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Reflexe #7: Gegen Epistokratie

Jörg Friedrich sichtet für seine Kolumne »Reflexe« aktuelle philosophische Bücher und Strömungen. Heute setzt er sich kritisch mit den Thesen des US-amerikanischen Philosophen Jason Brennan auseinander, dessen Buch »Gegen Demokratie« kürzlich erschienen ist. 

Jason Brennan ist Amerikaner, und vielleicht muss man sein Buch „Gegen Demokratie“ deshalb mit einer gewissen Nachsicht lesen, auch wenn 2016, also das Buch im Original erschien, der amerikanische Präsident noch Obama und nicht Trump hieß. Die deutsche Fassung erschien im April diesen Jahres, da war der neue Präsident schon im Amt, und viele, vermutlich auch der Autor selbst, werden das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahl als Bestätigung der Hauptthese des Buches sehen: die Demokratie führt dazu, dass die falschen Leute an die Macht kommen, und diese falschen Leute treffen die falschen Entscheidungen, sodass die Ergebnisse demokratischer Politik schlecht für die Bürger sind, die von ihr betroffen sind.

Politik nach ihren Ergebnissen beurteilen

Kurz gesagt, geht Brennans Argument so: zunächst mal ist die Demokratie kein Wert an sich, ihr Wert besteht nicht darin, dass sich darin irgendwie die Menschenwürde oder die Freiheit der Bürger ausdrücken. Demokratie hat, wie jedes politische System, ausschließlich einen instrumentellen Wert, sie muss nach ihren Ergebnissen beurteilt werden und diese Ergebnisse sind schlecht.

Den Grund dafür sieht Brennan darin, dass die Wähler, die letztlich durch ihre Stimmabgabe die politische Macht ausüben, inkompetent und uninformiert sind, sie haben keine Ahnung von den politischen und ökonomischen Zusammenhängen, sie wissen nichts über die Fähigkeiten und Ziele der politischen Akteure und sie sind daran auch überhaupt nicht interessiert. Somit lassen sie sich bei ihrer Wahlentscheidung von unwesentlichen Aspekten leiten, sie lassen sich von Demagogen verführen und wählen Leute, die schlechte Politik machen.

Daraus folgt für Brennan, dass man das allgemeine Wahlrecht abschaffen sollte. Nur diejenigen, die eine gewisse Kompetenz in politischen Dingen nachweisen können, sollten sich am politischen Entscheidungsprozess beteiligen dürfen. Brennan möchte die Demokratie durch eine Epistokratie, eine Herrschaft der Wissenden, ablösen.

Das Buch ist voll mit empirischen Belegen, Sammlungen von Fakten, die Brennans Urteil über die Unfähigkeit des Wahlvolks bestätigen sollen. Er baut seine Argumentation zudem so auf, dass er immer wieder mögliche Gegenargumente aufführt und alsbald, entweder durch Analyse oder durch weitere empirische Belege, entkräftet. Dadurch bekommt der Leser bald den Eindruck, hier würde eine zwingend richtige politische Theorie dargelegt werden. Und trotzdem ist sie völlig falsch. Und das liegt nicht an den empirischen Daten, die Brennan sammelt (auch wenn man fragen kann, ob das, was er über die amerikanischen Verhältnisse schreibt, wirklich auf alle aktuellen politischen Ordnungen, die heute mit dem Begriff Demokratie gekennzeichnet werden, übertragbar ist). Dass Brennan völlig falsch liegt, heißt auch nicht, dass auch nur eine seiner Schlussfolgerungen und Argumentationen falsch wäre. Brennan irrt sich deshalb so gewaltig, weil seine zwei Grundannahmen über politische Systeme im Allgemeinen und über die Demokratie im Besonderen falsch sind.

Brennan meint, wir sollen die Demokratie nach ihren Ergebnissen beurteilen. Das mag sogar richtig sein. Aber wie sieht diese Beurteilung konkret aus? Wie lässt sich das Ergebnis von Politik irgendwie objektiv messen? Brennan bleibt bei dieser eigentlich so zentralen Frage im Ungefähren. Ein Gewinn an bürgerlichen Freiheiten soll die Politik sichern, Gerechtigkeit soll sie bringen, sie soll irgendwie einfach auf die politischen Fragen die richtigen Antworten bringen und die richtigen Maßnahmen umsetzen.

Man wird nicht lange nachdenken müssen um darauf zu kommen, dass die Menschen die Frage danach, was die richtigen Ergebnisse der Politik seien, sehr unterschiedlich beantworten werden. Brennan meint wahrscheinlich, dass man auch diese Frage gar nicht allen Menschen in gleichem Maße stellen, zumuten oder anvertrauen sollte. Wahrscheinlich hat er die Hoffnung, dass wissende, kompetente Leute mit ausreichender Ausbildung in Volkswirtschaftslehre und Politologie diese Frage im Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen eindeutig beantworten könnten. Daran kann man allerdings zweifeln, wenn man allein die Aussagen der so genannten Wirtschaftsweisen miteinander vergleicht. Das bedeutet, dass die Frage, welche Politik gut und richtig ist, welche Ergebnisse besser sind als andere, niemals außerhalb der politischen Sphäre selbst beantwortet werden kann.

Was ist die Funktion des politischen Systems?

Man kann Brennan sogar zustimmen, dass die Politik nach ihren Ergebnissen beurteilt werden soll, danach, ob sie funktioniert. Aber diese Ergebnisse sind nicht die politischen Maßnahmen, die konkret umgesetzt werden, nicht irgendwelche Veränderungen von ökonomischen Kennzahlen, nicht die Erhöhung des allgemeinen Wohlstandes, die Senkung der Arbeitslosigkeit und auch nicht die Abschwächung des Klimawandels – auch wenn all diese Dinge wünschenswert sind und die Politik sich bemühen sollte, darauf hin zu wirken. Wie Brennan selbst schreibt, lassen die absolut gemessenen Zahlen für all diese Entwicklungen ohnehin kein einfaches Urteil über die Politik zu, da diese ja immer von vielen Entwicklungen außerhalb der Politik abhängen.

Die Funktion des politischen Systems besteht einzig darin, den gesellschaftlichen Frieden zu erhalten. Dafür ist wichtig, dass der Wohlstand möglichst erhalten bleibt, dass die Arbeitslosigkeit erträglich ist, dass der Klimawandel nicht zur Katastrophe wird. Dafür ist aber vor allem wichtig, dass die Menschen das politische System alles in allem akzeptieren, und dass sie sich in diesen berücksichtigt fühlen. Die Bürger müssen das Gefühl haben, dass das politische System sie mit ihren Wünschen und Sorgen ernst nimmt, und dass es einen Weg bietet, ihre Ziele und Ansprüche zu artikulieren und – sicherlich im Rahmen eines Machtkampfes – auch durchzusetzen. Und weil die Demokratie das kann, ist sie einer Epistokratie vorzuziehen. Die Experten mögen ja der Meinung sein, dass ihre Vorschläge für politische Maßnahmen auch für die Bürger die richtigen seien, sie sind aber die falschen, wenn die Bürger nicht die Möglichkeit haben, ihr Misstrauen gegen die Experten zur Geltung zu bringen. Denn dann bleibt den Bürgern nur der Weg in den Aufstand, in die radikale Ablehnung des ganzen politischen Systems.

Brennan meint, dass der einzelne Bürger jedoch ohnehin keinen Einfluss hat, da er ja nur seine Stimme bei der Wahl abgeben kann. Und hier findet sich Brennans zweite falsche und fatale Grundannahme. Für ihn ist Demokratie, zur Wahl zu gehen, und sonst nichts. Bürger und Politiker stehen sich bei Brennan als zwei Sorten von Menschen gegenüber, die nichts miteinander zu tun haben. Politische Partizipation besteht für ihn darin, alle paar Jahre ein Kreuz auf einem Wahlzettel zu machen.

Vielleicht scheint hier ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der amerikanischen und der europäischen Variante der Demokratie auf (auch diese Klassifikation ist natürlich extrem vereinfacht, aber hier fehlt der Platz, weiter zu differenzieren).

Was ist das Wichtigste an der Demokratie?

Die wichtigste Komponente der Demokratie ist nicht die allgemeine und freie Wahl, sondern die Tatsache, dass es jedem Bürger möglich ist, sich einer politischen Partei anzuschließen oder auch eine neue Partei zu gründen, um darin an der politischen Willensbildung mitzuwirken. Gerade in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Demokratien, haben wir in letzter Zeit die lebendige Dynamik des Parteiensystems erleben können. Innerhalb bestehender Parteien haben völlig neue Politiker Einfluss gewinnen können. Parteien ändern ihren Charakter und ihre politische Ausrichtung. Neue Parteien entstehen und ziehen in die Parlamente ein. All das zeigt den Bürgern: das demokratische System des Parlamentarismus mit den politischen Parteien als Organen der Willensbildung bietet die Möglichkeit, politischen Willen zu artikulieren. Es ist nicht notwendig, Ministerien zu stürmen und Barrikaden zu bauen.

Und wer will, tritt selbst einer Partei bei und beteiligt sich dort an den Prozessen der Programmdefinition, versucht, in politische Ämter zu kommen, selbst Politiker zu werden. Diese Möglichkeiten bietet die Demokratie und solange die Bürger diese prinzipiellen Möglichkeiten als real ansehen, arrangieren sie sich mit den Ergebnissen der Politik, auch wenn sie sie für sich selbst nicht als ideal ansehen.

Das Interessante ist, dass das System der parlamentarischen Parteiendemokratie genau das gewährleistet, was Brennan eigentlich will: dass sich am Ende kompetente und informierte Bürger am politischen Prozess beteiligen. Denn wer in eine Partei eintritt, merkt schnell, dass er lernen muss, zu verstehen was vorgeht, um sich in den Prozess der Willensbildung wirklich einbringen zu können und um andere überzeugen zu können. Diese Verfahren streift Brennan zwar mit einem kurzen Blick, tut sie aber schnell ab. Vielleicht hätte er sich etwas genauer mit den realen Prozessen in europäischen Parteien und Parlamenten beschäftigen sollen, statt beim amerikanischen Klischee stehen zu bleiben (inwiefern seine Beschreibung der amerikanischen Verhältnisse der Realität entspricht, kann hier nicht beurteilt werden). Er hätte dann bemerkt, dass der Parlamentarismus europäischer Prägung die Möglichkeiten längst bietet, die er sich von der Epistokratie erhofft. Diesen Parlamentarismus in einem Feldzug „Gegen Demokratie“ gleich mit zu bekämpfen, dürfte Brennas Zielen eher schaden als nützen. Vielmehr käme es darauf an, aus der durchaus bedenkenswerten empirischen Faktenlage die richtigen Schlüsse für eine behutsame und differenzierte Weiterentwicklung der parlamentarischen Demokratie zu ziehen.

Jörg Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein.

16 Kommentare

  1. Karsten Schuhmann sagt

    Ein Rat der Gebildeten der Regierungsentscheidungen korrigiert? Das kingt für mich nach dem system des Iran.

  2. T. F. sagt

    Der Autor Jörg Friedrich hat keine Ahnung von der real existierende Parteiendemokratie. Wer in eine Partei eintritt, lernt schnell, dass er dort nichts zu sagen hat, ja, dass nicht einmal einer zuhört. Gute Ideen sind eher hinderlich, um sich in Parteien durchzusetzen. Sie bedrohen nämlich die Inkompetenten, und die tun alles, um Dich abzuschießen. Netzwerken ist alles. Um Inhalte geht es nicht. Die Grünen, die AfD: Beides gute Beispiele, dass sich Qualität eben nicht durchsetzt. Die anderen Parteien ebenfalls. Die Negativauslese in unseren Parteien ist schon lange ein Thema. – In den USA gibt es auch ein repräsentatives System, aber dort werden alle Repräsentanten direkt gewählt. Es gibt zwar keine Volksabstimmungen auf Bundesebene, aber jede Wahl von Abgeordneten oder Präsidentist eine kleine, direkte Volksabstimmung. In der BRD hingegen wählt der Wähler nur eine Liste, die er selbst nicht gewählt hat; sie wurde von Partei-Mitgliedern gewählt, nach Vorgaben von Vorständen und Parteiklüngeln. Und diejenigen, die auf dieser Liste stehen, wählen dann den Bundeskanzler. Das ist um drei Ecken herum. Die Demokratie in der BRD ist schlicht zu indirekt. – Man kann alles übertreiben: Auch die Indirektheit der Demokratie. Die DDR lässt grüßen. Dort gab es auch Parteien, Wahlen, usw., aber irgendwie war es überhaupt nicht demokratisch. Man sollte mal nachdenken, warum eigentlich nicht, um ob die BRD mit ihrer „Parteienoligarchie“ (Karl Jaspers) nicht allzu ähnlich aufgestellt ist. Repräsentative Demokratie wie in den USA? Ja gerne!

    • So ist es. Es wäre auch höchst interessant zu erfahren, was denn den Philosophen vom Nichtphilosophen unterscheide, und wer die Entscheidung treffen solle, ob jener einer sei oder nicht.
      Zudem ist Platonopolis in Ihrem Land längst realisiert. Denn wer Philosoph ist, und wer nicht, bestimmen die politischen Parteien durch Listen. Das dabei angelegte Qualitätskriterium ist die Mitgliedschaft in der Partei, welche mit Reputation verwechselt. In aller Regel trifft die Wahl den Steigbügelhalter, und nicht den Querulanten. Im Fraktionszwang mutiert dann die Vielfalt zur Einfalt.

    • Um einem etwaigen Missverständnis vorzubeugen: Mein „So ist es“ bezog sich – wie im nachfolgenden Text nachzulesen – allein auf Ihre Ausführungen zu der Beschreibung politischer Parteien in DE, und den Begriff „Epistokratie“. Nicht jedoch auf die Zuweisung im Schlusssatz, es wäre demgegenüber eine „repräsentative Demokratie wie in den USA“ zu begrüßen. Denn jenes, was da mit dem Etikett „repräsentative Demokratie“ versehen, ginge bei den alten Griechen jener Zeit, als die Begriffe verwendet wurden, durchaus auch als „Ochlokratie“ durch.

      • T. F. sagt

        @be:

        Ich bin der Auffassung, dass die US-Verfassung schon ziemlich genial ist. Verbesserungen sind aber nie auszuschließen, ich bin da ganz offen. Sie dürfen gerne Vorschläge machen, wie Sie’s denn idealerweise gerne hätten. Bis jetzt haben Sie eher gesagt, was Sie nicht wollen.

        @Jörg Friedrich:

        Sie sind also bei den Freien Demokraten? Wie bedauerlich. Ich muss Ihnen ein paar schwere Koffer vor die Türe stellen. Fangen wir an:

        Die FDP, das ist doch die Partei, die sich vor den Wahlen immer so liberal und vernünftig gibt, aber nach den Wahlen stützen sie dann irgend so einen CDU-, SPD- oder Grünen-Schwachsinn. Erinnern Sie sich noch, wie Sie vorvorige Bundestagswahl 14% bekamen? Das waren frustrierte CDU-Wähler, die darauf hofften, dass die FDP wenigstens ihre ökonomischen Interessen noch gut vertreten würde. Und dann sind Sie plötzlich ganz aus dem Bundestag rausflogen: Weil Sie Ihre Wähler nach Strich und Faden betrogen hatten! Betrogen!! Und wagen Sie es nicht, zu widersprechen, in dieser Frage sind alle Messen gelesen. Wenn Sie nicht in Sack und Asche gehen, kommen Sie aus dem Glaubwürdigkeitsloch nicht mehr heraus. Ich will Sie um Verzeihung bitten sehen.

        Und Lindner macht jetzt schon wieder dasselbe: Rechts blinken, und dann scharf, ganz scharf links abbiegen auf Merkel-Kurs. Die Zeichen dafür stehen schon an der Wand. Ich sage nur: Rheinland-Pfalz, seltsamer Schwerpunkt auf Homo-Ehe, und Gerhard Papke, der genau das vorhersagte und kürzlich hinschmiss.

        Zu den Verfassungsbrüchen von Merkel keinen Ton von der FDP. Kein Ton dazu, dass Bundespolizisten angwiesen worden sind, gegen die Gesetze zu handeln. Auch Lindner hat sich den voll-naiven Linksradikalen-Spruch „Refugees welcome“ aufs Revers geheftet, nachdem BILD auf den Zug aufsprang. Dafür hat man in Nebensachen die ganz große Klappe: Schön, dass Schwule jetzt heiraten dürfen. Finde ich ok. Aber hätte es nicht wichtigere Themen gegeben, um sie zur Bedingung für eine Koalition zu machen? Themen, die für das Überleben unseres Landes entscheidend sind? Ist Ihnen schon aufgefallen, dass wieder einmal keine (demokratische) Partei die Zuwanderungsfrage zum Wahlkampfthema macht? Die großen Fragen klammert man öfters einfach aus. Wie demokratisch ist das eigentlich, wenn ich fragen darf? Wäre der Begriff „Operetten-Demokratie“ schon zu starker Tobak für Sie?

        Aber zurück zum offenen Wahlbetrug, denn der verdeckte Wahlbetrug durch Verschweigen ist ein anderes Thema. Genau diese vollkommene Verantwortungslosigkeit der Parteien in Sachen Wahlversprechen, die zu horrendem rechtsstaatsvergessenen Schindluder in unserem Land geführt hat, lässt den Wunsch nach Volksabstimmungen keimen. Mir wäre es auch lieber, die Parteien würden einfach ihren Job machen. Sie tun es aber nicht mehr.

        Und jetzt noch zum Innenleben von Parteien: Sie wollen mir allen Ernstes erzählen, dass es in der FDP keine Intrigen, Klüngel, Schiebereien gäbe? Und dass Themen ganz vorne stünden, Personen aber Nebensache seien? Ha! Lesen Sie keine Zeitung? Oder vielleicht Bücher zum Thema? Und zur Frage nach eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen: Sind vorhanden. Keine Sorge.

        Und wenn ich die Leutheusser-Schnarrenberger nicht wählen mag, die FDP aber doch, wie soll ich dann wählen? In der DDR konnte man Namen von den Wahlvorschlägen streichen. Bei unserem Wahlsystem können Sie das nicht.

        Sie haben da einen herzlich naiven Artikel für „hohe luft“ verfasst. Ich finde diesen Artikel entlarvend. Ich fürchte, Sie denken wirklich so. Genau das ist das Problem. Fragenlose Naivität. Genau das, was ein Philosoph durchbrechen wollen sollte.

        Letzte Take-home message: Das wichtigste an einer Demokratie ist es, dass man den oder die Herrschenden abwählen (abwählen!) kann, ohne dass man dafür eine Revolution anzetteln oder ein Attentat verüben muss. In unserem System klappt das aber irgendwie nicht so richtig. Die letzte Abwahl, die noch diesen Namen verdient, war die von Helmut Kohl. Der Wechsel von Schröder zu Merkel war der erste Schein-Wechsel: Merkel war nicht liberalkonservativ, sondern ein Chamäleon. Und seitdem wechselt das Chamäleon immer wieder einmal die Farben, es ist aber immer das Chamäleon. Immer dieselbe Richtung. Merkel oder Schulz: Keine wirklich Wahl. Beide irgendwie links. Lindner oder Hofreiter? Beide tun nach der Wahl nicht, was sie vor der Wahl versprechen. Die Grünen schützen die Umwelt nicht, und die Liberalen schützen den Rechtsstaat nicht. Statt dessen werden Nebenthemen gepflegt.

        Es tut mir leid, dass Sie das jetzt alles abbekommen, aber solange Sie für die FDP stehen, müssen Sie auch den Kopf hinhalten.

        • Ihrer Aufforderung kann ich nachkommen. Das Modell der „Demokratie“ baute auf dem Begriff „Arete“ auf, ging demnach von der Voraussetzung aus, dass die Menschen Tapferkeit, Besonnenheit, Freigebigkeit, Gerechtigkeit, Großzügigkeit, Hochgesinntheit und Wahrhaftigkeit ausüben, da die Möglichkeit hierfür existiere, und sie die dritte Stufe des Wissens erreicht hätten, die bekanntlich sich aus den Teilen Wirklichkeit und Möglichkeit zusammensetzt.

          Ich überlasse gerne Ihrem Intellekt, ob und in welchem Maß die repräsentativen Demokratien und deren Repräsentanten, womit die Rolle „Politiker“ gemeint, die angeführten Kriterien erfüllen. Insbesondere in den Vereinigten Staaten.

          • T. F. sagt

            @be:

            Ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Demokratie in den klassischen antiken Staatsmodellen war doch als Wort immer negativ besetzt, und was wir heute darunter verstehen, hat sich doch erst nach 1500 entwickelt, bzw. wäre in der Antike eher als „Republik“ oder „gemischte“ Staatsform bezeichnet worden? Der Glaube an das rein Gute im Menschen ist jedenfalls utopisch, ohne Checks and Balances geht es nicht: Das ist Platon, Nomoi, in rudimentärer Form. Und das ist in der US-Verfassung drin. Am guten Willen von Menschen wie Obama oder Trump zweifle ich übrigens auch nicht. Eher an der Kompetenz.

    • Verehrter T.F., ich bin Vorsitzender eines Ortverbandes der Freien Demokraten und habe somit fast täglich mit praktischer Parteiarbeit zu tun. Darf ich wohl fragen, aus welchen praktischen Erfahrungen Sie Ihre „Ahnung von der real existierende Parteiendemokratie“ gewonnen haben? Vielen Dank!

  3. T. F. sagt

    Um jetzt auch noch etwas Konstruktives beizutragen: Die Frage, wie man dafür sorgt, dass die Amtsinhaber auch über eine gewisse Kompetenz verfügen, ist durchaus eine berechtigte Frage. Eine gute Demokratie ist soll ja auch keine Pöbel-Demokratie sein, wo man mit einer schnellen Rede auf dem Versammlungsplatz eine Spontanentscheidung des Volkes herbeiführen kann. Demokratie braucht Regeln für ihre gesittete Durchführung.

    In diesem Sinne verweise ich auf den Vorschlag des ehemaligen Verfassungsrichter Paul Kirchhof, dass z.B. nur derjenige ein Amt anstreben darf, der eine abgeschlossene Berufsausbildung oder Studium hat, und auch mindestens x Jahre in diesem Beruf gearbeitet hat.

    Das würde die Qualität der Amtsinhaber anheben, ohne allzu viele Personen von der Möglichkeit, ein Amt anzustreben, auszuschließen. Es würde schlicht dazu führen, dass Jungpolitiker eben nicht vom Hörsaal in den Plenarsaal wechseln, sondern ihre Karriere anders planen. Auch ihre Mäzene in der Politik würden anders mit ihnen planen. Zum Amt würden sie dennoch kommen. Nur später. Und mit mehr Erfahrung. Ich finde das bedenkenswert.

  4. Roland sagt

    Nach Prof. Rainer Mausfeld gibt es nur Scheinddemokratie. Der Neoliberalismus hat uns im Griff durch Totale Manipulation. Episcokratie ist nur ein anderes wort um vorzutäuschen dass dadurch irgendetwas besser für die Menschen dem Gemeinwohl erreicht würde, einzig die Okonomische Effizienz zur weiteren Zerstörung würde beschleunigt.Mit einem Steuermodell wie dem economy4mankind könnte sich etwas zum besseren ändern, würde es eingeführt.
    Die Kompetenzen Dezentralisieren(Leopold Kohr small is beautyful) wäre dringend ein notwendiger Bestandteil einer echten Demokratischen Gesellschaft.

  5. William sagt

    Mein größter Kritikpunkt an dieser Kritik ist, dass man nicht versteht wie der Autor Jason Brennan versteht. Denn dieser sagt doch, dass nur die „Informierten“ wählen dürfen. Dabei kann jeder Mensch doch durch eigene Weiterbildung zu einem solchen werden, was bedeutet das jeder Mensch die Möglichkeit hat an der Politik mitzuwirken. Worum es Jason Brennan geht, ist das eben jene uninformierten Menschen nicht mitbestimmen dürfen.

    • Wer als „informiert“ gilt, das entscheiden aber die Experten. Sie setzen fest, welche Entscheidungskriterien informierte Menschen anzuwenden haben. Damit wird der Gesellschaft das Denken der Experten aufgedrückt – unabhängig davon, ob es für die Menschen wirklich gut ist oder ob es vielleicht nur irgendwelchen gesellschaftlichen Optimierungsidealen von Wissenschaftlern entspricht.

  6. Paul Klein sagt

    “ Die Experten mögen ja der Meinung sein, dass ihre Vorschläge für politische Maßnahmen auch für die Bürger die richtigen seien, sie sind aber die falschen, wenn die Bürger nicht die Möglichkeit haben, ihr Misstrauen gegen die Experten zur Geltung zu bringen. Denn dann bleibt den Bürgern nur der Weg in den Aufstand, in die radikale Ablehnung des ganzen politischen Systems.“
    Die Bürger in einer Epistokratie haben sehr wohl politische Partizipation, wenn sie die nötigen Voraussetzungen haben. Sollten sie die Voraussetzungen nicht erfüllen, bleibt nicht der Weg in den Aufstand, sondern der Weg auf die Schulbank.
    „Die wichtigste Komponente der Demokratie ist nicht die allgemeine und freie Wahl, sondern die Tatsache, dass es jedem Bürger möglich ist, sich einer politischen Partei anzuschließen oder auch eine neue Partei zu gründen, um darin an der politischen Willensbildung mitzuwirken.“
    Es ist auch in unserer Demokratie nicht jedem möglich zu wählen. Kinder, geistig Behinderte, Strafgefangene oder in Deutschland langjährig lebende und arbeitende Ausländer dürfen nicht wählen.

    • Ich gehe nur auf Ihre erste Bemerkung ein, weil ich die zweite für – entschuldigen Sie bitte – Erbsenzählerei halte.

      Wenn Sie von einem Bürger erwarten, dass er die Schulbank drücken soll, bevor er an der politischen Willensbildung teilnimmt, dann müssen Sie zwei Fragen beantworten: Wer bestimmt, was auf dem Lehrplan dieser Schule steht? Und: Wer bestimmt, dass jemand die Schule erfolgreich absolviert hat? Vermutlich ist auf beide Fragen die Antwort ziemlich einfach: Die Experten. Damit haben diese Experten aber die Möglichkeit, jede Sicht, die ihrer eigenen entgegensteht, aus dem politischen Diskurs herauszuhalten. Das ist ja auch das erklärte Ziel solche Vordenker wie Jason Brennan – sie wollen die Entscheidungshoheit darüber haben, wer als belehrt gilt und damit in ihren Entscheider-Zirkel hinein darf.

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