Ganz real? Nicht wirklich!

Wie verändert Pokémon Go unser Verhältnis zur Realität? Unsere Autorin Maja Beckers hat sich über das Hype-Spiel ein paar Gedanken gemacht – und wieder mal Foucault gelesen.

Begegnung im Hamburger Verlagsinnenhof

Begegnung im Hamburger Verlagsinnenhof

In New York springen Leute aus ihren Autos, lassen den Motor laufen und die Tür auf, um schnell im Central Park Vaporeon (auf Deutsch: Aquana) zu fangen, ein seltenes Pokémon, das hier nachts aufgetaucht ist.

In Oregon bitten Polizisten ein Paar, eine Gegend zu verlassen. Als sie weggehen, hören sie die Polizisten Witze darüber machen, wie sie jetzt alle Pokémons hier für sich haben können.

In München ist ein junger Mann mit Joint in der Hand so lange vor zwei Streifenpolizisten hin und hergegangen, bis sie die Lunte rochen und ihn baten, mit auf die Wache zu kommen. Sein Blick fiel auf den Joint: „Ach ja, Mist“, hat er gesagt, „darf ich trotzdem noch schnell die Arena einnehmen?“ Er durfte.

Zwei Leichen wurden gefunden, weil Leute plötzlich rumstreunern, wo sie sonst keinen Fuß hinsetzen würden und die Feuerwehr bittet darum, nicht mehr die Notfallnummer anzurufen, um zu fragen, ob man auf der Wache vorbeikommen könnte, da säße ein Pikachu.

Seit Pokémons auf den Straßen sitzen, durch Bars, Schulen und Museen schweben, benehmen sich Menschen massenweise ziemlich seltsam. Das Spiel bricht reihenweise Rekorde, ist beliebter als Tinder und Twitter, hat den Börsenwert von Nintendo verdoppelt, überall Superlative. Wenn die Welt sich gerade anfühlt, als fällt sie auseinander, fühlt sich diese gemeinsame Euphorie nach einem Stück vermisster Einheit an. „Who says, America can’t unite?“ ruft eine Frau in eine Kamera. Dabei ist das Spiel als Spiel gar nicht besonders gut, aber die Momente, in denen die virtuelle auf die einfache Realität prallt, sind es.
Und davon werden wir in Zukunft mehr haben, wenn Augmented Reality normaler wird. Deshalb sollten wir darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn virtuelle Bilder nicht mehr in Bildschirme gesperrt sind, sondern sich in die Welt legen.

Wer ein paar Pokémon gefangen hat, kennt jetzt das Gefühl, ‚was gibt es hier, das ich nicht sehe?‘, und greift dann zum Handy, um die Parallelwelt sichtbar zu machen, wie die Ghostbusters zu ihren Ecto-Brillen. So schaffen die in die Welt gesetzten Bilder einen eigenen Parallel-Raum. Pokéstops sind wie Seifenblasen, in denen nicht die Regeln der Gesellschaft gelten, sondern die des Spiels. Darin ist es völlig normal, dass man die Fremden im Park neben sich anspricht oder sich in einen fremden Vorgarten setzt, weil hier eine Arena ist, in der man seine Pokémons trainieren kann. Pokémon Go schreibt deshalb so viele Geschichten, weil hier soziale Regeln gebrochen werden. Es ist kein Zufall, dass vor allem diejenigen viral gehen, die mit der Polizei zu tun haben, dem Hüter der Regeln.

Es gibt in der Philosophie eine Bezeichnung für solche Orte, quasi Antiorte, innerhalb derer das übliche gesellschaftliche Gefüge außer Kraft gesetzt ist, Michel Foucault nennt sie Heterotopien. Es sind tatsächlich realisierte Utopien, die gesellschaftliche Verhältnisse neutralisieren oder umkehren. Hier kommt zusammen, was normalerweise nicht zusammenkommt, Foucault nennt zum Beispiel den Botanischen Garten, in dem nebeneinander wächst, was normalerweise über die Welt verstreut ist, oder das Schiff, auf dem zum Beispiel Forscher, Admiräle und Arbeiter für eine Zeit zusammen leben. Sie sind reale Orte und gleichzeitig ein bisschen mythisch, manche gibt es nur kurze Zeit, wie etwa ein Festival, aber sie alle haben eigene Regeln. Und sie erfüllen eine wichtige Aufgabe gegenüber der Restgesellschaft: Durch ihr Anderssein, dadurch, dass sie eine Illusion erzeugen, entlarven sie das übliche Gefüge, „alle Platzierungen, in die das menschliche Leben gesperrt ist, als noch illusorischer“.

Als Foucault seine Idee in den 1960er Jahren entwickelte, dachte er noch nicht an virtuelle oder Mixed-Reality-Räume. Deshalb denken heute andere darüber nach, inwiefern etwa digitale Spiele Heterotopien erzeugen könnten, wie etwa der Literaturwissenschaftler Tobias Unterhuber. Er glaubt, besonders digitale Spiele, die wir mit dem Handy überall hintragen können, haben im Gegensatz etwa zu örtlich festgesetzten, wie ein Fußballspiel, ein besonderes Potential, denn sie sind noch mehr als andere Heterotopien „Umwertungen und vor allem auch Umdeutungen des eigentlich Vorhandenen, weil sie andere Orte besetzen.“ Besetzen fände der Mann, dessen Vorgarten gerade eine Arena ist, wahrscheinlich ein sehr passendes Wort.

Auf die Art kann in der Augmented Reality jeder Ort gleichzeitig seine eigene Alternative werden. Das macht diese Form der Heterotopien als Reflexionsort über gesellschaftliche Normen viel effektiver als ihre Vorgänger. Das hat sich, trotz der vergleichsweisen Banalität des Spiels, bei Pokémon Go schon gezeigt. Denn in den zwei Wochen, die das Spiel jetzt alt ist, hat es schon diverse Diskussionen zu gesellschaftlichen Normen ausgelöst. Die Aufregung über Pokémon-Jäger auf Friedhöfen und Gedenkstätten etwa. Darf man das? Nach einigem Diskutieren schien es aber Konsens, dass man die Norm dieser Ruhestätten erhalten wollte. Und diejenige, nicht aus Spiränzchen 110 zu wählen, auch.
Anders ist es mit dem Rassismus, den das Spiel entlarvt. Der Journalist Omari Akil beschrieb in einem Artikel für das Medium Magazin, wie Pokémon Go für ihn als Schwarzen lebensgefährlich sein kann, denn wenn er drei Mal um ein Haus geht, um Pokébälle zu finden, rufen die Leute die Polizei. Und viral ging die Geschichte eines älteren Weißen, der nachts zwei junge schwarze Mitspieler im Park kennengelernt hat. Die Dreierkombo weckte bei den örtlichen Polizisten gleich den Verdacht, es könne sich nur um einen Drogendeal handeln. „Es dauerte einige Minuten, bis wir dem Officer erklärt hatten, was wir hier tun“, schrieb der Mann, „und ein paar weitere, bis er sich das Spiel auch runterlud und mit uns auf Jagd ging“. Die Illusion hat rassistische Kategorien als illusorisch entlarvt und die Alternative gleich erlebbar gemacht, „in diesem Amerika möchte ich leben“, twitterten Zehntausende.

Es kann kompliziert werden, wenn die Realität sich erweitert. „Don’t Pokémon and drive“, müssen Autofahrer anscheinend ermahnt werden, die japanische Regierung hat zum Start des Spiels gleich eine Liste mit sieben Sicherheitshinweisen entwickelt. Aber es gibt viele Gründe, das gut zu finden. Wenn Augmented Reality üblicher wird, wenn der Ort und der Gegenort an gleicher Stelle sind, haben diese Heterotopien nämlich außerdem noch einen netten Nebeneffekt: Mehr Leute benehmen sich seltsam. Andere können unser Verhalten nicht mehr so deuten, denn wer weiß, ob man gerade die gleiche Realität teilt? Das ist irgendwie beruhigend, denn gefühlt gibt das an ungeahnter Stelle, in aller Öffentlichkeit, ein Stück Privatsphäre zurück.

Von Maja Beckers