Schlagwort: Moral


Die zwei Seiten der Empathie

In der Titelgeschichte der neuen Ausgabe von HOHE LUFT beschäftigen wir uns mit Empathie – dem derzeit so hochgelobten Mitgefühl. Empathie macht alles gut, liest und hört man oft. Stimmt aber nicht. Empathie ist oft gut, aber in manchen Zusammenhängen kann sie unsere Wahrnehmung und unser Moralgefühl verzerren. Eine interessante Diskussion über den Segen und den Fluch der Empathie zwischen den amerikanischen Psychologen Paul Bloom und Richard Davidson können Sie auch hier sehen: https://www.youtube.com/watch?v=CJ1SuKOchps

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HOHE LUFTpost – Über Moral lässt sich streiten

HOHE LUFTpost vom 24.07.2015: Über Moral lässt sich streiten

Was halten Sie von Ehrenmorden? Richtig oder falsch? Wahrscheinlich falsch – hoffentlich! Aber wie begründen Sie es? Wie würden Sie versuchen, jemanden aus einer traditionell islamischen, von der Sharia-Gesetzgebung geprägten Gesellschaft davon zu überzeugen, dass Ehrenmorde nicht OK sind?

Oder grundsätzlicher gefragt: Lässt sich über Moral sinnvoll diskutieren? Die Philosophen sind da geteilter Meinung. Empiristen wie David Hume waren überzeugt, dass die Moral ihrem Wesen nach subjektiv ist, dass also moralische Urteile letztlich auf einem Moralgefühl gründen, das man halt hat oder nicht. Immanuel Kant hingegen versuchte, die Moral mit raffinierten Argumenten in der Vernunft zu verankern – wobei ich bezweifle, ob sie die Ehrenmord-Frage befriedigend lösen würden.
Der amerikanische Philosoph Alex Rosenberg betrachtete all dies kürzlich in einem Artikel auf der Website der New York Times und kam zu dem Schluss: Über Moral lässt sich nicht streiten.

Ich muss Rosenberg widersprechen. Was wäre eine Moral wert, über die sich nicht streiten ließe? Ich bin überzeugt, dass es sinnvoll ist, mit Muslimen darüber zu streiten, ob ein Mord ein geeigneter Weg ist, einen Ehrenkonflikt zu lösen – vorausgesetzt, sie sind ebenfalls bereit, darüber zu streiten. Die Basis dafür liegt weder im Gefühl noch in der Vernunft, sondern darin, dass wir alle zivilisierte Menschen mit gemeinsamen Werten sind.

– Tobias Hürter

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„Gerechtigkeit ist ein ständiger Prozess“
HOHE LUFT-Interview mit Rainer Forst

Wenn sich wohlhabende Gesellschaften beispielsweise dazu durchringen, das zu leisten, was man früher »Entwicklungshilfe« nannte und heute etwas schöner »Entwicklungszusammenarbeit«, also einen – kleinen – Teil ihres Wohlstands großzügig abzugeben, dann hat das nichts mit Gerechtigkeit zu tun, wenn dies nicht im Bewusstsein geschieht, dass der Wohlstand hier historisch und aktuell mit der Armut
dort zu tun hat und die Strukturen, die dies bedingen, zu ändern sind. Man kann immer noch sagen, dass es besser ist, solche Hilfe zu leisten, als sie nicht zu leisten. Die Gerechtigkeit wird aber dadurch nicht berührt, wenn nicht die existierenden Strukturen der Abhängigkeit infrage gestellt werden.

Im HOHE LUFT-Interview spricht der Philosoph Rainer Forst darüber, wie wir Menschen miteinander umgehen sollten. (PDF, HOHE LUFT 4/2013)

Sie würden die Gedanken von Rainer Forst gern ergänzen? Sie haben eine völlig andere Vorstellung von Gerechtigkeit? Dann machen Sie mit beim großen HOHE LUFT-Schreibwettbewerb zum Thema „Gerechtigkeit“. Alles über den Wettbewerb finden Sie hier.

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Wie viel Neugier ist erlaubt?

Sie sitzen im Zug von Hamburg nach Lüneburg. Drei Männer mittleren Alters, ausgerüstet mit Sonnenhüten und Kameras. Einer sagt: „Mal sehen, wie weit wir an die Elbe rankommen.“ „Da bin ich auch gespannt“, sagt ein anderer. „Ob der Bus überhaupt noch so weit fährt? Vielleicht ist ja schon alles abgesperrt.“ Katastrophentouristen auf dem Weg zu einer großen Show: dem Hochwasser an der Elbe.

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Was den Banker von der Katze unterscheidet

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, fordert Immanuel Kant. Aber liegt unser Verstand immer richtig? Während Tiere ganz instinktiv handeln, muss der Mensch, um handeln zu können, erst zwischen verschiedenen Optionen abwägen und dann eine Entscheidung treffen. Das ist, was gemeinhin der „freie Wille“ genannt wird. Ist aber dieser freie Wille besser als das instinktive Handeln? Den ganzen Artikel lesen

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„Der Taliban der Moralphilosophie“ –
Hohe Luft live über die Frage: Darf man lügen?

„Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist“. Mit diesem Zitat des österreichischen Künstlers André Heller eröffnete der Philosoph und Journalist Martin Koch den zweiten Abend der Reihe HOHE LUFT live in der modern life school in Hamburg. Gemeinsam mit HOHE-LUFT-Chefredakteur Thomas Vašek diskutierte Koch, ob man eigentlich lügen darf und welche moralischen Probleme sich im Zusammenhang mit dem Lügen ergeben können. Schnell verständigten sich die Philosophen darauf, dass die Lüge die Kenntnis der Wahrheit voraussetzt- und damit eine gewisse Raffinesse erfordert. Der Lügner habe demzufolge, so Thomas Vašek, durchaus ein Interesse an der Wahrheit, allerdings eines perverser Natur. Den ganzen Artikel lesen

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„Sind Tiere Mitglieder unserer moralischen Gemeinschaft?“

Zum Wohle der Menschheit leiden Tiere bei Tierversuchen. Gibt es brauchbare Alternativen, oder müssten wir Menschen leiden, wenn wir auf Tierversuche verzichten würden? Und müssten wir, wenn wir ganz konsequent wären, dann nicht gegen jegliche Form tierischer Ausbeutung sein, also auch kein Fleisch mehr essen und keinen Zirkus oder Zoo besuchen? „Am Ende führt das zu einer philosophischen Grundsatzfrage: Sind Tiere Mitglieder unserer moralischen Gemeinschaft?“, fragt Lydia Klöckner in der Zeit.

– Katharina Burkhardt

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Sex, betrunken?

Ein spezielles moralisches Dilemma wird derzeit auf Talking Philosophy heiß diskutiert.

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Frage an alle: Wie universell ist die Moral?

Gibt es universell gültige moralische Prinzipien? Das ist eine der großen Streitfragen der Philosophie. Ludwig Wittgenstein und Karl Popper sind sich über diese Frage einmal derart in die Haare geraten, dass Wittgenstein Popper beinah ein glühendes Kamineisen drübergezogen hätte – mehr dazu in der vierten Ausgabe von Hohe Luft, die am 20. September erscheint.

Ein Kamineisen ist allerdings kein Argument. Also: gibt es universelle moralische Prinzipien? Ja, behauptet der amerikanische Philosoph Alex Rosenberg. In seinem neuen Buch The Atheists‘ Guide to Reality gibt er Beispiele:

  • Füge einem Neugeborenen kein unnötiges Leid zu!
  • Schütze deine Kinder!
  • Wenn dir jemand etwas Nettes tut, dann solltest du diesen Gefallen ceteris paribus* erwidern.
  • Ceteris paribus sollten alle Menschen gleich behandelt werden.
  • Wenn du etwas verdient hast, dann hast du ein Recht darauf.
  • Es ist zulässig, völlig fremden Menschen den Zugriff auf den eigenen Besitz zu verwehren.
  • Es ist OK, Menschen zu bestrafen, die absichtlich etwas Falsches getan haben.
  • Es ist falsch, Unschuldige zu bestrafen.

Hat Rosenberg recht darin, dass diese Prinzipien universell gelten? Wer findet eine Ausnahme, egal ob wirklich oder möglich, oder Gegenargumente? Bitte um Diskussionsbeiträge!

Alex Rosenberg PhD  Institute for Genome Sciences  Policy

Alex Rosenberg

Unabhängig davon, ob man Rosenberg zustimmt oder nicht, ist seine Begründung für die Universalität solcher Prinzipien interessant. Er hält sie nicht für moralisch zwingend oder sonstwie objektiv gültig. Er glaubt vielmehr, dass sie sich in der Menschheitsgeschichte als universelle Verhaltensnormen durchgesetzt haben – vielleicht, weil sie evolutionäre Vorteile bieten, oder vielleicht auch aus historischen Zufällen. Rosenberg ist ein metaethischer Nihilist. Er bestreitet, dass Moral auf einer tieferen Wahrheit beruht. Manch ein Moralist würde ihm dafür wohl gern eins mit dem Kamineisen drüberziehen.

– Tobias Hürter

(* Ceteris paribus bedeutet wörtlich »Alles Andere bleibt gleich«, also: wenn sonst keine neuen Bedingungen hinzukommen.)

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