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Des Meisters neue Kleider

Sidonie KellererSidonie Kellerer lehrt Philosophie an der Universität Siegen. Sie nimmt hier Stellung zu den Interviews mit Peter Trawny und Donatella die Cesare. Für sie sind beide nicht kritisch genug und neigen nach wie vor dazu, Heideggers nationalsozialistische Überzeugungen zu verharmlosen.

Veränderte Perspektive

Lange wurde von Heideggers philosophischer Tiefe gesprochen, die unberührt geblieben sei von kurzen politischen Verirrungen. Nicht erst seine im vergangenen Frühjahr veröffentlichten Schwarzen Hefte haben diesen Mythos gründlich zerstört. Die von bloßer Vernunft scheinbar unangreifbaren, aus der Dunkelheit des Seyns aufsteigenden Erkenntnisse des Philosophen sind nunmehr für jeden erkennbar von Rassismus und Nationalismus durchdrungen und entsprechend unhaltbar geworden.

Wer dennoch weiterhin Tiefe propagieren will, sucht neue Ansätze. Donatella di Cesare hält noch die ungeheuerlichsten Aussagen Heideggers für philosophisch relevant, wenn sie unbeirrt erklärt, dass wir „heute Heidegger mehr denn je“ brauchen „selbst um die Shoah zu verstehen“ (Interview mit Hohe Luft vom 10.02.2015). Peter Trawny, der Herausgeber der Schwarzen Hefte, sieht Heideggers Antisemitismus weder als rassistisch noch als grundlegend für seine Seinsgeschichte, sondern als Ergebnis einer ebenso rätselhaften wie plötzlichen philosophischen „Erblindung“ (Interview mit Hohe Luft vom 18.02.2015). Des Denkers Ausfälle gegen die Juden, seine Teilhabe am NS-Verbrechensregime war, so erfährt der Leser, eine eigenartige Mischung von „privaten Ressentiment“ und Verführtsein, „eine große Dummheit“, ein rätselhafter „dunkler Punkt“ in einem Denken, das immerhin die Größe gehabt habe, sich der Tragik des Seins zu stellen.

Überfällig ist es heute, Heideggers kryptische Texte nicht mehr gläubig als dunkel tiefgründige Botschaft, sondern kritisch zu lesen. Das Versteckspiel des „gewaltsamen Esoterikers“ (Dolf Sternberger) aufzudecken und die Tatsache, dass er sich „nie und bewußt nie unmittelbar“ (GA 94, S. 243) mitteilte, sollte ernst genommen werden als beabsichtigte Strategie der Irreführung, um mit philosophisch veredelten Wortgebilden den „Kampf um die Wesensbefreiung“ der Deutschen zu führen, den Kampf, der keineswegs abstraktes „Narrativ“ oder „Denkfigur“ ist – wie Trawny stereotyp betont – sondern verbrämte Bezeichnung des konkreten „äußersten Existenzkampfes“ (GA 96, S. 263) der Nazis, ihrer unmenschlichen militärischen und rassistischen Vernichtungsaktionen.
Mehr als deutlich wird Heideggers indirekte Sprache in dem Zitat aus dem Band 97, das Di Cesare und Trawny preisgeben und das Heidegger irgendwann im Jahre 1946 notierte:

„Wäre z.B. die Verkennung dieses Geschickes – das uns ja nicht selbst gehörte, wäre das Niederhalten im Weltwollen – aus dem Geschick gedacht, nicht eine noch wesentlichere ‚Schuld’ und eine ‚Kollektivschuld’, deren Größe gar nicht – im Wesen nicht einmal am Greuelhaften der ‚Gaskammern’ gemessen werden könnte – ; eine Schuld – unheimlicher denn alle öffentlich ‚anprangerbaren’ ‚Verbrechen’ – die gewiß künftig keiner je entschuldigen dürfte.“ (GA 97, 99-100 – Anführungszeichen und Hervorhebungen von Heidegger)

Das Wort vom „Greuelhaften der ‚Gaskammern’“, mit der so gezielten wie abgründigen Verwendung der Anführungszeichen, ist keineswegs als Eingeständnis einer Schuld oder einer Einsicht angesichts des Barbarischen der NS-Verbrechen zu verstehen, sondern als perverses Spiel mit dem Terminus „Greuelhetze“, den die Nazis zum Beispiel beim ‚Aprilboykott’ 1933 benutzten, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen. Dies verdeutlich z.B. Victor Klemperers Eintrag in seiner LTI vom 27.3.1933: „Die Weltjuden treiben ‚Greuelpropaganda und verbreiten ‚Greuelmärchen’, und wenn wir hier im geringsten etwas von dem erzählen, was Tag für Tag geschieht, dann treiben eben wir Greuelpropaganda und werden dafür bestraft“.

Doch selbst solche Formulierungen Heideggers werden nicht als die Warnsignale betrachtet, die sie sind. Der Herausgeber beteuert zwar seine persönliche Betroffenheit, die ihm einige der Aussagen der Schwarzen Hefte abnötigen, gibt sich aber letztlich einer eigentümlichen Faszination im Zeichen des Vulkans und des Feuers hin (z.B. Abschnitt 17 seiner Irrnisfuge. Freiheit wird dort bestimmt als „Ekstase der Flamme und des Sturzes“), ganz im Sinne von Heideggers etwa 1938 formulierten Apologie der „Dunkelheit unseres [deutschen] Wesens“ (GA 95, S. 12).

Für Di Cesare wie für Trawny hat sich Heidegger ungeachtet seiner antisemitischen Aussagen bereits Mitte der 1930er Jahre von den Nationalsozialisten abgewandt. Seine Distanzierung vom Naziregime bestehe darin, in ihm den Ausdruck der universalistisch-technizistischen Moderne erfasst zu haben. Diese Ansicht aber ist unzutreffend, sie beruht auf Heideggers Revision der Tatsachen nach dem Krieg. Noch 1938 kritisiert er am NS-Regime die Gefahr seiner Verweichlichung, er dürfe kein „Rational-sozialismus“ werden. Das „unbedingte Verbrechertum des neuzeitlichen Menschenwesens“ (GA 96, S. 266), die „Seuche“, die er ca. 1940 anprangert, bezeichnete allerdings für ihn keineswegs den Nationalsozialismus, sondern in erster Linie die allesamt verjudeten Bolschewiki, die nichts als Agenten des „Weltjudentums“ seien.

Der Weg zur Aufklärung, die Öffnung der Archive

Es ist immerhin positiv, dass nun, ein Jahr nach Erscheinen der Schwarzen Hefte, auch deren Herausgeber die Notwendigkeit einer historisch-kritischen Herangehensweise an Heideggers Texte anspricht und die Streichung einer anstößigen Stelle in Band 69, Die Geschichte des Seyns (1998) erwähnt. Wie Eggert Blum vor einigen Monaten in Die Zeit erläuterte (Nr. 47 vom 13.11.2014, S. 46), handelte es sich um Heideggers unsägliche Frage, „worin die eigentümliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum begründet ist“.

Es ist längst bekannt, wie sehr in die ‚Gesamtausgabe’ eingegriffen wurde. Nach Recherchen im Archiv habe ich schon 2011 gezeigt, dass Heidegger den für seine Nachkriegsrehabilitierung zentralen Text „Die Zeit des Weltbildes“ als Vortrag von 1938 herausgegeben hat, aber ihn subtil an zentralen Stellen verfälschte und so seine uneingeschränkte Anhängerschaft zur NS-Ideologie erfolgreich als kritische Distanz erscheinen ließ. Seither verweigern der Nachlassverwalter und der Verlag Klostermann die Genehmigung, den ursprünglichen Wortlaut der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es ist höchste Zeit, die Zensur im Umgang mit Heideggers Nachlass zu beenden, d.h. einen unbeschränkten Zugang und das Recht einzuräumen, die Ergebnisse der Forschung auch zu veröffentlichen.

Dass Günter Figal nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte als Vorsitzender der Deutschen Heidegger-Gesellschaft zurücktrat, glaubt Di Cesare als unphilosophische Geste kritisieren zu müssen. Besser wäre es gewesen, wenn sie und Trawny für die Öffnung des Heidegger-Nachlasses plädiert hätten oder, noch besser, wenn auch sie mit ihrem Rücktritt aus der Heidegger-Gesellschaft gedroht hätte, falls dies nicht geschieht. Ohne einen solchen Schritt bleibt das Verlangen nach öffentlicher Diskussion eine Farce.

Was ist davon zu halten, dass Donatella di Cesare und Peter Trawny ihr Privileg des vorzeitigen Zugangs zum Heidegger-Nachlass dazu nutzen, noch die schlimmsten Aussagen Heideggers zu relativieren und öffentlich zu entschärfen? Angebracht wäre es stattdessen zu verdeutlichen, wie Heidegger im philosophischen Gewand die Vernichtungspolitik der Nazis argumentativ begleitete und wie er nach dem Krieg, trotz seiner Unterstützung des Verbrechensregimes, enormen Einfluss gewinnen konnte. Denn um Unterstützung eines Verbrechensregimes geht es. Trawnys Unterstellung, es sei zu unterscheiden zwischen dem ‚tragischen Heidegger-Ödipus’ und dem „Deutschen, der im Vernichtungslager arbeitete“ (Trawny, zit. Interview) läuft ins Leere. Es geht nicht nur um Heideggers individuell aufweisbare Mitwirkung an NS-Verbrechen, denn das NS-Regime war, wie die Historiker längst wissen, eine komplexe „Kooperationsstruktur mit verbrecherischen Zielen“ (Michael Schefczyk, Verantwortung für historisches Unrecht. 2012, S. 198). Es geht um die Frage, wie Heidegger sich mit dem Mittel, das er am besten beherrschte, seiner ‚Philosophie’, an der Bildung und Aufrechterhaltung des NS-Verbrechensregime beteiligt hat. Damit geht es um „persönliche (und durchaus auch strafwürdige) Verantwortung für historisches Unrecht“ (Armin Nolzen, „Mitgliedschaft in der NSDAP nach 1933“, Vortrag gehalten am 20.2.2014 in Oldenburg. Abrufbar hier).

Vergeblich sucht man in den Interviews des Herausgebers der Schwarzen Hefte und der Vorsitzenden der italienischen Heidegger-Gesellschaft – die der Philosoph Hassan Givsan als „Eiertänze“ bezeichnet (Information Philosophie, Dezember 2014, S. 76) – etwas über Heideggers entscheidende Selbstinszenierungen nach dem Krieg, seine Textklitterungen und die Funktion seiner kryptisch pseudo-philosophischen Sprache.

Was ist davon zu halten, wenn im Namen philosophischer Komplexität und „an-archischer Freiheit“ Trawny in seiner Irrnisfuge unpassend und rücksichtlos Paul Celan vereinnahmt und die Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern verwischt? Heidegger erscheint dadurch selbst als Opfer der Geschichte. Er teile den Schmerz der Begegnung mit Celan, könne der „Schmerz-Geschichte der Shoa“ „nicht entrinnen“. Von „Eingeständnis“ einer Schuld kann, anders als Trawny es sieht, bei Heidegger aber keine Rede sein. Im Gegenteil: Heidegger zufolge haben die Alliierten unermessliche Schuld auf sich geladen, indem sie die Deutschen in ihrer seinsgeschichtlichen Aufgabe aufhielten, „das Prinzip der Zerstörung“ (GA 97, 29), womit er die Juden meint, vom Erdboden zu tilgen.

In welch’ wechselnder Uniform Heideggers Ideologie auch auftritt, als philosophische Tiefe kann sie, nach allem was wir heute wissen, nicht mehr gelten, und keinem Verlag und keinem Herausgeber sollte es freigestellt sein, die Texte verfälscht, unzureichend dokumentiert und ohne den nötigen Zugang zu den Archiven zu publizieren.

Sehr herzlich danke ich Emanuele Caminada und Armin Nolzen für Ihre klugen, differenzierten, kurz stets bereichernden Kommentare.

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Charlie Hebdo und der Kampf für die Aufklärung

Kurz vor Drucklegung unserer nächsten Ausgabe erreichte uns die Nachricht vom Anschlag auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo.

Wir haben einen neuen Leitartikel geschrieben, gewidmet Charlie Hebdo – einem Blatt, das wie kaum ein anderes für die Redefreiheit steht, einen der wichtigsten Werte unserer Gesellschaft.

Den Leitartikel können Sie ab sofort hier online lesen.

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Das Geheimnis der Macht

HL_fb_profilbild_0614Macht ist unheimlich. Sie wird zu häufig missbraucht, ist oft ungleich verteilt und kann großen Schaden anrichten. Dabei ist sie allgegenwärtig, begegnet uns am Frühstückstisch und bei der Steuererklärung.

“Ein Leben im machtfreien Raum – das ist eine Illusion“ meinen die HOHE LUFT Chefredakteure Thomas Vašek und Tobias Hürter. Gerade deswegen ist der offene Diskurs über Machtverhältnisse umso wichtiger. Nur so kann man der Macht ihre Unheimlichkeit nehmen. Die ganze Titelgeschichte “Das Geheimnis der Macht” aus der aktuellen Ausgabe 06/2014 können Sie jetzt auch online lesen.

Viel Spaß!

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Der bewegte Mensch

Arbeiten wann und wo man will – das ist der Anspruch der »Digitalen Nomaden«. Dank der neuen Technologien und der nahezu flächendeckenden Internetversorgung braucht man für viele Tätigkeiten nicht mehr im Büro zu sitzen. Doch nicht alle finden den Gedanken des tragbaren Büros praktisch. Einige sehen in der steigenden Mobilität die Gefahren von Entwurzelung und Orientierungslosigkeit.
Bedeutet Mobilität Ortlosigkeit? Oder gewinnt der Ortsbegriff in einer mobilen Gesellschaft nur eine neue Bedeutung?

Hier können Sie den Artikel »Der bewegte Mensch« aus der aktuellen Ausgabe online lesen. Viel Vergnügen!

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Ein totalitärer Denker

Unter dem Hashtag #schlussmitheidegger plädieren wir derzeit dafür, endlich mit der Verteidigung des umstrittenen Philosophen Martin Heidegger aufzuhören.

Nicht alle teilen diese Meinung, es werden auch Gegenstimmen laut.

Im Rahmen dieser Diskussion möchten wir Ihnen den ausführlichen Artikel “Ein totalitärer Denker” unseres Chefredakteurs Thomas Vašek nicht vorenthalten, der in der Ausgabe 06/14 am 25.09. erschienen ist. Ab sofort ist der Artikel hier in voller Länge zu lesen. 

Wir sind weiterhin gespannt auf Ihre Meinung! Sollen wir ohne Heidegger denken? Oder geht es nicht ohne ihn?

Schreiben Sie uns auf Facebook oder twitter.

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Die Ethik des Stil

Guter Stil ist mehr als eine Art, sich zu kleiden oder zu geben. Er ist eine Frage der Haltung. Es geht um Anstand, Respekt und Würde. Denn Stil hat nicht nur mit Geschmack zu tun, sondern auch mit Moral.

Der ganze Artikel zur Ethik des Stils aus unserer aktuellen Ausgabe ist jetzt online und kann hier gelesen werden.

Viel Spaß!

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KLAPPE HALTEN! SONST KNALLT’S!

Der Bonner Autor Akif Pirinçci hat eine Hasstirade in Buchform geschrieben.
Wie geht man mit so etwas um?
Ignorieren? Wäre fahrlässig.
Verbieten? Wäre kontraproduktiv.

Im Leitartikel aus der nächsten Ausgabe von HOHE LUFT plädieren Thomas Vašek und Tobias Hürter dafür zurückzuschlagen, denn: Redefreiheit muss für alle gelten.
Der Leitartikel kann bereits jetzt hier gelesen werden.

Viel Spaß!

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WENIGER HABEN UND MEHR SEIN

Besitz macht bekanntlich nicht glücklich. Dennoch giert alle Welt danach. Aber sollten wir uns nicht vielmehr über unser Sein definieren? Lässt sich vielleicht sogar eine Brücke vom Haben zum Sein schlagen?

Thomas Vašek und Tobias Hürter gehen diesen Fragen in ihrem Artikel aus der aktuellen Ausgabe von HOHE LUFT nach – und haben einen Vorschlag für einen Ausweg. Der ganze Beitrag kann jetzt auch online hier gelesen werden.
Viel Spaß – wir freuen uns auf Ihre Meinung!

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DIE ANDERS-MACHER

„Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn verleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten als den Andersdenkenden.“, schrieb einst Friedrich Nietzsche in seinen „Gedanken über die moralischen Vorurteile“. „Anders-Sein“ ist ein äquivoker Begriff, er kann sowohl positiv wie negativ konnotiert sein – abhängig vom jeweiligen Gebrauch. Jedenfalls enthält er eine stark normative Komponente. Während Nietzsche zugunsten der „Andersdenkenden“ argumentiert, stößt der Begriff des „Anders-Seins“ im alltäglichen Sprachgebrauch nicht immer in dieselbe Richtung. Wer jemandem „Andersartigkeit“ attestiert, kann damit meinen, dass dieser Jemand seltsam und darum anders ist, zugleich kann damit aber auch jemand bezeichnet werden, der anders im Sinne von besonders ist. So kann ein außerordentlich begabter Schriftsteller, ein Genie, genauso „anders“ sein wie das Mitglied einer Subkultur. In beiden Fällen kann „Anders-Sein“ positiv wie negativ ausgelegt werden.

Anders-Sein heißt erst einmal „nicht-gewöhnlich“ – es bewegt sich abseits der Norm. Nicht selten stellen „Andersartige“ gängige Vorstellungen in Frage und rütteln an den Grundfesten unseres kulturellen Normensystems. Der außerordentlich begabte Schriftsteller kann gegen die Gesellschaft anschreiben, der Punk optisch ein Zeichen zur Abgrenzung setzen, etwa durch das Tragen eines Irokesen.
„Andersartigkeit ist für eine Gesellschaft enorm wichtig“, sagt Soziologe Prof. Ronald Hitzler im ARD-Nachtcafé zur Frage „Anders sein – Bürde oder Chance?“. Nur durch Andersartigkeit, so Hitzler, kann Neues entstehen, können Entwicklungen angestoßen werden. Die „Anders-Seienden“ warten mit Ideen und Ansichten auf, die gleichermaßen unkonventionell, befremdlich wie innovativ sein können. Was sie vom durchschnittlichen „Normalo“ unterscheidet, ist ein außergewöhnlicher Blick auf Gesellschaft, Politik oder Kunst.

So verfasste etwa Beststeller-Autor Timothy Ferriss ein leidenschaftliches Plädoyer für eine 4-Stunden-(Arbeits-)Woche in seinem gleichnamigen Buch, das immerhin Platz 1 auf der New York Times-Bestsellerliste belegte. Ferris, der ganz nebenbei auch noch den Weltrekord für die meisten aufeinander folgenden Tango-Drehungen in einer Minute hält, verteidigt darin das MBA: Management by Absence. Man mag von diesem Ansatz halten, was man will – Ferriss rührt mit seinem Konzept an ein Tabu, indem er die klassische 40-Stunden-Woche in Frage stellt.
Und darin liegt letztlich auch die Zündkraft der „Anders-Seienden“: Obwohl sie in der Unterzahl sind, kommt gerade ihnen das Potenzial zu, Veränderungen durchzusetzen. Wieso? Sie haben den Mut, Neues zu denken – und anders zu handeln.

Veranstaltungshinweis:
Die Konferenz für Andersmacher: Am 15.05. findet ACT DIFFERENT! im Kosmos Berlin statt. Die Konferenz bietet eine Plattform für Ideen, Erfahrungen und Grundhaltungen, die nicht selbstverständlich sind. 13 Impulsgeber vermitteln großartige Ideen aus ungewohnter Perspektive.
HOHE LUFT verlost 1 Karte im Wert von 990€!
Schreiben Sie uns einfach eine Nachricht – mit etwas Glück sind Sie dabei!

- Christina Geyer

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Kunst meets Öffentlichkeit

„Kunst im öffentlichen Raum kann andere Atmosphären schaffen, die gewohnten Kleinigkeiten des Alltags umstellen und Ideen weiter tragen. Es sind die sozialen Kräfte, die bei den Interventionen das Verständnis der Themen auslösen“, sagt Matthias Ulrich, Kurator der Schirnkunsthalle in Frankfurt, gegenüber dem Kunstmagazin art. Kunst im öffentlichen Raum meint die Erschließung städtischer Räume und findet meist in sogenannter „Street Art“ oder „Urban Art“ ihren Ausdruck. Hannah Arendt schreibt in ihrem Werk „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“ von einem „Zwischen“, einem Raum, der durch „Handeln und Sprechen“ etabliert wird. Ein solcher Raum muss gemäß Arendt öffentlich sein, da erst die Öffentlichkeit das Selbst sichtbar machen kann. Das muss konsequenterweise auch auf Kunst zutreffen – oder kann sich Kunst auch dann noch Kunst nennen, wenn sie auf dem Dachboden verstaubt? Wohl eher nicht. Vielmehr scheint die Öffentlichkeit ein zentrales Moment von Kunst zu sein: Sie gibt sich somit, im Licht der Öffentlichkeit, ihren Betrachtern preis.

Koppelt man Kunst nun an öffentliche Räume, so verändert sich der Charakter von Öffentlichkeit – der Raum wird gewissermaßen umgewidmet, umgeschrieben und kann in diesem Sinn als Heterotopie verstanden werden. Der Neologismus Heterotopie wurde vom Philosophen Michel Foucault (1926-1984) geprägt – er meint damit „wirkliche Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen, tatsächlich realisierte Utopien, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können“. Ein gelungenes Beispiel für eine solche Heterotopie ist die  Messe STROKE ART FAIR  (30.04.-04.05.2014) in München, die junge, spannende und vor allem bezahlbare Kunst präsentiert. Die STROKE nutzt dafür öffentlichen Raum – genauer: Die Praterinsel in München. Dabei verschmelzen öffentlicher Raum und Kunst zu einem Gesamt(kunst)werk, zu urbanem Lifestyle. Überlebensgroße Figuren lehnen an Bäumen, während Wände von Sprayern live vor Ort bemalt werden. Heuer gibt es sogar ein Tattoo-Studio auf der Praterinsel – für alle, die Kunst im wahrsten Sinne des Wortes hautnah erleben wollen.

Öffentlicher Raum wird genutzt, um etwas zu präsentieren, wobei das Zu-Präsentierende selbst auf den Raum angewiesen ist, der es nämlich erst zu dem macht, was es ist. Das heißt: Öffentlicher Raum und Kunst bedingen sich wechselseitig und ergeben erst in Kombination das endgültige Ergebnis. Und damit wird die STROKE Art Fair auch „eine Art junge Protestaktion gegen den klassischen Kunstmarkt, der mit seinen Höchstpreisen eine Welt schafft, die nur einer handvoll Menschen zugänglich ist.“ (Kultur-Port)
Raiko Schwalbe, der gemeinsam mit seinem Bruder Marco Schwalbe die STROKE Art Fair ins Leben gerufen hat, bestätigt das auf der Webseite der Schwestern-Messe ARTMUC (29.05.-01.06.2014), die ebenfalls in München stattfindet: „Im Gegensatz zu vielen anderen Messen geht uns nicht um eine möglichst schnelle Gewinnmaximierung. Die Teilnehmergebühren für die ARTMUC sind daher keine absurden Beträge. Andere Veranstaltungen auf ähnlichem Niveau kassieren gern mal das Zehnfache.“

Was in dem Fall aus der Verbindung von öffentlichem Raum und Kunst resultiert, ist eine Plattform, die sich durch Erlebnis, Gestaltung und Statement auszeichnet. Pop-Art trifft auf Live-Acts, Graffitis auf schreiend bunte Bilder. Kultur-Port prophezeit: „Es ist zu erwarten, dass das Einheitsschwarz der sonst üblichen Kustmessengänger auch bunter Neonkleidung und auffälligen Turnschuhen weichen muss.“ – und vielleicht ist das das größte Verdienst der STROKE: Sie weicht gängige Assoziationen zur Kunst auf und schreibt sich Understatement auf die Fahnen. Überteuerte Farbkleckse auf weißer Leinwand sucht man hier vergeblich – und das ist auch gut so.

- Christina Geyer

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