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J’accuse – Eine Antwort auf Vittorio Klostermann

Der US-Ideenhistoriker Richard Wolin zählt zu den weltweit führenden Heidegger-Forschern. Nachdem er sich im März in einem Interview mit HOHE LUFT kritisch über die Heidegger-Gesamtausgabe äußerte, nahm der Verleger Vittorio Klostermann dazu Stellung und verteidigte die Ausgabe als »verlässlich«. Hier antwortet nun Wolin abermals auf Klostermann und nennt die Heidegger-Gesamtausgabe einen »Wissenschaftsskandal«. 

Das dicke Netz aus Irreführung und bewusster Falschdarstellung, das Vittorio Klostermanns polemischen Artikel „Eine verlässliche Ausgabe – ein unredlicher Angriff“ („Hohe Luft“, 31. 8. 2015) durchdringt, beweist allenfalls eines: Es ist kein Wunder, dass ein wissenschaftlicher Konsens darüber besteht, wonach die Heidegger-Gesamtausgabe (GA), für die Herr Klostermann maßgeblich verantwortlich ist, einen „internationalen Wissenschaftsskandal“ [1](in den Worten eines Heidegger-Experten) darstellt. Die Gesamtausgabe wurde deshalb so charakterisiert, weil sich die für die Edition Verantwortlichen, darunter Herr Klostermann selbst, geweigert haben, den gewohnten Standards herausgeberischer und wissenschaftlicher Strenge zu entsprechen.

Stattdessen hat man zugelassen, dass die Verantwortung für die Ausgabe und deren Betreuung auf Heideggers „Familien-Unternehmen“ überging, mit all der Amateurhaftigkeit und Beliebigkeit, die der Begriff nahelegt – eine unentschuldbare Situation für einen Philosophen von Heideggers Statur und Ansehen. Während der 90er Jahre ergab eine vorläufige Zählung über 100 Fehler in Band 20, über 80 Fehler in Band 55 und 50 Fehler im Fall von Band 56/57. Mit anderen Worten: Es fanden sich über 230 Fehler in nur drei Ausgaben! Wie der Autor dieser Textuntersuchung schlussfolgert: „Die ..Betreuung der deutschen Heidegger-Ausgabe…setzt ihre amateurhaften erratischen Wege fort; seine Fehler sind Legion und eine Qualitätskontrolle existiert praktisch nicht.“ [2]

Dank der Forschungen von Sidonie Kellerer von der Universität Siegen wissen wir nun auch von Heideggers Praxis, seine früheren Texte zu „retuschieren“. Zum Beispiel veränderte Heidegger seinen einflussreichen Essay von 1938, „Die Zeit des Weltbildes“, um die „Frage nach der Technik“ in den Vordergrund zu rücken und damit das zentrale Thema seiner Philosophie nach dem Krieg rückzudatieren, womit er die Publikationsgeschichte des Aufsatzes fälschte. [3]

Ähnlich findet man in den jüngst publizierten Bänden der Schwarzen Hefte in zahlreichen Fällen Bezüge zu späteren Einträgen, was zeigt, dass Heidegger an einem unbestimmten späteren Zeitpunkt frühere Einträge verändert hat. In den Worten von Marion Heinz von der Universität Siegen: „Die Heidegger Gesamtausgabe genügt den Prinzipien kritischer Editionen nicht; wir Forscher tappen im Dunkeln. Keiner weiß, wo Passagen gestrichen wurden, so etwas aus Mitschriften oder Nachschriften eingefügt wurde. Wir haben keine verlässliche Grundlage, um Heideggers Philosophie nach den üblichen Standards erforschen und beurteilen zu können.“ [4]

Wann wurden diese textlichen Revisionen vorgenommen? Wie weitreichend und substanziell waren sie? Im Hinblick auf eine vertrauenswürdige kritische Ausgabe, die diese Veränderungen genau und gewissenhaft nachvollzieht, scheinen die veröffentlichten Texte, wie sie jetzt vorliegen, von Grund auf nicht vertrauenswürdig zu sein – im wesentlichen eine Serie von Fälschungen. Wenn die zwei erwähnten Fälle – viz., „Das Zeitalter des Weltbildes“ und Die schwarzen Hefte -repräsentativ sind, dann haben wir keine Sicherheit, dass die fraglichen Texte mit dem Zeitpunkt ihrer Abfassung korrespondieren. Im Lichte dieses Zustandes, ist es ein Akt äußerster Unredlichkeit von Herrn Klostermann, sich zurückzulehnen und die Ausgabe zu verteidigen, als würden all diese gut dokumentierten Fehler und Fälschungen nicht existieren.

»Meine Bedenken gegen die Edition von Heideggers Texten beruhen primär auf editorischen Vergehen.«

Diese Punkte sind wesentlich, weil – wie ich versuchte, in meinem Interview mit „Hohe Luft“ im März („Heidegger hielt ‚Endlösung’ für notwendig“) deutlich zu machen – , meine Bedenken gegen die Edition von Heideggers Texten nicht primär auf der Frage von textlichen Auslassungen beruhte, wie Herr Klostermann irreführend nahelegt, sondern auf größeren editorischen Vergehen. Diese Vergehen reichen zurück bis zur ersten Veröffentlichung von Heideggers Vorlesungen durch den Max Niemayer Verlag (im Fall der „Einführung in die Metaphysik“ wie bei „Schellings Abhandlung über die menschliche Freiheit) und den Neske Verlag, der in den frühen 60er Jahren Heideggers Nietzsche-Vorlesungen publizierte.

Auf dieser Grundlage habe ich behauptet, dass sich da ein beunruhigendes Muster zeigt: Über die Jahre hinweg wurden viele von Heideggers beunruhigenden antisemitischen und pro-nationalsozialistischen Äußerungen systematisch weggelassen oder retuschiert. So wurde etwa bei der ersten Veröffentlichung von Heideggers Schelling-Vorlesungen aus 1936 Heideggers Lob für „Hitler und Mussolini“ weggelassen, die eine „Gegenbewegung zum Nihilismus begonnen“ hätten. Und in der „Einführung in die Metaphysik“ wurde Heideggers Elegie auf die „innere Wahrheit und Größe“ des Nationalsozialismus post hoc manipuliert, um den Eindruck zu erwecken, dass es Heidegger damals um die „Beziehung zwischen planetarischer Technik und modernem Menschen“ ging. [5]

In jüngerer Zeit haben wir, dank der unermüdlichen Forschungen einer jungen amerikanischen Wissenschaftlerin, von einem weiteren ersten herausgeberischen Fehltritt erfahren, der zur Folge hatte, Heideggers nationalsozialistische Überzeugungen weiter zu verschleiern. In der GA Ausgabe 39 von Heideggers Vorlesung „Hölderdins Hymnen ´Germanien´ und der ´Rhein´, wurde die Abkürzung N. Soz. fälschlich transkribiert als „Naturwissenschaften“, statt als „Nationalsozialismus“.[6] Ich überlasse es dem Urteil der Leser, ob es sich dabei um ein bloßes Versehen handelte, wie Herr Klostermann behauptet, oder um ein allgemeines Muster einer bewussten editorischen Manipulation.

Der Klostermann-Verlag hat diese undurchsichtigen editorischen Praktiken fortgesetzt, als er 1998 den Band GA 69 (Die Geschichte des Seyns) veröffentlichte, in der Heideggers Bemerkung unterschlagen wurde, dass „zu fragen wäre, worin die eigentümliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum begründet“ sei. Im Lichte von Heideggers Status als ergebenes Mitglied der NSDAP, und vor dem Hintergrund, dass diese Bemerkungen in den späten 30er Jahren gemacht wurden, kann man sie zu Recht als Anstiftung zum Genozid sehen. Schließlich: Wie sonst soll man mit einer „Rasse“ verfahren, die, wie Heidegger es ausdrückt, eine endemische Veranlagung zum „planetarischen Verbrechertum“ hat?

Herr Klostermann hat die Leser von „Hohe Luft“ noch in einer weiteren wichtigen Hinsicht irregeführt, indem er eine wesentliche Information zurückhielt: Als mich Klostermann letzten Frühling das erste Mal wegen des „Hohe Luft“-Interviews kontaktierte, drohte er mit einer Klage gegen mich und den Verlag. Hier möchte ich klarstellen, dass meine kritischen Bemerkungen zu der fehlgeleiteten herausgeberischen Praxis der Gesamtausgabe, weit entfernt davon, nur meine eigene Privatmeinung widerzugeben, die Bedenken und Einwände widerspiegeln, die von einer Vielzahl von Heidegger-Spezialisten geteilt werden. Klostermann versucht mittels Flucht nach vorn die Aufmerksamkeit von den aufgeführten editorischen Fehltritten abzulenken.

– Richard Wolin, Distinguished Professor of History, Political Science and Comperative Literature. The Graduate Center, City University of New York

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[1] Theodore Kisiel: „Heideggers Gesamtausgabe: An International Scandal of Scholarship“, Philosophy Today (Spring 1995), 3-13. Der Beriff „Skandal“ taucht ebenfalls in der wichtigen Kritik der Herausgeber-Praxis von Heideggers Nachlassverwaltern von Rainer Marten auf: „Grabhalter mit letzter Treuebereitschaft“, Die Zeit, 18. März 2015: „Seit Jahren nehmen die Herausgeber Martin Heideggers Werk in Beschlag. Das ist ein Skandal, der endlich ein Ende haben muss.“

[2] Kisiel, „Heideggers Gesamtausgabe: An international Scandal of Scholarship“, 11, 12

[3] Kellerer, Sidonie: „Rewording the Past: The Postwar Publication of a 1938 Lecture by Martin Heidegger,“ in: Modern Intellectual History, 11(3)(2014):575-602

[4] Interview mit Thomas Assheuer, Die Zeit, 19. März 2015

[5] Rainer Marten: „Ein rassistisches Konzept von Humanität“, Badische Zeitung, 19-20. Dezember 1987. Mein Kommentar zu diesen Problemen in „Seinspolitik: Das politische Denken Martin Heideggers“ (Wien: Passagen Verlag 1991)

[6] Julia Ireland: „Naming Physis and the ´Inner Truth of National Socialism´: A New Archival Discovery“, Research in Phenomenology 44 (2014): 315-346

4 Kommentare

  1. Duplik

    Auf Wolins Beitrag „J’accuse“ habe ich mir meine Stellungnahme vom 28. August noch einmal durchgelesen. Ich kann nichts Polemisches darin entdecken. Die beste Antwort, die ich Herrn Wolin geben könnte, wäre, meinen Beitrag einfach noch einmal zu lesen. Ich hätte darüber hinaus nach seinen neuerlichen Einlassungen noch folgende Ergänzungen:

    1.) Kaum ein Buch ist ohne Druckfehler. Professor Theodore Kisiel hat den Verlag darauf aufmerksam gemacht, dass die in jeweils erster Auflage im Jahr 1979 erschienenen Bände 20 und 55 davon in ganz ungewöhnlichem Maße betroffen waren. Der Verlag hat daraufhin Corrigenda-Listen an die Abonnenten geschickt und die Neuauflagen in korrigierter Form herausgebracht. Die Corrigenda-Listen stehen auf unserer Website zum Download bereit (Auf unserer Website bitte durchklicken: Bücher, Philosophie, Heidegger, Corrigenda).
    Die Pannen der Anfangsjahre haben Nachlassverwaltung, Herausgeber und Verlag zum Anlass genommen, Fahnen-, Umbruch- und Revisionskorrekturen größte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Als Ergebnis lässt sich feststellen, dass die Anzahl der von einer Auflage zur nächsten zu korrigierenden Druckfehler auf eine marginale Größe geschmolzen ist.

    2.) Susanne Ziegler hatte bei der Entzifferung des Manuskripts des Hölderlin-Bandes 39 auf Seite 195 „Naturwissenschaft“ statt „Nationalsozialismus“ gelesen. Richard Wolin schreibt, er „überlasse es dem Urteil der Leser, ob es sich dabei um ein bloßes Vesehen handelt, wie Herr Klostermann behauptet, oder um ein allgemeines Muster einer bewussten editorischen Manipulation.“ Um dem Leser die eigene Urteilsfindung zu erleichtern, hat der Verlag die entsprechende Manuskriptseite als Faksimile ebenfalls auf die Corrigenda-Seite gestellt. Die problematische Stelle befindet sich am Ende des Klammersatzes der Manuskriptseite oben links.

    3.) Richard Wolin verweist auf Forschungen von Sidonie Kellerer, die ergeben hätten, dass Heidegger bei der Publikation seines Vortrags „Die Zeit des Weltbildes“ innerhalb der „Holzwege“ etwas ergänzt habe, was den Eindruck erweckt, er habe späte Einsichten auf das Jahr 1938 rückdatiert. Ich kann aus eigener Anschauung den Vorwurf nicht beurteilen, aber immerhin ankündigen, dass die Erstfassung des Vortrags im zweiten Teilband des Bandes 80 innerhalb der nächsten Jahre veröffentlicht werden wird.

    4.) Einen ähnlichen Vorwurf erhebt Richard Wolin gegenüber Peter Trawny, dem Herausgeber der Schwarzen Hefte. Dieser Vorwurf ist jedoch substanzlos; er belegt lediglich, dass Richard Wolin das Nachwort des Herausgebers nicht gelesen hat, in dem das Abfassungsdatum der späteren „Beilagen“ mitgeteilt wird.

    5.) In meiner Entgegnung auf Richard Wolin vom 31. August 2015 habe ich ausdrücklich betont, nur für die Gesamtausgabe seiner Werke sprechen zu können und nicht für sonstige Publikationspraktiken Heideggers. Deshalb empfinde ich es als unfair, wenn Wolin den Vorwurf erhebt, dass Heideggers Lob für Hitler und Mussolini von 1936 aus der ersten Publikation der Schelling-Vorlesung gestrichen wurde, ohne zu erwähnen, dass diese Stelle im entsprechenden Band der Gesamtausgabe durchaus enthalten ist. (Band 42, Seite 40)

    Vittorio E. Klostermann
    6. November 2015

  2. Bazinek sagt

    Ganz abgesehen davon, dass diese Ausgabe schlicht und ergreifend alle Transformationen der Texte Anderer verschweigt, die Heidegger stillschweigend vornimmt und dann als Eigenproduktion verkauft.
    Da die Textbände diesbezüglich keine Informationen bieten, sind Ergänzungsbände zu fordern, die diese intertextuellen Bezüge minutiös ausweisen, damit sichtbar wird, auf welche Weise er seine Werke gebastelt hat.
    Was dann vom (vorgeblich) grossen Denker noch übrig bleibt, ahnen wohl heute nur Berufene.

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