HOHE LUFT, Kolumne, Wissenschaft
Kommentare 7

Na logisch! Der genetische Fehlschluss IV: Der Naturalistische Fehlschluss

Logik-Kolumne von Daniel-Pascal Zorn. Der genetische Fehlschluss IV: Der Naturalistische Fehlschluss

Den Abschluss meiner vierteiligen Reihe zu den genetischen Fehlschlüssen bildet der wohl bekannteste unter ihnen: Der naturalistische Fehlschluss. In der aktuellen Diskussion begegnet er uns in mannigfaltiger Weise: Von der religiös motivierten Behauptung, Homosexualität sei ‚widernatürlich‘, über die populärwissenschaftliche Behauptung, der Mensch sei durch seine Gene, seine Triebe oder evolutionär erfolgreiche Strategien quasi programmiert, bis hin zum vermeintlich natürlichen ‚Recht des Stärkeren‘ oder authentischen Leben, das sich gegen jede menschliche Gesetzgebung und jede kulturelle Überformung durchzusetzen vermag.

In einer bekannten Formulierung besagt der naturalistische Fehlschluss, dass vom Sein auf das Sollen geschlossen wird. Ein solcher Schluss würde etwa lauten: Etwas ist und deswegen soll es sein. In dieser Allgemeinheit ist das jedoch in allen Teilen der Definition missverständlich: Welches ‚Sein‘ ist gemeint? Umfasst ‚Sollen‘ neben ethischem auch logisches oder sogar metaphysisches Sollen? Ist es etwa schon ein Fehlschluss, wenn ich aus dem Faktum meiner Zahnschmerzen folgere, dass ich zum Zahnarzt gehen soll? Oder wenn vom faktischen Vorliegen eines Widerspruchs geschlossen wird, dass ein Argument nicht gelten soll?

Eine andere Formulierung bringt Licht ins Dunkel: Weil es natürlich ist – also als natürliche Entwicklung oder Ergebnis derselben beschrieben werden kann –, ist es, in einer alles andere bestimmenden Weise, richtig. Genau das meint das ‚genetisch‘ in ‚genetischer Fehlschluss‘: Von der Beschreibung einer Genese wird auf die Geltung des Beschriebenen geschlossen; Genesis wird mit Geltung verwechselt, die Angabe von Ursachen mit der Angabe von Gründen.

Der naturalistische Fehlschluss liegt also überall dort vor, wo die Behauptung von Natürlichkeit ausreichen soll, um die Wahrheit einer Aussage zu sichern. Beliebt ist der Fehlschluss vor allem deswegen, weil er das ‚Es ist so, weil es so ist‘ des dogmatischen Fehlschlusses in einen vermeintlich empirischen Anspruch übersetzt: Was empirisch beschreibbar ist, muss richtig sein. Der Fehlschluss setzt darauf, dass derjenige, der ihm widerspricht, dann als jemand erscheint, der die empirische Wirklichkeit einfach nicht wahrhaben will.

Dabei gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen empirischen und naturalistischen Positionen: Empirische Positionen interessieren sich für die nachprüfbare Beschreibung der Wirklichkeit – sie wollen aber genau deswegen ihre Sichtweise nicht als die einzig wahre oder mögliche verabsolutieren. Eine solche Verabsolutierung würde den methodischen Skeptizismus, der gute Wissenschaft ausmacht, durch allzu starke und vor allem unnötige Vorannahmen einengen. Wissenschaftler, die ihr Handwerk verstehen, enthalten sich solcher Annahmen. Ihnen ist es wichtig, dass sie die Wirklichkeit bestmöglich beschreiben können und dazu gehört immer auch die Möglichkeit, die eigenen, sonst selbstverständlich gemachten, Voraussetzungen zumindest prinzipiell in Frage stellen zu können.

Dem Naturalisten erscheint jeder, der die Welt nicht so beschreibt, wie er es tut, als Scharlatan. 

Naturalistische Positionen neigen dazu, über den fortgesetzten Erfolg naturwissenschaftlicher Weltbeschreibung diesen methodischen Skeptizismus zu vergessen. Sie verwechseln die Notwendigkeit, für diese Weltbeschreibung bestimmte Voraussetzungen machen zu müssen, mit einer unabhängigen Vorgegebenheit dieser Voraussetzungen – die wissenschaftliche Weltbeschreibung gerinnt für sie zur naturalistischen Weltanschauung, die alle Merkmale einer Ideologie aufweist. Deswegen erscheint einem Naturalisten jeder, der die Welt nicht so beschreibt, wie er es tut, als Scharlatan.

In dieser Version des naturalistischen Fehlschlusses wird also von der naturwissenschaftlich beschriebenen Wirklichkeit auf eine metaphysische Ordnung geschlossen, als sei eine empiristisch reduzierte Beschreibung des Menschen und der Welt von vornherein die einzig richtige und vernünftige. In dieser seltsamen Sakralisierung des Empirischen nähern sich die Naturalisten ironischerweise dann denjenigen an, die das Natürliche für eine gottgegebene und gottgewollte Ordnung halten: Wo für die einen alles durch Naturgesetze und Kausalität determiniert ist, ist für die anderen alles von Gott geordnet und vorherbestimmt. Die besondere Form des Bestätigungsfehlers, den der naturalistische Fehlschluss auslöst, findet sich entsprechend nicht nur bei Kreationisten und Fans des Intelligent Design, sondern auch bei ausgebildeten Naturwissenschaftlern.

So hat der Biologe Ulrich Kutschera in mehreren aufsehenerregenden Interviews die Gender-Studies als Pseudo-Wissenschaften dadurch entlarven wollen, dass er ihrer soziologischen Beschreibung der Gesellschaft biologische Fakten entgegenhielt.

Sein Rezept dafür war ebenso einfach wie unwissenschaftlich: Simple sozialwissenschaftliche Fragestellungen wurden von ihm auf einfacher anzugreifende Pappkameraden reduziert und mit aus dem Zusammenhang gerissenen absurd klingenden Zitaten garniert. Die sozialwissenschaftliche Forschung, die bekanntlich empirische Daten und theoretisch informierte interpretierende Beschreibung von menschlichem Handeln und Sprechen kombiniert, erschien so als bloße Spekulation.
So näherte Kutschera seinen Gegenstand immer weiter der eigenen Vorgabe an: die Gender-Studies als fundamentalistische Ideologie ohne jeden Anhalt in der Wirklichkeit darzustellen. Die Blaupause dafür lieferte ihm der Kreationismus, den Kutschera seit vielen Jahren untersucht.

Kutschera bemerkte dabei ironischerweise nicht, dass es genau diese Verabsolutierung seiner biologischen Perspektive war, die ihn selbst in die Denkfalle tappen ließ, gegen die er in Gestalt des Kreationismus angetreten war. Diese Denkfalle war es auch, die am Ende die kritische Theorie der ‚Gender Studies‘ im Kern bestätigte: dass es immer noch Wissenschaftler gibt, die die empirische Beschreibung der Welt für metaphysische Wahrheit halten und diese metaphysische Wahrheit allen anderen autoritär und mit unlauteren Methoden vorzuschreiben versuchen.

Eine andere Version des naturalistischen Fehlschlusses funktioniert ganz ähnlich, basiert aber nicht auf tatsächlicher empirischer Forschung, sondern auf pseudowissenschaftlichen oder weltanschaulichen Überzeugungen. Ein gutes Beispiel dafür ist der biologische Rassismus, der anlässlich eines Vortrages von AfD-Mann Björn Höcke über angebliche afrikanische und europäische ‚Reproduktionsstrategien‘ ein Comeback feierte.

Aber man muss nicht die Extreme betrachten, um ein gutes Beispiel zu finden: Die Geschichte des Denkens ist voll von Festlegungen einer angeblichen ‚Natur des Menschen‘, die nicht nur das empirisch Einleuchtende, sondern auch das pseudowissenschaftlich Konstruierte betreffen: typische Beispiele sind der koloniale Rassismus der Europäer oder der völkische Rassismus der Nationalsozialisten.

Die Geschichte solcher Naturalismen und Biologismen reicht weit zurück: Schon Sokrates schlug sich in Platons Dialogen mit Leuten wie Kallikles herum, die das kulturelle Gesetz der Gerechtigkeit als Lüge und das natürliche Gesetz des Stärkeren als unverrückbare Wahrheit behaupteten. – Heute heißen die Sophisten anders – aber ihre Argumente sind die gleichen geblieben.

7 Kommentare

  1. Emo sagt

    Wer garantiert nun aber, dass es überhaupt darum geht, überall Fehlschlüsse aufzuspüren und sie zu jagen, um, ja, warum? Um damit das Böse auszumerzen? Ist das nicht vielleicht der anfängliche Fehlschluß, dem man auf den Leim gegangen ist? Was bliebe von den Schriften der europäischen Geistesgeschichte, wenn man die derart identifizierten Fehlschlüsse herausgestrichen hätte? Ein Bruchteil von 10% ihrer Textmasse?

    • DPZ sagt

      Wir analysieren Fehlschlüsse nicht deswegen, um sie „herauszustreichen“, sondern um ein Argument besser zu machen. Denn ein fehlschlüssiges Argument kann leider keine Geltung beanspruchen. Natürlich kann man es trotzdem weiter behaupten – aber überzeugen muss es niemanden.

      Natürlich hat niemand behauptet, dass es „darum geht, überall Fehlschlüsse aufzuspüren“ – sondern eben nur dort, wo sie begangen wurden. Weil wir dann wissen, welchen Argumenten wir besser nicht folgen.

      Ob das „Böse“ mit Fehlschlüssen zu tun hat, ist eine schwierige Frage. Aber keine, die ich in meiner Kolumne stelle. Es geht einzig darum, die Glaubwürdigkeit eines Arguments zu überprüfen – nicht etwa um eine logische ‚Säuberung‘ von falschem Denken. Sondern umgekehrt: Eine Kritik derjenigen Argumente, die Geltung beanspruchen, aber nicht gut rechtfertigen können.

      Der „anfängliche Fehlschluss“ – so leid es mir tut – ist damit selbst einer, nämlich ein Pappkamerad. Nichts von dem, was Sie nach „Wer garantiert…“ bis zu dieser Frage sagen, habe ich an irgendeiner Stelle behauptet – es ist Ihre Unterstellung. Wenn Sie aber mit einem „anfänglichen Fehlschluss“ argumentieren, dann haben Sie ja bereits schon wieder akzeptiert, dass das Nachweisen von Fehlschlüssen ein Argument ist…

      Die „Schriften der europäischen Geistesgeschichte“ sind sicherlich voll mit Fehlschlüssen. Aber aus Fehlschlüssen kann man durchaus etwas lernen – manche davon sind sogar grundlegend für unsere Lebenswelt. Sie sind Ausdruck menschlichen Denkens – nicht rechtfertigbaren menschlichen Denkens zwar, aber dennoch. Und deswegen begreifen wir, wenn wir Fehlschlüsse in solchen Texten analysieren auch, wie bestimmte Vorstellungen sich ausgeformt haben und warum sie manchmal Zeitgenossen und Nachkommenden so schlüssig erschienen sind.

      Wir lernen also aus dem Denken der Tradition ebenso, wie wir aus dem Denken unseres Gegenübers lernen. Und dieses Lernen – das ist der Sinn der Logik. Unsere Argumente so zu gestalten, dass sie das Gegenüber nicht überfahren, nicht auf es irgendetwas projizieren, was es nicht gesagt hat, es nicht übervorteilen – sondern damit man in einem fairen Gespräch Rede und Antwort stehen kann für das, was man behauptet.

  2. Blickensdörfer sagt

    Etwas zur selbstkritischen Auseinandersetzung mit für den Leser beliebig zu verstehenden Worten, mit dem eigenen Verständnis

    Empirische Positionen interessieren sich für die nachprüfbare Beschreibung der Wirklichkeit – sie wollen aber genau deswegen ihre Sichtweise nicht als die einzig wahre oder mögliche verabsolutieren. Eine solche Verabsolutierung würde den methodischen Skeptizismus, der gute Wissenschaft ausmacht, durch allzu starke und vor allem unnötige Vorannahmen einengen.“

    Wissenschaftlern „ist es wichtig, dass sie die Wirklichkeit bestmöglich beschreiben können . . . „

    „Naturalistische Positionen neigen dazu, über den fortgesetzten Erfolg naturwissenschaftlicher Weltbeschreibung diesen methodischen Skeptizismus zu vergessen. Sie verwechseln die Notwendigkeit, für diese Weltbeschreibung bestimmte Voraussetzungen machen zu müssen, mit einer unabhängigen Vorgegebenheit dieser Voraussetzungen – die wissenschaftliche Weltbeschreibung gerinnt für sie zur naturalistischen Weltanschauung . . . als sei eine empiristisch reduzierte Beschreibung des Menschen und der Welt von vornherein die einzig richtige und vernünftige.“

    „Die sozialwissenschaftliche Forschung, die bekanntlich empirische Daten und theoretisch informierte interpretierende Beschreibung von menschlichem Handeln und Sprechen kombiniert . . .“

    „Positionen“, also das [hier] von Wissenschaftlern geäußerte Verstandene, also von diesen Wissenschaftlern „interessieren sich für“ die einen und die anderen „neigen dazu . . . zu vergessen.“ Und: Die einen, „dass sie die Wirklichkeit bestmöglich beschreiben können . . . „, und für die anderen sei eine empiristisch reduzierte Beschreibung des Menschen und der Welt von vornherein die einzig richtige und vernünftige“, obwohl oder weil“ empirische Daten und theoretisch informierte interpretierende Beschreibung verwendet wurden?

  3. DPZ sagt

    Zu dem, was ich glaube, verstanden zu haben – bitte reformulieren Sie Ihre Frage, wenn ich es nicht ganz getroffen habe:

    Ein Text kann leider nie jede beliebige Assoziation seitens des Lesers einholen, sonst wäre er unendlich.

    Mit „Positionen“ im Sinne von Wissenschaft bezeichne ich weiterhin nicht, wie Sie annehmen, „das von Wissenschaftlern geäußerte Verstandene“, sondern eine empirische Beschreibung der Wirklichkeit mit Objektivitätsanspruch.

    Der Abschnitt zu „Empirische Positionen“ ist als Normalsituation des Wissenschaftlers markiert, der Abschnitt zu „Naturalistische Positionen“ als fehlschlüssige Abweichung davon.

    Der Abschnitt zur „bestmöglichen“ Beschreibung geht weiter: „… und dazu gehört immer auch die Möglichkeit, die eigenen, sonst selbstverständlich gemachten, Voraussetzungen zumindest prinzipiell in Frage stellen zu können.“ Wer also in empirischer Sicht „bestmöglich“ beschreiben will, muss damit auch immer die Möglichkeit mit einrechnen, dass die eigenen wissenschaftlichen Voraussetzungen als Paradigma die Sicht auf auf das Phänomen nicht nur ermöglichen, sondern auch verstellen können.

    Eine naturalistische oder empiristische Position tut genau das nicht – bei ihr wird wissenschaftliche Betrachtung zur wissenschaftlichen Weltanschauung. Und damit wird sie unempfindlich für das selbstkritische Moment, das für wissenschaftliche Weltbeschreibung im o. g. Sinne wesentlich ist.

    Eine solche naturalistische oder empiristische Position spricht – wie Kutschera das ja auch faktisch tut – den Sozialwissenschaften den Status einer Wissenschaft ab, eben weil diese „theoretisch informierte interpretierende Beschreibung“ mit empirischer Beschreibung verbinden. Aus Sicht des Naturalisten ist Wissenschaft schlicht die Abbildung der Wirklichkeit wie sie ist – ohne jeden Umweg über die Interpretation.

  4. Prinzip verstanden, und ich stimme zu. Nur ist Kutschera aus sachlichen Gründen kein gutes Beispiel für „naturalistischen Fehlschluss“.

    Er wendet sich gegen die axiomatische Grundaussage der Gender Studies, die menschlichen seien Geschlechtsverhältnisse „konstruiert“ statt entstanden. Kutschera wendet sich an den wissenschaftlich interessierten Laien, z. B. an mich. Ich bin imstande, reine Logikfehler ausfindig zu machen, habe bei ihm aber keine solchen vorgefunden. Das schließt auch das Argument „Pappkameraden“ ein. Bei Bedarf führe ich das gerne aus.

  5. DPZ sagt

    @Wolf-Dieter: Die „axiomatische Aussage der Gender-Studies“, insbesondere mit den „statt“, gibt es nicht. Das ist ein Pappkamerad. Übrigens ist es nicht relevant, wogegen Sie sich mit einem Argument richten – ein genetischer Fehlschluss betrifft immer das eigene Schlussfolgern.

    Dass Sie sich für „imstande“ halten, „Logikfehler aufzufinden“, glaube ich Ihnen gerne. Aber das ändert leider weder etwas an Kutscheras fehlschlüssigem Bezug auf Natur als Sein, das soll, noch daran, dass Geschlecht als Konstruktion „statt“ Natur von keiner ernstzunehmenden Gender-Theorie behauptet wird. Ich empfehle dazu J. Butlers ‚Körper von Gewicht‘, wo sie explizit auf diesen Vorwurf eingeht und klarstellt, dass sie das nicht meint.

  6. Pingback: HOHE LUFT » Na logisch! Der psychologistische Fehlschluss

Schreibe einen Kommentar zu Blickensdörfer Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.