Das Böse im System

Der unfassbare Skandal um Tier- und Menschenversuche der deutschen Automobilindustrie wirft eine Reihe von Fragen auf. Handelt es sich hier primär um ein ethisches Versagen? Oder liegt das Problem im System? Und welcher Zusammenhang besteht zwischen der »ethischen« und der »systemischen« Dimension? Die deutsche Autoindustrie beherrscht und durchdringt dieses Land bis in den letzten Winkel. Sie hat ein System hervorgebracht, das  kaum noch wirksam kontrollierbar ist, nicht zuletzt wegen ihrer Verflechtungen mit der Politik – ein System, nach dessen Eigenlogik offenbar der Zweck das Mittel heiligt. Ethisches Fehlverhalten und der totalitäre Charakter dieses Systems hängen zusammen.  Die Diesel-Tricksereien und die Tier- und Menschenversuche entspringen letztlich der gleichen Eigenlogik – der Eigenlogik einer Automobilindustrie, die sich vom Verbrennungsmotor, im besonderen vom Diesel, abhängig gemacht hat. Ethiker und Systemtheoretiker sollten diesen Zusammenhang im Auftrag der nächsten Bundesregierung gemeinsam untersuchen. Mit Entschuldigungen der Spitzenmanager ist es nicht getan. Man muss vielmehr fragen, ob in diesem System die Übernahme von Verantwortung überhaupt noch möglich ist. Politisch ist die Frage zu stellen, ob das System der deutschen Automobilindustrie noch reformierbar ist – oder ob es zerschlagen werden muss. Thomas Vašek