Geld ist eine Glaubensfrage

Warum bezahlen wir eigentlich mit Geld? Um Gegenstände effektiver tauschen zu können. So lautet die landläufige Antwort, die bis auf Aristoteles zurückgeht – und wahrscheinlich ein Märchen ist. Das behauptet zumindest Christoph Türcke in seinem Vortrag beim Philosophicum in Lech.

Laut Türcke liegt der Ursprung des Geldes in der Religion. Nicht zwischen Mensch und Mensch, sondern zwischen Mensch und Gott floss das erste Geld: Man sicherte sich die Gunst der höheren Mächte, indem man sie mit Opfern „bezahlte“. In einem langwierigen Ersetzungsprozess wurden aus Menschenopfer zunächst Tieropfer und schließlich Metallgaben, die sich im Laufe der Jahre im Tempel anhäuften. Denn anders als Tieropfer überdauerte das Edelmetall die Opferzeremonie. Bald gingen die Priester dazu über, bereits geopferte Metallgaben den heiligen Stätten zu entwenden, um sie erneut opfern zu können. Ein solches Sakrileg forderte natürlich eine Entschädigung in Form einer Gebühr – der Zins war geboren.

Türcke erzählt die Geschichte des Geldes als eine Geschichte der Schuld. Zahlungsmittel wurden nicht für den Handel erfunden, sondern um eine Schuld gegenüber Gott zu begleichen. Mittels eines Ritus verwandelten Priester gewöhnliche Dinge in Gegenstände von Wert. Heute ist diese Aufgabe auf die Zentralbanken übergegangen. „Mario Draghi ist ein Priester – und das ist nicht metaphorisch gemeint“, so Türcke. Die Aufgabe des Goldstandards sei nichts anderes gewesen als ein internationaler Konfessionswechsel. Wenn das Geld aber nur eine Glaubensfrage ist, warum schaffen wir es dann nicht gleich ab? Weil wir die Schuld nicht abschaffen können, so Türcke. Dazu sei nur ein Gott in der Lage. Solange wir mir Geld hantieren, werden wir also den Glauben an Gott nicht überwinden.
Türckes Genealogie des Geldes ist eine gute Story. Sie bedient die allgemeine Skepsis gegenüber der Finanzwelt und das Klischee des goldgierigen Priesters genauso wie das Bedürfnis nach einer besseren, geldlosen und somit letztendlich humaneren Welt. Gleichzeitig widersteht Türcke der Versuchung, sich der Utopie hinzugeben, dass dies in nächster Zeit zu erreichen wäre. Allerdings ist die Identifikation der Schuld als Wesen des Geldes alles andere als neu, man denke etwa an David Graebers einflussreiche Studien. Gleichzeitig mangelt es an stichfesten Beweisen für die These des rituellen Opfers als erstes Zahlungsmittel. Am Ende ersetzt Türcke das Aristotelische Märchen lediglich durch eine andere Geschichte, die ebenso fragwürdig ist, aber immerhin unterhaltsamer.
Robin Droemer