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Reflexe #10: Vergangenheit und Gegenwart

Ist das Vergangene wirklich vergangen oder ist es immer noch da? Jörg Friedrich bespricht die Thesen der Philosophin Susan Neiman zur Frage, welche Form von Verantwortung aus der persönlichen Vergangenheit folgen könnte. 

Inwiefern tragen wir heute lebenden Verantwortung für das, was unsere Vorfahren getan haben? Gibt es eine Verantwortung für die Vergangenheit, haben Menschen, die geboren wurden, als ein böses Geschehen längst vorbei war, irgendeine Verantwortung für das, was da passiert ist? Das ist eine Frage, die gerade in Deutschland die Gemüter bewegt. „Verantwortung für die Vergangenheit“ heißt auch der Beitrag von Susan Neiman zu dem Sammelband „Alles relativ?“, aus dem ich schon in meiner vorhergehenden Kolumne einen Beitrag besprochen habe. Dort habe ich gesagt, dass es interessant ist, diese beiden Beiträge einmal gedanklich zusammenzuführen. Aber der Reihe nach. Den ganzen Artikel lesen

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Reflexe #9: Kinder-Pflichten, Eltern-Sorgen

 

Was macht familiäre Beziehungen so einzigartig? Reflexe-Kolumnist Jörg Friedrich hat sich für die neue Folge Barbara Bleischs Thesen zur Verantwortungsbeziehung zwischen Eltern und Kindern angesehen. 

Philosophische Sammelbände, in denen mehrere Beträge verschiedener Autoren ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven untersuchen, haben einen besonderen Reiz. Als Leser kann man etwas tun, was den Autoren verwehrt bleibt: Man kann die verschiedenen Sichtweisen miteinander verbinden, man kann aus der Sicht des einen den Beitrag des anderen reflektieren. Den ganzen Artikel lesen

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Reflexe #8: Figuren auf der Schwelle

Jörg Friedrich sichtet für seine Kolumne »Reflexe« aktuelle philosophische Bücher und Strömungen. In der achten Folge: Dieter Thomäs philosophiegeschichtliche Analyse des Störenfrieds.

Die politische Philosophie wird von „Figuren“ bevölkert. Da gibt es den Anderen und den Fremden, natürlich den Freund und den Feind. Diesen Figuren hat Dieter Thomä nun eine weitere hinzugefügt: Den Störenfried. Genauer gesagt: in seinem Buch „Puer Robustus“ hat er den Störenfried in der Philosophiegeschichte aufgespürt und über die Jahrhunderte begleitet, um eine Theorie des Störenfrieds zu entwickeln. Den ganzen Artikel lesen

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Reflexe #7: Gegen Epistokratie

Jörg Friedrich sichtet für seine Kolumne »Reflexe« aktuelle philosophische Bücher und Strömungen. Heute setzt er sich kritisch mit den Thesen des US-amerikanischen Philosophen Jason Brennan auseinander, dessen Buch »Gegen Demokratie« kürzlich erschienen ist. 

Jason Brennan ist Amerikaner, und vielleicht muss man sein Buch „Gegen Demokratie“ deshalb mit einer gewissen Nachsicht lesen, auch wenn 2016, also das Buch im Original erschien, der amerikanische Präsident noch Obama und nicht Trump hieß. Die deutsche Fassung erschien im April diesen Jahres, da war der neue Präsident schon im Amt, und viele, vermutlich auch der Autor selbst, werden das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahl als Bestätigung der Hauptthese des Buches sehen: die Demokratie führt dazu, dass die falschen Leute an die Macht kommen, und diese falschen Leute treffen die falschen Entscheidungen, sodass die Ergebnisse demokratischer Politik schlecht für die Bürger sind, die von ihr betroffen sind. Den ganzen Artikel lesen

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Reflexe #6: Neue Partnerschaften

Jörg Friedrich sichtet für seine Kolumne »Reflexe« aktuelle philosophische Bücher und Strömungen. In dieser Folge bespricht er das Buch »Neue Freunde« des Publizisten und Kurators Björn Vedder

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Reflexe #5: Es geht um die Macht, nicht darum, recht zu haben

Jörg Friedrich sichtet für seine Kolumne »Reflexe« aktuelle philosophische Bücher und Strömungen. Dieses Mal: die politische Philosophie von Chantal Mouffe, von der zuletzt »Agonistik. Die Welt politisch denken« erschien. Eine ihrer Grundthesen besagt, Ausgangspunkt aller Politik sei der Widerspruch – und ein Konsens selten die geeignete Lösung.   

Wer in der gegenwärtigen Welt Hilfe in der politischen Philosophie sucht, um Pegida und AfD, den Arabischen Frühling und die Occupy Bewegung oder den Wahlsieg Donald Trumps und den Brexit zu verstehen, dem seien die Bücher der Philosophin Chantal Mouffe dringend empfohlen. Ihr Werk ist politische Philosophie im besten Sinne des Wortes: es liefert prägnante Begriffe und grundsätzliche Thesen, mit denen sich die Nachrichten und Ereignisse aus der politischen Sphäre der Gesellschaft verständlich machen lassen. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass Chantal Mouffe eine der wichtigsten Stimmen der gegenwärtigen politischen Philosophie überhaupt ist.

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Reflexe #4: Das Böse und das böse Denken

Jörg Friedrich schreibt in seiner Kolumne »Reflexe« über aktuelle philosophische Theorien, Strömungen und Veröffentlichungen. Heute analysiert er das Buch »BÖSES DENKEN« von Bettina Stangneth. 

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Reflexe #3: Woher willst du wissen, was ich empfinde?

In der dritten Folge seiner Kolumne »Reflexe« befasst sich Jörg Friedrich mit dem Buch »Die Natur des Geistes« von Michael Pauen

Michael Pauen hat sich in seinem neuen Buch viel vorgenommen. Der Titel verspricht, „Die Natur des Geistes“ zu erklären. Der Titel spielt mit der philosophischen Doppeldeutigkeit des Begriffs „Natur“, der im Deutschen ja zum einen so etwas wie „Wesen“ bedeutet, zum anderen aber die Welt meint, die uns umgibt, zumindest diejenige, die nicht durch die menschliche Technik und Phantasie geschaffen ist. Man könnte also erwarten, dass das Buch entweder das Wesen des Geistes bestimmt, oder aber den Geist als etwas natürliches erklärt, etwas, das zur Natur gehört und ganz natürlich verstanden werden kann. Pauen geht es vor allem um letzteres.

Wer kann wissen, was ich fühle?

Zwei bedenkenswerte Thesen stellt er an den Anfang seiner Überlegung: er meint, dass es falsch ist, Bewusstsein und Wissen miteinander zu identifizieren, wenn es um subjektive Erfahrungen geht. Zudem behauptet er, dass der Mensch zu seinen eigenen Erfahrungen gar nicht so einen direkten, unmittelbaren Zugang hat, wie er zunächst vielleicht meint. Beide Thesen werfen in der Tat ein interessantes Licht auf die „Natur des Geistes“, wenn wir Natur jetzt einmal in der ersten Bedeutung, als das Wesen der Sache nehmen.

Ein Beispiel: Stellen wir uns vor, Alice sagt zu Bob: „Ich habe im Laden ein blaues Kleid gesehen“. Nun kann Bob antworten: Du hast kein blaues Kleid gesehen, denn da war kein blaues Kleid! Woraufhin Alice empört reagiert und wütend antwortet: „Ich werde doch wohl besser wissen als du, was ich gesehen habe!“. Bob ist allerdings ein Besserwisser, er geht mit einem Gerät in den Laden, das objektiv die Farben von Kleidern bestimmen kann und zeigt Alice, dass es dort kein blaues Kleid gibt. Nun kann Alice antworten: Mag ja sein, dass dein Gerät das so feststellt, aber für mich sieht das Kleid blau aus, ich habe eine Blau-Erfahrung gemacht, als ich es gesehen habe. Bob hat jedoch noch ein Messgerät, mit dem er die neuronalen Prozesse in Alices Kopf messen kann. Und er kommt zu dem Ergebnis, dass diese Prozesse nicht mit denen übereinstimmen, die Alice sonst hat, wenn sie sagt, etwas sei blau. Also sagt Bob zu Alice: du hast keineswegs eine Blau-Erfahrung gemacht, ich hab es mit diesem Messinstrument überprüft.

Was, wenn Alice nun aber weiterhin darauf besteht, dass das Kleid blau war, dass es jedenfalls als sie blau ausgesehen hat? Dass sie weiß, dass sie ein blaues Kleid wahrgenommen hat? In dieser Geschichte steckt das ganze Problem, das Pauen lösen will. Die Lösung hat weit reichende Konsequenzen, und dabei ist die Frage, ob Alice und Bob Freunde bleiben können, noch das geringste Problem. Denn wir machen nicht nur Farberfahrungen, nicht nur Sinneserfahrungen, wir erfahren ja auch Angst, Leid oder Freude. Was wenn Alice sagt, sie habe keine Angst davor, auf einen Berg zu klettern, Bobs Messgerät aber anzeigt, dass Alice sehr wohl Angst hat? Lügt Alice dann notwendigerweise, oder ist sie vielleicht krank? Oder hat sie einfach keine Ahnung, was das Wort Angst bedeutet?

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Reflexe #2: Die Angst beim Spiel mit dem Luxus

Jörg Friedrichs monatliche Kolumne »Reflexe« geht in die zweite Runde, dieses Mal mit Lambert Wiesings Theorie des Luxus.

Lambert Wiesing ist Phänomenologe, und in seinem Buch über den Luxus kann man ganz wunderbar lernen, was diese philosophische Methode leistet und wie sie vorgeht. Allein dafür lohnt es sich schon, das Buch zu lesen. Aber es lohnt sich auch dann, wenn man eine aktuelle Antwort auf die große philosophische Frage „Was ist der Mensch?“ finden möchte.

Genauer gesagt, lautet die Frage, eben phänomenologisch formuliert: Wie ist es, sich als Mensch zu erleben? Natürlich wissen die meisten Menschen, wenn sie gefragt werden, dass sie Menschen sind. Aber was macht das Menschsein aus, und wann merken wir, dass wir gerade wirklich ganz Mensch sind? In seinem Buch über den Luxus will Wiesing genau diese Frage für die Gegenwart, für unser hier und heute beantworten. Er zieht dabei eine Linie von Schiller über Heidegger zu seiner eigenen Sicht, in der er ausgerechnet dem Luxus einen entscheidenden Platz zuweist.

Der Mensch merkt nicht ständig, dass er ein Mensch ist, diese Tatsache spielt im täglichen Leben, in dem wir uns um das nötige kümmern und in Zwängen eingebunden sind, auch nur eine untergeordnete Rolle. Nur in bestimmten Momenten, in eher außergewöhnlichen Situationen, die Wiesing die fruchtbaren Momente nennt, spürt man das eigene Mensch-Sein ganz besonders. Und was diese fruchtbaren Momente sind oder sein können, hängt, so argumentiert Wiesing, von der konkreten Situation ab, in der sich der Mensch befindet, von der Zeit, in der er lebt. Zu Schillers Zeiten waren dies andere Momente als vor hundert Jahren oder eben heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Schiller hat diesen besonderen Moment im Spiel gefunden, und Wiesing zitiert den berühmten Satz aus Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, wonach es eine Identität zwischen dem „ganz Mensch sein“ und dem Spielen gibt. Allerdings lässt Schiller die Frage, was denn wirklich Spielen in diesem Zusammenhang sei, nicht so im Ungefähren, wie Wiesing meint. Wenn wir uns kritisch mit Wiesing beschäftigen wollen, lohnt es sich, zu verstehen, was es mit dem Spiel bei Schiller auf sich hat.

Schiller: Im Spiel ganz Mensch sein

Schillers Erläuterung des Spiels ist abstrakt, aber nicht verschwommen. Kurz gesagt, unterscheidet Schiller zwei Sphären, in denen der Mensch sich bewegt: die materielle, in der er handeln kann, mit der er das Endliche verändern kann, und die geistige, in der er das Unendliche erfassen, in die Form von Ideen bringen kann. Das Spielen ist der Versuch, beides zusammenzubringen, mit dem endlichen Handeln die unendliche Idee zu erreichen, sozusagen einerseits handelnd in die Unendlichkeit der Ideen hineinzureichen und andererseits das Unendliche der Ideen in die Endlichkeit unserer Leben hineinzuholen.

Dass Schiller dies als Spiel bezeichnet, liegt auf der Hand, wir können vermuten, dass er das Schauspiel dabei im Sinn hatte. Ein Schauspiel gelingt, wenn die Teilnehmer im endlichen Spiel die unendlichen Ideen, etwa der Freiheit, der Schuld, der Liebe, klar erkennen können. Aber es gibt andere Spiele, die diesem Konzept entsprechen, etwa das sportliche Spiel. Wir sagen auch, das ein Bergsteiger etwa mit „seinem Leben spielt“ wenn er an die Grenzen dessen geht, was er kann. Und wir verstehen auch, dass im Erreichen des Berggipfels ein menschliches Ideal real wird.

Wenn wir das Beispiel des Bergsteigers im Kopf behalten, dann kommen wir ganz selbstverständlich zu Heideggers besonderem Moment des Mensch-Seins, den Wiesing zitiert: die Angst. Heidegger hat sich im §40 von Sein und Zeit der Angst gewidmet. Wichtig ist aber, dass Heidegger die Angst von der Furcht unterscheidet. Wie Wiesing ist Heidegger Phänomenologe, und um Phänomene deutlich werden zu lassen, um sie klar sichtbar zu machen, nutzt man in dieser Disziplin gern Begriffe, deren Bedeutung ganz nah zusammenliegt, um unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Aspekte oder sogar verschiedene, wenn auch verwandte Phänomene kenntlich zu machen. Dabei wollen Phänomenologen diese Begriffe nicht etwa „richtig“ definieren, sie wollen auch nicht den täglichen Sprachgebrauch ändern. Es geht nur darum, etwas sichtbar, etwas einsehbar zu machen, und dazu benutzen sie für bestimmte Verschiedenheiten eben verschiedene Begriffe.

Heidegger: Angst, aber nicht Furcht

Furcht ist für Heidegger konkret, das, wovor man sich fürchtet, ist etwas reales, etwa eine Prüfung, einen Abgrund, ein wildes Tier. Daneben gibt es noch etwas anderes, was keine konkrete Gefahr als Anlass hat. Die Angst betrifft das Leben als Ganzes. Der Mensch kann Angst davor haben, den Sinn seines Lebens zu verfehlen, etwas Wesentliches zu versäumen. Wer diese Angst spürt, der spürt sein Mensch-Sein, denn die Angst betrifft immer die Frage, ob man den Sinn des eigenen Lebens finden, erkennen, erfahren oder ob man ihn verfehlen wird.

Man sieht schon, dass, anders als Wiesing meint, Schillers Spiel und Heideggers Angst gar keine verschiedenen Möglichkeiten sind, das Mensch-Sein ganz zu spüren. Ein Beispiel: Stellen wir uns eine junge Pianistin vor, die fleißig das Klavierspielen übt, und mit viel Gefühl, vielleicht sogar theatralisch, „Für Elise“ spielt. Ohne, dass sie es so ausdrücken würde, erlebt sie in diesem Spiel ihr Mensch-Sein, den Sinn ihres Lebens. Gleichzeitig erfasst sie die Angst, dass sie den Sinn ihres Lebens auch verfehlen könnte. Das kann unterschiedliches bedeuten: durch die Konzentration aufs Klavierspielen lässt sie andere Möglichkeiten aus, vielleicht verpasst sie die große Liebe ihres Lebens. Aber auch das Spiel selbst: Ist es wirklich das ganz große Erlebnis der Musik, oder will sie vielleicht nur anderen gefallen? Strebt sie vielleicht in Wirklichkeit nur eine Karriere an, wird die Musik als spielerisches Erlebnis dabei auf der Strecke bleiben? Sollte sie vielleicht gerade nicht Pianistin bleiben, um sich die Musik als Spiel zu erhalten?

Das sind die Ängste, die wir in jedem wahren Spiel finden, wir können sagen, dass das wahre Spiel immer in Angst stattfindet. Nicht etwa in konkreter Furcht, etwa vor ausbleibendem Applaus, oder davor, eine Prüfung nicht zu bestehen, oder einen Fehler zu machen. Die Angst ist, dass das Spiel selbst verfehlt wird, dass das große Gefühl nicht erreicht wird, welches sich einstellt, wenn praktisches Handeln und unendliche Idee zusammentreffen. Und es ist die Angst, dass aus dem Spiel Ernst werden könnte, wie wir sagen, dass es in die Alltäglichkeit des Geldverdienens zurückfällt.

Luxus: Ein Spiel in Angst?

Wie ist das nun mit dem Luxus, um endlich auf den eigentlichen Gegenstand von Wiesings Buchs zu kommen? Wiesing, ganz Phänomenologe, unterscheidet den Luxus vom Protz und vom Komfort. Protz richtet sich auf eine Wirkung bei anderen, er soll etwas signalisieren. Komfort macht die Benutzung eines Dings angenehmer, macht das Leben einfacher, weniger anstrengend. Beides hat also einen Nutzen, wohingegen Luxus eigentlich gar keinen Nutzen hat, jedenfalls auf keinen Fall um eines Nutzens Willen existiert. Der Luxus bietet eine rein ästhetische Erfahrung.

Wiesing meint, dass das Luxus-Erleben gerade für unser Hier und Jetzt der passende fruchtbare Moment ist, in dem sich das Mensch-Sein zeigt. In der durchfunktionalisierten, auf Effizenz der Mittelverwendung ausgerichteten Welt ist der Luxus als pure übertriebene Nutzlosigkeit sozusagen das Ausbruch, in dem sich der Mensch als Mensch und nicht nur als Teil einer Effizienzmaschine erlebt.

Aber ist der Luxus nicht auch ein Spiel im Sinne Schillers? Jeder Luxus hat das Zeug, das Schöne als Idee zu verkörpern. Nicht nur, dass wir jeden Luxus, der kein Protz ist, als schön empfinden, auch im luxuriösen Handeln, etwa im Müßiggang, im Musizieren nur für uns selbst, oder im bloßen Genießen des Anblicks der Natur, erleben wir etwas von den großen Ideen – denen des guten Lebens.

Und ist nicht jedes Spiel auch Luxus? Wenn wir diese Frage stellen, sind wir plötzlich ganz unmittelbar mit den politischen Zwängen unserer Zeit konfrontiert. Theater, sollen ihren Nutzen für die Gesellschaft eindeutig nachweisen, um die Mittelkürzungen in Grenzen zu halten. Sie sind Luxus, ja. Sie sollen es auch sein, ein möglichst für jeden erreichbarer und erlebbarer Luxus, so wie auch sportliche Spiele und Konzerte.

Schließlich ist auch die Angst im Heideggerschen Sinne dem Luxus nicht fremd, im Gegenteil, sie scheint zu ihm zu gehören wie zum Spiel. Denn jeder Luxus ist in Gefahr, als bloßer Protz zu enden, und somit als Luxus zu scheitern. Gleichzeitig begleitet jedes Luxuserleben die Angst, dass über den Luxus das Notwendige vergessen wird, dass der Mensch also im Luxus am Alltag scheitert.

Es scheint, als ob es gar keine Folge von verschiedenen Möglichkeiten gibt, den fruchtbaren Moment des Mensch-Seins zu erleben, die abhängig wäre von den historischen Umständen. Vielmehr scheint dieser fruchtbare Moment immer Aspekte des Spiels, der Angst und des Luxus zu haben. Dass der Luxus tatsächlich dazu gehört, kann man in Wiesings Buch sehr schön nachvollziehen.

Jörg Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein.

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»Reflexe« – die neue Kolumne von Jörg Friedrich. Folge 1: Markus Gabriels neuer Realismus

Jörg Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner neuen monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein. 

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