Wo ist die Autonomie?

Jedes Jahr organisiert ein Team des Studiengangs »Philosophy & Economics« der Universität Bayreuth die »Bayreuther Dialoge«, eine zweitägige Konferenz auf dem Unigelände, dieses Mal am 29. und 30. Oktober. Wir haben mit dem Projektleiter Lukas Fehrmann über das diesjährige Thema »Autonomie? AUSVERKAUFT« gesprochen. 

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Lukas Fehrmann, Bayreuther Dialoge

Was verstehen Sie im Planungsteam der Dialoge unter Autonomie?

Das der Begriff Autonomie ein sehr breites Themenspektrum eröffnen wird, war uns von Anfang an bewusst. Es gibt kaum ein Thema, das in den Bereichen Philosophie, Ökonomie und Gesellschaft, aber auch für jedes Individuum eine gleichermaßen hohe Relevanz besitzt. Autonomie gilt als zentrale menschliche Eigenschaft. Genauso ist sie ein Teil unserer modernen Gesellschaft. Auf den Bayreuther Dialogen wollen wir nicht nur ein Konzept von Autonomie präsentieren. Vielmehr wünschen wir uns mit den Teilnehmenden in den Dialog zu treten und Fragen über Autonomie zu diskutieren. Das können ganz allgemeine Fragen sein wie: Wie kann man Autonomie erlangen und welche Freiheiten sind notwendig, um selbstbestimmt agieren zu können? Für die Freiheit des Konsums haben wir die Zerstörung großer Teile unseres Planeten in Kauf genommen. Gibt es vielleicht einen Weg, die Freiheit des Handelns zu erhalten und zugleich unsere Umwelt zu schonen?

Was bedeutet der Titel »Autonomie? AUSVERKAUFT«? Gibt es heute keine Autonomie mehr? 

Immer häufiger lesen wir auf öffentlichen Werbeflächen von Produkten, die uns ein selbstbestimmteres Leben versprechen: von Zigaretten über Smartphones bis hin zum neuesten Auto-Modell. Da stellen wir uns doch die Frage, ob Autonomie wirklich käuflich ist? Machen uns Smartphone und die Möglichkeit, rund um die Uhr auf Informationen rund um den Globus zuzugreifen, wirklich autonomer?
Und wenn Autonomie ausverkauft ist – wo ist sie dann? In den Häusern der Reichen, die die Lagerbestände aufgekauft haben? In den sich immer weiter von staatlicher Regulierung lösenden Finanzmärkten – oder gar in den Häusern der Armen? In den Händen des demokratischen Staates als kollektiver Akteur? Oder haben wir die Läden schon leer gekauft und besitzen Autonomie zuhauf, sind aber außerstande sie zu nutzen?

Ist die Gefahr einer »Tyrannei der Freiheit« für Sie real? Kann Autonomie unfrei machen?

Es stimmt, dass wir durch die vielen Entscheidungsmöglichkeiten unter Druck gesetzt werden. Wir entscheiden uns für die rationalste Option, übersehen aber, dass unsere Entscheidungen durch externe Faktoren wie das soziale Umfeld bestimmt werden. Dazu werden uns heute immer mehr Entscheidungen abgenommen: Programme, die mir aufgrund meiner Interessen und Fähigkeiten vorschlagen, welches Studium für mich in Frage kommt, ein Navigationssystem, dass mir die schnellste Route berechnet oder eine Smartwatch, die mir Einkaufslisten für mein sportliches Ernährungsprogramm erstellt.

Ihr Studiengang heißt „Philosophy & Economics“ – in welchem Verhältnis stehen diese Disziplinen für Sie?

Philosophie und Ökonomik. Das sind zwei Disziplinen die auf den ersten Blick nicht gut zusammenpassen. Jedoch lehrt uns die Vergangenheit, dass es sehr wohl eine harmonierende Symbiose dieser Fächer in der Wissenschaft geben kann. Adam Smith und John Mill waren zum Beispiel zugleich Philosophen und Ökonomen.
In unserem Studiengang wird ganz gezielt versucht, die Qualitäten beider Fächer zu verbinden. Dies geschieht in den so genannten Verzahnungsseminaren. Der philosophische Teil unserer Ausbildung versorgt uns mit analytischen Fähigkeiten und dem Wissen über verschiedene Moraltheorien. Dieses Wissen wenden wir in Seminaren zusammen mit unserem ökonomischen Verständnis an, um zum Beispiel einem Modell der Ökonomik einen normativen Anspruch zu geben. So begründen wir mal aus einer anderen Perspektive, warum ein ökonomisches Modell richtig oder falsch ist.

Sie verstehen sich als »Zukunftsforum«. Welche Form von Autonomie wünschen Sie sich?

Autonomie für alle. Autonomie als Produkt der Globalisierung für die einen und Fremdbestimmung als Folge unserer Freiheit für die anderen – das kann nicht zukunftsfähig sein. Wir müssen einen Weg finden, Selbstbestimmung jedem Menschen zugänglich zu machen.