Wie links ist die Gewalt?

Brennende Autos, zerbrochene Scheiben, zerstörte Läden – so sieht Chaos aus. Dazu Sprechchöre, Polizeisirenen, der Lärm der kreisenden Helikopter – Szenen wie aus einem Bürgerkrieg. Aber welches Ziel hatten die vermummten Steinewerfer, Brandstifter und Plünderer, die während des G-20-Gipfels Teile des Hamburger Schanzenviertels in ein Schlachtfeld verwandelten? Und was hat das mit linkem Protest zu tun?

Nichts, sagen manche. Für die einen handelt es sich um reine Kriminelle, für die anderen um einen neuen Typ radikaler Partyhopper, die Autos anzünden statt abzutanzen. Dennoch gibt es auch gute Gründe, die Hamburger Ausschreitungen in die Tradition linker Militanz einzuordnen. Schließlich war und ist der Kampf gegen das »System«, gegen den Kapitalismus und den »bürgerlichen« Staat, gegen die »Bullenschweine« fester Bestandteil einer radikalisierten linken Ideologie.

Die Referenzpunkte der linken Militanz reichen vom Spanischen Bürgerkrieg über Che Guevara bis zur RAF; in Ausläufern bis zur Punk- und Hausbesetzerszene. All diese verschiedenen Ausprägungen linker Gewalt gründen schließlich in einer gemeinsamen Denkfigur: Es ist letztlich die Vorstellung, dass der »revolutionäre« Zweck, die Überwindung des Feindes Kapitalismus, auch den Einsatz von Gewalt rechtfertigt oder sogar notwendig macht. Diese Vorstellung reicht zurück bis zu Marx´Idee der sozialen Revolution. So legitimieren radikale Linke bis heute physische Gewalt als Antwort auf die »strukturelle« Gewalt, die vom »System« und seinen Handlangern ausgehe.

Die marxistische Theorie nahm lange Zeit ein revolutionäres »Subjekt« an, dem die historische Aufgabe zukommen sollte, die dem Kapitalismus innewohnenden Widersprüche zuzuspitzen und schließlich in der Revolution aufzuheben – dem Proletariat. Doch dieses revolutionäre Subjekt existiert nicht mehr. Von diesem Verlust hat sich die Linke nie erholt. Oder anders: Jeder kann nun ein solches Subjekt »spielen«. Dazu muss man weder Marx gelesen, noch sich über die Globalisierung informiert haben. Man braucht dazu nur eine schwarze Maske, ein paar Böller und Steinschleudern – und ein internetfähiges Handy, um alles live zu dokumentieren.

Das Mittel – die Gewalt – scheint zum Zweck geworden zu sein, die revolutionäre »Tat« zum Event, die Befreiung vom System zur Selbstverwirklichung. Die Marxsche Dialektik ist einer pervertierten Logik zum Opfer gefallen: Im emanzipatorischen Kampf gegen das System zerstören sich die notorisch Unterlegenen selbst, indem sie eben nicht nur Porsches abfackeln, sondern auch die Kleinwägen derer, die noch ihnen unterlegen sind. Ihr eigenes Viertel. Ihre eigenen Ideale. Ihre eigenen Werte. Steht am Ende des linken Widerstandes ein neuer Nihilismus?

Rebekka Reinhard, Thomas Vašek