Schlagwort: Flüchtlinge


Wer schafft hier was?

Angela Merkel redet zwar, aber handelt zu wenig. So sehen es zumindest einige ihrer Kritiker_innen im Bezug auf ihre Flüchtlingspolitik. Warum aber wird ihr Satz »Wir schaffen das« ein Jahr nach dessen Ausspruch so kontrovers diskutiert? – Eine sprachphilosophische Analyse. Den ganzen Artikel lesen

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»Arbeit ist ein entscheidender Faktor«

Jörg Bernhard ist Personalleiter der Hamburger Stadtreinigung. Im Rahmen von Work in Progress, dem Hamburger Kongress zur Zukunft der Arbeit, gibt er den Teilnehmern einen Einblick in die Arbeit der Stadtreinigung – unter dem Thema »Die Wirksamkeit unseres Tuns«. Darüber haben wir mit ihm im Vorfeld gesprochen Den ganzen Artikel lesen

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HOHE LUFTpost – Weder »Transit« noch »Zone«

HOHE LUFTpost vom 13.11.2015: Weder »Transit« noch »Zone«

Ein Unwort geistert durch die Debatten um die Flüchtlingskrise: »Transitzonen«. Manche Politiker wollen sie an den Grenzen einrichten, um den Zustrom von Flüchtlingen einzuschränken. In der Sprachwissenschaft gibt es den Grundsatz der Arbitrarität des Zeichens: Der Zusammenhang zwischen Zeichen und Bezeichnetem ist pure Konvention, sonst haben beide nichts miteinander zu tun. Aber natürlich ist es nicht egal, wie man etwas bezeichnet. Die Bezeichnung eines Dings sagt oft etwas über das Ding aus, und diese Aussage kann richtig oder falsch sein.

Eine Transitzone wäre ein Bereich, der möglichst glatt zu passieren ist. »Transit« kommt vom lateinischen Verb für hinübergehen oder hindurchgehen. Eine Transitzone soll aber gerade verhindern, dass Flüchtlinge die Grenze überqueren. In den seit Jahren eingerichteten »Transitzonen« an Flughäfen werden Asylsuchende in Gefängnissen interniert. Auch »Zone« ist daher ein in diesem Zusammenhang zumindest irreführend unspezifischer Ausdruck. »Transitzonen« sind keine Transitzonen.

– Tobias Hürter

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Verantwortung für Flüchtlinge

Verantwortung für Flüchtlinge. Die moralische Macht der Bilder über das Bewusstsein

Wie ist eine Ethik der Hilfsbereitschaft denkbar? Der französisch-litauische Philosoph Emmanuel Lévinas sah in der Erfahrung des anderen Gesichts eine Grundlage für ethisches Handeln. Hans-Martin Schönherr-Mann, Professor für politische Philosophie an der LMU in München, darüber, wie uns diese Ethik angesichts der Flüchtlingsdramas an unsere Verantwortung erinnert.  Den ganzen Artikel lesen

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HOHE LUFTpost – Kant und die Flüchtlinge

HOHE LUFTpost vom 16.10.2015: Kant und die Flüchtlinge

Was hätte Immanuel Kant zur Debatte um den Umgang mit den Flüchtlingen gesagt? Schon die Frage ist dubios, schließlich ist Kant seit mehr als 200 Jahren tot und kann sich nicht gegen Vereinnahmungen wehren. Aber sie liegt nun mal auf dem Tisch. Angefangen hatte der Berliner Philosoph und Vielredner Byung-Chul Han, der die Flüchtlingspolitik vieler europäischer Staaten als rein eigennützig und daher im Sinne Kants zwar rational, aber unvernünftig kritisierte. Konservative Debattierer hielten dem entgegen, Kant habe in seiner Schrift »Zum ewigen Frieden« Flüchtlingen zwar ein Besuchsrecht zugesprochen, aber kein Bleiberecht.
Als Kant lebte, war Europa durch die Feldzüge Napoleons aufgemischt, die Sehnsucht nach Frieden war groß. Flüchtlinge waren damals mindestens so präsent wie heute, und ihre Behandlung, zum Beispiel der Umgang mit vertriebenen Juden, entsprach keineswegs immer Kants Vorstellungen von Menschlichkeit. In »Zum ewigen Frieden« suchte Kant nach den Bedingungen für stabile, friedliche Verhältnisse. Dazu zählte er auch ein »Recht der Hospitalität«: Zwar dürfen Staaten Besucher ablehnen, aber nicht gewaltsam, und nicht, wenn es zu deren Leid wäre – und das gilt für alle Menschen, ob Flüchtlinge, Touristen, Geschäftsreisende oder Philosophen. Solange sie sich freundlich verhalten, muss auch der Staat, in dem sie sich aufhalten, sie freundlich behandeln. Was das heute genau heißt? Dafür können wir den alten Kant nicht strapazieren. Das müssen wir selbst wissen.

– Tobias Hürter

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Gefühle? Gewissen!

Von Tobias Hürter

Wenn den Berichten und Kommentaren glauben kann, dann ist Deutschland derzeit im emotionalen Ausnahmezustand. Deutschland sei ein »Hippiestaat, der sich nur von seinen Gefühlen leiten lässt«, sagt der englische Politologe Anthony Glees. »Wir erleben in Echtzeit, wie sich die Gefühle eines ganzen Landes synchronisieren«, schreibt der »Zeit«-Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel. Gemeint sind natürlich die bewegenden Szenen, die sich am Münchner Hauptbahnhof und anderswo abspielen. Deutsche umarmen ankommende Flüchtlinge. Hilfsorganisationen werden überschwemmt von Spenden. Allerdings bezweifle ich, dass man diesen Berichten und Kommentaren wirklich glauben kann. Deutschland wird nicht von seinen Gefühlen geleitet. Sondern vom Gewissen. Das ist ein wesentlicher Unterschied – und gut so.

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Was ist Flucht? Von der Realität und Aggression der Bilder

In diesen Tagen scheint es nur ein einziges Thema zu geben: Flucht. Es vergeht kein Tag, an dem uns die Medien nicht über die Schicksale unzähliger Unbekannter informieren, Menschen aus Syrien, Eriträa oder dem Kosovo, die zu Tausenden Zugang zum sicheren Europa suchen. Wir hören und lesen nicht nur, was derzeit passiert – wir sehen es auch. Welchen Stellenwert hat das, was wir da sehen? Müssen wir uns damit konfrontieren oder dürfen wir einfach wegschauen? Wie sollen wir mit der Bilderflut umgehen?

Fotos von Flucht und Flüchtlingen sind zur Zeit allgegenwärtig. Man sieht Menschen auf Schlauchbooten, in Bahnhöfen und Zügen, in Auffanglagern, an Grenzzäunen. Die Fotos bewegen und rühren uns, sie machen uns betroffen. Aber sie tun noch mehr. Sie bannen uns. Sie üben auf eigentümliche Weise Gewalt auf uns aus.

Nehmen wir das umstrittene Foto der toten Flüchtlinge, die kürzlich in einem abgestellten Laster in der Nähe von Wien gefunden wurden. Die Wiener „Kronen-Zeitung“ hatte das Foto veröffentlicht, und danach auch „Bild“. Das Foto zeigt einen Blick ins Innere des LKWs; auf der Ladefläche aneinanderkauernde Männer in Freizeitkleidung, an der Innenseite der offenen Türflügels Spuren einer dunklen Flüssigkeit. Was man nicht sieht, sind die Gesichter der Menschen.

Ein ganz anderes, scheinbar unkontroverses Foto, publiziert unter anderem von der »Süddeutschen Zeitung“, zeigt zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder, die im Begriff sind, unter einem Stacheldrahtzahn hindurchzukriechen.

Auf einem dritten Bild sieht man einen kleinen Jungen vollständig bekleidet und durchnässt an einem Sandstrand liegen. Sein Kopf, dem offenen Meer zugewandt, ruht an der Wellenkante, als würde er schlafen. Das Foto des toten Jungen ging innerhalb eines Tages um die Welt. Als Philosophiezeitschrift sind wir der Auffassung, dass wir die Pflicht haben, dieses Bild zu veröffentlichen und dazu Position zu beziehen.

So unterschiedlich diese Bilder sein mögen, sie alle haben etwas gemein. Alle drei sagen weder die Wahrheit, noch lügen sie. Bilder sind keine sprachlichen Gebilde, sie haben keinen begrifflichen Gehalt. Doch eben dieses Un-Begreifbare überwältigt uns. Laut dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp konstituieren Bilder Wirklichkeit. Wir glauben, es geht um noch mehr.

Die Realität des Fotos zwingt uns zu einer Reaktion, zu einem Urteil: Von „Wie schrecklich“ über „Die armen Menschen“ bis hin zu „Das darf nicht mehr passieren“. In jedem Foto verbindet sich das Motiv mit einer visuellen, begriffslosen Didaktik. Es belehrt uns über die Wirklichkeit, indem es einen bestimmten Ausschnitt zeigt, der wiederum eine bestimmte Realität konstituiert, zu der wir uns verhalten müssen.

Das Bild der toten Flüchtlinge im Laster ist nun real, ob wir seine Veröffentlichung ethisch billigen oder nicht. Wie das Foto der Flüchtlinge am Stacheldraht und jenes des Kinderleichnams reduziert es die Komplexität der Flüchtlingssituation auf ein unsprachliches, imperativisches: „So ist es!“Die drei Fotos sind exemplarisch für alle Bilder, die tagtäglich unseren Alltag fluten. Diese Bilder belehren uns, was Flucht ist.

Flucht ist gesichtsloser Tod. Flucht sind angstvolle, weinende Gesichter. Flucht ist ein lebloses Kind. Die Fotos behelligen uns in aggressiver Weise. Sie drängen uns ihre Sicht der Dinge auf…und schon folgen weitere. Je mehr Bilder auf uns einströmen, desto größer wird die Gefahr, dass sie die Bilder substituieren, die als Ergebnis eines Reflexionsprozesses in unserem Kopf entstehen.

Zugleich substituiert die Bilderflut die Begriffe, die nötig sind, um überhaupt vernünftig urteilen zu können. Ein einziges Bild – das Foto eines toten Kindes – kann zum Handeln veranlassen. Eine Überfülle von Bildern aber lähmt unser Denken. Daraus folgt jedoch nicht, dass wir unsere Augen vor der Allgegenwärtigkeit der Bilder verschließen sollen – wir können es auch gar nicht.

Fotos sind wirklich. Wir müssen die Realität der Bilder in ihrer schieren Quantität ernst nehmen, sie auf uns wirken lassen, uns von ihnen Gewalt antun lassen. Aber wir brauchen Begriffe, Sprache, Texte, um der bildlichen Aggression zu widerstehen. Wir brauchen sachliche Reflexion inmitten der Bilderflut.Wir brauchen die Philosophie. Damit wir unsere Passivität loswerden. Damit wir anfangen können, uns wie vernünftige Menschen zu benehmen. Um das eine Bild aus der Masse der vielen heraus zu sondern, das uns motiviert zu handeln. Zu helfen.

Rebekka Reinhard, Thomas Vašek

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Was nützt die Nutzenfrage?

Prognosen über den Arbeitskräftemangel in Deutschland, verursacht durch den demografischen Wandel, begegnen einem gerade in den Beiträgen zur Flüchtlingsdebatte. Werden nicht in den nächsten Jahren tausende Arbeitskräfte aus dem Ausland hinzugezogen, haben wir hier höchstwahrscheinlich ein großes Problem, sagen die Zahlen. Sie werden von den Verfassern verwendet, um auf den volkswirtschaftlichen Nutzen hinzuweisen, den Deutschland aus denen ziehen kann, die hier Zuflucht suchen vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Tod. Aber kann die Frage, welchen Nutzen Flüchtlinge bringen, dafür relevant sein, ob sie Hilfe verdienen? Den ganzen Artikel lesen

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HOHE LUFTpost – Wir Einwanderer

HOHE LUFTpost vom 15.05.15: Wir Einwanderer

Menschen überqueren auf abenteuerlichen Gefährten das Mittelmeer von Afrika nach Europa. Dort werden sie von der angestammten Bevölkerung nicht mit offenen Armen empfangen. Man feindet sich an, aber man freundet sich auch an. Das Zusammentreffen löst einen gewaltigen Entwicklungssprung aus.
Wann das war? Vermutlich so kam vor rund 50000 Jahren der Homo sapiens nach Europa, wo er auf den Neandertaler traf – und so kamen vor rund 500000 Jahren auch die Vorfahren des Neandertalers nach Europa. Was genau damals geschah, ist im Dunkel der Prähistorie verschwunden, aber über das Ergebnis können wir glücklich sein: Wir selbst sind das Ergebnis.
Heute kommen wieder Menschen auf abenteuerlichen Gefährten über das Mittelmeer. Wieder mit glücklichem Ergebnis? Es hängt von uns ab.

– Tobias Hürter

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