HOHE LUFT
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Der Papst und die Monaden

Als Papst Franziskus vorgestern vor dem Europaparlament sprach, sagte er mitten in seiner Rede einen Satz, der so erstaunlich ist, dass man ihn in voller Länge wiedergeben muss:

»Es gibt nämlich heute die Tendenz zu einer immer weiter reichenden Beanspruchung der individuellen – ich bin versucht zu sagen: individualistischen – Rechte, hinter der sich ein aus jedem sozialen und anthropologischen Zusammenhang herausgelöstes Bild des Menschen verbirgt, der gleichsam als ›Monade‹ zunehmend unsensibel wird für die anderen ›Monaden‹ in seiner Umgebung.«

Der Mensch als Monade: Gegen dieses Bild des Menschen also wandte Franziskus sich. Warum? Was soll das? Um zu verstehen, was Franziskus meinte, muss man den Begriff der Monade verstehen – einen der schwierigsten philosophischen Begriffe überhaupt. Niemand dachte so gründlich über Monaden nach wie Gottfried Wilhelm Leibniz. Er gründete seine ganze Metaphysik auf den Monaden. Um der Welt auf den Grund zu gehen, zerlegte er sie im Geiste weiter und weiter. Irgendwann, so war er überzeugt, müsse man dabei auf unzerlegbare Bestandteile stoßen – auf Monaden eben. Leibniz’ Monaden sind seltsame Dinge. Sie sind immateriell, »Seelen« nannte Leibniz sie manchmal, man kann sie nicht sehen, denn sie existieren nicht in Raum und Zeit – sonst könnte man sie weiter zerlegen. Doch alles, auch alles Raumzeitliche, besteht aus ihnen. In jeder Monade spiegelt sich die ganze Welt, weil jede Monade mit jeder anderen in Beziehungen steht. Es ist Gott, der die Beziehungen zwischen den Monaden regelt und dabei die Welt in ihrer prästabilierten Harmonie hält. Auch Gott selbst sei eine Monade, sagte Leibniz.

Wenn Menschen Monaden sind, dann war Leibniz eine besonders interessante Monade. Er gilt als der letzte Universalgelehrte, der das gesamte Wissen seiner Zeit in seinem Kopf vereinte. Insofern steht er selbst für die Vorstellung, dass jede Monade ein Spiegel der ganzen Welt ist.

Was stört Franziskus an diesem Bild? Wahrscheinlich: nichts. Aus dem Kontext der Rede kann man folgern, dass er etwas anderes kritisieren wollte: nämlich dass die Menschen mehr und mehr zu einsamen Egoisten ohne Bindungen und Beziehungen werden. Damit könnte er zwar recht haben. Es ist allerdings ziemlich genau das Gegenteil von Leibniz’ Monadenbegriff. Vielleicht hätte Franziskus vor der Reise nach Straßburg noch mal die »Monadologie« zur Hand nehmen sollen.

Tobias Hürter

2 Kommentare

  1. E-Peter Knopf sagt

    Mir gefällt an Ihrem Beitrag die präzise Analyse seiner Aussage, bei gleichzeitig wohlwollender Würdigung dessen was er eigentlich sagen wollte.

    • Tillmann Häfner sagt

      Vielleicht liegt hier auch ein Buchstabendreher vor. Anstatt „Monade“ könnte es auch „Nomade“ genannt werden.

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