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Der Urlaub wird so schön gewesen sein!

Über die Bedeutung von Urlaubserinnerungen

Die Sommermonate nutzen jedes Jahr viele Menschen, um endlich wieder in den Urlaub zu fahren. Aber was finden wir am Urlaub-machen eigentlich so toll? Trotz dichtem Gedränge am Flughafen, Sonnenbrand, unfreundlichem Servicepersonal oder Streitgesprächen mit der Reisebegleitung war der Urlaub im Nachhinein (fast) immer traumhaft schön. Dies legt nahe, dass das wirklich Schöne am Urlaub die Erinnerung ist.

Machen wir ein Gedankenexperiment: angenommen, Sie planen einen Urlaub und wüssten schon vorher, dass direkt nach der Heimreise jegliche Erinnerung daran, inklusive Foto und Videomaterial, gelöscht wird. Würden Sie für diesen Urlaub Geld ausgeben? Vermutlich nicht, da Sie den Wert eines Urlaubes nicht nur an dem Erlebten messen, sondern vor allem an den schönen Erinnerungen, die Sie sich vorher von ihm erhoffen. Vom Urlaub erwarten wir Momente, die unvergesslich sind, also über den gelebten Augenblick hinaus für uns Bestand haben. Daher sind uns auch Urlaubsfotos so wichtig. Durch das Ansehen der Fotoalben und das wehmütige Zurückdenken an die schönen vergangenen Tage, entwerfen wir unser eigenes Bild der Realität. Hingegen haben Erlebnisse, an die wir keine Erinnerung haben, auch keinen nachhaltigen Wert. Wertvoll ist für uns demnach nicht der gegenwärtige Augenblick, sondern das, was wir rückblickend daraus machen.

Dabei ist unsere Erinnerung in hohem Maße selektiv. Ein schöner Urlaub kann uns kurze, weniger erfreuliche Momente vergessen lassen. Es kann aber auch passieren, dass ein durchweg schöner Urlaub durch ein schlechtes Ereignis am letzten Tag negativ in Erinnerung bleibt und somit seinen Zweck der schönen Erinnerung verfehlt. Diese irrationale Gewichtung von vergangenen Ereignissen ist unsere Taktik, die eigene Lebensgeschichte aktiv mitzugestalten. Philosophen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Verzerrung in unserer Wahrnehmung der Zeit. Während die Zukunft ungewiss ist und die Gegenwart flüchtig, ist uns die Vergangenheit sicher. Aber die Vergangenheit existiert eben nur dadurch, dass wir uns an sie erinnern, und dieses Erinnern ist subjektiv gefärbt, will heißen, wir selektieren unsere Erinnerungen nach persönlichen Kriterien. Einige Erfahrungen prägen sich besser ein als andere. Somit haben wir die Möglichkeit, uns die Vergangenheit ein Stück weit selbst zurechtzulegen.

Schöne Urlaubserinnerungen, auch wenn sie oft idealisiert sind, machen uns einfach glücklich und erhalten die Vorfreude auf zukünftige Urlaube. Wenn es also stimmt, dass es uns beim Urlaub auf die schöne Erinnerung ankommt, sollte man versuchen, auch den schrecklichsten Urlaub in guter Erinnerung zu behalten. Dies könnte einem vielleicht gelingen, indem man einer verregneten Woche am Gardasee irgendwie ein gelungenes Ende hinzufügt, um die selektive Erinnerung zu überlisten.

– Greta Luehrs –

2 Kommentare

  1. Die Überschrift des Artikels „Der Urlaub wird so schön gewesen sein“ sagt eigentlich schon Alles. Nur eben das Gegenteil dessen, was die Verfasserin wohl meint. Sie empfiehlt ein Leben im Futur Zwei, ein Leben also aus zweiter Hand. Die Erinnerungssucht, die sich meistens als Fotografier-Wut austobt, ist genau das, was die Urlaubsindustrie anstrebt und anbietet. Ein Mensch, der sich in solche Fänge begibt, der lebt am Leben vorbei. Besser ohne Fotoapparat auf die Reise gehen und die Fremde, wenn es sie denn gibt, inklusive Wetter auf sich wirken lassen.

  2. Hamid Aslami sagt

    Ein sehr schöner Beitrag. Es hat mir Spaß gemacht ihn zu lesen.

    Einige Punkte die mir dazu eingefallen sind:
    – Um solche (positiven) Erinnerungen zu generieren, leisten wir meist selbst schon ganze Arbeit.
    Beispiel: Wenn Fotos geschossen werden sagt man für gewöhnlich: „Bitte lächeln“. Wenn es zu einem Streitgespräch kommt, gerade im Urlaub, sagt man: „Hört jetzt bitte auf zu streiten, wir wollten uns doch erholen und Spaß haben“. Man könnte noch unzählig weiterer Beispiele dieser Art benennen.

    – „[…] von einer Verzerrung in unserer Wahrnehmung der Zeit“ finde ich in diesem Zusammenhang auch sehr passend. Es macht darauf Aufmerksam, dass Raum und Zeit nicht nur in der physikalischen Welt relativ sind, sondern auch in der subjektiv wahrnehmbaren Welt: „Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden – das ist die Relativität.“ (Albert Einstein)

    – Auch das Ende des Beitrags spricht ein wichtiges Thema an, nämlich was man mit den Erkenntnissen, die wir aus Psychologie und Philosophie gewinnen, überhaupt anfangen können: „[…] man sollte versuchen, auch den schrecklichsten Urlaub in guter Erinnerung zu behalten. Dies könnte einem vielleicht gelingen, indem man einer verregneten Woche am Gardasee irgendwie ein gelungenes Ende hinzufügt, um die selektive Erinnerung zu überlisten.“ Genauso geht das. Es ist eine optimistische Weltanschauung, die jeder Mensch annehmen kann und sollte, denn am Ende sind sie es die entscheiden:
    Ist das Glas Wasser halb voll oder halb leer?

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