Kategorie: HOHE LUFT


Heidegger-Enthüllung

“Selbstvernichtung der Juden”

Exklusiv-Interview mit Donatella Di Cesare

Martin Heidegger (1889-1976) sah den Holocaust offenbar als Akt der „Selbstvernichtung“ der Juden. Das legen Textstellen aus dem nächsten Band der „Schwarzen Hefte“ nahe (Gesamtausgabe 97, Anmerkungen I-V), der in wenigen Wochen erscheinen wird. Der Band enthält Aufzeichnungen Heideggers aus den Jahren 1942-1948. Bereits nach der Veröffentlichung der ersten Bände gab es heftige Diskussionen über antisemitische Passagen, in denen er dem Judentum unter anderem die „Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein“ zuschreibt. Die neuen Textstellen könnten die Debatte über den „Fall Heidegger“ (HOHE LUFT berichtete: “Ein totalitärer Denker“) weiter befeuern.

Heideggers »Schwarze Hefte«. Quelle: DLA Marbach

Um 1941/42 notiert Heidegger: „Wenn erst das wesenhaft ´Jüdische´ im metaphysischen Sinne gegen das Jüdische kämpft, ist der Höhepunkt der Selbstvernichtung in der Geschichte erreicht.“ Von „Selbstvernichtung“ schreibt Heidegger an anderer Stelle im Zusammenhang mit der Notwendigkeit einer „Reinigung des Seins von seiner tiefsten Verunstaltung durch das Seiende.“

Nach dem Krieg wendet sich Heidegger gegen Schuldzuweisungen der Alliierten, die die geschichtliche Mission, das „Geschick“ der Deutschen verkannt hätten: „Wäre z.B. die Verkennung dieses Geschickes – das uns ja nicht selbst gehörte, wäre das Niederhalten im Weltwollen – aus dem Geschick gedacht, nicht eine noch wesentlichere ´Schuld´ und eine ´Kollektivschuld´, deren Größe gar nicht – im Wesen nicht einmal am Greuelhaften der ´Gaskammern´ gemessen werden könnte – ; eine Schuld – unheimlicher denn alle öffentlich ´anprangerbaren´ ´Verbrechen´– die gewiss künftig keiner je entschuldigen dürfte. Ahnt ´man‘, dass jetzt schon das deutsche Volk und Land ein einziges KZ ist – wie es ´die Welt´ allerdings noch nie ‚gesehen‘ hat und das ´die Welt´ auch nicht sehen will – dieses Nicht-wollen noch wollender als unsere Willenlosigkeit gegen die Verwilderung des Nationalsozialismus.“

Hielt Heidegger die „Selbstvernichtung“ der Juden für seinsgeschichtlich notwendig? Und was bedeutet das für die Rezeption seines Denkens?

Wir sprachen mit Donatella Di Cesare, Professorin für Philosophie an der Sapienza Università di Roma und Vizepräsidentin der Martin-Heidegger-Gesellschaft. Ihr Buch “Heidegger e gli ebrei. I ‘Quaderni neri'” (2014, Verlag Bollati Boringhieri) soll bald auch in englischer Sprache im Polity Press erscheinen.

donatella

Hohe Luft: Frau Di Cesare, was ist das Neue an den antisemitischen Passagen im nächsten Band der „Schwarzen Hefte“?

Donatella Di Cesare: Nach den antisemitischen Stellen in den ersten Bänden war ich nicht überrascht. Das ist im Grunde sehr kohärent. Heidegger spricht von der Verbindung zwischen Judentum und Metaphysik. Die Juden sind für ihn die wurzellosen Agenten der Modernität. Die Technik ist für Heidegger die letzte Fassung der Metaphysik. So wie eine Komplizenschaft zwischen Metaphysik und Judentum besteht, so besteht auch eine Komplizenschaft zwischen Judentum und Technik. Und so wie die Technik sich selbst „verzehrt“, wie er an einer Stelle sagt, so kann man eben auch von der Selbstvernichtung des Judentums sprechen. Er sagt, damit sei der  „Höhepunkt der Selbstvernichtung“ in der Geschichte erreicht. In der Geschichte des Seins gibt es für Heidegger keinen Platz für die Juden…

Hohe Luft: Heißt das, die Auslöschung der Juden ist für Heidegger „seinsgeschichtlich“ notwendig?

Di Cesare: Heidegger sieht sich vor eine Alternative gestellt – das Sein oder der Jude. Und im Grunde lässt er am Ende den Juden fallen. Er spricht von der Weltlosigkeit des Judentums. Der Jude ist weltlos. Man sollte zwischen Bodenlosigkeit und Weltlosigkeit unterscheiden. „Weltlos“ – das ist für Heidegger wie der Stein – eine Metapher, die auf Hegel zurückgeht. Auf seinem seinsgeschichtlichen Weg lässt Heidegger den Juden einfach fallen. Ihm ist eben das Sein wichtig.

Hohe Luft: Sie sprechen von einem „metaphysischen Antisemitismus“…

Di Cesare: Er zeichnet eine Metaphysik des Juden ab. Das heißt, er spricht nicht von den konkreten Juden in ihren Differenzen, er ist auch nicht an der Geschichte des jüdischen Volkes interessiert, er fragt sich: Was ist der Jude? Was ist das Wesen des Juden? Und insofern fällt er selber in die Metaphysik zurück, wobei er sonst immer vorsichtig ist. Deshalb würde ich von metaphysischem Antisemitismus sprechen.

Hohe Luft: Wie muss man Heideggers Antisemitismus philosophisch einordnen?

Di Cesare: Wir dürfen Heidegger nicht isolieren von der philosophischen Tradition, aus der er kommt. Der Antisemitismus hat in der Philosophie auch vor ihm existiert. Ich denke nur an Kant, der von der „Euthanasie des Judentums“ spricht. Oder an Hegels Jugendschriften. Für Hegel ist der Jude ein Rest in der Dialektik. Auch Hegel weiß nicht, was er mit dem Juden tun soll, er hat für ihn keinen Platz. Wir müssen Heideggers Antisemitismus in diesem Kontext lesen, sonst dämonisieren wir ihn, als ob er der einzige wäre. Das ist jetzt die Gelegenheit, um uns endlich mit dem Kapitel des Antisemitismus in der Philosophie zu beschäftigen. Das ist bis jetzt zu wenig passiert.

Hohe Luft: Was heißt das nun für die Heidegger-Forschung? Erst kürzlich ist ja Günter Figal als Vorsitzender der Heidegger-Gesellschaft zurückgetreten…

Di Cesare: Seine Entscheidung ist für mich eine unphilosophische Geste; denn er macht Schluss auch mit der Diskussion. Er hat offensichtlich gesagt, er will mit Heidegger nichts mehr zu tun haben. Warum hat er so lange gebraucht? Er kannte schon seit Sommer 2013 die Schwarzen Hefte. Was hat er in 11 Jahren seines Vorstands getan? Warum hat er nicht für die Öffnung der Archive plädiert? Aussteigen ist heute sehr bequem. Ich finde, wir müssen auch eine kritische Diskussion fordern und mehr denn je Heidegger lesen. Ich sehe die Philosophie nicht als Fussballspiel, als ein „Für“ oder „Gegen“…. Wer philosophiert, trägt/duldet die Komplexität und wohnt im Helldunkel des Nachdenkens/der Reflexion.

Hohe Luft: Kann man heute noch Heideggerianer sein?

Di Cesare: Ich lese Heidegger und das bedeutet nicht, dass ich immer mit ihm übereinstimme. Ich lese ihn, wie ich von meinem Lehrer Gadamer gelernt habe, auf eine kritische Weise. Die „Schwarzen Hefte“ sind auf alle Fälle ein neues Kapitel. Wir müssen Peter Trawny sehr dankbar sein, und zwar nicht nur für die Herausgabe der „Schwarzen Hefte“, sondern auch für seine Bücher, seine Aufsätze und für die Art, in der er die Diskussion animiert hat. Überall hat er Gleichgewicht gezeigt. Ich finde, er hat großartige Arbeit geleistet.  Wir brauchen heute Heidegger mehr denn je. Wären Arendt, Jonas, Anders ohne Heidegger vorstellbar? Und die jüdische Philosophie der letzten Jahrzehnte – von Levinas bis zu Derrida? Und wir brauchen Heidegger, selbst um  die Shoah zu verstehen; es genügt, an die Verbindung zu erinnern, die er zwischen Shoah und Technik gezeigt hat. Leider wird die Shoah im deutschen Kontext nicht als philosophische Frage empfunden, sondern vor allem als Frage für Historiker. Das finde ich wirklich bedauerlich.

Interview: Thomas Vašek 

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Warum es uns nicht gibt – neue HOHE LUFT Ausgabe

HOHE LUFT 02/15Für das neue Jahr fassen viele den Vorsatz, etwas an ihrem Leben zu verändern, zu verbessern – und sich selbst dennoch treu zu bleiben. Im neuen Heft nehmen wir dieses Selbst unter die Lupe und fragen: gibt es das überhaupt und wie viel Veränderung verträgt es? Sich frei bewegen zu können ist für uns selbstverständlich. Wie sich die Bedeutung der Freiheit verändert, wenn sie einem plötzlich genommen wird, schildert ein ehemaliger Häftling in HOHE LUFT. Weitere Themen dieses Mal: Wieso Computerspiele mehr sind als gewaltfördernde Zeitfresser. Der antike Philosoph Seneca und sein politisches Wirken. Für einen neuen Fortschrittsbegriff. Denken und Leben von Jürgen Habermas. Und der französische Philosoph Jean-Luc Nancy spricht im Interview über Gemeinschaft und Sinn in einer Welt, die immer weiter auseinanderzubrechen droht.

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Richtiges Handeln und gelingendes Leben – HOHE LUFT Leserreise

Sie wollten schon immer einmal philosophierend verreisen? Vom 17. – 22. August 2015 findet die allererste HOHE LUFT Leserreise in die Schweizer Alpen statt. Erleben Sie sechs Tage im historischen Hotel »Schatzalp« in Davos. Auf 1900 Metern Höhe, umgeben von einem eindrucksvollen Alpenpanorama, verfasste bereits Thomas Mann seinen »Zauberberg«. Unter der Leitung von Peter Vollbrecht widmen Sie sich täglich philosophischen Texten rund um die ethischen Grundfragen nach dem richtigen Handeln und einem gelingenden Leben. Das Programm reicht von Aristoteles über Kant bis hin zu den Utilitaristen Bentham und Mill. Am letzten Tag erwartet Sie ein Besuch unseres Chefredakteurs Thomas Vašek, mit dem Sie über die Bedeutung der Arbeit für ein gelingendes Leben diskutieren können.

Alle Informationen zum kompletten Programm sowie zu Kosten, Unterkunft und Anfahrt finden Sie hier.

Für Fragen und Anmeldung (bis zum 15. Mai 2015) stehen wir Ihnen gerne unter leserreise(at)hoheluft-magazin.de zur Verfügung.

Die Reise ist auf 20 Teilnehmer beschränkt. Melden Sie sich gleich an und freuen Sie sich auf inspirierende Seminare, anregende Gespräche und leichte Wanderungen in malerischer Natur.

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Neu: HOHE LUFTpost

Im neuen Jahr gibt es für Newsletter-Abonnenten häufiger Post von HOHE LUFT: ab sofort versorgt Sie unser stellvertretender Chefredakteur Tobias Hürter wöchentlich mit einem philosophischen Gedanken. Mal aktuell, mal zeitlos, hoffen wir Ihnen damit auch zwischen den Erscheinungsterminen unseres Heftes neue philosophische Denkanstöße zu liefern.

Wer den Newsletter bereits bezieht, erhält die HOHE LUFTpost automatisch jeden Freitag. Die erste Ausgabe können Sie sich hier anschauen. Natürlich informiert Sie der Newsletter auch weiterhin über Neuigkeiten und Events von HOHE LUFT.

Um den HOHE LUFT Newsletter zu bestellen, schreiben Sie einfach eine E-Mail an: newsletter(at)hoheluft-magazin.de

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Charlie Hebdo und der Kampf für die Aufklärung

Kurz vor Drucklegung unserer nächsten Ausgabe erreichte uns die Nachricht vom Anschlag auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo.

Wir haben einen neuen Leitartikel geschrieben, gewidmet Charlie Hebdo – einem Blatt, das wie kaum ein anderes für die Redefreiheit steht, einen der wichtigsten Werte unserer Gesellschaft.

Den Leitartikel können Sie ab sofort hier online lesen.

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Eine Frage der Verantwortung

Was bedeutet es, Verantwortung zu übernehmen? HOHE LUFT machte diese und andere Fragen zum Ausgangspunkt einer neuen Veranstaltungsreihe: unter dem Titel »geistreich« kamen am 26.11. in der Bucerius Law School in Hamburg vier Experten aus Philosophie und Wirtschaft zusammen, um unter der Moderation von Ina Schmidt über die verschiedenen Formen und Auffassungen von Verantwortung zu sprechen. Den ganzen Artikel lesen

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Jetzt am Kiosk: Die neue HOHE LUFT

HL_Cover_0115_großMit Sprache kann man nicht nur Dinge beschreiben. Sie ist sehr viel machtvoller. In der heute erschienenen HOHE LUFT-Ausgabe gehen wir der Frage nach, wie wir durch Sprache unsere Lebenswelt strukturieren und verändern können.
Keine philosophische Strömung ist so bedeutsam für die US-amerikanische Kultur wie die des Pragmatismus. Wir werfen einen Blick auf die Zusammenhänge zwischen pragmatistischem Denken und dem »American Dream«.
Weitere Themen dieses Mal: Die Ambivalenz der neuen Rituale. Können Vorurteile gut sein? Über die Kraft der ästhetischen Erfahrung. Sind wir zum Spenden verpflichtet? Und: HOHE LUFT zu Gast in Cambridge­ – Der Philosoph und Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen im Interview über globale Gerechtigkeit und das gute Leben.

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Zur Vorweihnachtszeit haben wir ein ganz besonderes Angebot für Sie: Sichern Sie sich jetzt Ihr HOHE LUFT Abo zum Selberlesen oder Verschenken und Sie bekommen ein hochwertiges Notizbuch von sensebook im HOHE LUFT-Design von uns geschenkt. Zu den Angeboten geht’s hier lang.

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Moral, Freiheit und Uhrwerk Orange

Selbstoptimierung ist in aller Munde. Quer durch die Feuilletons liest man von dem neuen Trend, die eigene Leistung zu erhöhen – ob mittels Schrittzähler, psychoaktiver Substanzen oder Apps zur Messung des Schlafs. Neu im Bereich der Selbstoptimierung ist das sogenannte Moral Enhancement, das darauf abzielt, die moralische Integrität durch die Einnahme von Medikamenten zu erhöhen. So ist beispielsweise erwiesen, dass die sogenannten SSRI (Serotonin Wiederaufnahmehemmer) aus der Gruppe der Psychopharmaka das Mitgefühl stärken. Allerdings stellt sich die Frage, ob dem Angebot an dergleichen Mitteln eine entsprechende Nachfrage gegenübersteht. Neben Wachmachern wie Modafinil und Ritalin sehen Pillen, die uns moralischer werden lassen, ziemlich altbacken aus. Damit stellt sich eine weitere Frage: Wenn wir schon kein ausgeprägtes Interesse an einer moralischen Optimierung zu haben scheinen, haben wir vielleicht die Pflicht dazu? Und: Wenn wir dieser Pflicht nicht nachkommen, hat vielleicht der Staat das Recht, uns diese Pflicht aufzuerlegen? Intuitiv würden wir einen solchen Eingriff vermutlich kategorisch ablehnen. Nur: Würden wir das auch tun, wenn die Intervention nicht auf die Verbesserung der Moral abzielt, sondern auf die Verhütung von Gewalt als Folge mangelnder Moral? Den ganzen Artikel lesen

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Das Geheimnis der Macht

HL_fb_profilbild_0614Macht ist unheimlich. Sie wird zu häufig missbraucht, ist oft ungleich verteilt und kann großen Schaden anrichten. Dabei ist sie allgegenwärtig, begegnet uns am Frühstückstisch und bei der Steuererklärung.

“Ein Leben im machtfreien Raum – das ist eine Illusion“ meinen die HOHE LUFT Chefredakteure Thomas Vašek und Tobias Hürter. Gerade deswegen ist der offene Diskurs über Machtverhältnisse umso wichtiger. Nur so kann man der Macht ihre Unheimlichkeit nehmen. Die ganze Titelgeschichte “Das Geheimnis der Macht” aus der aktuellen Ausgabe 06/2014 können Sie jetzt auch online lesen.

Viel Spaß!

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DIE ZUKUNFT UNSERER ZUKUNFT

Kommendes Wochenende findet in Krems die GLOBART-Academy 2014 statt. Vier Tage lang tauschen sich verschiedene Referenten zum Thema „UN-sichtbar“ über eine enkeltaugliche Zukunft aus. Wir haben Wirtschaftsphilosoph Rahim Taghizadegan und Wirtschaftsredakteur Michael Kerbler einige Fragen zur Zukunft unserer Zukunft gestellt.
Beide werden kommenden Freitag auch auf der GLOBART sprechen:
Ab 14:00: Panel mit Rahim Taghizadegan, Andrea Grisold, Martin Schenk & Peter Rosner:
“Die unsichtbare Hand von Adam Smith”

Um 20:00: Peter Sloterdijk im Gespräch mit Michael Kerbler:
“Was die Zukunft bringt? Die unsichtbare Zukunft?”

INTERVIEW: CHRISTINA GEYER Den ganzen Artikel lesen

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