Kategorie: Aktuell


DIE ZUKUNFT UNSERER ZUKUNFT

Kommendes Wochenende findet in Krems die GLOBART-Academy 2014 statt. Vier Tage lang tauschen sich verschiedene Referenten zum Thema „UN-sichtbar“ über eine enkeltaugliche Zukunft aus. Wir haben Wirtschaftsphilosoph Rahim Taghizadegan und Wirtschaftsredakteur Michael Kerbler einige Fragen zur Zukunft unserer Zukunft gestellt.
Beide werden kommenden Freitag auch auf der GLOBART sprechen:
Ab 14:00: Panel mit Rahim Taghizadegan, Andrea Grisold, Martin Schenk & Peter Rosner:
“Die unsichtbare Hand von Adam Smith”

Um 20:00: Peter Sloterdijk im Gespräch mit Michael Kerbler:
“Was die Zukunft bringt? Die unsichtbare Zukunft?”

INTERVIEW: CHRISTINA GEYER

HOHE LUFT: Was sehen Sie vor Ihrem inneren Auge, wenn Sie spontan an die Zukunft denken?
MICHAEL KERBLER: Es wird viele Zukünfte geben. Eine europäische, eine asiatische, eine afrikanische, eine amerikanische. Aber jede Prognose, wie es wohl werden wird, ist an Wittgensteins Diktum „Dass morgen die Sonne aufgehen wird, ist eine Hypothese“ zu messen. Die einzige Entwicklung, die meiner Meinung nach sehr wahrscheinlich eintreten wird, ist die forcierte Klimaerwärmung. Die Menschheit wird zur Kenntnis nehmen müssen, dass alle Errungenschaften nichts helfen werden: wir sind der Natur unterlegen. Die Erde braucht uns nicht.
RAHIM TAGHIZADEGAN: Ich sehe Ent-täuschung, also das Ende von Täuschungen, den Fortlauf der Geschichte und nicht ihr Ende, starke Umbrüche, eine neue Weltordnung oder Weltunordnung.

HOHE LUFT: Weltunordnung zeigt sich bereits heute: Die Welt ist komplex geworden. Wir können mit den Informationsfluten der globalisierten Welt kaum noch mithalten – ist Kontrollverlust die zwangsläufige Folge?
MICHAEL KERBLER: Ich bezweifle, dass es primär ein Kontrollverlust ist, der uns verunsichert. Wenn wir von Kontrollverlust sprechen, dann würde das doch bedeuten, dass wir früher in der Lage waren, Entwicklungen zu kontrollieren. Was seit der Implosion des sowjetischen Imperiums spürbar ist, das ist ein Verlust an Orientierung. Wenn sich Kontrollverlust zum Orientierungsverlust hinzugesellt wirkt er als Verstärker, weil tausende Informationen, die wir abrufen können, fataler Weise zusammenhanglos auf uns einprasseln. Die Diagnose für unsere Gesellschaft: we are overnewsed but underinformed. Und deshalb orientierungslos.
RAHIM TAGHIZADEGAN: Kontrollverlust ist die notwendige Folge einer vernetzten, arbeitsteiligen Welt. Ganz im Gegenteil weckt die massenmediale Durchdringung unseres Denkens mit globalen Schlagzeilen Kontrollwahn und damit verbundene Ohnmacht. Die Kontrolle komplexer Systeme ist eine Illusion, deren Verlust der erste Schritt zur Wiedererringung der Kontrolle über unser Leben ist.

HOHE LUFT: Peter Sloterdijk charakterisiert die Neuzeit als die Zeit starker Individuen, die den Bezug zu ihren Wurzeln verloren haben. Welche Auswirkungen hat der Verlust von Traditionen – und was bedeutet er mit Blick auf unsere Gesellschaft?
MICHAEL KERBLER: Jene Persönlichkeiten aus der Geschichte, die Peter Sloterdijk als Kronzeugen für die Gültigkeit seines zivilisationsdynamischen Hauptsatzes auftreten lässt, haben in ihrer Zeit große Umbrüche dadurch ausgelöst, weil sie geltende Spielregeln verletzt haben. Aber man muss Traditionen und Denkhaltungen schon sehr gut kennen, um zu wissen, wie man sie am besten bricht. Der Verlust von Traditionen ist ein schleichender Prozess, der allerdings nicht unumkehrbar ist. Das entscheidende Gegenmittel scheint mir Erinnerungsarbeit zu leisten. Wir sind, was wir erinnern. Wer aufhört zu erinnern, verliert seine Identität.
RAHIM TAGHIZADEGAN: Der Verlust von Traditionen überfordert die meisten Menschen, denn die Orientierung fehlt. Viktor Frankl sah als die zwei möglichen Folgen des Traditionsverlusts Konformismus und Totalitarismus. Tradition im negativen Sinne, das Festhalten am Bestehenden, ist gerade heute besonders ausgeprägt. Eine der schlechten Angewohnheiten unserer Tage ist die Überbewertung des Neuen, das in Unkenntnis des Alten ohnehin meist alter Wein in neuen Schläuchen ist. Tradition im positiven Sinne, die Weitergabe des Feuers, nicht das Bewahren der Asche, hat die Aufgabe, uns als Zwerge auf die Schulter von Giganten zu setzen.

HOHE LUFT: Die GLOBART hat sich das Ziel der Sichtbarmachung von Zukunftsthemen auf die Fahnen geschrieben. Bis zu welchem Grad ist es überhaupt möglich, die Zukunft abzubilden? Welchen Sinn macht es, Trends zu prognostizieren?
MICHAEL KERBLER: Seit Anbeginn strebte der Mensch doch danach, vorauszuahnen, was die Zukunft bringt. Ob früher das Orakel oder die Sterne befragt wurden oder ob heute computergestützte Szenarien errechnet werden: das Motiv dahinter ist, den Eintritt eines Ereignisses nach Wahrscheinlichkeiten zu reihen. Sinn dieser Projektionen ist zweierlei: sie geben bis zu einem gewissen Grad Sicherheit, auch wenn es sich um scheinbare Sicherheit handelt. Und zweitens erlaubt die Erarbeitung von Szenarien einen weiteren wichtigen Schritt: präventive Überlegungen anzustellen. Prävention versucht unerwünschte Zukünfte unwahrscheinlicher zu machen. Und das ist doch durchaus eine gute Vorbereitung darauf, mit den Veränderungen, die auf uns zukommen, gefasst umzugehen.
RAHIM TAGHIZADEGAN: Die Zukunft ist in einem sehr fundamentalen Sinne ungewiss und daher nicht abbildbar oder prognostizierbar. Futurologie kann allenfalls die Ahnungen, Sehnsüchte und Gedanken der Gegenwart abbilden, im besten Falle legt sie dabei noch Unbewusstes frei, meist bietet sie aber nur zeitgeistigen Bestrebungen eine Projektionsfläche.

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„In welcher Blase stecken wir eigentlich?“

Andri Snaer Magnason ist Poet, Roman- und Sachbuchautor und außerdem der Vordenker einer neuen Umweltbewegung in Island. Beim ».vernetzt # Zukunftscamp 2014« in Hamburg wird er einen Vortrag halten mit dem Titel: »Restart Iceland – wie erfinden wir uns neu?« Ein Skype-Anruf in Reykjavík. Den ganzen Artikel lesen

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Zahlen ist menschlich

Der britische Lehrer David Bolam wurde vor fünf Monaten in Libyen entführt. Nun wurde er vor einigen Tagen endlich freigelassen, höchstwahrscheinlich gegen ein hohes Lösegeld.  Während europäische Staaten häufig zu solchen Zahlungen bereit sind, verweigern sich die USA und Großbritannien meist solchen Forderungen. Auf tagesschau.de kritisiert der Antiterrorexperte Philip Mud das Vorgehen der Europäer: “Die Amerikaner zahlen kein Lösegeld, die Europäer schon. Das bringt einen kurzfristigen Vorteil. Wenn sie Geiseln nehmen und eine Menge Geld verlangen, erhalten sie unter Umständen genug Geld, um die ganze Organisation zu finanzieren“.  Und nicht nur das: Die Zahlungen schaffen auch Anreize für potentielle Nachahmungstäter. Nur eine strikte Verweigerung der kompletten Gesellschaft könnte also auf lange Sicht dazu führen, dass sich Entführungen nicht mehr lohnen. So betrachtet liegt der generelle Verzicht auf Lösegeld im Interesse aller Bürger.

Entgegen der offiziellen Devise zahlen offenbar auch manche Briten Lösegeld, wie der Fall Bolam zeigt. Laut dem britischen Philosophen Nigel Warburton ist dies ein eindeutiger Beweis dafür, dass Menschen sich nicht immer rational entscheiden. Jeder könne das an sich selbst überprüfen: Was, wenn die eigene Tochter, die Mutter oder ein Freund als Geisel gehalten und mit dem Tode bedroht würde? Warburton ist sich sicher: Befände er sich in dieser Situation und besäße er eine Millionen Pfund – er würde zahlen. Aus utilitaristischer Sicht sei eine solche Einstellung zwar verwerflich. Die selbe Summe könnte nämlich gleich eine Vielzahl an Leben retten – etwa im Falle heilbarer Krankheiten in armen Regionen – anstatt nur dem einen geliebten Menschen zu helfen. Das eigene Kind zu opfern kommt uns trotzdem nicht in den Sinn. Anscheinend hören wir auf, rationale Berechnungen anzustellen, wenn starke Emotionen im Spiel sind.

Man sollte die Zahlung von Lösegeld jedoch nicht als beispielhaft für fehlende Rationalität begreifen. Sonst handelt man auch irrational, wenn man sich ein Sofa kauft. Mit dem Geld könnte man schließlich auch Schulbücher für mehere Kinder in Afrika finanzieren. Gleiches gilt, wenn man seinen Partner zum Essen einlädt. Das selbe Geld könnte jene versorgen, die es nötiger haben als man selbst. Für fast alles Geld, das wir ausgeben, gibt es bessere Verwendung im utilitaristischen Sinn – außer, man lebt selbst am Rande des überlebensnotwendigen Minimums.

Lösegeld-Zahlungen müssen deshalb als ein gesondertes Dilemma behandelt werden. Sie gelten nicht deshalb als irrational, weil man seine Nächsten der allgemeinen Masse vorzieht, sondern weil man gezielt gegen die Interessen der eigenen Gemeinschaft handelt – und damit auch gegen seine eigenen Interessen. Im Fall von Terrororganisationen erhöht man mit seinen Zahlungen neben dem Risiko von Entführungen sogar noch das Risiko von Anschlägen. Das alles ist nicht der Fall, wenn man sich ein Sofa kauft.

Was Warburton unterschlägt, ist dass man meist auch ein rationales Interesse am Überleben der Geliebten hat. Sie spielen eine zentrale Rolle im eigenen Plan vom gelungenen Leben. Ohne sie wäre das Leben nicht so, wie man es leben möchte. Ihr Verlust würde den Verbliebenen also weitaus mehr schaden, als eine allgemeine Erhöhung des Entführungsrisikos – besonders wenn man bedenkt, wie schwindend gering dieses Risiko momentan ist.

Natürlich zahlt man das Lösegeld auch primär, weil man die Geisel liebt. Dass Emotionen im Spiel sind, steht außer Frage. Daraus folgt aber noch lange nicht, das eine Lösegeldzahlung eine irrationale Entscheidung wäre. Die Vorteile überwiegen für die Betroffenen eindeutig die Nachteile – man handelt also begründet und vernünftig. Vor allem aber bedeutet die Entscheidung zur Zahlung, dass man ein akut bedrohtes Menschenleben höher wertet als eine kontrafaktische Gefahr- und somit menschlich handelt.

-Robin Droemer

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Ohne Krise geht es nicht!

Seit drei Jahren betreibt Rene Tichy seine Philosophische Praxis „Verrückt nach Sokrates“ im 7. Wiener-Gemeindebezirk. Ganz sokratisch ist auch die Lage: Seine Praxis ist ein Gassenlokal, das jeden dazu einlädt, einzutreten. Über 30 Jahre war der studierte Philosoph Rene Tichy in der Wirtschaft tätig, bis er 2008 umschulte und sich bei Gerd B. Achenbach, dem Begründer der Philosophischen Praxis, zum philosophischen Praktiker ausbilden ließ.
HOHE LUFT-Redakteurin Christina Geyer hat Rene Tichy in seiner Praxis besucht und ihm einige Fragen zur Praxis der Philosophischen Praxis gestellt.

HOHE LUFT: Wo verorten Sie die Philosophische Praxis? Inwieweit lässt sie sich von Psychotherapie und Coaching abgrenzen?
RENE TICHY: Philosophische Praxis hebt die Einseitigkeit von Psychotherapie und Coaching auf. Es geht nicht ohne Psychologie und Therapie, aber das allein ist zu wenig. Philosophische Praxis konzentriert sich auf die Bewusstmachung des Bewussten – das Unbewusste überlassen wir den Therapeuten. Anders als Coaching ist Philosophie auch eine Kritik der Wünsche. Sie fragt, ob unsere Wünsche legitim sind und zu uns passen. Richtig wünschen muss man können, das ist gar nicht so einfach.

HOHE LUFT: Das historische Wörterbuch für Philosophie definiert Philosophische Praxis als professionell betriebene philosophische Lebensberatung, die das Denken in Bewegung setzt…
RENE TICHY: Das Herzstück der Philosophischen Praxis ist das Nachdenken über das eigene Denken. Sie will das Bewusstsein zum Bewusstsein bringen. Das hört sich erst einmal komisch an, aber wir denken und handeln oft aus einer Selbstverständlichkeit heraus. Die Philosophische Praxis überprüft diese Selbstverständlichkeit und hinterfragt Haltungen, Urteile und Überzeugungen. Insofern setzt sie das Denken in Bewegung, ja. Kritischer sehe ich das Wort „professionell“ – ich sehe philosophische Praktiker eher als philosophische Spezialisten für das Allgemeine, für das Gesamt-Menschliche.

HOHE LUFT: Welche Rolle spielt die Theorie in der Philosophischen Praxis und wie würden Sie ihr Verhältnis zur Praxis beschreiben?
RENE TICHY: Meine Theorie ist womöglich, dass ich keine habe. Die große Gefahr von Theorie ist, dass sie einem Menschen übergestülpt wird. Damit beschneidet man den Menschen und bleibt in der Theorie stecken. Der Einzelfall steht für mich deshalb vor jeder Theorie: Vorrang hat immer die individuelle Lebensgeschichte. Ich habe aber selbst erst lernen müssen, wie man das, was in Büchern steht, auf das Leben übertragen kann.

HOHE LUFT: Und wie macht man das?
RENE TICHY: Was mir erzählt wird, versuche ich mit Sokrates oder Hegel, mit Schopenhauer oder Kierkegaard zu verstehen.

HOHE LUFT: Wie wichtig ist dieses Verständnis in einer persönlichen Beratung?
RENE TICHY: Sehr wichtig, denn um Verständnis geht es in der Philosophischen Praxis bestenfalls. Ich gebe keine Ratschläge oder Beurteilungen ab – das sollte implizit geschehen. Argumente lassen einen melancholischen oder unglücklichen Menschen kalt.

HOHE LUFT: Welcher Schritt folgt auf das Verständnis?
RENE TICHY: Ein konkretes Beispiel: Jemand hat das Gefühl, im falschen Leben zu sein. Ich hinterfrage dieses Gefühl, um die Lebensgeschichte genauer zu machen und das Übersehene herauszustellen. Philosophische Praxis will über die eigene Person aufklären und das Verständnis der Ist-Situation fördern. Das Andere kommt erst danach, nämlich, wie Nietzsche sagt: Wie werde ich der, der ich bin? Wie werde ich authentisch und zu dem, der ich gedacht bin? Worauf kommt es in meinem Leben an?

HOHE LUFT: Wir sollten uns also über ein Selbst-Verständnis an die großen Fragen herantasten?
RENE TICHY: Genau. Je schlechter es Menschen geht, desto schlechter vertragen sie Trost. Ich sehe mich deshalb auch nicht als Tröster, sondern versuche, jemanden in seiner Untröstlichkeit zu verstehen. Es gehört nicht zum Mensch-Sein, das Unglück immer fern von sich zu halten – wer das versteht und sein Unglück akzeptiert, trägt sein Schicksal anders.

HOHE LUFT: … Und hier kommt die Philosophie ins Spiel?
RENE TICHY: Ja, aber sie ist schon die ganze Zeit anwesend. Philosophie ist prädestiniert dazu, Menschen darin zu bestärken, Schweres auszuhalten. Etwas flapsig formuliert: Wenn es mir schlecht geht, ist das nichts, was schnell beseitigt oder umgangen werden sollte. Vielmehr sollten wir mittendurch gehen.

HOHE LUFT: Schafft die persönliche Krise erst die nötige Voraussetzung für Philosophie?
RENE TICHY: Ja. Ich glaube, ganz ohne Krise geht es nicht. Für Schopenhauer macht allein schon die Jagd nach Sinn unglücklich. Der Zeitgeist will, dass wir glücklich sind und einen Sinn finden. Da wirkt Schopenhauer fast schon entspannend. Denn wer sagt, dass uns das Glück und der Sinn wirklich bereitet sind? Ich glaube: Wer nicht nach Sinn fragt, der hat ihn. Wer anfängt zu fragen, hat ihn schon verloren. Interessanterweise stellt sich der Sinn wieder ein, wenn ihm nicht krampfhaft nachgehastet wird.

 

Hinweis: Erstmalig wird mit dem Wintersemester 2014/15 auch ein Universitätslehrgang “Philosophische Praxis” an der Universität Wien angeboten. Fundiertes Wissen aus relevanten Teilbereichen der Philosophie und die Etablierung grundlegenden und praxisbezogenen Wissens über Philosophie in der Gesellschaft stehen dabei im Mittelpunkt.

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Die Kunst des Kunstverständnis’

Kunst boomt. Deutsche Museen verzeichnen jährlich konstant über 100 Millionen Besucher – Tendenz steigend. Doch nicht nur die Besucherzahlen steigen, auch die Unsicherheit in Gegenwart moderner Kunst wächst. Als hätte Schriftsteller Edmond de Goncourt einen Blick in die Zukunft gewagt, stellte er vor über 135 Jahren fest: „Niemand auf der Welt bekommt so viel dummes Zeug zu hören wie die Bilder in einem Museum.“

Vom Minimalismus erdrückt, fällt es schwer, Einblick in die tiefere Botschaft eines kleinen schwarzen Punkts auf weißer Leinwand zu erhalten. Wie gut, dass wir auf das Urteil der Kunstelite zurückgreifen können. Oder? Ganz im Gegenteil, wettert Alain de Botton, Philosoph und Mitbegründer der School of Life in London. Wir müssen nicht für wichtig halten, was Andere für wichtig halten: Wenn wir im kleinen schwarzen Punkt die schönste Liebeserklärung aller Zeiten erkennen wollen, so ist das unser gutes Recht. Mehr noch: De Botton sieht darin sogar die Erfüllung des Sinns von Kunst. Kunst ist nichts eindeutig Festgelegtes, sondern eine Einladung zur Spiegelung unseres Selbst. Indem wir uns den Freiraum nehmen, Kunst unvoreingenommen zu betrachten, reflektiert sie unsere Bedürfnisse und Sehnsüchte.

Anfang 2014 versuchte de Botton eine Lanze für seine These „Kunst ist Therapie“ zu brechen: Er versah 150 Kunstwerke des Amsterdamer Rijksmuseums mit übergroßen Klebezetteln, die dazu aufforderten, einen persönlichen Bezug zum jeweiligen Kunstwerk herzustellen. Neben Adriaen Coortes Walderdbeeren stand in schwarzen Lettern auf gelbem Hintergrund: „Ich will die Scheidung“. De Bottons Ansatz: Coortes Gemälde zeigt nicht nur eine Schale Erdbeeren, sondern eine Aufforderung zur Auseinandersetzung mit uns selbst. Tausendmal schon haben wir Erdbeeren gesehen und gekostet, aber wann haben wir das letzte Mal ihre Schönheit bewundert? Wann haben wir das letzte Mal wertgeschätzt, was wir an Erdbeeren haben? „Was Coorte mit den Erdbeeren tut, sollten wir mit unserem Leben tun. Vor allem mit unseren Geliebten.“, rät der Klebezettel.

Der Post-it-Philosoph musste sich dafür Kritik gefallen lassen: Ihm wird nachgesagt, dass er im Versuch, die Kunst von Bevormundung zu befreien, selbst zu bevormunden begonnen hat. Ein grobes Missverständnis: Seine Klebezettel sind keine Wegweiser, sondern Beispiele. „Ich will die Scheidung“ hätte genauso gut „Ich sehne mich nach Schönheit“ oder „Ich bin traurig“ heißen können. De Botton hält uns dazu an, genauer hinzusehen. Wenn uns das gelingt, können wir durch Walderdbeeren zu uns selbst sprechen.

- Christina Geyer

VERANSTALTUNGSHINWEIS
ART.FAIR 2014
24.-27.10.2014 in der Koelnmesse (Halle 1&2)

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Ein totalitärer Denker

Unter dem Hashtag #schlussmitheidegger plädieren wir derzeit dafür, endlich mit der Verteidigung des umstrittenen Philosophen Martin Heidegger aufzuhören.

Nicht alle teilen diese Meinung, es werden auch Gegenstimmen laut.

Im Rahmen dieser Diskussion möchten wir Ihnen den ausführlichen Artikel “Ein totalitärer Denker” unseres Chefredakteurs Thomas Vašek nicht vorenthalten, der in der Ausgabe 06/14 am 25.09. erschienen ist. Ab sofort ist der Artikel hier in voller Länge zu lesen. 

Wir sind weiterhin gespannt auf Ihre Meinung! Sollen wir ohne Heidegger denken? Oder geht es nicht ohne ihn?

Schreiben Sie uns auf Facebook oder twitter.

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125 Jahre sind genug

Seit der Veröffentlichung der “Schwarzen Hefte” ist klar: Das nationalsozialistische Gedankengut ist fest in der Philosophie des umstrittenen Denkers Martin Heidegger verankert.

“Heideggers Philosophie ist im Kern anti-liberal, anti-demokratisch, anti-humanistisch, anti-rational” schreibt HOHE LUFT Chefredakteur Thomas Vašek in der neuen Ausgabe. 

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Morgen würde Heidegger 125 Jahre alt. Ein guter Anlass um zu sagen: Schluss mit Heidegger! Wir sollten aufhören, seine Philosophie zu verteidigen.

Was sagen Sie dazu? Nutzen Sie den Hashtag #schlussmitheidegger und sagen Sie uns Ihre Meinung!

HOHE LUFT auf Facebook und twitter.

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Ab heute im Handel: die neue Hohe Luft!

HL_fb_profilbild_0614 2Macht wird als erstes mit Unterdrückung, Missbrauch und Ungerechtigkeit assoziiert. Wir machen uns in der neuen HOHE LUFT-Ausgabe auf die Suche nach einem produktiven Machtbegriff.
Die Veröffentlichung der “Schwarzen Hefte” hat wegen antisemitischer Passagen eine neue Diskussion über Martin Heidegger ausgelöst. Ist es an der Zeit, sich von seiner Philosophie zu verabschieden?
Weitere spannende Themen im neuen Heft sind außerdem: Was kann die Klugheit? Wie geht Innovation? Ist Mobilität ein moderner Fluch oder Segen? Vom neuen Trend, sich zum Opfer zu machen.
Und der französische Mathematiker und Philosoph Alain Badiou spricht im Interview über Kapitalismus, Liebe und Demokratie. 

Sie wollen das Heft online kaufen? Dann hier entlang.

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Inzest verbieten?

Der Deutsche Ethikrat hat sich dafür ausgesprochen, das deutsche Inzestverbot zu überarbeiten. Einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen sollte demnach nicht mehr unter Strafe stehen.  Das Thema ist umstritten, auch innerhalb des Ethikrates: Von den 23 Mitgliedern stimmten 9 gegen eine Lockerung des Gesetzes. Auch innerhalb der HOHE LUFT Redaktion führte die Entscheidung des Gremiums zu kontroversen Diskussionen. Sollte man wirklich mit diesem Tabu brechen?  Lesen Sie zwei Kommentare für und wider eine Lockerung des Inzestverbots von Robin Droemer und Danilo Flores und lassen Sie uns Ihre Meinung zu dem Thema wissen.

Sollte das Verbot von Inzest aufgehoben werden?

PRO

 Für mehr Freiheit

Die Fantasy-Serie „Game of Thrones“ ist momentan der hellste Stern am Serienhimmel. Sex, Liebe und Intrigen, dazu noch die ein oder andere epische Schlacht: Das ist der Stoff, aus dem (Fernseh-) Legenden gemacht sind. Zusätzlich zeigt die Serie aber auch ein wirklich provokantes Thema: Die Königin und ihr Bruder führen eine heimliche Liebesbeziehung – und zeugen drei Kinder gemeinsam.

Inzest ist eines der letzten universalen Tabus dieser Welt. Fast überall ächtet man ihn als “Blutschande”, insbesondere zwischen Geschwistern. Dafür mag es verschiedene Gründe geben, unter denen “Unnatürlichkeit” wohl der verbreitetste ist. Und tatsächlich tritt bei den allermeisten Menschen das ein, was nach dem finnischen Anthropologen Edvard Westmarck als “Westmarck-Effekt” bezeichnet wird. Demnach fühlen sich Menschen von Natur aus nicht zueinander hingezogen, wenn sie die ersten Kindesjahre miteinander aufwuchsen – egal ob blutsverwandt oder nicht.

In Deutschland wird Inzest jedoch nicht nur gesellschaftlich abgelehnt, sondern auch per Gesetz verboten – ein philosophisch bedeutsamer Unterschied. Denn laut dem Philosophen Ronald Dworkin zeichnet sich ein liberaler Staat gerade dadurch aus, dass er sich im Bezug auf die Lebensentwürfe seiner Bürger neutral verhält. Niemand kann für seine persönliche Vorstellung von einem guten Leben verurteilt werden – auch wenn seine Ansichten nicht den gängigen Konventionen entsprechen. Natürlich gilt diese Neutralität nur, solange andere Menschen nicht zu schaden kommen. Doch wem und wie schadet einvernehmlicher Sex zwischen erwachsenen Verwandten?

Eine mögliche Antwort lautet : den Kindern. Das Risiko für Missbildungen und Krankheiten beim Nachwuchs erhöht sich in Inzest-Partnerschaften nachweislich. Die Eltern könnten also das Recht des Kindes auf ein gesundes Leben verletzen.

Allerdings führt nicht jeder Sex zur Zeugung von Kinder. Die Partner könnten verhüten oder sich sterilisieren lassen. Warum sollte man den Akt selbst dann verbieten?

Doch auch ohne Verhütung führt sich das Argument des Kinderschutzes selbst ad absurdum. Denn die Medizin kennt inzwischen eine Vielzahl von Erbkrankheiten, welche die Lebensqualität der Erkrankten immens verringern – etwa die Huntington-Krankheit oder Kretinismus. Das Inzest-Verbot auf das bloße Risiko möglicher Erkrankungen des Nachwuchses zu gründen, würde bedeuten, dass man auch allen anderen Trägern bekannter Krankheitsanlagen Sex gesetzlich verbieten müsste. Doch damit nicht genug: Vor zwei Wochen stellten Wissenschaftler der Universität Bergen die Ergebnisse einer Langzeitstudie vor, welche die Auswirkungen des Rauchens auf das eigene Erbgut untersuchte. Die Forscher fanden heraus, dass ein Mann, der zehn Jahre lang raucht,  das Risiko für eine Asthma-Erkrankung seiner Nachkommen um bis zu 50% erhöht. Wäre das Argument gegen Inzest zutreffend, müsste also auch Rauchern Sex strafrechtlich verboten werden.

Ein weiterer Einwand der Befürworter des Verbots lautet, dass Kinder, die aus inzestuösen Beziehungen hervorgehen, diskriminiert werden könnten. Vor nicht allzu langer Zeit wurde dieses Argument auch gegen Ehen zwischen Schwarzen und Weißen vorgebracht. Diese strafrechtlich zu verbieten, um die möglichen Kinder zu schützen, kommt uns heute glücklicherweise nicht mehr in den Sinn. Die Abneigung der Mehrheit ist per se kein Argument gegen die Neigungen einer Minderheit.

Ekel und Abscheu sind grundlegende menschliche Empfindungen. Allerdings taugen sie nicht als Basis für die Gesetze eines demokratischen Rechtsstaates. Natürlich darf jeder für sich widerlich finden, was er will. Aber ebenso hat jeder auch ein Recht darauf, auf die Weise glücklich zu werden, wie er es will – solange er niemandem damit schadet. Das sollten wir niemals vergessen.

-Robin Droemer

CONTRA

Gegen die Fahrlässigkeit

Der Ethikrat hat gesprochen: Inzest ist okay. Der Staat habe sich aus dem Liebesleben seiner Bürger herauszuhalten – Obrigkeitliche Eingriffsrechte in die individuelle Privatsphäre seien nur zu rechtfertigen, sofern ein Einzelner durch seine Handlungen jene Grundrechte verletzt, die der Allgemeinheit verfassungsmäßig zugestanden werden. Darunter fallen grundgesetzlich zugesicherte Güter wie Gesundheit, (sexuelle) Freiheit und Eigentum.

Evidentermaßen sei eine Liebesbeziehung unter Geschwistern aber eine einvernehmliche Angelegenheit, wobei keiner der Beteiligten eine Verletzung an einem der ihm zustehenden Grundrechte hinnehmen müsse. Es gehe vielmehr darum, dass der Gesetzgeber die rechtlichen Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft so gestaltet, dass niemand daran gehindert wird, seine elementaren Freiheitsrechte in Anspruch zu nehmen.

Wenn das Strafrecht nun die Geschwisterliebe kriminalisiert, so werden die Grundrechte einer Minderheit von inzestuösen Mitbürgern unzulässigerweise eingeschränkt. Ergo: Inzucht als Strafbestand aus dem Strafgesetzbuch ausradieren, um sich staatlicherseits nicht länger einer verfassungswidrigen Beschränkung der persönlichen Freiheit des Bürgers schuldig zu machen. Die gesetzliche Ordnung müsse dem Wertewandel – der auf eine Art von Hyperindividualismus zusteuert –  Rechnung tragen und schließlich seien in der deutschen Rechtsgeschichte immer wieder Gesetze gestrichen worden, die unzeitgemäß geworden waren und ein Verhalten unter Strafe stellten, dass nicht länger als anrüchig angesehen wurde.

Es gibt aber gute Gründe, Inzest als strafwürdiges Fehlverhalten anzusehen – immer noch und für alle Zeit. Wenn Geschwister sich untereinander auf sexuelle Handlungen einlassen, begehen sie nämlich eine grobe Fahrlässigkeit: Sie gefährden ihren Nachwuchs, der sehr wahrscheinlich behindert sein wird. Denn von Natur aus paaren sich nahe Verwandte nicht, so funktioniert menschliche Fortpflanzung einfach nicht; das Ekelgefühl, das Inzest hervorruft, ist nichts anderes als die instinktmäßige Ablehnung einer Verhaltensweise, die den Fortbestand der menschlichen Spezies infrage stellt. Auch bei indigenen Völkern sind sexuelle Beziehungen unter engsten Verwandten tabu. Wie kann der Ethikrat – diese „zivilisatorische“ Errungenschaft erster Güte –  eine Handlungsweise gutheißen, die so offensichtlich gemeingefährlich ist, dass sogar „primitive“ Völker sich ihrem Gewohnheitsrecht nach von ihr fernhalten?

Weshalb auch immer der Ethikrat jetzt auf einmal die Inzucht entkriminalisieren will, manche Dinge scheinen vorerst verboten zu bleiben: Kiffen zum Beispiel. Wie vielen in die Illegalität Gedrängten hilft man mit der Aufhebung des Inzestverbots? Ich hoffe inständig nicht allzu Vielen. Wie vielen in die Illegalität Gedrängten hülfe man mit einer Legalisierung von Marijuana? Gut und gerne einem zweistelligen Prozentsatz des deutschen Volkes. Sollte der Vorschlag des Ethikrates umgesetzt werden, wäre das keine Evolution des deutschen Rechts, sondern der erste Schritt in Richtung eines moralischen Nachtwächterstaates, der unter dem Deckmantel der Neutralität der Dehumanisierung des Menschen Tür und Tor öffnet.

-Danilo Flores

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Öffnet die Grenzen!

Innerhalb Deutschlands stehen wir für Chancengleichheit ein. Doch wenn es um die nationalen Außengrenzen geht, hört dieser Anspruch auf. Ist es moralisch vertretbar, Flüchtlinge abzuweisen?

Nein, das ist es nicht, meint HOHE LUFT Redakteur Robin Droemer. Im Leitartikel der neuen Ausgabe plädiert er für eine liberalere Einwanderungspolitik. Sie können den Artikel schon vor Erscheinen hier in voller Länge lesen.

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