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Heidegger-Enthüllung

„Selbstvernichtung der Juden“

Exklusiv-Interview mit Donatella Di Cesare

Martin Heidegger (1889-1976) sah den Holocaust offenbar als Akt der „Selbstvernichtung“ der Juden. Das legen Textstellen aus dem nächsten Band der „Schwarzen Hefte“ nahe (Gesamtausgabe 97, Anmerkungen I-V), der in wenigen Wochen erscheinen wird. Der Band enthält Aufzeichnungen Heideggers aus den Jahren 1942-1948. Bereits nach der Veröffentlichung der ersten Bände gab es heftige Diskussionen über antisemitische Passagen, in denen er dem Judentum unter anderem die „Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein“ zuschreibt. Die neuen Textstellen könnten die Debatte über den „Fall Heidegger“ (HOHE LUFT berichtete: „Ein totalitärer Denker„) weiter befeuern.

Heideggers »Schwarze Hefte«. Quelle: DLA Marbach

Um 1941/42 notiert Heidegger: „Wenn erst das wesenhaft ´Jüdische´ im metaphysischen Sinne gegen das Jüdische kämpft, ist der Höhepunkt der Selbstvernichtung in der Geschichte erreicht.“ Von „Selbstvernichtung“ schreibt Heidegger an anderer Stelle im Zusammenhang mit der Notwendigkeit einer „Reinigung des Seins von seiner tiefsten Verunstaltung durch das Seiende.“

Nach dem Krieg wendet sich Heidegger gegen Schuldzuweisungen der Alliierten, die die geschichtliche Mission, das „Geschick“ der Deutschen verkannt hätten: „Wäre z.B. die Verkennung dieses Geschickes – das uns ja nicht selbst gehörte, wäre das Niederhalten im Weltwollen – aus dem Geschick gedacht, nicht eine noch wesentlichere ´Schuld´ und eine ´Kollektivschuld´, deren Größe gar nicht – im Wesen nicht einmal am Greuelhaften der ´Gaskammern´ gemessen werden könnte – ; eine Schuld – unheimlicher denn alle öffentlich ´anprangerbaren´ ´Verbrechen´– die gewiss künftig keiner je entschuldigen dürfte. Ahnt ´man‘, dass jetzt schon das deutsche Volk und Land ein einziges KZ ist – wie es ´die Welt´ allerdings noch nie ‚gesehen‘ hat und das ´die Welt´ auch nicht sehen will – dieses Nicht-wollen noch wollender als unsere Willenlosigkeit gegen die Verwilderung des Nationalsozialismus.“

Hielt Heidegger die „Selbstvernichtung“ der Juden für seinsgeschichtlich notwendig? Und was bedeutet das für die Rezeption seines Denkens?

Wir sprachen mit Donatella Di Cesare, Professorin für Philosophie an der Sapienza Università di Roma und Vizepräsidentin der Martin-Heidegger-Gesellschaft. Ihr Buch „Heidegger e gli ebrei. I ‚Quaderni neri'“ (2014, Verlag Bollati Boringhieri) soll bald auch in englischer Sprache im Polity Press erscheinen.

donatella

Hohe Luft: Frau Di Cesare, was ist das Neue an den antisemitischen Passagen im nächsten Band der „Schwarzen Hefte“?

Donatella Di Cesare: Nach den antisemitischen Stellen in den ersten Bänden war ich nicht überrascht. Das ist im Grunde sehr kohärent. Heidegger spricht von der Verbindung zwischen Judentum und Metaphysik. Die Juden sind für ihn die wurzellosen Agenten der Modernität. Die Technik ist für Heidegger die letzte Fassung der Metaphysik. So wie eine Komplizenschaft zwischen Metaphysik und Judentum besteht, so besteht auch eine Komplizenschaft zwischen Judentum und Technik. Und so wie die Technik sich selbst „verzehrt“, wie er an einer Stelle sagt, so kann man eben auch von der Selbstvernichtung des Judentums sprechen. Er sagt, damit sei der  „Höhepunkt der Selbstvernichtung“ in der Geschichte erreicht. In der Geschichte des Seins gibt es für Heidegger keinen Platz für die Juden…

Hohe Luft: Heißt das, die Auslöschung der Juden ist für Heidegger „seinsgeschichtlich“ notwendig?

Di Cesare: Heidegger sieht sich vor eine Alternative gestellt – das Sein oder der Jude. Und im Grunde lässt er am Ende den Juden fallen. Er spricht von der Weltlosigkeit des Judentums. Der Jude ist weltlos. Man sollte zwischen Bodenlosigkeit und Weltlosigkeit unterscheiden. „Weltlos“ – das ist für Heidegger wie der Stein – eine Metapher, die auf Hegel zurückgeht. Auf seinem seinsgeschichtlichen Weg lässt Heidegger den Juden einfach fallen. Ihm ist eben das Sein wichtig.

Hohe Luft: Sie sprechen von einem „metaphysischen Antisemitismus“…

Di Cesare: Er zeichnet eine Metaphysik des Juden ab. Das heißt, er spricht nicht von den konkreten Juden in ihren Differenzen, er ist auch nicht an der Geschichte des jüdischen Volkes interessiert, er fragt sich: Was ist der Jude? Was ist das Wesen des Juden? Und insofern fällt er selber in die Metaphysik zurück, wobei er sonst immer vorsichtig ist. Deshalb würde ich von metaphysischem Antisemitismus sprechen.

Hohe Luft: Wie muss man Heideggers Antisemitismus philosophisch einordnen?

Di Cesare: Wir dürfen Heidegger nicht isolieren von der philosophischen Tradition, aus der er kommt. Der Antisemitismus hat in der Philosophie auch vor ihm existiert. Ich denke nur an Kant, der von der „Euthanasie des Judentums“ spricht. Oder an Hegels Jugendschriften. Für Hegel ist der Jude ein Rest in der Dialektik. Auch Hegel weiß nicht, was er mit dem Juden tun soll, er hat für ihn keinen Platz. Wir müssen Heideggers Antisemitismus in diesem Kontext lesen, sonst dämonisieren wir ihn, als ob er der einzige wäre. Das ist jetzt die Gelegenheit, um uns endlich mit dem Kapitel des Antisemitismus in der Philosophie zu beschäftigen. Das ist bis jetzt zu wenig passiert.

Hohe Luft: Was heißt das nun für die Heidegger-Forschung? Erst kürzlich ist ja Günter Figal als Vorsitzender der Heidegger-Gesellschaft zurückgetreten…

Di Cesare: Seine Entscheidung ist für mich eine unphilosophische Geste; denn er macht Schluss auch mit der Diskussion. Er hat offensichtlich gesagt, er will mit Heidegger nichts mehr zu tun haben. Warum hat er so lange gebraucht? Er kannte schon seit Sommer 2013 die Schwarzen Hefte. Was hat er in 11 Jahren seines Vorstands getan? Warum hat er nicht für die Öffnung der Archive plädiert? Aussteigen ist heute sehr bequem. Ich finde, wir müssen auch eine kritische Diskussion fordern und mehr denn je Heidegger lesen. Ich sehe die Philosophie nicht als Fussballspiel, als ein „Für“ oder „Gegen“…. Wer philosophiert, trägt/duldet die Komplexität und wohnt im Helldunkel des Nachdenkens/der Reflexion.

Hohe Luft: Kann man heute noch Heideggerianer sein?

Di Cesare: Ich lese Heidegger und das bedeutet nicht, dass ich immer mit ihm übereinstimme. Ich lese ihn, wie ich von meinem Lehrer Gadamer gelernt habe, auf eine kritische Weise. Die „Schwarzen Hefte“ sind auf alle Fälle ein neues Kapitel. Wir müssen Peter Trawny sehr dankbar sein, und zwar nicht nur für die Herausgabe der „Schwarzen Hefte“, sondern auch für seine Bücher, seine Aufsätze und für die Art, in der er die Diskussion animiert hat. Überall hat er Gleichgewicht gezeigt. Ich finde, er hat großartige Arbeit geleistet.  Wir brauchen heute Heidegger mehr denn je. Wären Arendt, Jonas, Anders ohne Heidegger vorstellbar? Und die jüdische Philosophie der letzten Jahrzehnte – von Levinas bis zu Derrida? Und wir brauchen Heidegger, selbst um  die Shoah zu verstehen; es genügt, an die Verbindung zu erinnern, die er zwischen Shoah und Technik gezeigt hat. Leider wird die Shoah im deutschen Kontext nicht als philosophische Frage empfunden, sondern vor allem als Frage für Historiker. Das finde ich wirklich bedauerlich.

Interview: Thomas Vašek 

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18 Kommentare

  1. Christoph Straßburg sagt

    Guten Tag,

    es ist natürlich schwer, etwas über einen Text auszusagen, der noch nicht veröffentlicht und von mir noch nicht gelesen ist.

    Aber ich denke mal Heidegger sieht in der Selbstvernichtung der Juden nicht die Vernichtung im Sinne der Shoah, sondern, wenn vom Judentum die Machenschaft ausgeht, die die Menschen in die Uneigentlichkeit durch die Technik treibt, dann sind auch die Juden selbst nicht davor sicher, lösen also ihre eigene Identität und Kultur in sich selbst auf. Ich denke darauf will er an dieser Stelle hinaus. Dass die Juden durch das Technische ihre eigene Authentizität verlieren. Ähnliche Argumente finden wir heute in Entfremdungsdebatten um den Kapitalismus und Heidegger identifiziert die Juden ja die Machthaber des Kapitals.

    • Herbert sagt

      Womit Heidegger die – ähem – „philosophischen“ Grundlagen des modernen, eben nicht religiösen Antisemitismus verinnerlicht und reproduziert hat, jenen widerwärtigen ideologischen Mist, der in der Shoa brutale Realität wurde.

      Heidegger war dann also, wenn es sich bei ihm so verhielt wie Christoph Straßburg es ausführt, ein glühender Antisemit, geistiger Brandstifter und Mittäter.

    • Bixente Lizarazu sagt

      Adorno sagte einmal, wenn manche Menschen ich sagen, dann sei dies eine Unverschämtheit.

      Wenn Christoph Straßburg in seinem Kommentar „aber ich denke mal“ schreibt, dann kommt dabei nur antisemitischer Blödsinn heraus.

      Wie geschichtsblind muss man denn sein, um vom Vernichtungswillen der Nationalsozialisten abzusehen, um dann vermuten zu können, Heidegger ginge es nur um so etwas, wie der Auflösung von Authentizität, Identität & Kultur, weshalb er wohl nachweislich mit Parteiabzeichen und Hitlergruß durch Italien gezogen ist, obwohl er das nicht musste. Wenn überhaupt, dann fiktionalisiert H. die Juden als Machthaber.

      Die Vernichtung der Juden ist ein wichtiger Bestandteil des Heideggerischen Denkens, nur darum dreht sich die Debatte und nicht um seine politische Haltung, denn die war allen bekannt, damals und nach 1945.

    • Ich stimme Ihnen vollkommen zu, Sie haben etwas, was ich selbst vor ein paar Tagen in einem Blogartikel langatmig zu erläutern versucht habe, präzise in wenigen Sätzen auf den Punkt gebracht.

  2. Es stellen sich doch von den Schwarzen Heften aus, aber nicht nur von dort, zwei Fragen. Die erste ist banal: War Heidegger Antisemit? Mag sein. Dann ist er einer unter anderen gewesen. Die zweite ist bedrückender: Wie kommt es im Rahmen einer langen, sich in der Moderne von der Aufklärung her entwickelnden Philosophiegeschichte bis auf den heutigen Tag immer wieder zu solchen intellektuellen Betriebsunfällen, oder besser gesagt: zu solchen Totalschäden an der Philosophie? Bei Heidegger kann man das vielleicht exemplarisch studieren – die mit hohem Aufwand an Verquastheit generierte Suggestion einer ganz tiefen Tiefe, auf deren Grund eine unerhört „tiefe Einsicht“ in irgendetwas Wesentliches zu finden sei, wo sich aber bei genauem Lesen oft, vielleicht sogar immer nur ein Hokuspokus von maskierten Trivialitäten findet. Wer räumt auf mit diesem unerledigten Mythos des „tiefen Denkens“? Oder wurde das schon getan und es ist nur ungehört verhallt? Wer so wie Heidegger nie etwas anderes getan hat als mit Abstrakta in der äußersten Verdünnungsstufe zu hantieren, der landet eben unvermeidlicherweise in den Sümpfen des puren, blöden Sentiments. Erstaunlich nur, wie der Mythos, Heidegger habe irgendetwas „Tiefes“ zu denken gehabt, immer noch umgeht. Genau an dieser Stelle täte der Philosophie eine Selbstaufklärung gut … mit Heidegger könnte man anfangen.

    • Troylus sagt

      Hervorragender Kommentar von Fritz Iv. Heideggers Sprache und ‚Denken‘ ganz treffend charakterisiert und die richtigen Fragen gestellt: interessant ist heute im Grunde das Phänomen seines Erfolges, gerade nach dem Krieg und besonders in Frankreich. Denn tatsächlich erweist sich sein Denken zunehmend – und von Philosophie kann kaum mehr die Rede sein – als Gefüge primitiver Trivialitäten.

    • KarlEugen sagt

      Tja, wer räumt mit dieser verquasten „Tiefe“ auf? Eine Philosophin, die über Kant und Hegel von Heideggers ureigenem Antisemitismus ablenken und auf ein angeblich gesamtphilosophisches Problem verweisen will, jedenfalls nicht. Bei Heidegger hat der Antisemitismus eine geanz eigene Qualität, die nur aus dem Kontext des antirationalistischen Zeitgeistes verständlich wird. Hegel und Kant, als Repräsentantes der von ihm zu überwinden geglaubten Metaphysik, stehen dem geradezu entgegen. Das Schicksal der Neukantianer Cassirer und Hönigswald, die sich in dieser Tradition bewegen, ist bekannt, auch und gerade im Zusammenhang mit dem Heideggerschen Wirken.

    • Ich wüsste bei solchen Kommentaren – und den zustimmenden Antworten – immer zu gern, wie viel Mühe die Autoren bereits in das Verstehen von Heideggers Texten investiert haben. Falls es denn dann doch nicht ganz so viel gewesen ist, wie das apodiktische Urteil eigentlich erwarten lassen sollte, würde ich empfehlen, mal einen Blick in einen Aufsatz wie „Die Zeit des Weltbilds“ oder „Die Frage nach der Technik“ zu werfen. Wenn Sie die Lektüre beendet haben und trotzdem nichts wesentliches gelernt haben, nun, dann tut es mir leid. Ich vermute aber, es wird anders sein.

    • Alfred Röck sagt

      STILLE WASSER: Die ach sooo tiefen Tiefen eines Heidegger-. . – da lernte ich mal die Ex-Frau eines Ing. kennen u. wir unterhielten uns prima; bei Getrennten frage ich immer: Kannst Du/ Sie mir in 1 Satz sagen, warum es nicht mehr ging? Sie: Mich hatte fasziniert, dass er fast nichts sagte, u. stets nachdenklich wirkte; wir heirateten schon nach 1 1/2 J., 1 J. Jahr später schien mir, dass da kein tiefes Wasser ist, u. wieder 1 J. später war mir das noch klarer, sondern das pure Unwissen, außerhalb der Technik- u. Schüchternheit – ich trennte mich.

  3. Ludwig Otto sagt

    Als ich den Satz las:“ Ahnt man,das jetzt schon das deutsche Volk und Land ein einziges KZ ist-wie es die Welt allerdings noch nie gesehen hat-und das die Welt auch nicht sehen will,dieses Nichtwollen noch wollender als unsere Willenslosigkeit gegen die Verwilderung des Nationalsozialismus.“-habe ich einen Schreck bekommen.
    Genauso kommt mir Deutschland im Moment vor:Läßt kommentarlos jeden Bürger von der NSA überwachen.Verbrennt das Steuergelder der Bürger für die Banken,verscherbelt unsere demokratischen Rechte an die EU,unsere guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit den Freihandelsabkommen an die USA und läßt sich zum Kriegsvasall für die USAkriegstreiberei in der Ukraine und in anderen Ländern machen.
    Und das alles wird von unseren Politikern und Mainstreammedien abgenickt und vom Volk willenlos hingenommen.
    Ich bin kein Philosoph und auch kein Rechter(61-SPD oder Linke Wähler)aber dieser Satz von Heidegger ist für mich ein sehr treffendes Bild:Deutschland ist zum geistigen KZ degeneriert.Furchtbar.

    • Auch ein Erschrecken: Allerdings über diesen Kommentar.
      Ihre Zeitdiagnose ist in einigen Punkten richtig, aber eben nur in einigen Punkten. So bedeutet der Abritt von Souveränitätsrechten an Institutionen der EU doch einen ganz wichtigen und zivilisatorischen Fortschritt, den kritisch zu begleiten angebracht wäre, anstand ihn in Bausch und Bogen in einen Topf mit kulturellen Untergangsszenarien zu werfen.
      Und schon gar nicht passt es, sich hier dieses Heidegger Zitat als unterstützende Unterfütterung dieser doch etwas undifferenzierten Weltsicht zu nehmen. Wie so oft verrät hier Heidegger sich selbst, indem er inmitten seiner seinsgeschichtlichen ontologischen Diagnose, sozusagen die ontische, historisch konkrete Katze aus dem Sack lässt und in der von ihm gedachten Ausweitung des KZ-Begriffes auf das gesamte Deutsche, die Grenze zwischen Innen und Außen verwischt und so das Grauen (Heidegger spricht übrigens verniedlichend von Greuel), was sich im Inneren der Konzentrationslager abspielte ungeschehen machen wollte.
      Schon lange bekannt ist Heideggers Vergleich der Vernichtung der Juden mit der industriellen Landwirtschaft, von welchen beiden er behauptet, sie seien im Wesen dasselbe. Und es gibt ja für diesen Vergleich Momente der Zustimmung, wenn man sich die Abgründe der industriellen Agrarproduktion genauer vergegenwärtigt. Aber gleichzeitig wird doch auch die Anmaßung dieses Vergleichs deutlich, in welcher mit wenigen Worten das ungeheure Leid, welches die Deutschen den Juden in den Konzentrationslagern angetan haben, weggebürstet wird. Dafür, wie für Leiden überhaupt, hat Heidegger keinen Sinn.
      Eine philosophische Auseinandersetzung müsste nach den Gründen für diese Leidfremdheit fragen.
      Es könnte aber auch sein, daß sich eine solche Untersuchung dann als überflüssig erweist, wenn man sich die sich die konkreten Entschuldungs- und Enthebungsstrategien, wie sie uns Heidegger (unfreiwillig) in den Schwarzen Heften darbietet, anschaut.

    • Tillmann Häfner sagt

      „Ich bin kein Philosoph und auch kein Rechter(61-SPD oder Linke Wähler)aber dieser Satz von Heidegger ist für mich ein sehr treffendes Bild:Deutschland ist zum geistigen KZ degeneriert.Furchtbar.“

      Wenn dies so wäre, würden dünnsinnige Kommentare in dieser Form nicht zugelassen. Das es eine antisemitische Stimmung außerhalb von rechten Rändern gibt, dürfte Ihnen wohl bekannt sein.

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  5. Walter Mühlenkamp sagt

    Frau di Cesare liegt falsch, wenn sie über Heidegger vermutet: “Er spricht von der Weltlosigkeit des Judentums. Der Jude ist weltlos. Man sollte zwischen Bodenlosigkeit und Weltlosigkeit unterscheiden. „Weltlos“ – das ist für Heidegger wie der Stein – eine Metapher, die auf Hegel zurückgeht.”

    Man stelle Hannah Arendts Äußerungen über das Judentum in dem bekannten Interview von G. Gaus (Sendung: “Zur Person” vom 28.10.1964) daneben. Arendt sagt wörtlich: “Und ich halte es wirklich für ein ganz großes Unheil. Ich gebe zu, daß das jüdische Volk ein Musterbeispiel eines durch die Jahrtausende sich erhaltenden weltlosen Volksverbands ist.” Der Ausdruck “Welt” hat bei Arendt, wie sie direkt ausführt, den Sinn von “Raum für Politik”, und so hat ihn selbstverständlich auch Heidegger gemeint. Frau di Cesare hat sich hier in ihrer Deutung verrannt bzw. – noch schlimmer – sie hat schlicht den Stuss des Verleumders Faye nachgeplappert. Aber, lieber Himmel, niemand ist ohne Fehler.
    (Das Fernsehinterview ist auf youtube zu finden. Frau Arendts zitierte Äußerungen finden sich zwischen der 52. und 55. Minute)

  6. peterarie sagt

    Zu diesem Heidegger-zeitpunkt 1941/42 wurde ich gerade körperlich geboren. Meine metaphysische Herkunft liegt aber weit davor und hat mein Leben in Richtung Humanismus geformt. Meine Frage zum „Holocaust“ war immer : „warum haben Juden sich als Juden erkennbar gemacht ?“ Wo doch wohl das jüdische Volk eigentlich nur in sehr alten Schriften erwähnt wird.
    Heute spüre ich einen Paradigmenwechsel, der aber vorhersehbar war. Ich bin überzeugt davon, dass die Zukunft bekannt ist : eben durch die Vergangenheit, im Sinne von Zeitreisen. Und die Philosophie ist weiter nichts als der Versuch, diese Zeitreisen zu finden. Also wäre der universelle Mensch ein Zeitreisender, der metaphysisch zu allen Zeiten existiert. Zumindest bleibt die Ahnung des Möglichen, wie es jeder „Selbstmörder“ in seinem eigenen Widerspruch durchlebt. Ich denke : das moderne Gehirn hat eine Sperre gegenüber der Zukunft. Und viele, wie Heidegger besitzen diese Sperre nicht. Mir hilft in allen Fällen mein trainierter Pragmatimus (ZEN). Wo das EINE ist, kann das ANDERE nicht sein ?
    Sicherlich wird in den kommenden Jahrzehnten immer mehr aus der metaphysischen Vergangen von uns veröffentlich werden. Und bis dahin schweigen die Wächter des Wortes. Das Internet als Podium existiert ja erst seit ein paar Jahren. Und Satelliten zeigen jetzt erst die Erde, wie sie wirklich ist.
    Frage an Euch : haben die Juden Angst vor der Technik gehabt, gerade weil sie von der Existenz der Technik wussten ?

  7. Es ist unsinnig, weil historisch falsch, zu behaupten, Kant habe von einer Euthanasie des Judentums gesprochen. Als Beleg ein Auszug aus meiner Bendavid-Edition (2012):

    In seiner Schrift Der Streit der Fakultaten, erschienen im Jahre 1798,29 trifft Kant eine bemerkenswerte hermeneutische Unterscheidung. Seine These „[d]ie Euthanasie30 des Judenthums ist die natürliche Religion“, bei der er sich auf einen Gedanken Lazarus Bendavids, „eines guten Kopfs dieser Nation“ – gemeint ist: der jüdischen – berufen zu können meint, konkretisiert er anhand der Bemerkung, „die Art, wie Jesus als Jude zu Juden“ und die „Art, wie er als moralischer Lehrer zu Menschen überhaupt“ redete, mussten voneinander unterschieden werden. Im Kern geht es Kant um die Unterscheidung der Sprechakte „als Jude zu Juden“ reden und „als moralischer Lehrer zu Menschen überhaupt“ reden“,31 noch allgemeiner gefasst: um die Differenzierung des religiösen Diskurses einerseits und des philosophischen oder wissenschaftlichen Diskurses andererseits. Vollkommen zu Recht beruft Kant sich dabei auf Bendavid.32 Denn auch noch dort, wo dieser in seinen Büchern oder Aufsätzen jüdische Themen behandelt, spricht er weder als Exeget der heiligen Schriften, noch im Sinne der Verkündigung religiöser Lehren, sondern entweder als Philosoph bzw. Wissenschaftler (Mathematiker, Historiker, Psychologe) oder im Zusammenhang der lebensweltlichen Praxis (als Politiker, als Pädagoge, als Ökonom). Bendavids Bruch mit der jüdischen religiösen Tradition, die nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit seiner tätigen Solidarität bei den Bemühungen um die sog. bürgerliche Verbesserung der Juden, d. h. Gleichstellung mit den Christen, steht, ist, so weit ich sehe, in seiner Radikalitat noch nicht hinreichend erkannt und anerkannt worden.3

    28 Ch. Ch. Nearim, Die jüdische Freischule in Berlin 1778-1825 (wie Anm. 11), S. 606-616, hier S. 609.
    29 Kants Werke (wie Anm. 1), Bd. 7, S. 1-116, hier „Anhang einer Erläuterung des Streits der Facultäten durch das Beispiel desjenigen zwischen der theologischen und der philosophischen“, a. a. O., S. 36-75. – Berücksichtigt ist Reinhard Brands Kommentar Universität zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Kants »Streit der Fakultäten« […]. Berlin 2003, hier S. 109-118.
    30 Die Verwendung dieses im 20. Jahrhundert missbrauchten Worts bietet Anlass zu einer Anmerkung begriffsgeschichtlicher Art. Die Verwendung des Begriffs ‚Euthanasie’ in der philosophischen Tradition bis hin zu Schopenhauer und Nietzsche bietet, so weit ich sehe, keinen Anlass für ideologiekritischen Einwendungen oder dekonstruktivistische Operationen; die ursprüngliche Bedeutung. „einen glücklichen oder ehrenhaften Tod sterben“ (vgl. HWPh Bd. 2, S. 828) wird bis dahin durchweg gewahrt. Bei Nietzsche korrespondiert der „Euthanasie des Judentums“ in Kants Sinne die „Euthanasie des Christentums“: „Aber man sollte doch merken, das […] das Christentum in einen sanften Moralismus übergetreten ist: nicht sowohl ‚Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sind übrig geblieben, als Wohlwollen und anständige Gesinnung und der Glaube, dass auch im ganzen All Wohlwollen und anstandige Gesinnung herrschen werden: es ist die Euthanasie des Christenthums.“ (Nietzsche, Kritische Studienausgabe. München 21988, Bd. 3, S. 85 f. [Aphorismus „Am Sterbebette des Christenthums“]. 1781/1787). Dort wie hier geht es um die (gewaltfreie) Aufhebung der Religion in Moral.
    31 Vgl. Kants Werke (wie Anm. 1), Bd. 7, S. 53; dazu die vorbereitende Formulierung Bd. 23, S. 443, die in manchem
    noch deutlicher ist.
    32 Yirmiyahu Yovels diesbezuglichem Fazit (in seinem insgesamt aufschlussreichen Aufsatz „Mendelsohns Projekt: Vier Herausforderungen“, in: Werner Stegmaier [Hrsg.], Die philosophische Aktualität der jüdischen Tradition. Frankfurt am Main 2000, S. 331-350, hier S. 342), widerspreche ich, (1) weil die Bewertung von Kants Argumentation als „stark antijüdisch“ auf einem Missverständnis beruht, (2) weil auch die Meinung, Bendavid folge „in jüdischen Fragen“ Mendelssohn, mit guten Gründen bezweifelt werden kann. Unzutreffend ist auch die Behauptung, Kant habe Bendavid die Konversion zum Christentum angesonnen; Y. Yovels Lektüre von Kants diesbezüglichen Äußerungen wie auch seine Kennzeichnung der Position Bendavids in dieser Sache ist mit dem vollständigen Wortlaut des Texts unvereinbar, also falsch. Richtig ist, dass Kant die Ersetzung jeglicher konventionellen Religion durch die sog. natürliche Religion anstrebt. Die entscheidende Aussage lautet – ich zitiere das im Haupttext unvollständig Zitierte vollständig –: „Die Euthanasie des Judenthums ist die reine moralische Religion mit Verlassung aller alten Satzungslehren, deren einige doch im Christenthum (als messianischen Glauben) noch zurück behalten bleiben müssen: welcher Sectenunterschied endlich doch auch verschwinden mus […].“ Folgerichtig wird Nietzsche dann von einer Euthanasie des Christentums sprechen (siehe Anm. 30).

    Armin Erlinghagen

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