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Alles in Ordnung

Wenn ein Kind fragt, warum abends die Sonne untergeht, ist eine mögliche Antwort: Die Sonne bewegt sich überhaupt nicht – unsere Seite der Erde dreht sich nur zeitweilig von ihr weg. Eine andere Antwort wäre: die Sonne geht unter, damit wir schlafen können.
Solche teleologischen Erklärungen von Naturphänomenen sind für uns Menschen nicht gerade untypisch. Das Bild der „lieben Sonne“ erzeugt bei dem Kind etwas Behagliches – es fühlt sich als Teil einer Ordnung, in der alles seinen Platz und Sinn hat.
Platon fand die Vorstellung, Teil eines allumfassenden Kosmos zu sein, offenbar auch verlockend. In seinem Dialog Timaios lässt er den Titelhelden ausführlich die Entstehung der Welt durch einen Schöpfergott, den Demiurgen, vortragen. Dieser ordnet das Chaos und richtet die Welt so ein, dass alles sauber ineinandergreift wie die Zahnräder eines Uhrwerks. Herausgekommen ist die Welt wie wir sie kennen -samt scheinbaren Genialitäten wie Tag und Nacht. Diese Erklärungsweise scheint darum so naheliegend, weil die meisten Menschen Ordnung lieber mögen als Chaos. Ob auf dem Schreibtisch, in der Wohnung oder im konventionellen Umgang mit anderen – in geregelten Strukturen fühlt man sich wohl. Kollege Tobias Hürter brachte neulich in einem Tweet diese Befriedigung der Alltagsordnung auf den Punkt: „Dieses Gefühl, eins mit dem Kosmos zu sein, wenn nach der Wäsche alle Socken wieder gepaart sind!“ Es wundert also kaum, dass auch Platon über den Demiurgen schreibt, dieser führte die Welt „aus der Unordnung in die Ordnung hinüber, weil er der Ansicht war, dass dieser Zustand schlechthin besser als jener sei.“ Es gibt aber ebenfalls Menschen die bestreiten würden, dass Ordnung besser sei als Unordnung. Man denke nur an das vielgelobte kreative Chaos aus dem Großartiges entstehen kann. Ordnung und Struktur können auch einschränkend sein und die Innovation hemmen. Wenn die Socken immer perfekt gepaart aus der Maschine kommen, würde keiner auf die Idee kommen, Sockenklammern zu erfinden. Selbst Ordnungsfan Platon kommt nicht umhin, dem Chaos seine positiven Seiten abzugewinnen – Der Demiurg schafft seine vorzügliche Welt auch nur aus der ungeordneten Materie, die er vorfindet. Damit ist das Chaos eigentlich wieder der Ursprung, oder?

– Greta Lührs

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Salon Luitpold
Salonlektüren – eine philosophische Lesereihe (Oktober 2013 – Januar 2014) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsgestaltung.

„Platon und die Aktualität einer alten Form der Weltwirtschaft“
Am Dienstag, 22. Oktober 2013
20 Uhr
Im Cafe Luitpold
Brienner Straße 11
80333 München

Philo_Motiv

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