HOHE LUFT
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Das Gehirn im Tank

Ein viel umstrittenes Gedankenexperiment der analytischen Philosophie ist das »Brain in a vat« (Gehirn im Tank). Sein Erfinder Hilary Putnam erklärte es 1982 so:

Stellen Sie sich vor, das Gehirn eines Menschen wird dessen Körper entnommen und in einen Tank mit Nährstofflösung gesetzt, die das Gehirn am Leben hält. Die Nervenenden werden mit einem Supercomputer verbunden, der für die Person, der das Gehirn gehört, die Illusion erzeugt, alles sei ganz normal.

Putnam ging es um Fragen wie: Worauf bezieht sich das Gehirn-im-Tank, wenn es an etwas in seiner vermeintlichen Außenwelt denkt? Hat es recht, wenn es denkt: »Ich bin ein Gehirn im Tank«? Könnte es sin, das wir alle in Wirklichkeit Gehirne in Tanks sind? Diese Fragen sind bis heute Dauerbrenner im philosophischen Diskurs.

Vorläufer dieses gruseligen Gedankenexperiments finden sich schon in alten Mythen, bei René Descartes und in dem berühmten Schmetterlingstraum des chinesischen Meisters Zhuang im 4. Jahrhundert vor Christus: »Ich weiß nicht, ob es Zhuang war, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling, oder ob ich jetzt ein Schmetterling bin, der träumt, Zhuang zu sein.«

City of lost children 073

(Aus dem Film »Die Stadt der verlorenen Kinder«)

Weniger bekannt ist, dass es tatsächlich Versuche gab, Putnams Gedankenexperiment zu verwirklichen. Der erfolgreichste Versuch gelang dem Neurowissenschaftler Rodolfo Llinás kurz nach Putnams Veröffentlichung. Llinás und seine Mitarbeiter betäubten ein Meerschweinchen, schnitten seine Brust auf und spritzten kalte Salzlösung in die Aorta, um das Gehirn abzukühlen. Dann operierten sie das Gehirn aus dem Schädel, setzten es in einen Tank, banden es mit Fäden fest und umgaben es mit Glaskügelchen, damit es nicht in dem Tank herumdriften konnte. Sie hielten es am Leben, indem sie ein Gemisch aus Zucker, Sauerstoff, Elektrolyten und anderen Zutaten direkt in die Wirbelarterie spritzten. Dann experimentierte Llinás mit dem Gehirn im Tank, piekste es mit Elektroden, spritzte Wirkstoffe hinein. Es ist nicht bekannt, ob sich das Meerschweinchen noch wie ein Meerschweinchen fühlte.

Immerhin einen ganzen Tag konnte Llinás das Gehirn im Tank am Leben erhalten.  Doch die Prozedur ist so delikat und aufwendig, dass sie heute so gut wie nicht mehr durchgeführt wird. Gehirne im Tank brauchen viel Zuwendung.

Mit einem menschlichen Gehirn wäre solch ein Experiment zum Glück wohl ohnehin zum Scheitern verurteilt. Unsere Wirbelarterien sind schlecht erreichbar, und unsere Gehirne sind zu groß, um sie mit Llinás‘ Methode zu ernähren. Das ist zwar kein Beweis, aber ein Fingerzeig: Wir sind keine Gehirne in Tanks.

Hugo Gomille

7 Kommentare

  1. Ein ganz wunderbares Gedankenexperiment von Putnam, wie ich finde, zeigt es doch in welch prekärer epistemischen Situation wir uns befinden, was unser Wissen von der Außenwelt betrifft. Unserer Alltagsauffassung nach ist die Wahrnehmungswelt ein Teil der Außenwelt, was aber, wenn sie nichts anderes wäre als bloß die Simulation eines Rechners, oder, wie es Descartes formulierte, die Täuschung eines hinterhältigen Gottes? Angesichts von Putnams Überlegungen müssen wir uns nämlich die Frage stellen, ob es nicht der Fall sein könnte, dass die Grundstrukturen der Welt radikal anders sind, als es uns scheint, und ob es überhaupt Erkenntniskriterien geben kann, die es uns erlauben würden, dies festzustellen.

    Bernd Waß, Philosoph, Academia Philosophia

  2. Marisa sagt

    Ich sehe das Gedankenexperiment als vorzüglichen Gedankenkatalysator an, der uns durch Staunen und Zweifeln dazu bringt, über Grenzen, Möglichkeiten und Inhalte unseres Wissens nachzudenken. Aber: Auch wenn die Annahme, ein Hirn im Tank zu sein, theoretisch denkbar ist, ist es m.E. doch vernünftiger, an gewisse Evidenzen und unmittelbar Erfahrbares zu glauben. Ein dauerhaftes Zweifeln und hinterfagen ist nicht alltagsfähig, sondern gefährlich.

  3. Liebe Marisa, ich stimme Ihnen in einigen Punkt zu, in einigen anderen nicht. Ich stimme Ihnen zu, dass es zunächst vernünftig ist, zu glauben, dass unsere Wahrnehmungswelt nicht bloß die Simulation eines Rechners ist, sondern dass es sich hierbei, um eine vom Subjekt unabhängige, also objektive, reale Welt handelt, deren ontologischer Status eindeutig ist. Doch diese Annahme führt zu schwierigen Problemen, die heute vor allem in der Realismus – Anti-Realismus-Debatte diskutiert werden, und die letztlich zu Gedankenexperimenten, wie jenem von Putnam, Anlass geben. Vernünftig ist eine Annahme ja dann, wenn ich gute Gründe für diese Annahme habe. Doch die guten Gründe schwinden, sobald man die Wahrnehmungswelt einer scharfen philosophischen Analyse unterzieht. Die entscheidende Frage ist jene nach der Haltbarkeit des direkten Realismus, also der Auffassung, dass die Wahrnehmungswelt ein Teil der objektiven Außenwelt ist.

    Ich stimme Ihnen zu, dass ein dauerhaftes Zweifeln alltagsunfähig ist, weshalb man zwischen philosophischem und alltäglichem Zweifel unterscheiden muss. Viele der skeptischen Argumente, die in der Philosophie von höchstem Interesse sind, berühren uns im Alltag kaum oder gar nicht. Hier geht es ja um den Lebensvollzug, nicht wie in der Philosophie um die Frage nach Erkenntnisabschluss.

    Was mich noch interessieren würde ist Ihre Behauptung, dass ein dauerhaftes Zweifeln im Alltag nicht bloß untauglich, sondern gar gefährlich sei. Welche Gründe stützen Ihre Behauptung?

    Vielen Dank
    Bernd Waß, Philosoph, Academia Philosophia

    • Marisa sagt

      Lieber Herr Waß,

      ich gebe zu, dass diese Aussage missverständlich ist. Ich war wohl zu sehr in Gedanken vertieft. Ich malte mir die Szene einer Straßenüberquerung aus, in der ein radikaler Skeptizist das Heranrauschen eines LKWs bezweifelt. Jetzt gerade muss ich selbst darüber lachen 🙂

  4. kptn blizz sagt

    Dass unsere Wirbelarterien schlecht erreichbar und unsere Gehirne zu groß seien, könnte Teil der Simulation sein um uns zu täuschen 😉
    Einen plausibleren Fingerzeig hält Olaf Müller (HU Berlin) bereit: http://www.gehirnimtank.de/

    Benjamin Metz, Vielunddoof

  5. Liebe Marisa, haben Sie vielen Dank für Ihre Antwort! Auch mir zauberte sie ein Lächeln auf die Lippen.

    Beste Grüße
    Bernd Waß, Philosoph, Academia Philosophia

  6. Rainer Proch sagt

    Ich dachte seit Descartes sei das geklärt…. wir können es nicht wissen, wir können die Außenwelt nicht verifizieren, dass einzige was wir wissen können ist die reale Existenz von uns selbst

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