Reflexe #2: Die Angst beim Spiel mit dem Luxus

Jörg Friedrichs monatliche Kolumne »Reflexe« geht in die zweite Runde, dieses Mal mit Lambert Wiesings Theorie des Luxus.

Lambert Wiesing ist Phänomenologe, und in seinem Buch über den Luxus kann man ganz wunderbar lernen, was diese philosophische Methode leistet und wie sie vorgeht. Allein dafür lohnt es sich schon, das Buch zu lesen. Aber es lohnt sich auch dann, wenn man eine aktuelle Antwort auf die große philosophische Frage „Was ist der Mensch?“ finden möchte.

Genauer gesagt, lautet die Frage, eben phänomenologisch formuliert: Wie ist es, sich als Mensch zu erleben? Natürlich wissen die meisten Menschen, wenn sie gefragt werden, dass sie Menschen sind. Aber was macht das Menschsein aus, und wann merken wir, dass wir gerade wirklich ganz Mensch sind? In seinem Buch über den Luxus will Wiesing genau diese Frage für die Gegenwart, für unser hier und heute beantworten. Er zieht dabei eine Linie von Schiller über Heidegger zu seiner eigenen Sicht, in der er ausgerechnet dem Luxus einen entscheidenden Platz zuweist.

Der Mensch merkt nicht ständig, dass er ein Mensch ist, diese Tatsache spielt im täglichen Leben, in dem wir uns um das nötige kümmern und in Zwängen eingebunden sind, auch nur eine untergeordnete Rolle. Nur in bestimmten Momenten, in eher außergewöhnlichen Situationen, die Wiesing die fruchtbaren Momente nennt, spürt man das eigene Mensch-Sein ganz besonders. Und was diese fruchtbaren Momente sind oder sein können, hängt, so argumentiert Wiesing, von der konkreten Situation ab, in der sich der Mensch befindet, von der Zeit, in der er lebt. Zu Schillers Zeiten waren dies andere Momente als vor hundert Jahren oder eben heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Schiller hat diesen besonderen Moment im Spiel gefunden, und Wiesing zitiert den berühmten Satz aus Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, wonach es eine Identität zwischen dem „ganz Mensch sein“ und dem Spielen gibt. Allerdings lässt Schiller die Frage, was denn wirklich Spielen in diesem Zusammenhang sei, nicht so im Ungefähren, wie Wiesing meint. Wenn wir uns kritisch mit Wiesing beschäftigen wollen, lohnt es sich, zu verstehen, was es mit dem Spiel bei Schiller auf sich hat.

Schiller: Im Spiel ganz Mensch sein

Schillers Erläuterung des Spiels ist abstrakt, aber nicht verschwommen. Kurz gesagt, unterscheidet Schiller zwei Sphären, in denen der Mensch sich bewegt: die materielle, in der er handeln kann, mit der er das Endliche verändern kann, und die geistige, in der er das Unendliche erfassen, in die Form von Ideen bringen kann. Das Spielen ist der Versuch, beides zusammenzubringen, mit dem endlichen Handeln die unendliche Idee zu erreichen, sozusagen einerseits handelnd in die Unendlichkeit der Ideen hineinzureichen und andererseits das Unendliche der Ideen in die Endlichkeit unserer Leben hineinzuholen.

Dass Schiller dies als Spiel bezeichnet, liegt auf der Hand, wir können vermuten, dass er das Schauspiel dabei im Sinn hatte. Ein Schauspiel gelingt, wenn die Teilnehmer im endlichen Spiel die unendlichen Ideen, etwa der Freiheit, der Schuld, der Liebe, klar erkennen können. Aber es gibt andere Spiele, die diesem Konzept entsprechen, etwa das sportliche Spiel. Wir sagen auch, das ein Bergsteiger etwa mit „seinem Leben spielt“ wenn er an die Grenzen dessen geht, was er kann. Und wir verstehen auch, dass im Erreichen des Berggipfels ein menschliches Ideal real wird.

Wenn wir das Beispiel des Bergsteigers im Kopf behalten, dann kommen wir ganz selbstverständlich zu Heideggers besonderem Moment des Mensch-Seins, den Wiesing zitiert: die Angst. Heidegger hat sich im §40 von Sein und Zeit der Angst gewidmet. Wichtig ist aber, dass Heidegger die Angst von der Furcht unterscheidet. Wie Wiesing ist Heidegger Phänomenologe, und um Phänomene deutlich werden zu lassen, um sie klar sichtbar zu machen, nutzt man in dieser Disziplin gern Begriffe, deren Bedeutung ganz nah zusammenliegt, um unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Aspekte oder sogar verschiedene, wenn auch verwandte Phänomene kenntlich zu machen. Dabei wollen Phänomenologen diese Begriffe nicht etwa „richtig“ definieren, sie wollen auch nicht den täglichen Sprachgebrauch ändern. Es geht nur darum, etwas sichtbar, etwas einsehbar zu machen, und dazu benutzen sie für bestimmte Verschiedenheiten eben verschiedene Begriffe.

Heidegger: Angst, aber nicht Furcht

Furcht ist für Heidegger konkret, das, wovor man sich fürchtet, ist etwas reales, etwa eine Prüfung, einen Abgrund, ein wildes Tier. Daneben gibt es noch etwas anderes, was keine konkrete Gefahr als Anlass hat. Die Angst betrifft das Leben als Ganzes. Der Mensch kann Angst davor haben, den Sinn seines Lebens zu verfehlen, etwas Wesentliches zu versäumen. Wer diese Angst spürt, der spürt sein Mensch-Sein, denn die Angst betrifft immer die Frage, ob man den Sinn des eigenen Lebens finden, erkennen, erfahren oder ob man ihn verfehlen wird.

Man sieht schon, dass, anders als Wiesing meint, Schillers Spiel und Heideggers Angst gar keine verschiedenen Möglichkeiten sind, das Mensch-Sein ganz zu spüren. Ein Beispiel: Stellen wir uns eine junge Pianistin vor, die fleißig das Klavierspielen übt, und mit viel Gefühl, vielleicht sogar theatralisch, „Für Elise“ spielt. Ohne, dass sie es so ausdrücken würde, erlebt sie in diesem Spiel ihr Mensch-Sein, den Sinn ihres Lebens. Gleichzeitig erfasst sie die Angst, dass sie den Sinn ihres Lebens auch verfehlen könnte. Das kann unterschiedliches bedeuten: durch die Konzentration aufs Klavierspielen lässt sie andere Möglichkeiten aus, vielleicht verpasst sie die große Liebe ihres Lebens. Aber auch das Spiel selbst: Ist es wirklich das ganz große Erlebnis der Musik, oder will sie vielleicht nur anderen gefallen? Strebt sie vielleicht in Wirklichkeit nur eine Karriere an, wird die Musik als spielerisches Erlebnis dabei auf der Strecke bleiben? Sollte sie vielleicht gerade nicht Pianistin bleiben, um sich die Musik als Spiel zu erhalten?

Das sind die Ängste, die wir in jedem wahren Spiel finden, wir können sagen, dass das wahre Spiel immer in Angst stattfindet. Nicht etwa in konkreter Furcht, etwa vor ausbleibendem Applaus, oder davor, eine Prüfung nicht zu bestehen, oder einen Fehler zu machen. Die Angst ist, dass das Spiel selbst verfehlt wird, dass das große Gefühl nicht erreicht wird, welches sich einstellt, wenn praktisches Handeln und unendliche Idee zusammentreffen. Und es ist die Angst, dass aus dem Spiel Ernst werden könnte, wie wir sagen, dass es in die Alltäglichkeit des Geldverdienens zurückfällt.

Luxus: Ein Spiel in Angst?

Wie ist das nun mit dem Luxus, um endlich auf den eigentlichen Gegenstand von Wiesings Buchs zu kommen? Wiesing, ganz Phänomenologe, unterscheidet den Luxus vom Protz und vom Komfort. Protz richtet sich auf eine Wirkung bei anderen, er soll etwas signalisieren. Komfort macht die Benutzung eines Dings angenehmer, macht das Leben einfacher, weniger anstrengend. Beides hat also einen Nutzen, wohingegen Luxus eigentlich gar keinen Nutzen hat, jedenfalls auf keinen Fall um eines Nutzens Willen existiert. Der Luxus bietet eine rein ästhetische Erfahrung.

Wiesing meint, dass das Luxus-Erleben gerade für unser Hier und Jetzt der passende fruchtbare Moment ist, in dem sich das Mensch-Sein zeigt. In der durchfunktionalisierten, auf Effizenz der Mittelverwendung ausgerichteten Welt ist der Luxus als pure übertriebene Nutzlosigkeit sozusagen das Ausbruch, in dem sich der Mensch als Mensch und nicht nur als Teil einer Effizienzmaschine erlebt.

Aber ist der Luxus nicht auch ein Spiel im Sinne Schillers? Jeder Luxus hat das Zeug, das Schöne als Idee zu verkörpern. Nicht nur, dass wir jeden Luxus, der kein Protz ist, als schön empfinden, auch im luxuriösen Handeln, etwa im Müßiggang, im Musizieren nur für uns selbst, oder im bloßen Genießen des Anblicks der Natur, erleben wir etwas von den großen Ideen – denen des guten Lebens.

Und ist nicht jedes Spiel auch Luxus? Wenn wir diese Frage stellen, sind wir plötzlich ganz unmittelbar mit den politischen Zwängen unserer Zeit konfrontiert. Theater, sollen ihren Nutzen für die Gesellschaft eindeutig nachweisen, um die Mittelkürzungen in Grenzen zu halten. Sie sind Luxus, ja. Sie sollen es auch sein, ein möglichst für jeden erreichbarer und erlebbarer Luxus, so wie auch sportliche Spiele und Konzerte.

Schließlich ist auch die Angst im Heideggerschen Sinne dem Luxus nicht fremd, im Gegenteil, sie scheint zu ihm zu gehören wie zum Spiel. Denn jeder Luxus ist in Gefahr, als bloßer Protz zu enden, und somit als Luxus zu scheitern. Gleichzeitig begleitet jedes Luxuserleben die Angst, dass über den Luxus das Notwendige vergessen wird, dass der Mensch also im Luxus am Alltag scheitert.

Es scheint, als ob es gar keine Folge von verschiedenen Möglichkeiten gibt, den fruchtbaren Moment des Mensch-Seins zu erleben, die abhängig wäre von den historischen Umständen. Vielmehr scheint dieser fruchtbare Moment immer Aspekte des Spiels, der Angst und des Luxus zu haben. Dass der Luxus tatsächlich dazu gehört, kann man in Wiesings Buch sehr schön nachvollziehen.

Jörg Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein.