Kategorie: Aktuell


Amok der Begriffe


Der Täter von München war also ein »Amokläufer«, und kein »Terrorist«. Das klingt zunächst beruhigend. Es gibt eine Kategorie, in die diese Bluttat passt. Der Täter ist nicht nur tot, sondern auch auf den Begriff gebracht. Wir können die Ereignisse von München mit ähnlichen Taten vergleichen, etwa mit Amokläufen wie jenem an der Columbine High School oder in Winnenden. Man kann die psychischen Probleme des Täters rekonstruieren, seine familiäre Situation.

Aber was, wenn morgen der IS die Tat für sich reklamiert, obwohl es keinerlei evidente Verbindung gibt? Und was, wenn der nächste IS-Täter sich das Szenario von München zum Vorbild nimmt? Was unterscheidet die Tat von München dann von einem wirklichen Terrorakt?

Natürlich ist es wichtig, zwischen verschiedenen Tätertypen zu differenzieren. Es macht einen Unterschied, ob jemand aus persönlicher Verzweiflung gehandelt hat, aus einer narzisstischen Kränkung – oder eben aus politischen oder religiösen Beweggründen. Aber nicht immer lassen sich Motive deutlich erkennen; oft kann man sie auch nicht klar voneinander unterscheiden.

Es genügt nicht, Taten und Täter nur nach ihren Motiven zu beurteilen und zu kategorisieren. Man muss die praktischen Konsequenzen der Taten betrachten.

Im Fall von München hat es dieser 18jährige mit seiner Bluttat geschafft, eine Großstadt für eine Nacht in den Ausnahmezustand zu versetzen und weltweite Reaktionen auszulösen. Auch wenn David S. kein »Terrorist«, sondern »nur« ein Amokläufer war: Er hat »Terror« im Wortsinn verbreitet, also Angst und Schrecken, und zwar auf ungeheuer effektive Weise. Zu fürchten ist, dass andere versuchen werden, es ihm gleich zu tun, ob sie politische und religiöse Motive haben oder nicht.

Wenn wir den Terror bekämpfen wollen, müssen wir uns stärker mit seinen Konsequenzen beschäftigen – also letztlich auch damit, wie wir alle auf solche Taten reagieren, ob auf Facebook oder sonstwo. Was Terror ausmacht, das sind nicht die Motive einer Tat, sondern deren Folgen. Thomas Vašek

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22. Juli 2016

Wir sind traurig und schockiert. Unsere Gedanken sind bei den Menschen, die gestern in München ums Leben gekommen sind, bei den Verletzten, Angehörigen, Helfern und Polizeikräften.

Die »Hohe Luft«-Redaktion (Standort München)

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Ganz real? Nicht wirklich!

Wie verändert Pokémon Go unser Verhältnis zur Realität? Unsere Autorin Maja Beckers hat sich über das Hype-Spiel ein paar Gedanken gemacht – und wieder mal Foucault gelesen.

Begegnung im Hamburger Verlagsinnenhof

Begegnung im Hamburger Verlagsinnenhof

In New York springen Leute aus ihren Autos, lassen den Motor laufen und die Tür auf, um schnell im Central Park Vaporeon (auf Deutsch: Aquana) zu fangen, ein seltenes Pokémon, das hier nachts aufgetaucht ist.

In Oregon bitten Polizisten ein Paar, eine Gegend zu verlassen. Als sie weggehen, hören sie die Polizisten Witze darüber machen, wie sie jetzt alle Pokémons hier für sich haben können.

In München ist ein junger Mann mit Joint in der Hand so lange vor zwei Streifenpolizisten hin und hergegangen, bis sie die Lunte rochen und ihn baten, mit auf die Wache zu kommen. Sein Blick fiel auf den Joint: „Ach ja, Mist“, hat er gesagt, „darf ich trotzdem noch schnell die Arena einnehmen?“ Er durfte.

Zwei Leichen wurden gefunden, weil Leute plötzlich rumstreunern, wo sie sonst keinen Fuß hinsetzen würden und die Feuerwehr bittet darum, nicht mehr die Notfallnummer anzurufen, um zu fragen, ob man auf der Wache vorbeikommen könnte, da säße ein Pikachu.

Seit Pokémons auf den Straßen sitzen, durch Bars, Schulen und Museen schweben, benehmen sich Menschen massenweise ziemlich seltsam. Das Spiel bricht reihenweise Rekorde, ist beliebter als Tinder und Twitter, hat den Börsenwert von Nintendo verdoppelt, überall Superlative. Wenn die Welt sich gerade anfühlt, als fällt sie auseinander, fühlt sich diese gemeinsame Euphorie nach einem Stück vermisster Einheit an. „Who says, America can’t unite?“ ruft eine Frau in eine Kamera. Dabei ist das Spiel als Spiel gar nicht besonders gut, aber die Momente, in denen die virtuelle auf die einfache Realität prallt, sind es.
Und davon werden wir in Zukunft mehr haben, wenn Augmented Reality normaler wird. Deshalb sollten wir darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn virtuelle Bilder nicht mehr in Bildschirme gesperrt sind, sondern sich in die Welt legen.

Wer ein paar Pokémon gefangen hat, kennt jetzt das Gefühl, ‚was gibt es hier, das ich nicht sehe?‘, und greift dann zum Handy, um die Parallelwelt sichtbar zu machen, wie die Ghostbusters zu ihren Ecto-Brillen. So schaffen die in die Welt gesetzten Bilder einen eigenen Parallel-Raum. Pokéstops sind wie Seifenblasen, in denen nicht die Regeln der Gesellschaft gelten, sondern die des Spiels. Darin ist es völlig normal, dass man die Fremden im Park neben sich anspricht oder sich in einen fremden Vorgarten setzt, weil hier eine Arena ist, in der man seine Pokémons trainieren kann. Pokémon Go schreibt deshalb so viele Geschichten, weil hier soziale Regeln gebrochen werden. Es ist kein Zufall, dass vor allem diejenigen viral gehen, die mit der Polizei zu tun haben, dem Hüter der Regeln.

Es gibt in der Philosophie eine Bezeichnung für solche Orte, quasi Antiorte, innerhalb derer das übliche gesellschaftliche Gefüge außer Kraft gesetzt ist, Michel Foucault nennt sie Heterotopien. Es sind tatsächlich realisierte Utopien, die gesellschaftliche Verhältnisse neutralisieren oder umkehren. Hier kommt zusammen, was normalerweise nicht zusammenkommt, Foucault nennt zum Beispiel den Botanischen Garten, in dem nebeneinander wächst, was normalerweise über die Welt verstreut ist, oder das Schiff, auf dem zum Beispiel Forscher, Admiräle und Arbeiter für eine Zeit zusammen leben. Sie sind reale Orte und gleichzeitig ein bisschen mythisch, manche gibt es nur kurze Zeit, wie etwa ein Festival, aber sie alle haben eigene Regeln. Und sie erfüllen eine wichtige Aufgabe gegenüber der Restgesellschaft: Durch ihr Anderssein, dadurch, dass sie eine Illusion erzeugen, entlarven sie das übliche Gefüge, „alle Platzierungen, in die das menschliche Leben gesperrt ist, als noch illusorischer“.

Als Foucault seine Idee in den 1960er Jahren entwickelte, dachte er noch nicht an virtuelle oder Mixed-Reality-Räume. Deshalb denken heute andere darüber nach, inwiefern etwa digitale Spiele Heterotopien erzeugen könnten, wie etwa der Literaturwissenschaftler Tobias Unterhuber. Er glaubt, besonders digitale Spiele, die wir mit dem Handy überall hintragen können, haben im Gegensatz etwa zu örtlich festgesetzten, wie ein Fußballspiel, ein besonderes Potential, denn sie sind noch mehr als andere Heterotopien „Umwertungen und vor allem auch Umdeutungen des eigentlich Vorhandenen, weil sie andere Orte besetzen.“ Besetzen fände der Mann, dessen Vorgarten gerade eine Arena ist, wahrscheinlich ein sehr passendes Wort.

Auf die Art kann in der Augmented Reality jeder Ort gleichzeitig seine eigene Alternative werden. Das macht diese Form der Heterotopien als Reflexionsort über gesellschaftliche Normen viel effektiver als ihre Vorgänger. Das hat sich, trotz der vergleichsweisen Banalität des Spiels, bei Pokémon Go schon gezeigt. Denn in den zwei Wochen, die das Spiel jetzt alt ist, hat es schon diverse Diskussionen zu gesellschaftlichen Normen ausgelöst. Die Aufregung über Pokémon-Jäger auf Friedhöfen und Gedenkstätten etwa. Darf man das? Nach einigem Diskutieren schien es aber Konsens, dass man die Norm dieser Ruhestätten erhalten wollte. Und diejenige, nicht aus Spiränzchen 110 zu wählen, auch.
Anders ist es mit dem Rassismus, den das Spiel entlarvt. Der Journalist Omari Akil beschrieb in einem Artikel für das Medium Magazin, wie Pokémon Go für ihn als Schwarzen lebensgefährlich sein kann, denn wenn er drei Mal um ein Haus geht, um Pokébälle zu finden, rufen die Leute die Polizei. Und viral ging die Geschichte eines älteren Weißen, der nachts zwei junge schwarze Mitspieler im Park kennengelernt hat. Die Dreierkombo weckte bei den örtlichen Polizisten gleich den Verdacht, es könne sich nur um einen Drogendeal handeln. „Es dauerte einige Minuten, bis wir dem Officer erklärt hatten, was wir hier tun“, schrieb der Mann, „und ein paar weitere, bis er sich das Spiel auch runterlud und mit uns auf Jagd ging“. Die Illusion hat rassistische Kategorien als illusorisch entlarvt und die Alternative gleich erlebbar gemacht, „in diesem Amerika möchte ich leben“, twitterten Zehntausende.

Es kann kompliziert werden, wenn die Realität sich erweitert. „Don’t Pokémon and drive“, müssen Autofahrer anscheinend ermahnt werden, die japanische Regierung hat zum Start des Spiels gleich eine Liste mit sieben Sicherheitshinweisen entwickelt. Aber es gibt viele Gründe, das gut zu finden. Wenn Augmented Reality üblicher wird, wenn der Ort und der Gegenort an gleicher Stelle sind, haben diese Heterotopien nämlich außerdem noch einen netten Nebeneffekt: Mehr Leute benehmen sich seltsam. Andere können unser Verhalten nicht mehr so deuten, denn wer weiß, ob man gerade die gleiche Realität teilt? Das ist irgendwie beruhigend, denn gefühlt gibt das an ungeahnter Stelle, in aller Öffentlichkeit, ein Stück Privatsphäre zurück.

Von Maja Beckers

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HOHE LUFTpost – Netz und Wahrheit

HOHE LUFTpost vom 08.07.2016: Netz und Wahrheit

Nachdem in Österreich die Stichwahl des Bundespräsidenten wiederholt werden muss, sind nun in Blogs und sozialen Netzwerken Gerüchte über den Gesundheitszustand eines der beiden Kandidaten aufgetaucht. Ich möchte diese Gerüchte, für die keine sachliche Grundlage erkennbar ist, nicht wiedergeben, denn damit würde ich sie weiterverbreiten. Und damit sind wir beim Thema: Wahrheit im Internet. Den ganzen Artikel lesen

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Philosophie & Wirtschaft – das neue HOHE LUFT kompakt ist da!

Philosophie & Wirtschaft – Warum sie einander brauchen 

Obwohl Wirtschaft und Philosophie oft als Gegensätze gesehen werden, haben sie vieles gemeinsam und können sich gegenseitig bereichern.

Die dritte Ausgabe HOHE LUFT kompakt widmen wir deshalb diesem besonderen Paar. Wirtschaft gehört zu unserem Leben, darum wollen wir sie nicht den Ökonomen überlassen, sondern sie auch aus philosophischer Perspektive betrachten.

Heute reicht rein ökonomisches Denken nicht mehr aus, es braucht die Philosophie, um die richtigen Fragen zu stellen und neue Blickwinkel zu gewinnen.

Die Themen sind unter anderen:
Was bedeutet Erfolg heute?
Das Geheimnis guter Arbeit
Geld und Vertrauen
Ist der Kapitalismus noch zu retten?
Die Kraft des Arguments
Wieso Kooperation sich lohnt
Wie Unternehmen von Philosophie profitieren.

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HOHE LUFTpost – Männlein, Weiblein und Olympia

HOHE LUFTpost vom 01. Juli 2016: Männlein, Weiblein und Olympia

Es gibt Männer, es gibt Frauen, und es gibt Philosophen, die bestreiten, dass es Männer und Frauen gibt. Ein Axiom der rege diskutierten »Gender Theory« ist, dass die Geschlechter nur soziale Konstrukte sind. Männlichkeit und Weiblichkeit seien nicht naturgegeben, sondern Ideale einer Kultur. Den ganzen Artikel lesen

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Der Brexit und die Verantwortung

Verlässt Großbritannien die Europäische Union? Allein der Umstand, dass diese Frage jetzt noch diskutiert wird, zeigt, dass etwas Grundsätzliches faul ist im Staate Großbritannien nach dem Referendum des letzten Donnerstags. Austreten oder nicht, das ist eine souveräne Entscheidung Britanniens, und der Volkssouverän hat gesprochen. Was also gibt es noch zu deuteln? Den ganzen Artikel lesen

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Großbritannien geht

Überraschung und Entsetzen weithin in Europa: Die Briten haben sich dafür entschieden, die Europäische Union zu verlassen.

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HOHE LUFTpost – Wir gewinnt

HOHE LUFTpost vom 17. Juni 2016: Wir gewinnt

In Europa grassiert das Fußballfieber, und auch meine Temperatur ist leicht erhöht. Es ist noch viel zu früh für ein Resumee, die Infektion ist ja noch nicht einmal voll ausgebrochen, aber zu diesem Zeitpunkt kann man sagen: Es war bisher ein Turnier der Kollektive, nicht der Einzelspieler. Mannschaften wie Italien zeigen, wie man Gegner von deutlich höherer individueller Klasse mit einem gut zusammenspielenden Team überwinden kann. Ein erstaunliches Phänomen, auch aus philosophischer Sicht. Die Mannschaftsleistung übersteigt die Summe der Beiträge aller Mitspieler. Es scheint geradezu, als habe die Mannschaft ein Eigenleben, als könne sie selbst denken und handeln. So ist es auch, sagt der irische Philosoph Philip Pettit, der eine Theorie der »Group Agency« entwickelt hat. Gut kooperierende Gruppen haben einen eigenen Geist, sie treffen Entscheidungen, sie sind Akteure, sagt Pettit. Wie gelingt es Menschen, sich zu solchen Superakteuren zu formieren? Durch ihre Fähigkeit zu »Wir-Intentionalität«, sagt Pettits amerikanischer Fachkollege John Searle: Sie können gemeinsame Absichten und Ziele haben, die mehr sind als die Schnittmenge ihrer einzelnen Absichten und Ziele. Eine fundamentale Fähigkeit, sagt Searle, die nicht auf individuelles Denken reduzierbar ist. Aus elf Ichs wird auf wundersame Weise ein Wir.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Gift oder nicht?

HOHE LUFTpost vom 10. Juni 2016: Gift oder nicht?

In Brüssel tobt gerade ein Lobbykampf um die Zulassung von Glyphosat. Es ist das weltweit meistverwendete Unkrautbekämpfungsmittel, in Deutschland wird es auf 40 Prozent der Ackerfläche eingesetzt. Wie giftig ist Glyphosat? Kann es Krebs auslösen? Unzählige wissenschaftliche Studien beschäftigen sich mit den Wirkungen des Mittels. Jede Seite beruft sich auf die Studien, die ihr ins Konzept passen. Warum können Forscher keine klare Antworten auf diese Fragen finden? Die Glyphosat-Debatte zeigt auch, wie verbreitet Missverständnisse über die Wissenschaft sind. Einzelne Studien haben wenig Aussagekraft – das ist zwar den Wissenschaftlern selbst klar, nicht aber vielen Laien. Was zählt ist das große Bild, das alle Studien zusammengenommen ergeben. Doch das sieht man nur mit unvoreingenommenem Blick. Wer einzelne Studien herauspickt, kann so ziemlich alles begründen. »Eine neue Studie zeigt, dass Zucker Krebs fördern kann«, meldete kürzlich ein großer Fernsehsender. »Fürze riechen kann Krebs verhindern, behaupten Wissenschaftler«, schrieb ein großes Nachrichtenportal. Damit illustrieren sie, wie gefährlich die interessengebundene Instrumentalisierung wissenschaftlicher Studien ist. Auch in Sachen Glyphosat sollten wir daher auf die Interessen selbst schauen, nicht auf die Studien, hinter denen sie versteckt werden sollen.

– Tobias Hürter

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