Kategorie: Gesellschaft


Höcke und Heidegger

Björn Höcke erscheint gern als Politiker, der alles im Griff hat, der sich seiner strategischen Einsätze voll bewusst ist. Auf seine Wortwahl – „1000 Jahre Deutschland“ – angesprochen, erläutert er der Reporterin abgeklärt: „Der Politiker muss natürlich manchmal überspitzen, gerade wenn es um Demonstrationsreden geht.“ Der AfD-Politiker will als Stratege erscheinen, der seine Gegner intellektuell in die Tasche steckt. Den ganzen Artikel lesen

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Na logisch! Das Slippery-Slope-Argument

Die Logik-Kolumne von Daniel-Pascal Zorn. Heute: Das Slippery-Slope-Argument.

Im Sommer 2015 warnte die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer vor der ‚Homo-Ehe‘, der Einführung des Rechts auf Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare, indem sie auf die Folgen einer Veränderung des bisherigen Verständnisses von Ehe verwies: „Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen.“ Mit dieser Einschätzung ist sie nicht alleine. Auch in den USA warnten radikal-konservative Politiker wie Rick Santorum vor der Legalisierung der ‚same-sex-marriage‘ mit dem Argument, dann könne jeder jeden heiraten, auch fünf Menschen. Einige Kommentatoren wollten sogar Ehen zwischen Menschen und Tieren nicht mehr ausschließen. Den ganzen Artikel lesen

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Die Ästhetik der Gewalt

Es gibt derzeit viele Versuche, das durch radikalisierte Islamisten in die Welt getragene Böse rhetorisch zu bannen. Wie dem Terror antworten? Mit „Krieg“ (Gustave Hollande), „Wiedereinsetzung des internationalen Rechts“ (Etienne Balibar) oder „Klassenkampf“ (Slavoj Žižek)? Vokabeln wie diese implizieren, dass die Gewalt des Islamischen Staats und anderer terroristischen Organisationen einem Angriff auf unsere Vorstellungen von Moralität und Menschlichkeit gleichkommt.

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Dieser Terrorismus ist kein Nihilismus

Nach den Anschlägen von Paris ist viel von Nihilismus die Rede. Vom “Angriff der Nihilisten” schreibt die Süddeutsche Zeitung, der “Standard” nennt die Täter “Agenten des Nihilismus”, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung fragt, was “unsere Toleranz und Vernunft gegen den Nihilismus der Terroristen ausrichten” können. Das ist ein Missverständnis. Dieser Terrorismus ist kein Nihilismus. Im Gegenteil, er ist getrieben von dem Wunsch, dem Nihilismus zu entkommen. Wer die Biografien der Täter liest, nicht nur von letztem Freitag, sondern auch vom Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion, der kann ein Muster finden: Es sind gescheiterte Gestalten, die orientierungslos vor sich hin lebten, bis sie begannen, sich zu radikalisieren. Damit kam gefühlter Sinn in ihr Leben. Plötzlich war klar, was gut und was böse, was richtig oder falsch ist. Die Terroristen sind völlig verstiegene Sinnsucher. Das ist wichtig zu verstehen, wenn man verhindern möchte, dass Menschen zu Terroristen werden.

Dabei ist es kein Zufall, dass der Begriff des Nihilismus im Zusammenhang mit den Pariser Anschlägen aufkam. Am Freitag, den 13. November zeigte sich eine neue Stufe des Terrorismus – neu in seiner völligen Wahllosigkeit. Jeden, der an jenem Abend zufällig draußen im Café saß oder die Straße entlang ging, hätte es treffen können, ob arm oder reich, Christ oder Muslim, syrischer Flüchtling oder Investmentbanker. Eine komplett irrsinnige Gewalttat, begangen auf der Suche nach Sinn. Sie zeigt auch die Stärke dieses Bedürfnisses.

– Tobias Hürter

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Die Hydra des Terrors. Carl Schmitt als Autor der Stunde?

Reinhard Mehring ist Politikwissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Er schreibt hier darüber, was es bedeutet, wenn angesichts der tragischen Ereignisse von Paris vom „Ausnahmezustand“ gesprochen wird.

In diesen Tagen nach dem schwarzen Freitag vom 13. November 2015 erklingt an manchen Gedächtnisorten die hymnische Hippieutopie „Imagine“ von John Lennon. Man muss erinnern, dass das Lied über 40 Jahre alt ist und John Lennon erschossen wurde. „Imagine there’s no countries / It isn’t hard to do / Nothing to kill or die for / And no religion too / Imagine all the people living life in peace“. Das alte Lied ist heute ein sentimentaler Abgesang aus der Welt von gestern. Staatszerfall und offene Außengrenzen sehen wir heute anders, Staat und Religion schließen sich nicht mehr anarchistisch kurz. Die Politik wagt sich wieder an eine andere Rhetorik: Man spricht von Ausnahmezustand und Krieg. Den ganzen Artikel lesen

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Na logisch! Der Pappkamerad

Na logisch #3: Der Pappkamerad. Kolumne von Daniel-Pascal Zorn

Wenn Sie mit jemandem ernsthaft über ein Thema diskutieren und auf seine oder ihre Argumente antworten wollen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Die erste Möglichkeit besteht darin, sich auf den Wortlaut seines Arguments zu beziehen. Die zweite Möglichkeit ist, sein Argument noch einmal mit eigenen Worten zu wiederholen und auf diese Wiederholung zu antworten. Die erste Möglichkeit führt oft zu Nebendiskussionen über Formulierungen, die als „Wortklaubereien“ wahrgenommen werden. Die Wiedergabe eines Arguments mit eigenen Worten, so die Vorstellung, zeigt an, dass man es auch richtig verstanden hat. Den ganzen Artikel lesen

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HOHE LUFTpost – Die »abscheuliche« Folgerung

HOHE LUFTpost vom 30.10.15: Die »abscheuliche« Folgerung

Soll man Kinder kriegen? Für viele Menschen bedeutet diese Frage einen Scheideweg in ihrem Leben. Auch Philosophen denken darüber nach. Der Ethiker Torbjörn Tännsjö, Professor an der Universität Stockholm, hat gerade einen Essay dazu veröffentlicht. Er kommt zu dem, was in der Philosophie »die abscheuliche Folgerung« (repugnant conclusion) genannt wird: Kinderkriegen ist eine moralische Pflicht. Möglichst viele Kinder! Wer sich der ungebremsten Fortpflanzung verweigert, handele schlecht. Tännsjös Argument ist ziemlich einfach: Das Leben der meisten Menschen ist überwiegend glücklich. Wer Menschen in die Welt setzt, vermehrt also das Glück. Wer sie aber ungezeugt lässt, verwehrt ihnen das Glück. Klingt recht einleuchtend – allerdings kommen sogenannte Antinatalisten nach demselben Muster zum entgegengesetzten Schluss: Kinderkriegen ist schlecht. Denn leben bedeute leiden, wer also Kinder in die Welt setzt, vermehrt das Leid.

Wer hat nun recht, Natalisten oder Antinatalisten? Keiner von beiden. Die moralisch optimale Kinderzahl variiert von Mensch zu Mensch und liegt meist weder bei Null noch bei Unendlich, sondern irgendwo dazwischen. Der Fall der »abscheulichen« Folgerung und ihres Gegenstücks offenbart den zweifelhaften Wert abstrakter moralischer Argumente. Was gut oder schlecht ist, zeigt sich oft im Konkreten, nicht im Abstrakten. Es gibt nur wenige allgemeingültige moralische Regeln. Eine davon lautet: Schau dir den Menschen an!

– Tobias Hürter

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Die Perfidie des Pirinçci

Auf der Versammlung anlässlich des einjährigen Jubiläums der islamfeindlichen Pegida hielt der ehemals als Katzenkrimi-Autor bekannte Schriftsteller Akif Pirinçci eine flammende Hassrede. Sein Satz „Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb“ hat heftige Reaktionen ausgelöst. Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn ist der Ansicht, das schlimmste an der Rede sei die Verkehrung von Täter und Opfer, die sich in der Rhetorik vieler aufstrebender Rechtspopulisten finden lässt.  Den ganzen Artikel lesen

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Fehler machen schön

Kolumne »Schöne Gedanken«

»Perfekte Schönheit«, das ist ein etablierter Begriff. Aber er ist auch verdächtig. Ist das, was wir schön finden, was uns anzieht, was wir lieben, wirklich perfekt? Ich bestreite das. Anziehend und liebenswert sind oft gerade die kleinen Fehler. Perfektionismus tötet lebendige Schönheit. 
»Perfektionismus ist die Stimme des Unterdrückers«, schreibt die amerikanische Schriftstellerin Anne Lamott, »der Feind der Menschen. Er hält uns für immer verkrampft und verrückt.« Sie meinte damit vor allem ihre Arbeit als Autorin – doch ich glaube, es gilt für jede Form von Kreativität und Ästhetik. Fehler machen schön! 

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTPOST – ENHANCEMENT AUF BAYERISCH

HOHELUFTpost vom 25.09.2015:

Am letzten Wochenende fanden zwei bemerkenswerte Ereignisse statt: In Lech am Arlberg kamen kluge Leute zum Philosophicum zusammen und diskutierten über die Möglichkeiten und Gefahren des »Enhancement«, also der Verbesserung des Menschen mit technischen Mitteln. Und in München begann das Oktoberfest. Hier gelehrte Vorträge und Diskussionen – dort Blasmusik und Bier in Strömen. Auf den ersten Blick haben Philosophicum und Oktoberfest rein gar nichts miteinander zu tun.

Auf den zweiten Blick doch einiges. Zwar ging es in Lech mehr um neue Entwicklungen wie Anti-Aging und Gehirnimplantate. Doch Alkohol ist einer der ältesten »Enhancer« der Kulturgeschichte, und neben Koffein der wohl am weitesten verbreitete. Er macht zwar weder schlauer noch schöner (abgesehen vom »Schönsaufen«), hilft jedoch bei der Bewältigung wichtiger sozialer Aufgaben. Unzählige Partnerschaften, Freundschaften und Verträge wären ohne ihn nicht zustandegekommen. Der Moralphilosoph Richard Egenter sprach von der »sozialen Funktion des Alkohols«.

Auf dem Oktoberfest zeigt sich diese Funktion besonders eindrucksvoll. Zeitweise eine Million feiernde Menschen drängen sich auf der Theresienwiese, mehr als zwei pro Quadratmeter, und doch passiert erstaunlich wenig. Der Alkohol sorgt für weitgehend friedliches und vorhersagbares Verhalten. Obendrein wird er vom Stoffwechsel ziemlich schnell beseitigt. Und auch das ist gut so. Zwei Wochen extremes soziales Enhancement sind genug.

– Tobias Hürter
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