Kategorie: Europa


»Ein neues Gespenst geht um«

philos-am-bergWas ist Populismus? Diese Frage treibt wohl jeden um, der sich derzeit mit Politik beschäftigt. Über diese Frage diskutierten heute morgen Konrad Paul Liessmann und Thomas Vašek beim »Philosophieren am Berg«, der ersten Veranstaltung des Rahmenprogramms des diesjährigen Philosophicums in Lech. Liessmann ist der wissenschaftliche Leiter des Philosophicums, Thomas Vašek Chefredakteur von HOHE LUFT, und beide sind Österreicher – die Populismusfrage hat für sie da eine besondere Bedeutung. In Österreich greift die populistische FPÖ nach der Macht. Den ganzen Artikel lesen

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Der Brexit und die Verantwortung

Verlässt Großbritannien die Europäische Union? Allein der Umstand, dass diese Frage jetzt noch diskutiert wird, zeigt, dass etwas Grundsätzliches faul ist im Staate Großbritannien nach dem Referendum des letzten Donnerstags. Austreten oder nicht, das ist eine souveräne Entscheidung Britanniens, und der Volkssouverän hat gesprochen. Was also gibt es noch zu deuteln? Den ganzen Artikel lesen

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Großbritannien geht

Überraschung und Entsetzen weithin in Europa: Die Briten haben sich dafür entschieden, die Europäische Union zu verlassen.

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HOHE LUFTpost – Bedrohung, die Zweite

HOHE LUFTpost vom 01.04.2016: Bedrohung, die Zweite

Auf die letzte HOHE LUFTpost, die von Terrorismus, abstrakter und konkreter Bedrohung handelte, schrieb mir eine Leserin aus Frankreich. Dort sei von Bedrohung nichts zu spüren: »Alltag, Gewöhnung, Feiern«. Wenig überraschend kam die Rede auf die »German Angst«, die in Deutschland verbreitete Neigung, die eigene Angst zu kultivieren: nicht nur vor Terrorismus, sondern auch vor Infektionskrankheiten, saurem Regen, Radioaktivität, Zuwanderung und vielem anderen. So etwas endet leicht in Vorurteilen und Allgemeinplätzen. Den ganzen Artikel lesen

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Die Ästhetik der Gewalt

Es gibt derzeit viele Versuche, das durch radikalisierte Islamisten in die Welt getragene Böse rhetorisch zu bannen. Wie dem Terror antworten? Mit „Krieg“ (Gustave Hollande), „Wiedereinsetzung des internationalen Rechts“ (Etienne Balibar) oder „Klassenkampf“ (Slavoj Žižek)? Vokabeln wie diese implizieren, dass die Gewalt des Islamischen Staats und anderer terroristischen Organisationen einem Angriff auf unsere Vorstellungen von Moralität und Menschlichkeit gleichkommt.

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Dieser Terrorismus ist kein Nihilismus

Nach den Anschlägen von Paris ist viel von Nihilismus die Rede. Vom “Angriff der Nihilisten” schreibt die Süddeutsche Zeitung, der “Standard” nennt die Täter “Agenten des Nihilismus”, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung fragt, was “unsere Toleranz und Vernunft gegen den Nihilismus der Terroristen ausrichten” können. Das ist ein Missverständnis. Dieser Terrorismus ist kein Nihilismus. Im Gegenteil, er ist getrieben von dem Wunsch, dem Nihilismus zu entkommen. Wer die Biografien der Täter liest, nicht nur von letztem Freitag, sondern auch vom Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion, der kann ein Muster finden: Es sind gescheiterte Gestalten, die orientierungslos vor sich hin lebten, bis sie begannen, sich zu radikalisieren. Damit kam gefühlter Sinn in ihr Leben. Plötzlich war klar, was gut und was böse, was richtig oder falsch ist. Die Terroristen sind völlig verstiegene Sinnsucher. Das ist wichtig zu verstehen, wenn man verhindern möchte, dass Menschen zu Terroristen werden.

Dabei ist es kein Zufall, dass der Begriff des Nihilismus im Zusammenhang mit den Pariser Anschlägen aufkam. Am Freitag, den 13. November zeigte sich eine neue Stufe des Terrorismus – neu in seiner völligen Wahllosigkeit. Jeden, der an jenem Abend zufällig draußen im Café saß oder die Straße entlang ging, hätte es treffen können, ob arm oder reich, Christ oder Muslim, syrischer Flüchtling oder Investmentbanker. Eine komplett irrsinnige Gewalttat, begangen auf der Suche nach Sinn. Sie zeigt auch die Stärke dieses Bedürfnisses.

– Tobias Hürter

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Die Hydra des Terrors. Carl Schmitt als Autor der Stunde?

Reinhard Mehring ist Politikwissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Er schreibt hier darüber, was es bedeutet, wenn angesichts der tragischen Ereignisse von Paris vom „Ausnahmezustand“ gesprochen wird.

In diesen Tagen nach dem schwarzen Freitag vom 13. November 2015 erklingt an manchen Gedächtnisorten die hymnische Hippieutopie „Imagine“ von John Lennon. Man muss erinnern, dass das Lied über 40 Jahre alt ist und John Lennon erschossen wurde. „Imagine there’s no countries / It isn’t hard to do / Nothing to kill or die for / And no religion too / Imagine all the people living life in peace“. Das alte Lied ist heute ein sentimentaler Abgesang aus der Welt von gestern. Staatszerfall und offene Außengrenzen sehen wir heute anders, Staat und Religion schließen sich nicht mehr anarchistisch kurz. Die Politik wagt sich wieder an eine andere Rhetorik: Man spricht von Ausnahmezustand und Krieg. Den ganzen Artikel lesen

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Verantwortung für Flüchtlinge

Verantwortung für Flüchtlinge. Die moralische Macht der Bilder über das Bewusstsein

Wie ist eine Ethik der Hilfsbereitschaft denkbar? Der französisch-litauische Philosoph Emmanuel Lévinas sah in der Erfahrung des anderen Gesichts eine Grundlage für ethisches Handeln. Hans-Martin Schönherr-Mann, Professor für politische Philosophie an der LMU in München, darüber, wie uns diese Ethik angesichts der Flüchtlingsdramas an unsere Verantwortung erinnert.  Den ganzen Artikel lesen

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Gefühle? Gewissen!

Von Tobias Hürter

Wenn den Berichten und Kommentaren glauben kann, dann ist Deutschland derzeit im emotionalen Ausnahmezustand. Deutschland sei ein »Hippiestaat, der sich nur von seinen Gefühlen leiten lässt«, sagt der englische Politologe Anthony Glees. »Wir erleben in Echtzeit, wie sich die Gefühle eines ganzen Landes synchronisieren«, schreibt der »Zeit«-Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel. Gemeint sind natürlich die bewegenden Szenen, die sich am Münchner Hauptbahnhof und anderswo abspielen. Deutsche umarmen ankommende Flüchtlinge. Hilfsorganisationen werden überschwemmt von Spenden. Allerdings bezweifle ich, dass man diesen Berichten und Kommentaren wirklich glauben kann. Deutschland wird nicht von seinen Gefühlen geleitet. Sondern vom Gewissen. Das ist ein wesentlicher Unterschied – und gut so.

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Was ist Flucht? Von der Realität und Aggression der Bilder

In diesen Tagen scheint es nur ein einziges Thema zu geben: Flucht. Es vergeht kein Tag, an dem uns die Medien nicht über die Schicksale unzähliger Unbekannter informieren, Menschen aus Syrien, Eriträa oder dem Kosovo, die zu Tausenden Zugang zum sicheren Europa suchen. Wir hören und lesen nicht nur, was derzeit passiert – wir sehen es auch. Welchen Stellenwert hat das, was wir da sehen? Müssen wir uns damit konfrontieren oder dürfen wir einfach wegschauen? Wie sollen wir mit der Bilderflut umgehen?

Fotos von Flucht und Flüchtlingen sind zur Zeit allgegenwärtig. Man sieht Menschen auf Schlauchbooten, in Bahnhöfen und Zügen, in Auffanglagern, an Grenzzäunen. Die Fotos bewegen und rühren uns, sie machen uns betroffen. Aber sie tun noch mehr. Sie bannen uns. Sie üben auf eigentümliche Weise Gewalt auf uns aus.

Nehmen wir das umstrittene Foto der toten Flüchtlinge, die kürzlich in einem abgestellten Laster in der Nähe von Wien gefunden wurden. Die Wiener „Kronen-Zeitung“ hatte das Foto veröffentlicht, und danach auch „Bild“. Das Foto zeigt einen Blick ins Innere des LKWs; auf der Ladefläche aneinanderkauernde Männer in Freizeitkleidung, an der Innenseite der offenen Türflügels Spuren einer dunklen Flüssigkeit. Was man nicht sieht, sind die Gesichter der Menschen.

Ein ganz anderes, scheinbar unkontroverses Foto, publiziert unter anderem von der »Süddeutschen Zeitung“, zeigt zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder, die im Begriff sind, unter einem Stacheldrahtzahn hindurchzukriechen.

Auf einem dritten Bild sieht man einen kleinen Jungen vollständig bekleidet und durchnässt an einem Sandstrand liegen. Sein Kopf, dem offenen Meer zugewandt, ruht an der Wellenkante, als würde er schlafen. Das Foto des toten Jungen ging innerhalb eines Tages um die Welt. Als Philosophiezeitschrift sind wir der Auffassung, dass wir die Pflicht haben, dieses Bild zu veröffentlichen und dazu Position zu beziehen.

So unterschiedlich diese Bilder sein mögen, sie alle haben etwas gemein. Alle drei sagen weder die Wahrheit, noch lügen sie. Bilder sind keine sprachlichen Gebilde, sie haben keinen begrifflichen Gehalt. Doch eben dieses Un-Begreifbare überwältigt uns. Laut dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp konstituieren Bilder Wirklichkeit. Wir glauben, es geht um noch mehr.

Die Realität des Fotos zwingt uns zu einer Reaktion, zu einem Urteil: Von „Wie schrecklich“ über „Die armen Menschen“ bis hin zu „Das darf nicht mehr passieren“. In jedem Foto verbindet sich das Motiv mit einer visuellen, begriffslosen Didaktik. Es belehrt uns über die Wirklichkeit, indem es einen bestimmten Ausschnitt zeigt, der wiederum eine bestimmte Realität konstituiert, zu der wir uns verhalten müssen.

Das Bild der toten Flüchtlinge im Laster ist nun real, ob wir seine Veröffentlichung ethisch billigen oder nicht. Wie das Foto der Flüchtlinge am Stacheldraht und jenes des Kinderleichnams reduziert es die Komplexität der Flüchtlingssituation auf ein unsprachliches, imperativisches: „So ist es!“Die drei Fotos sind exemplarisch für alle Bilder, die tagtäglich unseren Alltag fluten. Diese Bilder belehren uns, was Flucht ist.

Flucht ist gesichtsloser Tod. Flucht sind angstvolle, weinende Gesichter. Flucht ist ein lebloses Kind. Die Fotos behelligen uns in aggressiver Weise. Sie drängen uns ihre Sicht der Dinge auf…und schon folgen weitere. Je mehr Bilder auf uns einströmen, desto größer wird die Gefahr, dass sie die Bilder substituieren, die als Ergebnis eines Reflexionsprozesses in unserem Kopf entstehen.

Zugleich substituiert die Bilderflut die Begriffe, die nötig sind, um überhaupt vernünftig urteilen zu können. Ein einziges Bild – das Foto eines toten Kindes – kann zum Handeln veranlassen. Eine Überfülle von Bildern aber lähmt unser Denken. Daraus folgt jedoch nicht, dass wir unsere Augen vor der Allgegenwärtigkeit der Bilder verschließen sollen – wir können es auch gar nicht.

Fotos sind wirklich. Wir müssen die Realität der Bilder in ihrer schieren Quantität ernst nehmen, sie auf uns wirken lassen, uns von ihnen Gewalt antun lassen. Aber wir brauchen Begriffe, Sprache, Texte, um der bildlichen Aggression zu widerstehen. Wir brauchen sachliche Reflexion inmitten der Bilderflut.Wir brauchen die Philosophie. Damit wir unsere Passivität loswerden. Damit wir anfangen können, uns wie vernünftige Menschen zu benehmen. Um das eine Bild aus der Masse der vielen heraus zu sondern, das uns motiviert zu handeln. Zu helfen.

Rebekka Reinhard, Thomas Vašek

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