Heftartikel, HOHE LUFT, Leseprobe
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Digitaler Maoismus

Die Piratenpartei setzt auf das Prinzip „Schwarmintelligenz statt Köpfe!“ Doch was bedeutet es, wenn man dieses Konzept auf eine Partei – oder weitergedacht auf einen ganzen Staat – anwendet?

Mit dieser Frage setzt sich Claas Triebel in der Leseprobe aus der aktuellen HOHE-LUFT-Ausgabe auseinander: „Schwärmen kann gefährlich sein“

4 Kommentare

  1. Norbi@Orbi sagt

    Da empfiehlt sich ein Blick in die Natur: Ein Schwarm von Fischen z. B. wird keineswegs durch die „Masse der Mehrheit“ gelenkt, sondern durch die Impulse der Individuen. Jede noch so kleine Aktion eines Schwarmmitgliedes fließt sofort und dynamisch in die Gesamtbewegung des Schwarms ein, der durch sein einfaches Regelwerk dadurch aber nicht zerstört wird, sondern diesen Impuls harmonisch in eine Gesamtbewegung umsetzt.

    Ganz im Gegenteil: Sollten z. B. 60% des Schwarmes auf die Idee kommen alle nach rechts zu schwimmen, würde das den Schwarm sofort außeinanderreißen. Er lebt von der richtigen Balance zwischen Ego und Gemeinschaft, individueller Freiheit und harmonischer Gemeinschaft und benötigt ein ganz klares gemeinsames Ziel (hier: Schutz)

    Insofern ist der von Ihnen beschriebene Vergleich IMHO nicht zutreffend, denn gerade der Schwarm ermöglicht es einem Individuum auf die Gesamtheit einzuwirken, wobei diese Gebilde übersetzt in unsere Gesellschaft ohne die modernen Kommunikationsmittel und für jeden frei Verfügbares Wissen nicht funktionieren kann, und genau das ist ja die Grundforderung der Piraten (schnelles, freies Internet und uneingeschränkte Bildung für alle).

    Aber jetzt mal zur Piratenrealität, die weder ein echter Schwarm ist, noch „Digitaler Maoismus“.

    Der „Piratenschwarm“ existiert ja dort aus einem großen Satz an technischen Kommunikationstools, insbesondere ist hier das „liquid feedback“ zu nennen, dass sehr klar strukturierte und transparente Entscheidungsfindungen erlaubt.
    Ihr Beispiel mit der Todesstrafe würde ja zuerst mit einer einzelnen Meinungsäußerung beginnen, oder von einer AG der Piraten initiiert werden, konkret wäre das eine „Initiative“ im Liquid Feedback.
    Nur wenn 10% diese Initiative befürworten wird daraus ein „Antrag in Diskussion“ der auch mit Zusatz- oder Gegenanträgen bedacht werden kann, die wiederum den gleichen Prozess durchlaufen müssen. Ist diese Diskussionsphase beendet, wird der Antrag „eingefroren“, also frei nach dem Motto: „Denkt bitte alle nochmal gründlich darüber nach“.

    Erst wenn nach dieser inaktiven Phase nach wie vor ein Quorum von 10% Zustimmung erreicht wird, kommt das ganze überhaupt zur Abstimmung. (alles hier nachzulesen: http://www.netzwelt.de/news/90643_2-piratenpartei-demokratie-2-0-dank-liquid-feedback.html). Und das alles geschieht absolut öffentlich, jeder kann das mitverfolgen (auch Nicht-Piraten) und vor allem: (z. B. durch Kommentare) mitsteuern.

    Durch diesen (in ihrem Beispiel sicherlich sehr kontrovers und damit sehr langsam ablaufenden) Prozeß ist gewährleistet, dass insb. Richtungsänderungen ausführlich und fundiert verstanden und diskutiert werden müssen, bevor überhaupt irgendwas passiert.

    Ich kenne kein besseres System um einerseits alle mit einzubeziehen und andererseits fatale Richtungswechsel zu verhindern.

  2. Vorab – Liquid Feedback ist mir bekannt und ich halte das für einen sehr interessanten Ansatz der partizipativen Gestaltung von Politik.
    Ich wende mich in meinem Artikel weder gegen die Piraten noch gegen direkte Demokratie, sondern gegen das Bild des Schwarms. Das Konzept der Schwarmintelligenz ist mittlerweile schon nicht mehr ganz neu, es lässt sich aber gut belegen, dass Schwarmintelligenz für viele Dinge gut ist.
    Ob sich Schwarmintelligenz allerdings für moralische Entscheidungen eignet, ist aus meiner Sicht eine spannende und nicht ganz gelöste Frage. Denn Moral orientiert sich zwar an sozialen Normen, beansprucht aber auch für sich eine darüber hinausgehende Gültigkeit. Da kann es also sein, dass Einzelne oder Minderheiten ein moralisch richtiges Urteil fällen, im Schwarm jedoch untergehen.
    Mit anderen Worten: auch der Schwarm ist fehlbar. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich in jedem Falle und immer und ausnahmslos im Schwarm die einzig richtige Lösung herausbildet. Wenn man Schwarmentscheidungen als grundsätzlich richtig annimmt, dann setzt man sie absolut. Und das ist denke ich nicht im Sinne dessen, was Sebastian Nerz eigentlich meint wenn er von Schwarmintelligenz statt Köpfen spricht, sondern das wäre eine negative Übersteigerung des Schwarmprinzips. Und bei aller Sympathie für Schwarm etc. muss man eben auch bedenken, dass eine solche Entwicklung ins Negative kippen kann.

  3. Der Slogan „Schwarmintelligenz statt Köpfe“ wirft m. E. noch weitere Probleme auf:
    – Wie kann ein Schwarm die Sachkompetenz aufbauen, die für die konkrete gesetzgeberische Arbeit nun mal nötig ist? Politik bedeutet auch, sich durch Stapel von Papier zu ackern (oder Berater ackern zu lassen ;-)). Das kann ein Schwarm nicht leisten, ein Gesamtbild kann man nicht auf viele Gehirne verteilen (in der Wikipedia werden Artikel de facto auch kaum vom Schwarm geschrieben, sondern von wenigen Hauptautoren).
    – Wie soll man z. B. als Koalitionspartner oder Nachbarstaat mit einem Schwarm verhandeln resp. zusammenarbeiten? Köpfe bewirken auch Vertrauen und Stabilität.
    – Wie kann ein Schwarm eine Regierung bilden, also Ministerien besetzen – ohne Köpfe?
    – Wie kann ein Schwarm in kritischen Momenten Besonnenheit vermitteln? Oder eine urgente Entscheidung treffen (man denke an Schmidts so sinnvolle wie verfassungswidrige Handlungsweise 1962)?
    Das Problem ist hier nur das „statt“: Dass man mit Liquid Feedback ein Parteiprogramm erarbeiten kann, leuchtet mir ein. Auch die Themen der Oppositionsarbeit kann man sicher vom Schwarm bestimmen lassen. Aber politische Verantwortung übernehmen? Dafür muss der Schwarm an Köpfe delegieren lernen.

  4. Pingback: Der Schwarm braucht Köpfe | raphael kirchners blog

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