Schlagwort: Internet


Wer ist schuld? Das Internet!

Hä? Sind wir jetzt völlig verrückt geworden? Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Wir stellen fünf Eigenschaften des Netzes zur Diskussion, die – so meint die HOHE LUFT-Redaktion – für viele Übel dieser Welt verantwortlich sind.

 

1. SICHTBARKEIT

Hass gibt es nicht erst, seit es das Internet gibt. Aber das Internet bringt ihn an die Oberfläche: In Kommentarspalten, Tweets und Facebook-Posts oder auf Blogs ergießt sich der Hass ungehemmt in die Weiten des Netzes. Was vorher im stillen Kämmerlein gedacht, am Stammtisch in den Bierkrug genuschelt wurde, taucht jetzt aus der Versenkung auf, wird allgegenwärtig.

2. VERSTÄRKUNG

Das Internet bringt eine neue Form des ungebremsten Kapitalismus in Reinform hervor: Im Datenkapitalismus verdienen Google und Co. mit Informationen über die Nutzer Geld. Relevanz wird neu verhandelt: Kleinste Themen und Diskurse werden aufgeblasen und in einer sich selbst verstärkenden Reflexionsschleife bis ins Äußerste wiedergekäut. Emotionen und Meinungen bestärken sich gegenseitig, schaukeln sich hoch bis zu explosiven Ausmaßen.

3. FRAGMENTIERUNG

Obwohl alle Welt im Netz ist, lassen wir nur bestimmte Informationen und Personen zu uns durchdringen. Im Internet bewegt sich jeder in seiner eigenen Filterblase, die sein Weltbild bestimmt. Der Trend geht zur Personalisierung: Nur noch lesen, was den eigenen Interessen und Ansichten entspricht, statt sich zu konfrontieren mit anderen Meinungen und Ideen.

4. ENTGRENZUNG

Im Netz ist alles jederzeit verfügbar. Kam man früher nur übers Hinterzimmer der Videotheken an Pornos, kann man sich davor im Netz kaum retten. Jede Nische wird im Internet bedient, man findet Informationen, Bilder, Videos aus aller Welt zu allen Themen. Die Grenze zwischen Online- und Offline-Welt verschwimmt, wir sind eigentlich immer online. So gut wie überall auf der Welt gibt es Internetzugang, und wo es ihn nicht gibt, soll er irgendwann hinkommen.

5. NIVELLIERUNG

Das Internet – der große Gleichmacher. Seit Food-, Mode- und Einrichtungstrends um die ganze Welt gehen, gleicht sich die Ästhetik weltweit an. Ob man in Bangkok oder Hamburg ins Café geht, macht keinen großen Unterschied mehr. Vor dem Internet sind auch im demokratischen Sinne alle gleich. Das ist positiv. Die Kehrseite allerdings ist: Jeder kann reinschreiben, was ihm beliebt.

Wenn das Internet an so vielem schuld ist, dann ist das eine gute Nachricht. Und zwar nicht, um einen Sündenbock zu haben, sondern weil es uns mit einem Raum konfrontiert, der zwar einerseits als eigene Sphäre funktioniert, andererseits aber vor allem Dinge modifiziert, verstärkt, sichtbar macht und transportiert, die es ohnehin schon gibt und gab. Das Internet wirft sie quasi auf uns zurück, direkt vor unsere Füße, und fordert uns auf, uns damit auseinanderzusetzen.

Alle großen Themen unserer Zeit sind auch Internet- Themen. Es geht nicht darum, das Internet abzuschaffen. Wir wollen es als Phänomen, als Medium, als Lebensraum ernst nehmen und mit Ihnen darüber ins Gespräch kommen.

Wie denken Sie darüber? Bitte schreiben Sie uns unter redaktion(at)hoheluft-magazin.de

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe 6/2017. Hier können Sie diese und ältere Ausgaben versandkostenfrei bestellen. 

Kommentieren (2)

HOHE LUFTpost – Wahrheit und Abschied

HOHE LUFTpost vom 25.11.2016: Wahrheit und Abschied

Die Wahrheit hat es nicht leicht in einer Zeit, in der sich schnell konsumierbare News-Häppchen im sozialen Netz oft schneller verbreiten als differenzierte Berichterstattung. Die Süddeutsche Zeitung, zweifellos eine Hochburg des guten Journalismus, beklagte kürzlich, dass »Fake-News« auf Facebook erfolgreicher seien als seriöse Nachrichten. Allerdings stützte sich die Süddeutsche Zeitung dabei, wie Kritiker monierten, ausgerechnet auf eine Analyse von BuzzFeed – also eines Internet-Unternehmens, das sein Geld vor allem mit Nachrichten verdient, die auf Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken zielen. Die Wahrheit hat es wahrlich nicht leicht in dieser Zeit.

Seit fast zwei Jahren schreibe ich Ihnen jeden Freitag an dieser Stelle. Dies ist nun meine letzte HOHE LUFTpost. Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffe, dass Sie HOHE LUFT als Leser verbunden bleiben.

Herzlich
Ihr Tobias Hürter

Kommentieren

HOHE LUFTpost – Netz und Wahrheit

HOHE LUFTpost vom 08.07.2016: Netz und Wahrheit

Nachdem in Österreich die Stichwahl des Bundespräsidenten wiederholt werden muss, sind nun in Blogs und sozialen Netzwerken Gerüchte über den Gesundheitszustand eines der beiden Kandidaten aufgetaucht. Ich möchte diese Gerüchte, für die keine sachliche Grundlage erkennbar ist, nicht wiedergeben, denn damit würde ich sie weiterverbreiten. Und damit sind wir beim Thema: Wahrheit im Internet. Den ganzen Artikel lesen

Kommentieren (1)

»Die größte Gefahr des Internets ist, dass es sich selbst abschafft.«

Gilbert Dietrich ist Philosoph, Personalmanager bei der Musik-Streaming-Seite SoundCloud in Berlin und hat den Blog geistundgegenwart gegründet. Im aktuellen Heft spricht HOHE LUFT-Autorin Rebekka Reinhard mit ihm über das Fokusthema »Globale Vernetzung«. Die Langfassung des Interviews lesen Sie hier.

Den ganzen Artikel lesen

Kommentieren

Wie kann Information frei sein?

In der Debatte ums Urheberrecht fällt immer wieder der Begriff „Freiheit“. Netzaktivisten kämpfen für ein freies Internet, Urheber und Verlage fürchten um ihre Existenz, wenn Inhalte, die früher geschützt wurden, nun frei zugänglich sind. Doch was heißt eigentlich „frei“? Eine Begriffsklärung von Robin Droemer und Tobias Hürter. (Leseprobe aus HOHE LUFT Nr. 4, erscheint offiziell am 20.09.).

Kommentieren (3)