Kategorie: Gesellschaft


Die Faszination des Hässlichen

Kolumne »Schöne Gedanken«

Das Schöne fasziniert und bannt uns. Erstaunlicherweise gilt das auch für das Gegenteil des Schönen: das Hässliche. Der Blobfisch, der als das hässlichste Tier der irdischen Biosphäre gilt, übt eine ganz eigene Faszination auf den Betrachter aus. Auch Kunstwerke wie die Gemälde von den »schreienden Päpsten« von Francis Bacon – sie gehören zu Bacons höchstgehandelten Werken – beeindrucken vor allem durch ihre Hässlichkeit. Die Ästhetik des Hässlichen und die des Schönen treffen sich in den Extremen. Vielleicht kann man sogar sagen: Auch perfekte Hässlichkeit ist Schönheit.

– Tobias Hürter

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Na logisch! Das Argument ex silentio

Daniel-Pascal Zorn schreibt in seiner Kolumne »Na logisch!« über Rhetorik, Logik und Argumentationstheorie. Heute: Wer schweigt, stimmt zu – Das Argument ex silentio

In aktuellen politischen Debatten ist immer wieder die Rede von einer „schweigenden Mehrheit“. Diese Mehrheit scheint stets, ohne Klage oder Widerspruch, dieselbe Meinung zu vertreten wie derjenige, der sich auf sie beruft. Auch auf die Frage, warum die Mehrheit schweigt, gibt es eine Antwort. Sie schweigt, weil sie sich nicht traut, ihre eigentliche Meinung zu sagen. Den ganzen Artikel lesen

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HOHE LUFTpost – Wenn der Angst Augen wachsen

HOHE LUFTpost vom 29.07.2016: Wenn der Angst Augen wachsen

Es war ein schrecklicher Abend für München am Freitag letzter Woche, als ein 18-jähriger Schüler am Olympia-Einkaufszentrum mit einer halbautomatischen Pistole um sich schoss, neun Menschen tötete, viele verletzte und sich dann selbst erschoss. Und der Schrecken verselbständigte sich. Menschen ganz woanders in München gerieten in Panik. Noch Stunden nach dem Tod des Schützen kamen Notrufe. Die Polizei jagte mehrere ominöse Schützen mit «Langwaffen«, die mehrmals gesichtet wurden – die es aber gar nicht gab. Zeugen hatten offenbar Terroristen in Polizisten gesehen und Schüsse in alltäglichen Großstadtgeräuschen gehört. Daraus kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Verängstigte Menschen sehen und hören Gespenster. Doch es wirft Fragen auf. Unser Rechtssystem verlässt sich auf Augenzeugenberichte. Menschen werden auf sie hin verurteilt oder freigesprochen. Aber diese Berichte sind oft so unzuverlässig wie jene aus München. Der Gedächtnisforscher Daniel Schacter erzählt in einem Buch von einer Frau, die nach einer Vergewaltigung einen vermeintlichen Täter identifizierte, weil sie ihn kurz vor der Tat im Fernsehen gesehen hatte. Sie hat nicht gelogen. Ihre Wahrnehmung hat sie getrogen. Die Ereignisse von München zeigen: das kann jedem passieren.

– Tobias Hürter

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Na logisch! Die Ad-nauseam-Argumentation

Kolumne über Logik, Rhetorik und Argumentationstheorie von Daniel-Pascal Zorn. Heute: Reden, bis der Arzt kommt – Die Ad-nauseam-Argumentation

Jeder, der schon einmal als Kind eine Abkürzung genommen hat, weiß: Es macht so viel mehr Spaß, mitten durch eine Wiese zu laufen, statt um sie herum. Je mehr Leute der Spur folgen, desto deutlicher wird sie und desto mehr eine Einladung für alle anderen, es ihnen gleichzutun. Manchmal, wenn ein schmaler zu einem breiten Trampelpfad geworden ist, bleibt dem Besitzer nichts anderes übrig, als ihn mit Kies aufzuschütten und damit ‚offiziell‘ zu machen. Das wiederholte Ablaufen immer derselben Strecke etabliert irgendwann eine Spur, die zum Weg wird. Den ganzen Artikel lesen

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HOHE LUFTpost – Männlein, Weiblein und Olympia

HOHE LUFTpost vom 01. Juli 2016: Männlein, Weiblein und Olympia

Es gibt Männer, es gibt Frauen, und es gibt Philosophen, die bestreiten, dass es Männer und Frauen gibt. Ein Axiom der rege diskutierten »Gender Theory« ist, dass die Geschlechter nur soziale Konstrukte sind. Männlichkeit und Weiblichkeit seien nicht naturgegeben, sondern Ideale einer Kultur. Den ganzen Artikel lesen

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HOHE LUFTpost – Wir gewinnt

HOHE LUFTpost vom 17. Juni 2016: Wir gewinnt

In Europa grassiert das Fußballfieber, und auch meine Temperatur ist leicht erhöht. Es ist noch viel zu früh für ein Resumee, die Infektion ist ja noch nicht einmal voll ausgebrochen, aber zu diesem Zeitpunkt kann man sagen: Es war bisher ein Turnier der Kollektive, nicht der Einzelspieler. Mannschaften wie Italien zeigen, wie man Gegner von deutlich höherer individueller Klasse mit einem gut zusammenspielenden Team überwinden kann. Ein erstaunliches Phänomen, auch aus philosophischer Sicht. Die Mannschaftsleistung übersteigt die Summe der Beiträge aller Mitspieler. Es scheint geradezu, als habe die Mannschaft ein Eigenleben, als könne sie selbst denken und handeln. So ist es auch, sagt der irische Philosoph Philip Pettit, der eine Theorie der »Group Agency« entwickelt hat. Gut kooperierende Gruppen haben einen eigenen Geist, sie treffen Entscheidungen, sie sind Akteure, sagt Pettit. Wie gelingt es Menschen, sich zu solchen Superakteuren zu formieren? Durch ihre Fähigkeit zu »Wir-Intentionalität«, sagt Pettits amerikanischer Fachkollege John Searle: Sie können gemeinsame Absichten und Ziele haben, die mehr sind als die Schnittmenge ihrer einzelnen Absichten und Ziele. Eine fundamentale Fähigkeit, sagt Searle, die nicht auf individuelles Denken reduzierbar ist. Aus elf Ichs wird auf wundersame Weise ein Wir.

– Tobias Hürter

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Na logisch! Selbst-Heroisierung: Die zweite Hauptrolle im Immunisierungs-Drama

Die Na logisch!-Kolumne über Logik, Rhetorik und Argumentationstheorie schreibt normalerweise Daniel-Pascal Zorn. Nach seinem Text über Selbst-Viktimisierung hat die Soziologin Paula-Irene Villa (Braslavsky) einen Gastbeitrag zur Selbst-Heroisierung verfasst. Die Autorin hat den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München inne. 

Wie in dieser Kolumne und auch anderweitig bereits trefflich analysiert, erfreut sich die rhetorische Strategie der Selbst-Viktimisierung medial und politisch derzeit besonderer Beliebtheit. Sie beinhaltet im Kern, sich ohne Differenzierung und jenseits von Fakten oder nachvollziehbarer Praktiken – letztlich also nicht selten schlicht gelogen – als Opfer einer Übermacht zu inszenieren, der man (meist viel zu lange schon) ausgeliefert sei. Den ganzen Artikel lesen

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Die Philosophie des Eierkraulens

Die Philosophie des Eierkraulens

Wie kann man sich nur vor Fernsehkameras an den Eiern kraulen – und dann auch noch an der eigenen Hand schnüffeln? Das fragen sich seit einigen Tagen alle, die dieses Video von Bundestrainer Jogi Löw gesehen haben. Und das sind weltweit eine ganze Menge. Zu sehen ist, wie der deutsche Bundestrainer am Spielfeldrand gründlich in seiner Bügelfaltenhose herumstochert und die Hand anschließend an die Nase führt. Das ist unappetitlich und unangemessen. Dennoch ist es nicht nur die Handlung selbst, die den Vorfall so brisant macht. Vielmehr staunt die Welt darüber, dass sich der Bundestrainer so verhält, als säße er unbeobachtet zu Hause auf der Couch, obwohl er stattdessen vor Millionen von Zuschauern steht.

Dabei müsste Jogi Löw eigentlich ein Medienprofi sein. Seit 2006 trainiert er die deutsche Nationalmannschaft, unter seiner Führung wurden wir Weltmeister. Wie viele Live-Interviews, Nachgespräche, öffentliche Trainings und Länderspiele muss ein Mensch absolvieren, um zu wissen, dass alles genauestens beobachtet wird, was er tut?

Wie Lukas Podolski in seiner direkten Art anmerkt, kraulen sich wahrscheinlich viele Männer mal an den Eiern. Allerdings zu Hause, nicht im Fernsehen. Die klare Trennung zwischen einer öffentlichen und einer privaten Sphäre ist für unser Leben von fundamentaler Bedeutung. Dabei bedingen sich beide gegenseitig: »Ohne das Private lässt sich das Öffentliche nicht denken« schreibt der Berliner Philosoph Volker Gerhard. Öffentlichkeit sei die Grundbedingung, in der sich das menschliche (Zusammen-)Leben entfalte. Genauso brauchen wir den privaten Raum, der uns vor dem Licht der Öffentlichkeit verbirgt, damit wir ganz bei uns selbst sein können (was auch immer das bei Jogi Löw konkret bedeutet).

Mit dem Internet hat sich eine Öffentlichkeit gebildet, die sich für viele oft ganz privat anfühlt. Man sitzt alleine vor dem Rechner,  während man gleichzeitig Informationen mit der ganzen Welt teilt. Je mehr man sich im Netz bewegt, desto leichter vergisst man spontan seine Öffentlichkeit – und gibt eventuell ganz persönliche Sachen preis. Das kann ein intimer Post auf Facebook sein oder der Besuch einer Pornoseite, was ebenfalls Spuren im Netz hinterlässt. Vielleicht ist Jogi Löws Eierkrauler das Ergebnis eines ähnlichen Prozesses: Einerseits hat sich im Zuge der EM das mediale Interesse an seiner Person enorm erhöht. Kameras beobachten jeden seiner Schritte, vom Training ins Hotel bis in die Coaching-Zone. Mit der Gewöhnung an diese Form der Öffentlichkeit schwand sein Bewusstsein für sie. Gleichzeitig verkleinern sich für Löw durch die ständige Beobachtung die für jeden Menschen essentiellen privaten Räume. Kombiniert man das mit dem Druck durch einen nicht gerade exzellenten Auftritt der deutschen Mannschaft, ist es vielleicht plötzlich nicht mehr so abwegig, sich spontan ganz privat zu verhalten. Jedem, der im Netz schon mal etwas getan hat, was er nicht unbedingt auf einem Marktplatz tun würde, ist im Grunde etwas Ähnliches passiert – auch wenn dabei (hoffentlich) keine Eier im Spiel waren.

Robin Droemer

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Der Markt soll Verantwortung für die Philosophie übernehmen

Universitätsprofessor Peter Trawny antwortet auf den letzten Beitrag von HOHE LUFT-Chefredakteur Thomas Vašek und macht konstruktive Vorschläge, wie sich die Sphären von Philosophie und Markt auf fruchtbare Weise verbinden lassen könnten. Alle Beiträge zur Debatte um die Popularisierung der Philosophie finden Sie unten. 

Ich teile mit Thomas Vašek die Ansicht, dass die Philosophie eine Öffentlichkeit braucht. Diese Öffentlichkeit entspringt der Philosophie selbst, dieser spezifischen Denkform. Niemand ist von ihr ausgeschlossen. Jede und jeder, die und der ihre Voraussetzungen anerkennt, ist eingeladen. Ja, sogar der oder die, der oder die sie nicht anerkennen kann oder will, wird aufgerufen, sich an ihr zu beteiligen. Eine zentrale Voraussetzung dieser Öffentlichkeit ist übrigens, dass ihr Öffentlichsein nicht beeinträchtigt werden darf. Ich sehe z.B. bei Hannah Arendt und natürlich in der „Kritischen Theorie“ ein Interesse an ihrer theoretischen Ausarbeitung.    Den ganzen Artikel lesen

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Die rhetorischen Spielchen der AfD

Die Fußball-Europameisterschaft beginnt in dieser Woche – und Alexander Gauland von der AfD hat, passend dazu, einen Kommentar abgegeben. Angeblich auf Nachfrage von Journalisten der FAS (Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) erklärte er: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Zwei unverfängliche Sätze, in denen Gauland außerdem gar nicht selbst spricht, sondern scheinbar nur referiert, was „die Leute“ finden und haben bzw. nicht haben wollen. Etwas seltsam klingt nur die Formulierung „ein Boateng“ – denn in der Fußballnationalmannschaft spielt ja nur ein Boateng – Jérôme Boateng eben. Den „die Leute“ als Fußballspieler, so Gauland, gut finden. „Einen Boateng“ wollen sie aber „nicht als Nachbarn haben“. Den ganzen Artikel lesen

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