Die Heidegger-Gesellschaft muss sich öffnen

Die Heidegger-Debatte geht weiter! Helmuth Vetter, der neue Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, nimmt in HOHE LUFT Stellung zur aktuellen Diskussion um Heideggers »Schwarze Hefte«.

Vetter ist Professor für Philosophie an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften der Universität Wien. Als letztes erschien von ihm »Grundriss Heidegger. Ein Handbuch zu Leben und Werk«. Im März 2015 übernahm er den Vorsitz der Martin-Heidegger-Gesellschaft von Günter Figal, der aufgrund der Enthüllungen aus Heideggers »Schwarzen Heften« zurückgetreten war.

Vorsitzender der Heidegger-Gesellschaft Helmuth Vetter

Vorsitzender der Heidegger-Gesellschaft Helmuth Vetter

Hohe Luft: Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, den Vorsitz der Martin-Heidegger-Gesellschaft zu übernehmen?

Helmuth Vetter: Als man mich gefragt hat, war ich zunächst sehr überrascht. Erst habe ich Nein gesagt. Ich wusste ja von Günter Figals Rücktritt und von den damit verbundenen Problemen. Ich bin kein Heideggerianer, das war ich früher vielleicht. Meine Überzeugung ist, dass sich die Heidegger-Gesellschaft öffnen muss. Das war mein treibendes Motiv. Auch Arnulf Heidegger hat mir gesagt, dass er für eine Öffnung der Gesellschaft eintritt. So habe ich dann zugesagt. Die Gesellschaft kann ja ihre Stellung in der Philosophie nur ausfüllen, wenn sie das aufnimmt, was die Beschäftigung mit Heidegger produktiv macht. Philosophen wie Foucault, Derrida und Levinas haben in Heidegger viel gesehen. Damit müssen wir produktiv weiterarbeiten. Aber nicht ohne die Bemerkungen in den »Schwarzen Heften« mit zu hören und mit zu bedenken.

Hohe Luft: Die Martin-Heidegger-Gesellschaft hat auf die Antisemitismus-Vorwürfe lange nicht reagiert. So ist der Eindruck entstanden, dort sitzen nur die Apologeten und Gralshüter….

Vetter: Warum die Gesellschaft so lange nicht reagiert hat, das habe ich auch nicht ganz verstanden. Die Schwarzen Hefte sind eben nicht mehr zu umgehen. Teilweise ist es eine Qual das zu lesen, teilweise sind spannende Sachen drin, wo es etwa darum geht, »Sein und Zeit« nochmals zu befragen. Es ist schade, dass der Antisemitismus offenbar das einzige Thema ist, das viele zu interessieren scheint. Man könnte sonst noch sehr viel mehr herausholen. Die Gesellschaft müsste zu den Schwarzen Heften vielleicht einen gesonderten Band herausbringen.

Hohe Luft: Peter Trawny, der Herausgeber der „Schwarzen Hefte“ hat Ihnen in der Neuen Zürcher Zeitung vorgeworfen, Sie hätten als neuer Vorsitzender der Gesellschaft die Losung ausgegeben, es gäbe keinen Antisemitismus bei Heidegger…

Vetter: Ich habe nie gesagt, Heidegger war kein Antisemit. Ich sprach von Antijudaismus. Da kann man streiten und sagen, der will das abschwächen. Ich wollte nichts abschwächen, sondern nur differenzieren. Was mich wirklich geärgert hat, war Trawnys Behauptung, dass ich ein »Passwort« erfunden hätte: Nur derjenige, der sagt, Heidegger war kein Antisemit, darf in die Gesellschaft. Das ist das Gegenteil von dem, was ich gemeint habe….

Hohe Luft: Die Heidegger-Apologeten verweisen gerne darauf, dass Heidegger die Nazis später auch kritisiert habe…

Vetter: Heidegger hatte ja einen eigenen Nationalsozialimus. Man kann ihn nicht verteidigen, weil er die Nazis kritisiert hat. Das hat er ja nur getan, weil die Nazis nicht seinen Nationalsozialismus hatten…

Hohe Luft: An der Universität Siegen hat vor kurzem eine internationale Tagung zu den »Schwarzen Heften« stattgefunden. Danach gab es Kritik in den Feuilletons, es seien nur Heidegger-Kritiker vertreten gewesen. Hat man Sie nicht eingeladen?

»Wenn jemand verlangt, Heideggers Bücher aus dem Regal zu nehmen, unterscheidet sich das nicht von faschistischem Handeln.«

Vetter: Man hat mich gefragt, aber ich konnte nicht kommen. Ein bisschen erschrocken war ich über die Einladung von Emmanuel Faye. Das ist für mich der einzige, der nicht zu genießen ist. Ich halte ihn für nicht besser als die von ihm so genannten Faschisten, nicht weil er kritisiert, da gibt es andere wie Marion Heinz, die durchaus kompetent sind. Aber wenn jemand verlangt, Heideggers Bücher aus dem Regal zu nehmen, dann unterscheidet sich das nicht von faschistischem Handeln. Und außerdem kann er nicht interpretieren.

Hohe Luft: Bei der Siegener Tagung ging es um die Verbindung zwischen Heideggers Antisemitismus und seiner Philosophie. Wie sehen Sie diesen Zusammenhang?

Vetter: Die Angriffe richten sich jetzt auf die bösartigen, peinlichen Stellen über die Juden. Dabei wird übersehen: Wo diese Bemerkungen über den Stammtischjargon hinausgehen und höhere Ansprüche erheben, da wird auch das Christentum angegriffen. Das ist aber nur eine Seite. Die andere ist, wie Lyotard in seinem Buch »Heidegger und die Juden« gezeigt, dass Heidegger von seiner »Seinsgeschichte« her jene, für die eine Seinsgeschichte nicht möglich ist, als die eigentlichen Gegner betrachten muss.

Hohe Luft: Was hat Heideggers Konzeption von »Seinsgeschichte« mit seinem Antisemitismus zu tun?

Vetter: Hinter der »Seinsfrage« steht für Heidegger bis zum Schluss die Gottesfrage. Die Metaphysik geht für ihn von einem Seinsbegriff aus, in dessen Rahmen sich die Gottesfrage nicht mehr stellen lässt. Gott ist eben nicht der oberste Wert. Deswegen hat Heidegger einen Neuansatz versucht. Ich bin mir sicher, dass ihn die Gottesfrage bis zum Schluss umgetrieben hat. Und mit seiner Gottesproblematik ist er an der jüdischen Vorstellung gescheitert, und damit auch an der christlichen. Dagegen ist er angerannt, darüber ist er nicht hinausgekommen. Das ist der Grund, warum er die Juden so abdrängt, sie nur als die Funktionäre der Neuzeit erscheinen lässt.

Hohe Luft: Heißt das aus Ihrer Sicht, Heideggers Antisemitismus war religiös motiviert?

Vetter: Man muss fragen, im Sinne von Lyotard, ob Heideggers Gottesbegriff nicht notwendig den ganz anderen Gottesbegriff der Juden verneinen muss. Das wäre der tiefere Sinn seines Antijudaismus. Für die Juden ist Gott manifest für die Menschen, in der Gerechtigkeit und im Frieden. Dass Gott sich den Juden geoffenbart hat, ist zwar in Israel geschehen, aber nur im Sinne der Menschheit. Und Heidegger hat einen vagen Begriff von Menschheit…

Hohe Luft: Er spricht nicht von der Menschheit, sondern vom Volk – vom deutschen Volk…

Vetter: Volk versteht er nicht zuletzt im Hinblick auf einen Gott, unter dem sich das Volk versammelt. Das ist auch bei den Juden so – aber eben im Sinne der Menschheit. Es sind die Völker, die sich unter Jahwe einen. Bei Heidegger hingegen gibt es nur die Griechen und die Deutschen, weil sie sich am Seinsbegriff abarbeiten. Diese Verbindung zwischen dem Griechischen und dem Deutschen, darin liegt einer seiner Ansätze, die es philosophisch weiter zu bedenken gälte.. Nach Heidegger müssen wir über den Gott der Metaphysik hinausgehen, um »dem« Gott eine Stätte zu bereiten. Und das ist unjüdisch. Der jüdische Gott bedarf unser nicht, damit wir ihm eine Stätte bereiten, er braucht nur unsere Bereitschaft.

Hohe Luft: Was bleibt nach den »Schwarzen Heften« noch von Heideggers Philosophie?

Vetter: Heidegger hat nicht wenig gezeigt, wo man weiter denken kann. Seine Metaphysikkritik ist dort, wo sie nicht einseitig ist, erhellend. Nur darf man die Metaphysik nicht pauschal behandeln, als wäre sie das einzige Geschick des Abendlandes. Die Universalität des rechnenden Denkens lässt sich von ihm her in äußerster Radikalität in Frage stellen, weil wir die Einseitigkeit dieses Denkens immer deutlicher sehen. .

Mir liegt viel an einer produktiven Weiterentwicklung Heideggers. Wenn mir das in der Martin-Heidegger-Gesellschaft gelingt, ist es gut. Ich hoffe darauf.

Das Interview führte Thomas Vašek