweitern? Hugo Gomille schreibt in der aktuellen HOHEN LUFT: „Witze berühren verbotene Themen. Sie führen in Gebiete, über die man sonst nicht laut spricht.“ (HOHE LUFT 2/2013: „Der Witz an der Sache“) Und auch das spielt eine Rolle: Missstände aufzeigen und Verachtung ausdrücken, ohne dabei wirklich böse zu werden.

Sollten wir also auch hier im Norden, wo der öffentliche Karneval kaum eine Rolle spielt, öfter mal zu Narren werden? Oder hat das, was heute multimedial zelebriert wird, vielleicht gar nichts mehr mit dem ursprünglichen Anliegen des Karnevals zu tun?

– Katharina Burkhardt –

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