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»Der Philosoph hat Rückenschmerzen«

Kürzlich veröffentlichte die »Frankfurter Allgemeine« einen großen kritischen Artikel  über Richard David Precht – nicht etwa im Feuilleton, sondern im Wirtschaftsteil. Der Beitrag mit dem Titel »Die Precht AG« von Sebastian Balzter handelt vom »Popstar unter den deutschen Philosophen«, so der Vorspann, der »mit einfachen Weisheiten zum Millionär geworden« sei. 

Der Autor fasst das Erfolgsgeheimnis Prechts zügig zusammen: Attraktivität, Eloquenz, Vermarktungstalent  – und Elke Heidenreich, die Prechts Buch »Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?« in ihrer Fernsehsendung zum Megaseller hochgepusht habe. Kurz »ein glücklicher Zufall« (Balzter) nach dem anderen erkläre Prechts nachhaltigen Erfolg. Der FAZ-Artikel ist gespickt mit polemischen Bemerkungen: Precht wird als »Doktor Allwissend der Republik« tituliert, seine »Bratkartoffeln mit Spiegelei, ausdrücklich ohne Salat« seien eine »echte Intellektuellenspeise«, die konstruktiven Lösungsvorschläge, die er am Ende jedes Vortrags mache, sein »bester Trick«. 

Die impliziten Prämissen des Autors lauten bei all dem: Erstens, Philosophen dürfen oder sollten nicht ökonomisch erfolgreich sein. Zweitens, zwischen akademischer Philosophie (High) und Philosophie für Laien (Low) besteht ein unüberwindlicher Graben. Drittens, glückliche Zufälle (gutes Aussehen, Eloquenz, Heidenreich) können über langfristigen Erfolg entscheiden. Viertens, der Autor setzt einfach voraus, dass Prechts Inhalte nichts taugen.

Der implizite Vorwurf: Precht stilisiere sich unrechtmäßig zum originellen Philosophen und »großen Denker«.

Die implizite Schlussfolgerung: Precht kann nichts und ist mit Mitteln, die eines Philosophen unwürdig sind, reich und berühmt geworden. 

Das alles wird insinuiert und suggeriert, in einem scharfen und gehässigen Ton, ohne dafür auch nur ansatzweise Begründungen zu liefern. Auch in journalistischer Hinsicht unterbietet der Artikel das Niveau der altehrwürdigen Zeitung bei weitem. Die Faktenbasis ist dünn, Quellen werden nicht ausgewiesen, und das Objekt der Kritik kommt selbst kaum zu Wort, obwohl der Autor Precht sogar in einem Düsseldorfer Restaurant zum Interview getroffen hat. Ist es vorstellbar, dass dem Autor nur das Mittagsgericht und die Rückenschmerzen seines Gesprächspartners in Erinnerung sind? 

Der FAZ-Artikel über Precht passt in ein gängiges Muster. Prechts Riesenerfolg muss belächelt werden, um das Gesicht und die »Aura« der (akademischen) Philosophie zu wahren. Precht muss runtergemacht werden, um den Neid auf sein Aussehen, sein Geld – und vielleicht auch seinen Geschäftssinn – zu camouflieren. Dass ausgerechnet ein Wirtschaftsredakteur der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« Precht vorwirft, »reich durch Philosophie« geworden zu sein, entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie.

Rebekka Reinhard, Thomas Vašek

14 Kommentare

  1. Die impliziten Prämissen, Vorwürfe und Schlussfolgerungen lese ich in dem FAZ-Artikel nicht.

    Und ich meine, Philosophen sollten sich schon kritisch fragen, was für eine Erwartungshaltung gegenüber Philosophie von jemandem wie Precht in der Gesellschaft erzeugt wird. Das, was Philosophie wirklich leisten könnte und müsste, wird von diesem Menschen ins Gegenteil verkehrt. Wer ernsthaft Philosophie treiben will, kann sich – meiner Meinung nach – nicht genug davon abgrenzen.

    Und das hat eben nichts mit Geld verdienen und schön sein zu tun. Das sei jedem gegönnt. Das wirklich bedenkliche ist, dass Precht die Menschen mit billigen Antworten auf schwierige Fragen abspeist, dass er so tut, als wüsste er irgendwas wo es vielmehr darauf ankäme, mit dem Nicht-Wissen und trotzdem Problem-Sehen klar zu kommen.

    Und das schlimme ist, das Precht und Verwandte zu verantworten haben, dass das Publikum glaubt, das Nachdenken über schwierige Lebensfragen müsste nicht anstrengend sein. Dass der Eindruck erweckt wird, man müsste denen, die versuchen, mit den wirklich schwierigen Fragen zu ringen und trotzdem die Menschen zu erreichen, nicht zuhören, wenn sie nicht ausschließlich in kurzen Hauptsätzen mit wenigen alltäglichen Vokabeln auskommen.

    Das System Precht als simples Geschäftsmodell zu enttarnen ist nicht alles. Aber es ist auch wichtig.

    • Wer ernsthaft Philosophie „treibt“ muss natürlich ein Problem mit Precht haben. Heute, hundert Jahre nach Nietzsche, möchte ich darauf hinweisen, dass Philosophie und Philosophieren auch unterhaltsam sein darf (aber nicht muss).

  2. Das ist ja gruselig. Denker, Zorn und Friedrich einer Meinung. So etwas passiert auch nur hier…

  3. Christoph sagt

    Guten Tag,

    vielleicht kann ich durch nicht zu Stimmung, in der Kommentarabteilung behilflich sein.

    Zunächst hätte ich mir mehr Inhalt als nur Zusammenfassung von der Hohen Luft gewünscht! Sie selbst stehen doch in einem ähnlich argwöhnischen Verhältnis, „nur“ populär Philosophie zu betreiben, dadurch, dass Sie den Standart zum Zwecke der allgemein Verständlichkeit mindern.

    An die Kommentatoren hier hätte ich gerne die Frage gestelllt:
    Was kann/sollte die Philosophie den leisten und wie sieht denn dann das echte Philosophieren aus?

    • Philosophie kann die Stabilität der Grundlagen unseres Lebens (Urteilens und Handelns) prüfen. Wer philosophiert, stellt zunächst mal die selbstverständlichen Annahmen in frage, aus denen er selbst und seine Mitmenschen ihre Entscheidungen treffen. Warum ist das gut? Weil wir immer wieder feststellen, dass „irgendwas nicht stimmen kann“ mit der Art, wie wir die Welt sehen, etwa, weil wir mit anderen Menschen trotz kluger Argumentation nie Einigkeit erzielen, oder weil nicht die Dinge passieren, die wir als Ergebnis unserer Handlungen sicher erwarten.

      Da kann man sich immer damit herausreden, dass man eben irgendwas nicht gewusst hat oder dass die wissenschaftliche Theorie, auf die man sich beim handeln vielleicht beruft, noch nicht perfekt ist. Man kann aber auch fragen, ob die Art, wie man die Welt, sich selbst und die Anderen auffasst und versteht, überhaupt so selbstverständlich angemessen ist.

      Dabei muss es nicht unbedingt um die letzten und tiefsten Fragen der menschlichen Existenz, etwa des moralischen Urteilens oder der Art des Wissens über die Welt gehen. Auch tagtägliche Ereignisse der Politik können philosophisch befragt werden.

      Was macht Precht? Ich habe gestern wegen der Facebook-Diskussion zu diesem Text hier einmal nach Aussagen von Precht gesucht, und das erste,w as ich fand, war ein Handelsblatt-Interview zur Jamaika-Sondierung. Die erste Frage lautete:

      „Herr Precht, was verbinden Sie als Philosoph mit der deutschen Politik-Zukunft Jamaika?
      Antwort: Zunächst einmal die konkrete Befürchtung, dass Cem Özdemir Außenminister wird. Wenn die Grünen dieses Amt kriegen, können sie anschließend nicht mehr genug in die Waagschale werfen, was ihnen eigentlich wichtig sein müsste. Ihre inhaltlich bedeutenden Positionen wären im Landwirtschafts- und Umweltministerium zu verorten. Aber zumindest das Landwirtschaftsministerium würde geopfert. Ich fürchte, die Grünen wiederholen den Fehler, den sie damals mit Joschka Fischer gemacht haben.“

      Das Interview ging in diesem Stil weiter.

      Precht wurde ausdrücklich „als Philosoph“ angesprochen. Was er antwortet, ist seine persönliche Meinung zu verschiedenen Politikern und Parteien.

      Was hätte man – meiner Meinung nach – philosophisch antworten können (das ist natürlich nur ein Beispiel, es illustriert eher, was mich selbst philosophisch an der gestellten Frage interessiert)

      „Die Frage ist, ob wir eine Konsens-Demokratie wollen oder eine Streit-Demokratie. Soll sich eine möglichst breite Mehrheit der politischen Parteien auf möglichst viele Kompromisse einigen, oder soll eine kleine Mehrheit für einen begrenzten Zeitraum und kritisch begleitet von einer starken Opposition ihre Konzepte klar durchsetzen? Dann wäre da die Frage, was denn überhaupt ein Kompromiss ist und ob es für alle politischen Themen Kompromisslösungen geben kann. Kann eine breite Jamaika-Koalition im alltäglichen politischen Handeln effektiv sein? Kann sie ihre Kompromisse so erklären, dass die Wähler damit zufrieden sind? Schließlich: Entspricht es dem Prinzip der Gewaltenteilung, wenn nicht das Parlament, sondern eine kleine Gruppe von Sondierern die Richtung der Politik in den nächsten Jahren festlegt?“

      Diese Fragen könnte man dann am Beispiel der Jamaika-Sondierungen diskutieren. Man könnte den Lesern vielleicht Stellen aufzeigen, über die diese selbst noch nicht nachgedacht haben, über die Frage, wie sie sich eine gute Politik in der Gegenwart eigentlich wünschen.

  4. Martina Petersen sagt

    Reflexhaft und sehr schade: Die Ablehnung philosophischen Denkens ohne Elfenbeinturm!
    Immanuel Kant hat uns dazu aufgefordert, uns unseres Verstandes zu bedienen, selbst zu denken, mündig zu sein. Philosophisches Denken nun bedeutet, an der Wahrheit als regulativer Idee orientiert zu sein und dem besseren Argument zu folgen. Es bedeutet, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen und Gedankenexperimente dazu anzustellen, wie die Dinge noch sein könnten. Und: es bedeutet Dialog. Zur philosophischen Kultur gehören seit Sokrates Dialoge an öffentlichen Plätzen (agora). Vor lauter reflexartiger Ablehnung wird übersehen, dass Richard Precht an gute Traditionen anknüpft, sich um eine zugängliche Sprache bemüht und damit aus meiner Sicht zu denjenigen zählt, die den Dialog über die unser ganz normales tägliches Leben bestimmenden Grundfragen endlich (wieder) gesellschaftsfähig machen.
    Und nebenbei: Der Weg, Dinge einfach sagen zu können, ist übrigens kein einfacher: man muss sie dafür sehr gut verstanden haben. Auch ist es viel einfacher, zu polemisieren als zu argumentieren.
    Warum sind so viele Menschen entrüstet, wenn jemand vorschlägt, die Dinge aus anderen Perspektiven zu betrachten? Praktisch alle Lehrer/innen fanden Prechts Vorschläge zum Schulsystem völlig absurd. Dabei wurde stets mit dem IST-Zustand argumentiert: nicht möglich, zu teuer, nicht Teil der Ausbildung etc.. Hier zeigt sich, dass wir alle lernen müssen, über den Tellerrand zu sehen. Jeder Managementtrainer weiß um Techniken kreativen Denkens oder Perspektivenwechsels. Und wir alle wissen, wie schwierig es ist, von Gewohntem zu abstrahieren. Aber es verändert eingefahrene und dysfunktionale Denkweisen und Konzepte gewinnbringend und ist seit Jahrtausenden Teil philosophischer Methodik – welche übrigens an Hamburger Schulen bereits Grundschüler/innen vermittelt werden (siehe Hamburger Bildungsserver), weil national und international hinreichend bekannt ist, dass das Philosophieren mit Kindern die kognitiven und sozialen Kompetenzen sowie das Klassenklima fördert.
    Wer von Herrn Precht Rezepte für das gute Leben erwartet, enttäuscht sich selbst, denn die gibt es nicht. Wer aber kluge Überlegungen als Impulse zum Weiterdenken sucht, der wird meiner Ansicht nach fündig.

    • Jörg Friedrich sagt

      Meine Erfahrung ist, aber das mag an meinem Unvermögen liegen, dass es bei komplizierten Dingen desto schwieriger wird, sie einfach zu sagen, je besser man sie verstanden hat, weil man immer mehr merkt, wieviel ungeklärtes im einfach ausgesprochenen Satz steckt.

  5. Matthias Bublitz sagt

    Beim Thema „Jamaika“ hätte Precht auf die Vereinbarkeit bzw. Nichtvereinbarkeit von Konservatismus, Liberalismus, Ökologie und queerem Gedankengut eingehen können. Aber über derartige Grundhaltungen darf in der „populären“ Philosophie ja nicht geredet werden; es geht immer nur um unmittelbare „Probleme“ ohne zugrundeliegende Theorien und Gedankenmodelle (auch eine geistige Verfallserscheinung). Ohnehin nervt die Aggressivität, mit der die „Popularphilosophen“ die Intellektuellen mundtot machen, wobei Precht m.E. etwas zwischen den Fronten steht. Letzten Endes wird er von seinem Erfolg mit „Wer bin ich…“, der ihm gegönnt sei und der viele Leute ins Nachdenken gebracht hat, nicht ewig leben können, und gewisse Grenzen werden schon noch deutlich werden. Denkwürdig auch seine Kapitelüberschrift „Dürfen wir Tante Berta töten?“ (Ökofaschismus / Körperkult / Visualisierung in der Philoddiaktik sind hier Stichworte) in einem Buch von ihm, in dessen Literaturliste an Philosophen nur Kant vorkommt und das übrigens im „Sky“-Supermarkt in der Bestsellerecke stand (dagegen hab ich nichts, allerdings war „Sky“ für mich eher der Kompetenzträger im Bereich Geleebananen, wenn ich das hier mal anmerken darf). Precht weckt Erwartungen an Klärung, die er mittelfristig nicht einlösen kann und er verdrängt – da hat Herr Friedrich recht – ernsthaftere und intellektuellere Menschen. Das kennt man ja schon aus der schulischen Philosophiedidaktik, die absolut intellektuellenfeindlich ist und Dürftigkeit wie Ergebnislosigkeit produziert – Ideologiefeindlichkeit wird hier zur Theorie- und Intellektuellenfeindlichkeit. Ohne Theorie und Philosophiegeschichte geht es eben auf Dauer nicht. Wenn das alles in die Tonne getreten wird, ist es ein Kulturverbrechen, das durchaus an den IS erinnert. Und es verstellt auch den Blick auf Zusammenhänge, die durchaus da sind. So glaubt z.B. Precht, Lenin sei nur bis Lüdenscheid gekommen. In Wahrheit kam er aber bis Meinerzhagen…

  6. Was die Sophisten für Sokrates und Platon, das ist Precht für die zeitgenössische Philosophie, ein philosophisch gefärbter Populist. Er versteht sich wohl als Volksaufklärer. Doch in unserer Philosophenlandschaft wir ihn niemand zitieren, weil es keine eigenen zitierenswerten philosophischen Gedanken von ihm gibt. Er betreibt seine narzisstische Performance philosophisch im Stil eines die Originalität suchenden Manierismus. Für eine sich intellektuell aufplusternde Öffentlichkeit mag es reichen. Manch einer seiner Leser mag sich dann einbilden, etwas für seinen Geist getan zu haben.

    • Matthias Bublitz sagt

      M.E. kann man Precht „intellektuelle Aufplusterung“ gerade NICHT vorwerfen. Er steht eher für „intellektuelle Abplusterung“. Die kann durchaus zum Problem werden.

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