Kategorie: Aktuell


Mein Job ist dein Job

Roboter nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Wie wäre es mit teilen?

Laut einer Studie der Universität Oxford werden bis zum Jahre 2030 ca. 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA durch Maschinen ersetzt. Dass Arbeitsabläufe automatisiert werden, ist menschheitsgeschichtlich nichts Außergewöhnliches. Berufe sterben eben aus, dafür kommen neue dazu. Aber im digitalen Zeitalter verschwinden schneller mehr Jobs als neue Tätigkeitsfelder entstehen können – vermuten Sozialforscher.
Man könnte meinen, dass es um Jobs, die auch eine Maschine ausführen kann, nicht wirklich schade ist, da es sich dabei um entfremdende, monotone Fließbandarbeit handelt. Doch die Technik entwickelt sich momentan so schnell, dass immer kompliziertere Arbeiten von Robotern übernommen werden können.
„Wenn Maschinen in physischen und kognitiven Aufgaben besser sind, was bleibt uns dann?“ fragt der israelische Historiker Yuval Harari und glaubt, dass auf diese Frage momentan niemand eine überzeugende Antwort parat hat. Auch wenn es noch nicht so weit ist – Eine Wirtschaft ohne Menschen ist in seinen Augen möglich.
In der Automatisierung sehen viele aktuell die Gefahr, dass sich die Einkommensschere noch weiter aufspannen könnte. Nicht für jeden, der seinen Job an der Supermarktkasse an einen Roboter verliert, gibt es eine Stelle als Projektmanager, Social-Media-Berater oder Feelgoodmanager. Ein paar wenige profitieren also während die ohnehin prekär Beschäftigten verlieren.

Es gibt aber auch optimistischere Ansätze. Der Soziologe Jeremy Rifkin ist davon überzeugt, dass der Kapitalismus ein Auslaufmodell ist, an dessen Stelle eine umfassende Sozialwirtschaft des Teilens und Tauschens treten wird. Durch die globale Vernetzung des Internets entstehen nach Rifkin neue Möglichkeiten, selbst zu partizipieren, zu produzieren und zu vervielfältigen – und das ganz ohne Kosten. Die Crowd wird so zur neuen wirtschaftlichen Größe. Nach Rifkin fallen zwar einige Jobs weg, doch bekommt gleichzeitig die Frage nach der Übernahme sozialer Verantwortung eine neue Wichtigkeit, da diese nicht von Robotern getragen werden kann. Gemeinschaftliche Ideale könnten also sogar durch die Automatisierung gestärkt werden.
Dadurch, dass Arbeit knapp werden könnte, entstehen ganz neue Wege über den Sinn und Zweck von Arbeit nachzudenken. Die Idee des Teilens, einer künftigen „Sharing Economy“ findet immer mehr Zuspruch. Auch der Soziologe Richard Sennett schlägt vor, Arbeit unter mehreren Personen aufzuteilen und Mitarbeitern mehr Mitbestimmungsrecht einzuräumen. Ebenso könnte ein Lösungsansatz auch darin liegen, einfach weniger zu arbeiten.
Noch nie war die nahe Zukunft der Arbeit so ungewiss wie jetzt. Das ist aber auch die Chance für Innovationen und Umbrüche. Not macht eben erfinderisch.

 

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Work in Progress 2015 – Der Wert von Arbeit
Wertschöpfung, Wertschätzung und Verwertung neu denken! Kongress zur Zukunft der Arbeit.
12. – 14. März 2015
Auf Kampnagel, Jarrestraße 20, 22303 Hamburg. Tickets gibt es hier

Work in Progress 2015

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„Moralische Schuld ist in Heideggers Philosophie nicht möglich.“

Peter Trawny lehrt an der Bergischen Universität in Wuppertal und ist Herausgeber der “Schwarzen Hefte” im Rahmen der Heidegger Gesamtausgabe und Autor des Buches “Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung”, dessen dritte Auflage soeben erschienen ist. Im Interview mit HOHE LUFT spricht er über Heideggers Auffassung des Holocausts als „Selbsvernichtung“ des Judentums, die Abwesenheit jeglichen Schuldbewusstseins und darüber, welche Fehler bei der bisherigen Heidegger-Rezeption zukünftig unbedingt vermieden werden müssen.

Hohe Luft: Herr Trawny, welche neuen Erkenntnisse ergeben sich aus dem nächsten Band der „Schwarzen Hefte“, der in wenigen Wochen veröffentlicht wird?

Peter Trawny: Die Tendenz in den vorherigen Bänden hat sich bestätigt. Zumindest im ersten Band der Anmerkungen gibt es Äußerungen, die ich als antisemitisch bezeichnen würde. Das setzt sich auch in die Zeit fort, die den Übergang von den 30er und 40er Jahren bis zur Nachkriegsperiode einschlägt. Es zeigt sich eben, dass Heidegger eine Position hält, die ihn als loyalen Zeitgenossen mit den Nationalsozialisten ausweist, obwohl er inhaltlich stark Distanz genommen hat. Nach 1945 zeigt er sich als jemand, der verkraften muss, dass sein Projekt, die Deutschen mit dem „anderen Anfang“ der Geschichte zu beauftragen, gescheitert ist. Er spricht über den Untergang der Deutschen, wobei er der Ansicht ist, dass dieser Untergang von den Deutschen selbst bewerkstelligt wird, weil sie sich eben in kultureller Hinsicht gegen die Allliierten nicht behaupten wollen, sondern sich ihnen unterworfen haben. Heidegger nennt das «Verrat am Denken». Als Zeichen sieht er, dass man ihn aus der Universität hinausgeworfen hat. Nach dem Krieg spricht er zwar nicht mehr vom Weltjudentum. Aber man denkt doch, dass er an dieser Feindfigur festhält. Und diese Feindfigur hat gesiegt – die Feindfigur der Mächte des Universalismus, zu denen für ihn vor allem das Judentum gehört. Er redet zwar über Gaskammern und Konzentrationslager und einer gewissen Schuld. Aber diese Äußerungen sind sehr verfahren und problematisch in ihrer Argumentationsstruktur. Wenn man wohlwollend ist, dann sieht man, dass er damit nicht fertig wird. Er gesteht eine Schuld ein, aber versieht dieses Eingeständnis gewissermaßen immer mit einem »Aber». Und was dann aus dem «Aber» kommt, das ist „krude“, um ein Wort von Paul Celan aus seinem Gedicht „Todtnauberg“ zu zitieren. Er kommt damit nicht klar. Er sagt, es gibt diese Schuld, aber es wäre eine noch viel größere Schuld gewesen, wenn „wir“ dieses deutsche Projekt nicht versucht hätten. Und es gibt eine eigentlich noch größere Schuld der Allliierten, weil sie sich an der Vernichtung der Deutschen schuldig gemacht haben. Schließlich wird er nicht fertig mit dem auch kulturellen Bruch. Jetzt hat die universale »Machenschaft«, das »Gestell«, die Technik gesiegt. Mit den Narrativen und Mythen ist es endgültig aus. Und nun muss er sich neue Strategien ausdenken, wie er damit philosophisch umgehen soll. Ihm war klar, dass er mit den alten Denkfiguren, dass er mit diesem Narrativ von den Griechen und den Deutschen nicht mehr fortfahren konnte. Deshalb ist dieser Band auch der m.E. interessanteste von den bisher veröffentlichten »Schwarzen Heften«. Man sieht ihn da an dieser Bruchstelle, wie er versucht, sich neu zu orientieren, auf welche neuen Denkfiguren er kommt….

Hohe Luft: Nun ist eine Passage aus den „Schwarzen Heften“ aufgetaucht, in der er von der »Selbstvernichtung« des Judentums spricht. Was bedeutet das?

Trawny: Man kann einen einfachen Syllogismus vorschlagen. Das »Weltjudentum« ist für ihn der Hauptagent der Technik, das ist die Prämisse. Er sagt ja, alle sind »Sklaven der Geschichte des Seins«. Das Sein hat gleichsam das Weltjudentum bestimmt, zu einem der wichtigsten Träger der Technik zu werden. Das ist der eine Gedanke. Und wenn er 1949 sagt, dass die Technik einerseits motorisierte Ernährungsindustrie ist, andererseits aber die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, dass die Shoah also ein Epiphänomen der Technik ist – was entspringt aus diesem Gedanken? 

„Die Selbstvernichtung der Technik ist die Selbstvernichtung des Jüdischen.“

Hohe Luft: Die Juden haben sich selbst vernichtet…

Trawny: Es gibt Stellen, die in diese Richtung interpretiert werden können. Ich äußere mich vorsichtig, weil diese Stellen natürlich immer so einen ambivalenten Ton haben, woraus sich auch andere Interpretationen ergeben können. Aber er spricht ganz entschieden in diesen Jahren von der Selbstvernichtung der Technik . Der planetarische Krieg, von dem er da spricht, ist für ihn diese Apokalypse, in der sich die Technik selbst vernichtet, um eben etwas anderes freizusetzen zu können: Den anderen Anfang. Und leider gibt es dann auch Stellen, wo diese Identifizierung des Jüdischen mit der Technik vorkommt. Die Selbstvernichtung der Technik ist dann, wie Sie sagen, die Selbstvernichtung des Jüdischen.

Hohe Luft: Wie sieht Heidegger den Holocaust nach 1945?

Trawny: Auch er kann nicht daran vorbei, über Schuld zu sprechen. Aber man merkt, dass er das nicht zu einem Gedanken machen möchte. Wir würden doch sagen, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, als auf die Shoah moralisch zu reagieren.

„Moralische Schuld ist in Heideggers Philosophie nicht möglich.“

Die Shoah ist so ein Ereignis, auf das neutral zu reagieren im Kern unmöglich ist. Das will er aber nicht. Er muss diesen moralischen Charakter ignorieren. Es wird dann gleichsam nivelliert auf eine technische Katastrophe, in der es aber moralische Verantwortung nicht geben kann. Das entspricht aber ganz dem Charakter seines Denkens, dass das Sein von sich selbst her ein persönliches Schuldverständnis gar nicht ermöglicht. Moralische Schuld ist in seiner Philosophie nicht möglich.

Hohe Luft: Woher kommt dieser „seinsgeschichtliche Antisemitismus«, wie Sie es nennen?

Derzeitiger Herausgeber der Heidegger-Gesamtausgabe Peter Trawny. Foto: Jens Grossmann

Trawny: Die schwierigste Frage in der Diskussion ist wahrscheinlich, ob die Herkunft dieses Antisemitismus mit Voraussetzungen des Heideggerschen Denkens als solchem verknüpft werden muss. Steckt die Möglichkeit des Antisemitismus in diesem Denken als solchem? Oder gehört der Antisemitismus vielleicht zu einer bestimmten deutschen oder meinetwegen auch europäischen Tradition des Denkens? Die Möglichkeit zum Antisemitismus, ja seine Wirklichkeit ist z.B. auf Seiten des konservativen deutschen Denkens immer gegeben. Da fangen Sie bei Nietzsche – dass der stets nur ein Anti-Antisemit gewesen sei, ist doch auch nur eine apologetische Legende – an, und noch früher, bei Hegel und Fichte und Kant und Luther. Die Brüder Jünger, Schmitt. In all diesen Entwürfen ist die Offenheit für den Antisemitismus immer vorhanden. Und da gehört natürlich Heidegger auch rein.

Hohe Luft: Heideggers Antisemitismus ist also nicht nur banales Ressentiment…

Trawny: Verzeihen Sie die Wortwahl, aber da wären wir ja noch froh, wenn es bei einem banalen Ressentiment geblieben wäre. Der Gedanke ist, das Judentum metaphysisch zu begründen. Und die metaphysische Begründung besteht darin, dass das Weltjudentum die weltgeschichtliche Aufgabe der »Entwurzelung des Seienden aus dem Sein« habe.

„Heidegger ist plötzlich philosophisch erblindet.“

 Das ist genau der Denkstrang der wahnwitzigen Identifizierung des Weltjudentums mit der Technik, der »Machenschaft«, wie Heidegger es nennt. Und das zeigt, was da mit ihm passiert sein muss. Er ist plötzlich philosophisch erblindet, und wir stehen vor dem Rätsel, wieso ihm das passiert ist. Das kann ja nur aus einem lang gehegten persönlichen Ressentiment stammen. Wir haben ja auch antisemitische Äußerungen von Heidegger aus privaten Kontexten, das war uns ja bekannt. Dieses private Ressentiment, vielleicht unterstützt durch den Krieg und die Propaganda, muss ihn so von seinem Weg abgebracht haben, dass er dann tatsächlich auch philosophisch dummes Zeug geredet hat. …

Hohe Luft: Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Heidegger verändert?

Trawny: Ich habe relativ früh für mich gesehen, dass es da dunkle Punkte gibt, die ich dann auch in bestimmten Kontexten angesprochen habe, vor allem sein Ausweichen vor der Shoah. Als Leser Paul Celans schien mir immer klar, dass Heidegger in dieser schmerzhaften Begegnung mit ihm nie wirklich reagieren konnte auf das, was Celan gesucht hat. Mir war klar, dass der Holocaust etwas ist, an dem Heidegger scheitert. Deswegen war es für mich auch nicht so, dass mit den »Schwarzen Heften« eine philosophische Welt zusammengebrochen wäre. Gleichwohl war ich persönlich schon schockiert. Wahrscheinlich darum, weil mir die Verfolgung und Vernichtung des Judentums keine andere Möglichkeit lässt, als darauf moralisch zu antworten. Ich bin kein Moralist. Aber wer mit Auschwitz, mit der Shoah konfrontiert ist, der kann nicht anders als zu sagen, das ist das Allerschrecklichste und Ungeheuerlichste, was in der deutschen Geschichte passiert ist.

„Dass Heidegger den moralischen Charakter der Situation ignoriert, dass Männer, Frauen und Kinder ausgelöscht wurden, das war und ist mir schwer erträglich.“

 Gerade wenn man sich für das Deutsche so stark macht wie Heidegger. Ja, das ist ein katastrophales Ereignis unter Menschen überhaupt. Daran kann ich nicht vorbeigehen. Dass Heidegger den moralischen Charakter der Situation ignoriert, das Offenbare, dass Männer, Frauen und Kinder aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Judentum ausgelöscht wurden und dass diese Auslöschung doch von selbst eine vollkommen trostlose Trauer auslöst, das war und ist für mich schwer erträglich. Ich kann mir das nur so erklären, dass er sich als Denker so sehr auf bestimmte Voraussetzungen festgelegt hat, da stand dann zu viel für ihn auf dem Spiel. Dann hätte er anders anfangen müssen, über Ethik nachzudenken, und das wollte er nicht. Der Hauptgedanke seiner tragischen Ethik, wenn ich das einmal so nennen darf, ist ja gerade, dass das Ethische menschlicher Handlungen in einer Irre verschwindet, die zwar zum Untergang führen kann, aber die eine moralische Solidarität ausschließt. Wir sehen, dass Ödipus in seiner Irre zugrundegeht. Das ist sein Schicksal. Doch der Deutsche, der im Vernichtungslager arbeitete, war gewiss kein Ödipus. Der hat sich nicht verirrt.

Hohe Luft: Das Erschreckende bei Heidegger ist doch das völlige Fehlen von Empathie…

Trawny: Das meine ich ja. Wie kann man an der Judenverfolgung vorbeigehen? Es ist ja ganz klar, dass er von der Verfolgung und den Deportationen gewusst hat. Und aufgrund bestimmter Äußerungen in den »Anmerkungen« muss man vielleicht sogar die Möglichkeit einräumen, dass er mehr gewusst haben könnte. Wie er dann selbst in diesen Manuskripten an keiner Stelle dazu kommt, von einer Trauer oder einem Schmerz zu sprechen, einer Anerkenntnis dieses Leides, sondern im Gegenteil immer nur das deutsche Leid anerkennt, und das auch noch ganz besonders betont, das ist auch für mich ganz verheerend. Ich erinnere aber daran, dass nach dem Krieg die »Unfähigkeit zu trauern« in Deutschland ein Bestseller war. Mit seiner fehlenden Empathie für die Ermordeten war Heidegger nicht allein. Ernst Jünger übrigens war da am Ende des Krieges eine Ausnahme, zumindest was die Anerkenntnis der Bedeutung der Shoah betraf.

Hohe Luft: Vor den „Schwarzen Heften“ gab es in Heideggers Schriften ja keine explizit antisemitischen Stellen. Kann es sein, dass wir einiges einfach nicht wissen?

Trawny: Meine Antwort auf diese Frage ist unsicher. Ich weiß nichts davon, dass irgendein Herausgeber Stellen bewusst unterschlagen hat. Selbstverständlich würde das jeder Herausgeber leugnen. Es gibt diesen Fall, von dem ich in meinem Buch berichte, dass im Band 69 eine Stelle von mir zur Veröffentlichung vorgesehen war. In einer Diskussion mit dem damaligen Hauptherausgeber – so hat sich mir das damals dargestellt – wurde dann so entschieden, dass das nicht veröffentlicht wird. Zur damaligen Zeit habe ich das, wie ich gestehen muss, aus fadenscheinigen Gründen anerkannt. Ich habe mir da etwas vorgemacht. Schon seit einiger Zeit muss ich sagen, dass das philologisch völlig unhaltbar war. Es gibt Anweisungen zur Edition, die Heidegger damals noch mit seinem Privatassistenten Friedrich-Wilhelm von Herrmann ausgearbeitet hat. Wenn man sich diese Anweisungen anschaut, dann ist auf dieser Grundlage ein Herausstreichen eines solchen Satzes, der sich immerhin im Manuskript befunden hat, nicht gerechtfertigt. Ich war aber damals nicht in der Lage, diese Auseinandersetzung mit jemandem, der sich mir als Hauptherausgeber präsentiert hat, anzunehmen und durchzuziehen. Das ist allerdings ein Fall (nicht der einzige), der Misstrauen weckt. Und man muss sich auch die dauernde, gehässige und persönliche Kritik des damaligen selbsternannten Hauptherausgebers nach der Veröffentlichung der »Schwarzen Hefte« an mir anschauen und sich fragen, woher diese ganz und gar impenetrable Unfähigkeit kommt, bei Heidegger Probleme anzuerkennen. Und wozu diese Starrheit möglicherweise fähig sein könnte.

Ich sehe die Notwendigkeit, dass in der Endphase der Gesamtausgabe der Nachlass von auch geistig unabhängigen Leuten noch einmal durchgesehen und durchkatalogisiert wird, das ist einfach nötig für eine historisch-kritische Gesamtausgabe, das ist jedenfalls nötig für die Zukunft der Heidegger-Forschung. Da könnte man dann ja auch sehen, ob und wie da eingegriffen wurde. Ich persönlich meine aber auch, dass der Nachlassverwalter eigentlich bereits zu demselben Schluss gekommen ist.

Heideggers »Schwarze Hefte«, Quelle: DLA Marbach

Hohe Luft: Haben Sie schon einmal daran gedacht, als Herausgeber der Heidegger-Gesamtausgabe hinzuschmeissen?

Trawny: Nein, weil ich daran interessiert bin, dass die Heidegger-Forschung weiter geführt wird. Und wenn ich dazu einen Beitrag leisten kann, würde ich den auch gerne leisten. Allerdings bin ich der Ansicht, dass wir mit einer bestimmten Heideggerforschung rigoros brechen müssen. Diese Heidegger-Scholastik, die bei diesem Philosophen grundsätzlich kein Problem sieht, die nur eine Verdoppelung des Heideggerschen Textes betreibt und die durchaus institutionell schädlich gewirkt hat, zumindest in der Bundesrepublik, darf so nicht weitergehen. Denn so kann man eigentlich nicht philosophieren. Und diese Scholastik steht jetzt nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte noch problematischer da, weil sie ja immer noch kein Problem erkennt. Mit dieser Forschung muss gebrochen werden und dann muss es gleichsam einen frischen Wind geben, der übrigens auch von Studenten gewünscht wird. Die „Schwarzen Hefte“ werden auch institutionell Spuren hinterlassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine solche »Heideggerei« noch eine Zukunft hat. Unter »Heideggerianern« gibt es ja immer noch eine Menge Leute, die nicht bereit sind anzuerkennen, dass auch Heidegger ein sozusagen irrtumsfähiger Mensch war.

„Man hat jahrzehntelang an den Problemen vorbeigearbeitet, vorbeigelebt. Das ist jetzt nicht mehr möglich, da ist zu viel in Bewegung geraten. Ich bedaure das nicht“

 Mir hat nie gefallen, dass es eine selektive Lektüre von Heideggers Texten gegeben hat. Man hat den Heidegger der 30er Jahre, den »politischen« Heidegger, der z.B. stets die griechisch-deutsche Philosophietradition – gelinde gesagt – betont hat, nicht ernstgenommen, das wollte man nicht. Man wollte den akademisch gereinigten Heidegger. Man hat da jahrzehntelang an den Problemen vorbeigearbeitet, vorbeigelebt. Das ist jetzt nicht mehr möglich, da ist zu viel in Bewegung geraten. Ich bedaure das nicht.

Hohe Luft: Liegt das Problem des unkritischen Heideggerianismus nicht auch schon bei Heidegger selbst?

Trawny: Der Heideggersche Text zeugt »Heideggerianer«. Es gibt da eine Verpflichtung zur Esoterik im Sinne der Abkehr von öffentlichen Diskursen. Diese Verpflichtung zu einer esoterischen Gemeinschaft. Und wer das nicht durchschaut, sondern so akzeptiert, der kann sich nicht wohlfühlen in einer öffentlichen Diskussion. Man muss aber in der Lage sein, das zu durchschauen, zu reflektieren, zu problematisieren. (Ich selber habe das – wenn ich das sagen darf – in einem kleinen Buch mit dem Titel „Adyton. Heideggers esoterische Philosophie“ einmal getan.) In Frankreich hat ein »Heideggerianer« in einer Zeitung, im „Nouvel Obervateur“ geschrieben, dass man über Heidegger nicht öffentlich diskutieren darf, warum die »Schwarzen Hefte« viel zu komplex seien, um sie öffentlich zu diskutieren etc. Was für ein performativer Selbstwiderspruch! Aber das ist eine Konsequenz des Heideggerschen Textes. Dieses Narrativ, der manchmal prophetische Ton,– das ist ein Denktyp, der Evidenzen produziert und keine Argumente. Als naiver Leser sagt man sich doch: „Ja klar, alles ist Technik. Stimmt doch!“ So funktioniert bei Vielen Heidegger. Dass bei Heidegger selbst aber ein großer gedanklicher Aufwand getrieben wird, der übrigens nirgendwo letzte Wahrheiten beansprucht, sehen sie dann nicht. Es ist absurd wenn »Heideggerianer« sagen, man muss jetzt erst mal vier Jahre in Klausur gehen und die Öffentlichkeit ausschließen, um sich den »Schwarzen Heften« anzunähern. Die Philosophie gehört nun mal in die Öffentlichkeit wie beinahe alles. Das sind wir, ob uns das behagt oder nicht.

 Das Interview führte Thomas Vašek

 

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Heidegger-Enthüllung

“Selbstvernichtung der Juden”

Exklusiv-Interview mit Donatella Di Cesare

Martin Heidegger (1889-1976) sah den Holocaust offenbar als Akt der „Selbstvernichtung“ der Juden. Das legen Textstellen aus dem nächsten Band der „Schwarzen Hefte“ nahe (Gesamtausgabe 97, Anmerkungen I-V), der in wenigen Wochen erscheinen wird. Der Band enthält Aufzeichnungen Heideggers aus den Jahren 1942-1948. Bereits nach der Veröffentlichung der ersten Bände gab es heftige Diskussionen über antisemitische Passagen, in denen er dem Judentum unter anderem die „Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein“ zuschreibt. Die neuen Textstellen könnten die Debatte über den „Fall Heidegger“ (HOHE LUFT berichtete: “Ein totalitärer Denker“) weiter befeuern.

Heideggers »Schwarze Hefte«. Quelle: DLA Marbach

Um 1941/42 notiert Heidegger: „Wenn erst das wesenhaft ´Jüdische´ im metaphysischen Sinne gegen das Jüdische kämpft, ist der Höhepunkt der Selbstvernichtung in der Geschichte erreicht.“ Von „Selbstvernichtung“ schreibt Heidegger an anderer Stelle im Zusammenhang mit der Notwendigkeit einer „Reinigung des Seins von seiner tiefsten Verunstaltung durch das Seiende.“

Nach dem Krieg wendet sich Heidegger gegen Schuldzuweisungen der Alliierten, die die geschichtliche Mission, das „Geschick“ der Deutschen verkannt hätten: „Wäre z.B. die Verkennung dieses Geschickes – das uns ja nicht selbst gehörte, wäre das Niederhalten im Weltwollen – aus dem Geschick gedacht, nicht eine noch wesentlichere ´Schuld´ und eine ´Kollektivschuld´, deren Größe gar nicht – im Wesen nicht einmal am Greuelhaften der ´Gaskammern´ gemessen werden könnte – ; eine Schuld – unheimlicher denn alle öffentlich ´anprangerbaren´ ´Verbrechen´– die gewiss künftig keiner je entschuldigen dürfte. Ahnt ´man‘, dass jetzt schon das deutsche Volk und Land ein einziges KZ ist – wie es ´die Welt´ allerdings noch nie ‚gesehen‘ hat und das ´die Welt´ auch nicht sehen will – dieses Nicht-wollen noch wollender als unsere Willenlosigkeit gegen die Verwilderung des Nationalsozialismus.“

Hielt Heidegger die „Selbstvernichtung“ der Juden für seinsgeschichtlich notwendig? Und was bedeutet das für die Rezeption seines Denkens?

Wir sprachen mit Donatella Di Cesare, Professorin für Philosophie an der Sapienza Università di Roma und Vizepräsidentin der Martin-Heidegger-Gesellschaft. Ihr Buch “Heidegger e gli ebrei. I ‘Quaderni neri'” (2014, Verlag Bollati Boringhieri) soll bald auch in englischer Sprache im Polity Press erscheinen.

donatella

Hohe Luft: Frau Di Cesare, was ist das Neue an den antisemitischen Passagen im nächsten Band der „Schwarzen Hefte“?

Donatella Di Cesare: Nach den antisemitischen Stellen in den ersten Bänden war ich nicht überrascht. Das ist im Grunde sehr kohärent. Heidegger spricht von der Verbindung zwischen Judentum und Metaphysik. Die Juden sind für ihn die wurzellosen Agenten der Modernität. Die Technik ist für Heidegger die letzte Fassung der Metaphysik. So wie eine Komplizenschaft zwischen Metaphysik und Judentum besteht, so besteht auch eine Komplizenschaft zwischen Judentum und Technik. Und so wie die Technik sich selbst „verzehrt“, wie er an einer Stelle sagt, so kann man eben auch von der Selbstvernichtung des Judentums sprechen. Er sagt, damit sei der  „Höhepunkt der Selbstvernichtung“ in der Geschichte erreicht. In der Geschichte des Seins gibt es für Heidegger keinen Platz für die Juden…

Hohe Luft: Heißt das, die Auslöschung der Juden ist für Heidegger „seinsgeschichtlich“ notwendig?

Di Cesare: Heidegger sieht sich vor eine Alternative gestellt – das Sein oder der Jude. Und im Grunde lässt er am Ende den Juden fallen. Er spricht von der Weltlosigkeit des Judentums. Der Jude ist weltlos. Man sollte zwischen Bodenlosigkeit und Weltlosigkeit unterscheiden. „Weltlos“ – das ist für Heidegger wie der Stein – eine Metapher, die auf Hegel zurückgeht. Auf seinem seinsgeschichtlichen Weg lässt Heidegger den Juden einfach fallen. Ihm ist eben das Sein wichtig.

Hohe Luft: Sie sprechen von einem „metaphysischen Antisemitismus“…

Di Cesare: Er zeichnet eine Metaphysik des Juden ab. Das heißt, er spricht nicht von den konkreten Juden in ihren Differenzen, er ist auch nicht an der Geschichte des jüdischen Volkes interessiert, er fragt sich: Was ist der Jude? Was ist das Wesen des Juden? Und insofern fällt er selber in die Metaphysik zurück, wobei er sonst immer vorsichtig ist. Deshalb würde ich von metaphysischem Antisemitismus sprechen.

Hohe Luft: Wie muss man Heideggers Antisemitismus philosophisch einordnen?

Di Cesare: Wir dürfen Heidegger nicht isolieren von der philosophischen Tradition, aus der er kommt. Der Antisemitismus hat in der Philosophie auch vor ihm existiert. Ich denke nur an Kant, der von der „Euthanasie des Judentums“ spricht. Oder an Hegels Jugendschriften. Für Hegel ist der Jude ein Rest in der Dialektik. Auch Hegel weiß nicht, was er mit dem Juden tun soll, er hat für ihn keinen Platz. Wir müssen Heideggers Antisemitismus in diesem Kontext lesen, sonst dämonisieren wir ihn, als ob er der einzige wäre. Das ist jetzt die Gelegenheit, um uns endlich mit dem Kapitel des Antisemitismus in der Philosophie zu beschäftigen. Das ist bis jetzt zu wenig passiert.

Hohe Luft: Was heißt das nun für die Heidegger-Forschung? Erst kürzlich ist ja Günter Figal als Vorsitzender der Heidegger-Gesellschaft zurückgetreten…

Di Cesare: Seine Entscheidung ist für mich eine unphilosophische Geste; denn er macht Schluss auch mit der Diskussion. Er hat offensichtlich gesagt, er will mit Heidegger nichts mehr zu tun haben. Warum hat er so lange gebraucht? Er kannte schon seit Sommer 2013 die Schwarzen Hefte. Was hat er in 11 Jahren seines Vorstands getan? Warum hat er nicht für die Öffnung der Archive plädiert? Aussteigen ist heute sehr bequem. Ich finde, wir müssen auch eine kritische Diskussion fordern und mehr denn je Heidegger lesen. Ich sehe die Philosophie nicht als Fussballspiel, als ein „Für“ oder „Gegen“…. Wer philosophiert, trägt/duldet die Komplexität und wohnt im Helldunkel des Nachdenkens/der Reflexion.

Hohe Luft: Kann man heute noch Heideggerianer sein?

Di Cesare: Ich lese Heidegger und das bedeutet nicht, dass ich immer mit ihm übereinstimme. Ich lese ihn, wie ich von meinem Lehrer Gadamer gelernt habe, auf eine kritische Weise. Die „Schwarzen Hefte“ sind auf alle Fälle ein neues Kapitel. Wir müssen Peter Trawny sehr dankbar sein, und zwar nicht nur für die Herausgabe der „Schwarzen Hefte“, sondern auch für seine Bücher, seine Aufsätze und für die Art, in der er die Diskussion animiert hat. Überall hat er Gleichgewicht gezeigt. Ich finde, er hat großartige Arbeit geleistet.  Wir brauchen heute Heidegger mehr denn je. Wären Arendt, Jonas, Anders ohne Heidegger vorstellbar? Und die jüdische Philosophie der letzten Jahrzehnte – von Levinas bis zu Derrida? Und wir brauchen Heidegger, selbst um  die Shoah zu verstehen; es genügt, an die Verbindung zu erinnern, die er zwischen Shoah und Technik gezeigt hat. Leider wird die Shoah im deutschen Kontext nicht als philosophische Frage empfunden, sondern vor allem als Frage für Historiker. Das finde ich wirklich bedauerlich.

Interview: Thomas Vašek 

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Warum es uns nicht gibt – neue HOHE LUFT Ausgabe

HOHE LUFT 02/15Für das neue Jahr fassen viele den Vorsatz, etwas an ihrem Leben zu verändern, zu verbessern – und sich selbst dennoch treu zu bleiben. Im neuen Heft nehmen wir dieses Selbst unter die Lupe und fragen: gibt es das überhaupt und wie viel Veränderung verträgt es? Sich frei bewegen zu können ist für uns selbstverständlich. Wie sich die Bedeutung der Freiheit verändert, wenn sie einem plötzlich genommen wird, schildert ein ehemaliger Häftling in HOHE LUFT. Weitere Themen dieses Mal: Wieso Computerspiele mehr sind als gewaltfördernde Zeitfresser. Der antike Philosoph Seneca und sein politisches Wirken. Für einen neuen Fortschrittsbegriff. Denken und Leben von Jürgen Habermas. Und der französische Philosoph Jean-Luc Nancy spricht im Interview über Gemeinschaft und Sinn in einer Welt, die immer weiter auseinanderzubrechen droht.

Hier können Sie das neue Heft bestellen.

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Richtiges Handeln und gelingendes Leben – HOHE LUFT Leserreise

Sie wollten schon immer einmal philosophierend verreisen? Vom 17. – 22. August 2015 findet die allererste HOHE LUFT Leserreise in die Schweizer Alpen statt. Erleben Sie sechs Tage im historischen Hotel »Schatzalp« in Davos. Auf 1900 Metern Höhe, umgeben von einem eindrucksvollen Alpenpanorama, verfasste bereits Thomas Mann seinen »Zauberberg«. Unter der Leitung von Peter Vollbrecht widmen Sie sich täglich philosophischen Texten rund um die ethischen Grundfragen nach dem richtigen Handeln und einem gelingenden Leben. Das Programm reicht von Aristoteles über Kant bis hin zu den Utilitaristen Bentham und Mill. Am letzten Tag erwartet Sie ein Besuch unseres Chefredakteurs Thomas Vašek, mit dem Sie über die Bedeutung der Arbeit für ein gelingendes Leben diskutieren können.

Alle Informationen zum kompletten Programm sowie zu Kosten, Unterkunft und Anfahrt finden Sie hier.

Für Fragen und Anmeldung (bis zum 15. Mai 2015) stehen wir Ihnen gerne unter leserreise(at)hoheluft-magazin.de zur Verfügung.

Die Reise ist auf 20 Teilnehmer beschränkt. Melden Sie sich gleich an und freuen Sie sich auf inspirierende Seminare, anregende Gespräche und leichte Wanderungen in malerischer Natur.

Leserreise_Berge

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Neu: HOHE LUFTpost

Im neuen Jahr gibt es für Newsletter-Abonnenten häufiger Post von HOHE LUFT: ab sofort versorgt Sie unser stellvertretender Chefredakteur Tobias Hürter wöchentlich mit einem philosophischen Gedanken. Mal aktuell, mal zeitlos, hoffen wir Ihnen damit auch zwischen den Erscheinungsterminen unseres Heftes neue philosophische Denkanstöße zu liefern.

Wer den Newsletter bereits bezieht, erhält die HOHE LUFTpost automatisch jeden Freitag. Die erste Ausgabe können Sie sich hier anschauen. Natürlich informiert Sie der Newsletter auch weiterhin über Neuigkeiten und Events von HOHE LUFT.

Um den HOHE LUFT Newsletter zu bestellen, schreiben Sie einfach eine E-Mail an: newsletter(at)hoheluft-magazin.de

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Charlie Hebdo und der Kampf für die Aufklärung

Kurz vor Drucklegung unserer nächsten Ausgabe erreichte uns die Nachricht vom Anschlag auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo.

Wir haben einen neuen Leitartikel geschrieben, gewidmet Charlie Hebdo – einem Blatt, das wie kaum ein anderes für die Redefreiheit steht, einen der wichtigsten Werte unserer Gesellschaft.

Den Leitartikel können Sie ab sofort hier online lesen.

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»Neue Konzepte und Ideen müssen her«

Das soziale Job-Netzwerk XING verleiht im Januar zum zweiten Mal den New Work Award, der innovative Modelle neuer Arbeitsweisen auszeichnet. HOHE LUFT liegt die Frage nach der Zukunft guter Arbeit sehr am Herzen und hat darum Marc-Sven Kopka, Vice President Corporate Communications der XING AG, einige Fragen über die den Wandel in der Arbeitswelt und den New Work Award gestellt. Den ganzen Artikel lesen

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Haben Sie FOMO?

Das Wochenende ist noch nicht mal in Sichtweite und Sie haben jetzt schon Angst, etwas zu verpassen? Erwecken Posts von Freunden in sozialen Netzwerken in Ihnen immer wieder das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein? Dann leiden Sie an FOMO, der »Fear Of Missing Out«. Psychologen nehmen an, dass diese eigentlich uralte Angst heute insbesondere von den sozialen Medien geschürt wird, da wir dort permanent mit den tollen Erlebnissen anderer Leute konfrontiert werden. Die Bilder vom Palmenstrand oder der lässigen Rooftop–Grillparty lassen unser derzeitiges Tun ziemlich alt aussehen. Wir bekommen das ungute Gefühl, dass das wahre Leben gerade ohne uns stattfindet. FOMO – das ist die Volkskrankheit der medial vernetzten Menschen.  Den ganzen Artikel lesen

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Philosophie, ab ins Museum!

Der Verein DenkWelten bringt die Philosophie ins Museum! Aktuell läuft die zweite Ausstellung „überdacht! philosophie mit weitblick“ im Landgrafenschloss Marburg. Ziel ist es, das Verständnis von Philosophie zu erweitern und die ästhetische Qualität von philosophischer Reflexion ins Zentrum zu rücken. Das Museum widmet sich nicht einzelnen Philosophen und ihrer Vita, sondern der Veranschaulichung von philosophischen Ideen. Die ausgestellten Exponate verdichten wichtige Überlegungen großer Philosophen und machen diese sicht- und greifbar. Wir haben Tobias Weilandt, Vorstandsmitglied von DenkWelten, einige Fragen gestellt.

HOHE LUFT: Welche Idee liegt dem Philosophie-Museum zugrunde? Welche Ziele stehen dahinter?
Tobias Weilandt: Philosophische Ideen werden in zumeist interaktiven Exponaten versinnbildlicht und so breiten Bevölkerungsschichten auf eine neuartige Weise zugänglich gemacht. Ziel ist es dabei, deren Philosophieverständnis grundlegend zu erweitern. Philosophieren, wie wir es verstehen, ist keine bloße Beschäftigung mit philosophischen Gedanken, sondern eine Wissenschaft, mit eigenen Methoden. Bei unseren Exponaten legen wir großen Wert auf fachwissenschaftliche Seriosität. Wir sind zwar gezwungen Theorien und Thesen zu vereinfachen. Bevor wir aber philosophische Ideen allzu sehr simplifizieren, verwerfen wir lieber das Konzept. Ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist der, den wir „Ästhetik der Theorien“ nennen. Jedes Exponat spiegelt die ästhetischen Qualitäten der ihm zugrundeliegenden Theorie wider. So ist das Wittgenstein-Exponat sehr nüchtern und streng gehalten. Die Kombination aus Fachwissenschaftlichkeit und künstlerischer Verarbeitung macht unser Museumskonzept weltweit einzigartig.

wittgenstein copyright 2013 denkwelten

Exponat L. Wittgenstein: Die Welt ist alles, was der Fall ist. © DenkWelten/M. Siegel, Frankfurt 2013.

HOHE LUFT: Warum konzentriert sich das Museum mehr auf einzelne philosophische Ideen als auf deren Urheber?
Tobias Weilandt: Unser Ziel ist die Realisierung eines Philosophie-, nicht eines Philosophenmuseums. Wir legen ganz klar den Fokus auf die philosophischen Ideen eines Immanuel Kants oder Ludwig Wittgensteins. Die Biographien der jeweiligen Denker sind zwar sicherlich ebenfalls interessant, spiegeln aber nicht das Interesse der akademischen Philosophie wider. Eine Theorie oder eine These muss unabhängig von den biographischen Umständen untersucht werden. Sie sind irrelevant, wenn es darum geht, eine Überlegung auf ihre logische Konsistenz zu prüfen. Die philosophische Idee sollte im Mittelpunkt des philosophischen Interesses stehen. Genau diese Form der akademischen Praxis möchten wir auch in unseren Ausstellungen zeigen. Dass unsere Ausstellungsstücke trotzdem Philosophennamen tragen hat nur den Zweck, dass sie eine erste Orientierung durch die Ausstellung bieten

HOHE LUFT: In der aktuellen Ausstellung gibt es ein Exponat zu Gottlob Frege, das die Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung aufgreift. Das zweigeteilte Stadtdiorama zeigt die Stadt einmal bei Morgen- und einmal bei Abenddämmerung. Beide Stimmungen sind geprägt von ein- und demselben Stern (Morgen-/Abendstern), der jedoch je nach Tageszeit einen unterschiedlichen Sinn hat. Was kann der Besucher daraus lernen?
Tobias Weilandt: Das Exponat „Der Morgenstern ist der Abendstern“ visualisiert Freges begriffliche Unterscheidung zwischen „Sinn“ und „Bedeutung“. Er erkannte, dass man sprachliche Ausdrücke nicht nur dadurch versteht, dass man weiß, worauf sie sich beziehen, sondern auch, wie auf das bezeichnete Objekt Bezug genommen wird. Am vorliegenden Beispiel lässt sich Freges Überlegung gut erklären: Als Abendstern bezeichnen wir den Stern, den wir abends als erstes sehen. Der Morgenstern hingegen ist der Stern, der als letzter am morgendlichen Himmel erscheint. Am Abend, wie am Morgen betrachten wir denselben Gegenstand, nämlich die Venus. Nach Frege haben also die Wörter Abendstern und Morgenstern dieselbe Bedeutung. Vertauschen lassen sich beide Bezeichnungen aber nicht, denn sie haben nicht denselben Sinn. Der Abendstern ist eben nicht der Stern, der morgens als letzter Stern zu sehen ist. In unserem Frege-Exponat verbildlichen wir diese Unterscheidung, indem wir je ein Stadtdiorama zur Morgen- und zur Abendzeit darstellen. Hier ist der Morgenstern bzw. der Abendstern zu sehen. Schaut man von oben auf die Dioramen, erkennt man, dass es sich bei beiden Sternen um denselben Gegenstand, nämlich die Venus handelt.
Das Exponat motiviert unter anderem zu der Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Welt. Ist die Sprache tatsächlich nur ein bloßes Abbild der Welt, wie dies lange behauptet wurde?

HOHE LUFT: Welche Vorteile hat die Visualisierung abstrakter Ideen gegenüber der Lektüre?
Tobias Weilandt: Bereits im Alltag gelten Ausdrücke, wie Bildlichkeit oder Anschaulichkeit als Synonyme für Verständlichkeit. Der große Vorteil von Visualisierungen liegt darin, dass sie einen übersichtlichen Einblick in ein Thema geben. Sie können mehrere Sachverhalte gleichzeitig darstellen, denn die relevanten Informationen stehen räumlich nebeneinander. Die Informationen müssen nicht erst aus einer langen Liste von Sätzen extrahiert und ins Verhältnis gesetzt werden. Sie sind in einem Objekt fokussiert. Bestimmte Aspekte einer philosophischen Theorie können mehr oder weniger direkt abgelesen werden. Wir behaupten nicht, dass Visualisierungen in irgendeiner Weise besser seien als Texte. Beide Medien ergänzen sich gegenseitig. So gibt es zu jedem Ausstellungsstück einen kurzen Text, der den Blick des Betrachters lenken soll. Ganz ohne Kontextualisierung wären unsere Exponate auch nur Dekorationsgegenstände.

Tobias Weilandt im Interview mit HOHE LUFT-Redakteurin Christina Geyer

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