Kategorie: Aktuell


Jetzt am Kiosk: Die neue HOHE LUFT

HL_Cover_0115_großMit Sprache kann man nicht nur Dinge beschreiben. Sie ist sehr viel machtvoller. In der heute erschienenen HOHE LUFT-Ausgabe gehen wir der Frage nach, wie wir durch Sprache unsere Lebenswelt strukturieren und verändern können.
Keine philosophische Strömung ist so bedeutsam für die US-amerikanische Kultur wie die des Pragmatismus. Wir werfen einen Blick auf die Zusammenhänge zwischen pragmatistischem Denken und dem »American Dream«.
Weitere Themen dieses Mal: Die Ambivalenz der neuen Rituale. Können Vorurteile gut sein? Über die Kraft der ästhetischen Erfahrung. Sind wir zum Spenden verpflichtet? Und: HOHE LUFT zu Gast in Cambridge­ – Der Philosoph und Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen im Interview über globale Gerechtigkeit und das gute Leben.

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Künstler-Radar und Jutebeutel-Kommunikation

Noch bis morgen läuft die Affordable Art Fair in Hamburg. Wir haben die Kunstmesse zum Anlass genommen, über den Sinn von Mode nachzudenken. Dazu haben wir Hobbykulturproduzent Uwe Lewitzky einige Fragen gestellt. Ein Interview über (abnehmende) Individualität, Kommunikation und die Ehrlichkeit, so sein zu dürfen, wie alle sind. Lewitzky ist übrigens auch auf der Affordable Art Fair vertreten.

HOHE LUFT: Sie haben einmal über Ihre Kunst gesagt, dass sie Fakten schafft, die man Leuten unter die Nase reiben kann. Welchen Stellenwert nimmt das Sendungsbewusstsein in der Statement-Fashion ein?
(Anm.: Statement-Fashion = Kleidungsstücke, die ein Statement abgeben – etwa, indem sie eine klare Botschaft transportieren)
Uwe Lewitzky: Leider ist das Sendungsbewusstsein in der Statement-Fashion im Sinne des Strebens nach zur Schau gestellter Individualität deutlich höher als eine spezifische Haltung, die bestenfalls auch eine Kritik gegenüber den Dingen/Zuständen wäre und in einem zweiten Schritt Fakten schafft in Bezug auf den uns umgebenden Un-Sinn. Aber so wie es aussieht, wird der Normcore-Trend der Statement-Fashion ein Ende setzen, wobei meine These ist, dass Normcore der neue Mainstream wird, weil viele langsam dahinter kommen, dass sie gar nichts  Besonderes zu sagen haben und gar nicht so individuell sind und daher auch vorsichtiger sind im Herumtragen von gekauften Aussagen und Distinktionsmerkmalen.

HOHE LUFT: Kommunizieren wir, wenn wir bedruckte Jutebeutel tragen? Zum Beispiel einen mit Aufschrift „Aber Crombie, wo ist Fitch?“
Uwe Lewitzky: Was wir wissen (Paul Watzlawick sei Dank): Der Mensch kann nicht nicht kommunizieren. Was ich persönlich für mich weiß: Die Entfernung zwischen dem, was eine Person kommunizieren möchte, ist riesengroß zu dem, was sie letztendlich für mich kommuniziert, nämlich “Selbstjustiz durch Fehleinkäufe” (M. Kippenberger).

HOHE LUFT: Die Süddeutsche meint, dass wir Dresscodes knacken können, wenn wir Fragen stellen. Etwa: Welche Botschaft will der Entwerfer vermitteln? Was sagt dieser Trend über unsere Zeit aus? – Aber muss Mode immer einen Grund haben und eine Botschaft vermitteln wollen? Kann sie nicht auch komisch sein, weil sie komisch sein will, sinnentleert, weil sie vielleicht genau das sein will: Ohne Sinn?
Uwe Lewitzky: “Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei letzterer den ersten bestimmt.” Watzlawick nennt in diesem Zusammenhang drei mögliche Wahrnehmungen eines Statements: die Bestätigung, die Verwerfung und die Entwertung. Das heißt: Jedes Statement kann auch gerne mal in die Hose gehen. Watzlawick bezeichnet das ganz emotionslos als eine “gestörte Kommunikation”, die ja irgendwie symptomatisch für unsere Zeit ist. Als Betreiber der Internetseite mit dem oft missverstandenen Namen www.nichtnachdenken.de kann ich den Aspekt sinnentleerter Komik nicht nur im Bereich der Mode entdecken.

HOHE LUFT: Wie spüren wir Mode auf und wie unterscheiden wir zwischen Fashion-Statements? Verfügen wir über ein Coolness-Radar, das uns intuitiv über den Fashion-Faktor der Aufschrift „I got 99 Pancakes cause a bitch ate one“ aufklärt?
Uwe Lewitzky: Mein sensibles Künstler-Radar spürt bei solchen Aufschriften ganz deutlich eine mittelschwere Unzufriedenheit auf – dank einer an den Haaren herbeigezogenen Verballhornung eines popkulturellen Zitats, die sich aufgrund ihrer Hirnlosigkeit leider in keine Richtung schönreden lässt. Aber hey, wenn sich einer von den anderen Jungs schon das geile T-Shirt mit dem “gibt‘s hier Frühstück oder kannst du das auch nicht?”-Slogan unter den Nagel gerissen hat, dann kauft man sich halt ein anderes, auch wenn das eventuell nicht ganz so “witzig” ist.

HOHE LUFT: Georg Simmel zufolge vereinigen sich in der Mode zwei widersprüchliche Bedürfnisse: Das Bedürfnis nach Zusammenschluss einerseits und das Bedürfnis nach Absonderung andererseits. Führt der Versuch, über Mode einzigartig zu sein, dazu, dass wir letztlich alle gleich werden?
Uwe Lewitzky: Was dabei vergessen wird ist der finanzielle Aspekt von Mode. Jemandem, der mit einer von Megakünstler Richard Price bedruckten Tasche von Louis Vuitton herumläuft, ist mit einem schnöden bedruckten Jutebeutel nicht beizukommen. Vielmehr verstärkt das den Moment des Zusammenhalts einer kleinen Gruppe von Besserverdienenden auf Kosten all derer, die ökonomisch nicht mithalten können. Aber auch in dieser Beziehung erlöst uns eventuell wieder der kommende Normcore mit seiner Ablehnung des Besonderen in Form von Logo- oder Slogan-Placements. Irgendwie ist es ja auch eine ganz ehrliche Sache, dass wir letztendlich alle gleich aussehen dürfen. Spätestens mit dem Zusammenbruch dieser Gesellschaft, wenn wir dann alle im Rahmen der Grundnahrungsmittelbeschaffung dazu gezwungen sind, das Gesetz ab und zu an einigen Stellen zu übertreten, ist es doch sehr hilfreich, wenn sich die Täterbeschreibung auf Basic-Statements beschränkt und wir nicht anhand eines Dernier-Cri-Accessoires überführt werden.

- Uwe Lewitzky im Interview mit HOHE LUFT-Redakteurin Christina Geyer

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Moral, Freiheit und Uhrwerk Orange

Selbstoptimierung ist in aller Munde. Quer durch die Feuilletons liest man von dem neuen Trend, die eigene Leistung zu erhöhen – ob mittels Schrittzähler, psychoaktiver Substanzen oder Apps zur Messung des Schlafs. Neu im Bereich der Selbstoptimierung ist das sogenannte Moral Enhancement, das darauf abzielt, die moralische Integrität durch die Einnahme von Medikamenten zu erhöhen. So ist beispielsweise erwiesen, dass die sogenannten SSRI (Serotonin Wiederaufnahmehemmer) aus der Gruppe der Psychopharmaka das Mitgefühl stärken. Allerdings stellt sich die Frage, ob dem Angebot an dergleichen Mitteln eine entsprechende Nachfrage gegenübersteht. Neben Wachmachern wie Modafinil und Ritalin sehen Pillen, die uns moralischer werden lassen, ziemlich altbacken aus. Damit stellt sich eine weitere Frage: Wenn wir schon kein ausgeprägtes Interesse an einer moralischen Optimierung zu haben scheinen, haben wir vielleicht die Pflicht dazu? Und: Wenn wir dieser Pflicht nicht nachkommen, hat vielleicht der Staat das Recht, uns diese Pflicht aufzuerlegen? Intuitiv würden wir einen solchen Eingriff vermutlich kategorisch ablehnen. Nur: Würden wir das auch tun, wenn die Intervention nicht auf die Verbesserung der Moral abzielt, sondern auf die Verhütung von Gewalt als Folge mangelnder Moral?

Denken wir an Alex aus Stanley Kubricks Film Uhrwerk Orange: Er vergewaltigt Frauen, verprügelt Stadtstreicher und schreckt auch vor dem Tod seiner Opfer nicht zurück. Alex hat „Bock auf ein wenig Ultrabrutale“, er labt sich an seinen Gewaltexzessen und bereut nichts von dem, was er verbricht. Als ihm wegen Mord eine 14-jährige Gefängnisstrafe droht, lässt er sich auf eine Aversionstherapie ein, deren Ziel die Resozialisierung von Kriminellen ist. Der Innenminister persönlich segnet Alex‘ Teilnahme ab. Über mehrere Stunden täglich werden Alex nun brutale Filmsequenzen vorgeführt, während ihm zugleich ein Serum verabreicht wird, das starke Übelkeit hervorruft. Die Therapie schlägt an: Der Gedanke an Gewaltausübung ist für Alex unerträglich geworden. Er gilt als geheilt und wird entlassen.

Mit einem Schlag ist Alex gut geworden – und doch ist er gebrochen. Er wollte im Grunde nie besser oder gar gut werden, seine Einwilligung in die Therapie hatte nur einen Zweck: der drohenden Gefängnisstrafe zu entgehen. Eine moralische Läuterung hat deshalb gar nicht erst stattgefunden: Alex‘ Verhaltensänderung geht einzig auf die erduldete Konditionierung zurück, die ihm darüber hinaus auch noch genommen hat, was ihn im Kern ausmacht: Das Böse. Das Böse ist gewissermaßen der Preis, den wir für die Freiheit zahlen. Da Alex die Wahl genommen wurde, zwischen Gut und Böse zu entscheiden, hat man ihn auch seiner Freiheit beraubt: „Kann ein Mensch nicht wählen, ist er nicht mehr Mensch“, schreibt Anthony Burgess in seinem Buch „Uhrwerk Orange“, das als Vorlage für den Film diente.

Mit Blick auf Moral Enhancement lehrt uns Uhrwerk Orange vor allem eines: Wird moralische Optimierung zur Pflicht erhoben, verlieren wir die Freiheit, selbst darüber zu entscheiden – der Zwang, selbst wenn es ein Zwang zum Guten ist, unterminiert die freie Wahl. Alex‘ Schicksal führt uns zweifelsohne vor Augen, wie gefährlich Freiheit sein kann, sein Ende als entmenschlichtes Wesen zeigt jedoch, dass es noch weitaus gefährlicher ist, dem Menschen seine Freiheit zu nehmen. Er ist dann nämlich gar kein Mensch mehr, sondern nur noch ein mechanisches Objekt. Um nicht zu sagen: ein Uhrwerk.

- Christina Geyer

Veranstaltungshinweis:
Tagung für praktische Philosophie, 13. + 14.11.2014
– u.A. mit einem Vortrag von Birgit Beck zu Moral Enhancemennt am 14.11. von 17:30-19:00.
Hier geht es zum Programm.

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Es lebt!

Mit einer eindrucksvollen Computeranimation haben amerikanische Astronomen vor kurzem erstmals demonstriert, dass sich die Milchstraße und rund hunderttausend weitere Galaxien zu einem gigantischen Gebilde zusammenfügen. Ihre Entdeckung, einen Galaxie-Superhaufen, haben die Forscher Laniakea getauft (hawaiisch für „unermesslicher Himmel“). Den ganzen Artikel lesen

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DIE ZUKUNFT UNSERER ZUKUNFT

Kommendes Wochenende findet in Krems die GLOBART-Academy 2014 statt. Vier Tage lang tauschen sich verschiedene Referenten zum Thema „UN-sichtbar“ über eine enkeltaugliche Zukunft aus. Wir haben Wirtschaftsphilosoph Rahim Taghizadegan und Wirtschaftsredakteur Michael Kerbler einige Fragen zur Zukunft unserer Zukunft gestellt.
Beide werden kommenden Freitag auch auf der GLOBART sprechen:
Ab 14:00: Panel mit Rahim Taghizadegan, Andrea Grisold, Martin Schenk & Peter Rosner:
“Die unsichtbare Hand von Adam Smith”

Um 20:00: Peter Sloterdijk im Gespräch mit Michael Kerbler:
“Was die Zukunft bringt? Die unsichtbare Zukunft?”

INTERVIEW: CHRISTINA GEYER

HOHE LUFT: Was sehen Sie vor Ihrem inneren Auge, wenn Sie spontan an die Zukunft denken?
MICHAEL KERBLER: Es wird viele Zukünfte geben. Eine europäische, eine asiatische, eine afrikanische, eine amerikanische. Aber jede Prognose, wie es wohl werden wird, ist an Wittgensteins Diktum „Dass morgen die Sonne aufgehen wird, ist eine Hypothese“ zu messen. Die einzige Entwicklung, die meiner Meinung nach sehr wahrscheinlich eintreten wird, ist die forcierte Klimaerwärmung. Die Menschheit wird zur Kenntnis nehmen müssen, dass alle Errungenschaften nichts helfen werden: wir sind der Natur unterlegen. Die Erde braucht uns nicht.
RAHIM TAGHIZADEGAN: Ich sehe Ent-täuschung, also das Ende von Täuschungen, den Fortlauf der Geschichte und nicht ihr Ende, starke Umbrüche, eine neue Weltordnung oder Weltunordnung.

HOHE LUFT: Weltunordnung zeigt sich bereits heute: Die Welt ist komplex geworden. Wir können mit den Informationsfluten der globalisierten Welt kaum noch mithalten – ist Kontrollverlust die zwangsläufige Folge?
MICHAEL KERBLER: Ich bezweifle, dass es primär ein Kontrollverlust ist, der uns verunsichert. Wenn wir von Kontrollverlust sprechen, dann würde das doch bedeuten, dass wir früher in der Lage waren, Entwicklungen zu kontrollieren. Was seit der Implosion des sowjetischen Imperiums spürbar ist, das ist ein Verlust an Orientierung. Wenn sich Kontrollverlust zum Orientierungsverlust hinzugesellt wirkt er als Verstärker, weil tausende Informationen, die wir abrufen können, fataler Weise zusammenhanglos auf uns einprasseln. Die Diagnose für unsere Gesellschaft: we are overnewsed but underinformed. Und deshalb orientierungslos.
RAHIM TAGHIZADEGAN: Kontrollverlust ist die notwendige Folge einer vernetzten, arbeitsteiligen Welt. Ganz im Gegenteil weckt die massenmediale Durchdringung unseres Denkens mit globalen Schlagzeilen Kontrollwahn und damit verbundene Ohnmacht. Die Kontrolle komplexer Systeme ist eine Illusion, deren Verlust der erste Schritt zur Wiedererringung der Kontrolle über unser Leben ist.

HOHE LUFT: Peter Sloterdijk charakterisiert die Neuzeit als die Zeit starker Individuen, die den Bezug zu ihren Wurzeln verloren haben. Welche Auswirkungen hat der Verlust von Traditionen – und was bedeutet er mit Blick auf unsere Gesellschaft?
MICHAEL KERBLER: Jene Persönlichkeiten aus der Geschichte, die Peter Sloterdijk als Kronzeugen für die Gültigkeit seines zivilisationsdynamischen Hauptsatzes auftreten lässt, haben in ihrer Zeit große Umbrüche dadurch ausgelöst, weil sie geltende Spielregeln verletzt haben. Aber man muss Traditionen und Denkhaltungen schon sehr gut kennen, um zu wissen, wie man sie am besten bricht. Der Verlust von Traditionen ist ein schleichender Prozess, der allerdings nicht unumkehrbar ist. Das entscheidende Gegenmittel scheint mir Erinnerungsarbeit zu leisten. Wir sind, was wir erinnern. Wer aufhört zu erinnern, verliert seine Identität.
RAHIM TAGHIZADEGAN: Der Verlust von Traditionen überfordert die meisten Menschen, denn die Orientierung fehlt. Viktor Frankl sah als die zwei möglichen Folgen des Traditionsverlusts Konformismus und Totalitarismus. Tradition im negativen Sinne, das Festhalten am Bestehenden, ist gerade heute besonders ausgeprägt. Eine der schlechten Angewohnheiten unserer Tage ist die Überbewertung des Neuen, das in Unkenntnis des Alten ohnehin meist alter Wein in neuen Schläuchen ist. Tradition im positiven Sinne, die Weitergabe des Feuers, nicht das Bewahren der Asche, hat die Aufgabe, uns als Zwerge auf die Schulter von Giganten zu setzen.

HOHE LUFT: Die GLOBART hat sich das Ziel der Sichtbarmachung von Zukunftsthemen auf die Fahnen geschrieben. Bis zu welchem Grad ist es überhaupt möglich, die Zukunft abzubilden? Welchen Sinn macht es, Trends zu prognostizieren?
MICHAEL KERBLER: Seit Anbeginn strebte der Mensch doch danach, vorauszuahnen, was die Zukunft bringt. Ob früher das Orakel oder die Sterne befragt wurden oder ob heute computergestützte Szenarien errechnet werden: das Motiv dahinter ist, den Eintritt eines Ereignisses nach Wahrscheinlichkeiten zu reihen. Sinn dieser Projektionen ist zweierlei: sie geben bis zu einem gewissen Grad Sicherheit, auch wenn es sich um scheinbare Sicherheit handelt. Und zweitens erlaubt die Erarbeitung von Szenarien einen weiteren wichtigen Schritt: präventive Überlegungen anzustellen. Prävention versucht unerwünschte Zukünfte unwahrscheinlicher zu machen. Und das ist doch durchaus eine gute Vorbereitung darauf, mit den Veränderungen, die auf uns zukommen, gefasst umzugehen.
RAHIM TAGHIZADEGAN: Die Zukunft ist in einem sehr fundamentalen Sinne ungewiss und daher nicht abbildbar oder prognostizierbar. Futurologie kann allenfalls die Ahnungen, Sehnsüchte und Gedanken der Gegenwart abbilden, im besten Falle legt sie dabei noch Unbewusstes frei, meist bietet sie aber nur zeitgeistigen Bestrebungen eine Projektionsfläche.

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„In welcher Blase stecken wir eigentlich?“

Andri Snaer Magnason ist Poet, Roman- und Sachbuchautor und außerdem der Vordenker einer neuen Umweltbewegung in Island. Beim ».vernetzt # Zukunftscamp 2014« in Hamburg wird er einen Vortrag halten mit dem Titel: »Restart Iceland – wie erfinden wir uns neu?« Ein Skype-Anruf in Reykjavík. Den ganzen Artikel lesen

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Zahlen ist menschlich

Der britische Lehrer David Bolam wurde vor fünf Monaten in Libyen entführt. Nun wurde er vor einigen Tagen endlich freigelassen, höchstwahrscheinlich gegen ein hohes Lösegeld.  Während europäische Staaten häufig zu solchen Zahlungen bereit sind, verweigern sich die USA und Großbritannien meist solchen Forderungen. Auf tagesschau.de kritisiert der Antiterrorexperte Philip Mud das Vorgehen der Europäer: “Die Amerikaner zahlen kein Lösegeld, die Europäer schon. Das bringt einen kurzfristigen Vorteil. Wenn sie Geiseln nehmen und eine Menge Geld verlangen, erhalten sie unter Umständen genug Geld, um die ganze Organisation zu finanzieren“.  Und nicht nur das: Die Zahlungen schaffen auch Anreize für potentielle Nachahmungstäter. Nur eine strikte Verweigerung der kompletten Gesellschaft könnte also auf lange Sicht dazu führen, dass sich Entführungen nicht mehr lohnen. So betrachtet liegt der generelle Verzicht auf Lösegeld im Interesse aller Bürger.

Entgegen der offiziellen Devise zahlen offenbar auch manche Briten Lösegeld, wie der Fall Bolam zeigt. Laut dem britischen Philosophen Nigel Warburton ist dies ein eindeutiger Beweis dafür, dass Menschen sich nicht immer rational entscheiden. Jeder könne das an sich selbst überprüfen: Was, wenn die eigene Tochter, die Mutter oder ein Freund als Geisel gehalten und mit dem Tode bedroht würde? Warburton ist sich sicher: Befände er sich in dieser Situation und besäße er eine Millionen Pfund – er würde zahlen. Aus utilitaristischer Sicht sei eine solche Einstellung zwar verwerflich. Die selbe Summe könnte nämlich gleich eine Vielzahl an Leben retten – etwa im Falle heilbarer Krankheiten in armen Regionen – anstatt nur dem einen geliebten Menschen zu helfen. Das eigene Kind zu opfern kommt uns trotzdem nicht in den Sinn. Anscheinend hören wir auf, rationale Berechnungen anzustellen, wenn starke Emotionen im Spiel sind.

Man sollte die Zahlung von Lösegeld jedoch nicht als beispielhaft für fehlende Rationalität begreifen. Sonst handelt man auch irrational, wenn man sich ein Sofa kauft. Mit dem Geld könnte man schließlich auch Schulbücher für mehere Kinder in Afrika finanzieren. Gleiches gilt, wenn man seinen Partner zum Essen einlädt. Das selbe Geld könnte jene versorgen, die es nötiger haben als man selbst. Für fast alles Geld, das wir ausgeben, gibt es bessere Verwendung im utilitaristischen Sinn – außer, man lebt selbst am Rande des überlebensnotwendigen Minimums.

Lösegeld-Zahlungen müssen deshalb als ein gesondertes Dilemma behandelt werden. Sie gelten nicht deshalb als irrational, weil man seine Nächsten der allgemeinen Masse vorzieht, sondern weil man gezielt gegen die Interessen der eigenen Gemeinschaft handelt – und damit auch gegen seine eigenen Interessen. Im Fall von Terrororganisationen erhöht man mit seinen Zahlungen neben dem Risiko von Entführungen sogar noch das Risiko von Anschlägen. Das alles ist nicht der Fall, wenn man sich ein Sofa kauft.

Was Warburton unterschlägt, ist dass man meist auch ein rationales Interesse am Überleben der Geliebten hat. Sie spielen eine zentrale Rolle im eigenen Plan vom gelungenen Leben. Ohne sie wäre das Leben nicht so, wie man es leben möchte. Ihr Verlust würde den Verbliebenen also weitaus mehr schaden, als eine allgemeine Erhöhung des Entführungsrisikos – besonders wenn man bedenkt, wie schwindend gering dieses Risiko momentan ist.

Natürlich zahlt man das Lösegeld auch primär, weil man die Geisel liebt. Dass Emotionen im Spiel sind, steht außer Frage. Daraus folgt aber noch lange nicht, das eine Lösegeldzahlung eine irrationale Entscheidung wäre. Die Vorteile überwiegen für die Betroffenen eindeutig die Nachteile – man handelt also begründet und vernünftig. Vor allem aber bedeutet die Entscheidung zur Zahlung, dass man ein akut bedrohtes Menschenleben höher wertet als eine kontrafaktische Gefahr- und somit menschlich handelt.

-Robin Droemer

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Ohne Krise geht es nicht!

Seit drei Jahren betreibt Rene Tichy seine Philosophische Praxis „Verrückt nach Sokrates“ im 7. Wiener-Gemeindebezirk. Ganz sokratisch ist auch die Lage: Seine Praxis ist ein Gassenlokal, das jeden dazu einlädt, einzutreten. Über 30 Jahre war der studierte Philosoph Rene Tichy in der Wirtschaft tätig, bis er 2008 umschulte und sich bei Gerd B. Achenbach, dem Begründer der Philosophischen Praxis, zum philosophischen Praktiker ausbilden ließ.
HOHE LUFT-Redakteurin Christina Geyer hat Rene Tichy in seiner Praxis besucht und ihm einige Fragen zur Praxis der Philosophischen Praxis gestellt.

HOHE LUFT: Wo verorten Sie die Philosophische Praxis? Inwieweit lässt sie sich von Psychotherapie und Coaching abgrenzen?
RENE TICHY: Philosophische Praxis hebt die Einseitigkeit von Psychotherapie und Coaching auf. Es geht nicht ohne Psychologie und Therapie, aber das allein ist zu wenig. Philosophische Praxis konzentriert sich auf die Bewusstmachung des Bewussten – das Unbewusste überlassen wir den Therapeuten. Anders als Coaching ist Philosophie auch eine Kritik der Wünsche. Sie fragt, ob unsere Wünsche legitim sind und zu uns passen. Richtig wünschen muss man können, das ist gar nicht so einfach.

HOHE LUFT: Das historische Wörterbuch für Philosophie definiert Philosophische Praxis als professionell betriebene philosophische Lebensberatung, die das Denken in Bewegung setzt…
RENE TICHY: Das Herzstück der Philosophischen Praxis ist das Nachdenken über das eigene Denken. Sie will das Bewusstsein zum Bewusstsein bringen. Das hört sich erst einmal komisch an, aber wir denken und handeln oft aus einer Selbstverständlichkeit heraus. Die Philosophische Praxis überprüft diese Selbstverständlichkeit und hinterfragt Haltungen, Urteile und Überzeugungen. Insofern setzt sie das Denken in Bewegung, ja. Kritischer sehe ich das Wort „professionell“ – ich sehe philosophische Praktiker eher als philosophische Spezialisten für das Allgemeine, für das Gesamt-Menschliche.

HOHE LUFT: Welche Rolle spielt die Theorie in der Philosophischen Praxis und wie würden Sie ihr Verhältnis zur Praxis beschreiben?
RENE TICHY: Meine Theorie ist womöglich, dass ich keine habe. Die große Gefahr von Theorie ist, dass sie einem Menschen übergestülpt wird. Damit beschneidet man den Menschen und bleibt in der Theorie stecken. Der Einzelfall steht für mich deshalb vor jeder Theorie: Vorrang hat immer die individuelle Lebensgeschichte. Ich habe aber selbst erst lernen müssen, wie man das, was in Büchern steht, auf das Leben übertragen kann.

HOHE LUFT: Und wie macht man das?
RENE TICHY: Was mir erzählt wird, versuche ich mit Sokrates oder Hegel, mit Schopenhauer oder Kierkegaard zu verstehen.

HOHE LUFT: Wie wichtig ist dieses Verständnis in einer persönlichen Beratung?
RENE TICHY: Sehr wichtig, denn um Verständnis geht es in der Philosophischen Praxis bestenfalls. Ich gebe keine Ratschläge oder Beurteilungen ab – das sollte implizit geschehen. Argumente lassen einen melancholischen oder unglücklichen Menschen kalt.

HOHE LUFT: Welcher Schritt folgt auf das Verständnis?
RENE TICHY: Ein konkretes Beispiel: Jemand hat das Gefühl, im falschen Leben zu sein. Ich hinterfrage dieses Gefühl, um die Lebensgeschichte genauer zu machen und das Übersehene herauszustellen. Philosophische Praxis will über die eigene Person aufklären und das Verständnis der Ist-Situation fördern. Das Andere kommt erst danach, nämlich, wie Nietzsche sagt: Wie werde ich der, der ich bin? Wie werde ich authentisch und zu dem, der ich gedacht bin? Worauf kommt es in meinem Leben an?

HOHE LUFT: Wir sollten uns also über ein Selbst-Verständnis an die großen Fragen herantasten?
RENE TICHY: Genau. Je schlechter es Menschen geht, desto schlechter vertragen sie Trost. Ich sehe mich deshalb auch nicht als Tröster, sondern versuche, jemanden in seiner Untröstlichkeit zu verstehen. Es gehört nicht zum Mensch-Sein, das Unglück immer fern von sich zu halten – wer das versteht und sein Unglück akzeptiert, trägt sein Schicksal anders.

HOHE LUFT: … Und hier kommt die Philosophie ins Spiel?
RENE TICHY: Ja, aber sie ist schon die ganze Zeit anwesend. Philosophie ist prädestiniert dazu, Menschen darin zu bestärken, Schweres auszuhalten. Etwas flapsig formuliert: Wenn es mir schlecht geht, ist das nichts, was schnell beseitigt oder umgangen werden sollte. Vielmehr sollten wir mittendurch gehen.

HOHE LUFT: Schafft die persönliche Krise erst die nötige Voraussetzung für Philosophie?
RENE TICHY: Ja. Ich glaube, ganz ohne Krise geht es nicht. Für Schopenhauer macht allein schon die Jagd nach Sinn unglücklich. Der Zeitgeist will, dass wir glücklich sind und einen Sinn finden. Da wirkt Schopenhauer fast schon entspannend. Denn wer sagt, dass uns das Glück und der Sinn wirklich bereitet sind? Ich glaube: Wer nicht nach Sinn fragt, der hat ihn. Wer anfängt zu fragen, hat ihn schon verloren. Interessanterweise stellt sich der Sinn wieder ein, wenn ihm nicht krampfhaft nachgehastet wird.

 

Hinweis: Erstmalig wird mit dem Wintersemester 2014/15 auch ein Universitätslehrgang “Philosophische Praxis” an der Universität Wien angeboten. Fundiertes Wissen aus relevanten Teilbereichen der Philosophie und die Etablierung grundlegenden und praxisbezogenen Wissens über Philosophie in der Gesellschaft stehen dabei im Mittelpunkt.

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Die Kunst des Kunstverständnis’

Kunst boomt. Deutsche Museen verzeichnen jährlich konstant über 100 Millionen Besucher – Tendenz steigend. Doch nicht nur die Besucherzahlen steigen, auch die Unsicherheit in Gegenwart moderner Kunst wächst. Als hätte Schriftsteller Edmond de Goncourt einen Blick in die Zukunft gewagt, stellte er vor über 135 Jahren fest: „Niemand auf der Welt bekommt so viel dummes Zeug zu hören wie die Bilder in einem Museum.“

Vom Minimalismus erdrückt, fällt es schwer, Einblick in die tiefere Botschaft eines kleinen schwarzen Punkts auf weißer Leinwand zu erhalten. Wie gut, dass wir auf das Urteil der Kunstelite zurückgreifen können. Oder? Ganz im Gegenteil, wettert Alain de Botton, Philosoph und Mitbegründer der School of Life in London. Wir müssen nicht für wichtig halten, was Andere für wichtig halten: Wenn wir im kleinen schwarzen Punkt die schönste Liebeserklärung aller Zeiten erkennen wollen, so ist das unser gutes Recht. Mehr noch: De Botton sieht darin sogar die Erfüllung des Sinns von Kunst. Kunst ist nichts eindeutig Festgelegtes, sondern eine Einladung zur Spiegelung unseres Selbst. Indem wir uns den Freiraum nehmen, Kunst unvoreingenommen zu betrachten, reflektiert sie unsere Bedürfnisse und Sehnsüchte.

Anfang 2014 versuchte de Botton eine Lanze für seine These „Kunst ist Therapie“ zu brechen: Er versah 150 Kunstwerke des Amsterdamer Rijksmuseums mit übergroßen Klebezetteln, die dazu aufforderten, einen persönlichen Bezug zum jeweiligen Kunstwerk herzustellen. Neben Adriaen Coortes Walderdbeeren stand in schwarzen Lettern auf gelbem Hintergrund: „Ich will die Scheidung“. De Bottons Ansatz: Coortes Gemälde zeigt nicht nur eine Schale Erdbeeren, sondern eine Aufforderung zur Auseinandersetzung mit uns selbst. Tausendmal schon haben wir Erdbeeren gesehen und gekostet, aber wann haben wir das letzte Mal ihre Schönheit bewundert? Wann haben wir das letzte Mal wertgeschätzt, was wir an Erdbeeren haben? „Was Coorte mit den Erdbeeren tut, sollten wir mit unserem Leben tun. Vor allem mit unseren Geliebten.“, rät der Klebezettel.

Der Post-it-Philosoph musste sich dafür Kritik gefallen lassen: Ihm wird nachgesagt, dass er im Versuch, die Kunst von Bevormundung zu befreien, selbst zu bevormunden begonnen hat. Ein grobes Missverständnis: Seine Klebezettel sind keine Wegweiser, sondern Beispiele. „Ich will die Scheidung“ hätte genauso gut „Ich sehne mich nach Schönheit“ oder „Ich bin traurig“ heißen können. De Botton hält uns dazu an, genauer hinzusehen. Wenn uns das gelingt, können wir durch Walderdbeeren zu uns selbst sprechen.

- Christina Geyer

VERANSTALTUNGSHINWEIS
ART.FAIR 2014
24.-27.10.2014 in der Koelnmesse (Halle 1&2)

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Ein totalitärer Denker

Unter dem Hashtag #schlussmitheidegger plädieren wir derzeit dafür, endlich mit der Verteidigung des umstrittenen Philosophen Martin Heidegger aufzuhören.

Nicht alle teilen diese Meinung, es werden auch Gegenstimmen laut.

Im Rahmen dieser Diskussion möchten wir Ihnen den ausführlichen Artikel “Ein totalitärer Denker” unseres Chefredakteurs Thomas Vašek nicht vorenthalten, der in der Ausgabe 06/14 am 25.09. erschienen ist. Ab sofort ist der Artikel hier in voller Länge zu lesen. 

Wir sind weiterhin gespannt auf Ihre Meinung! Sollen wir ohne Heidegger denken? Oder geht es nicht ohne ihn?

Schreiben Sie uns auf Facebook oder twitter.

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