HOHE LUFT, Kolumne
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Na logisch!

Daniel-Pascal Zorn ist Philosoph mit Schwerpunkt Argumentationstheorie und philosophischer Dialektik. Er schreibt einen Blog über reflexive Logik und ab jetzt jeden zweiten Freitag auf dem HOHE LUFT-Blog eine Kolumne über die Tücken der Argumentation, Denkfehler und logische Fallstricke. Hier kommt Folge 1!

Philosophie als Kunst der Rechtfertigung

Wir alle sind tagtäglich in Diskussionen mit anderen Menschen verstrickt. Wir diskutieren über das Essen, das Wetter oder das letzte Fußballspiel. Wir diskutieren über tagespolitische Ereignisse, wissenschaftliche Entdeckungen oder Gerüchte, die wir gehört haben. Und wenn es ernst wird – oder spät ist oder wir ein wenig über den Durst getrunken haben –, dann diskutieren wir die grundlegenden Fragen: religiöse Überzeugungen und philosophische Thesen oder Positionen, denen wir zustimmen oder die wir ablehnen.

 

Daniel-Pascal Zorn

Daniel-Pascal Zorn

Insbesondere in solchen Situationen, in denen unsere grundlegenden Überzeugungen in Frage stehen, geraten wir nicht selten in einen Streit. Die Diskussion kippt in den Versuch, den anderen mit allen Mitteln dazu zu bringen, der eigenen Sichtweise zuzustimmen. Dabei machen wir auch vor schmutzigen Tricks nicht Halt: Wer unsere Sichtweise nicht teilt, ist schlecht informiert oder durch eine Ideologie verblendet, er oder sie hat keine Ahnung oder ist in einer Traumwelt gefangen. Umgekehrt versuchen wir gleichzeitig unsere eigene Position zu stärken, indem wir vor das, was wir zu wissen glauben, einfache rhetorische Phrasen setzen: „Fakt ist, dass…“ oder „Tatsache ist, dass…“ oder „Auch Du wirst mir zustimmen, dass…“. Wir versuchen damit strenggenommen nicht mehr, den anderen von unserer Sichtweise zu überzeugen, sondern wir setzen voraus, dass unsere Sichtweise auch für ihn schon gilt – und er es jetzt eigentlich nur noch selber einsehen muss.

Haben Sie sich wiedererkannt? Wenn ja, dann haben Sie den ersten Schritt zur Beobachtung der eigenen Redepraxis gemacht. Wenn nicht, dann argumentieren Sie in jedem Fall sauber und können das jederzeit beweisen – oder Sie haben sich selbst davon überzeugt, dass sie niemals schmutzige Tricks in der Rede verwenden. Aber wie Ludwig Wittgenstein einmal feststellt: „Der Regel zu folgen glauben ist nicht: der Regel folgen.“

Warum ist hier aber eigentlich die Rede von ‚schmutzigen Tricks‘? Ist in einer Diskussion nicht alles erlaubt, solange man keine körperliche Gewalt anwendet? Geht es in einer Diskussion nicht sogar darum, die Gewalt durch Rede zu ersetzen und dadurch unschädlich zu machen? So jedenfalls diskutieren wir häufig. Wir nehmen die Tatsache, dass wir immer noch miteinander sprechen, als Freibrief für jedes mögliche Argument, ganz gleich wie gut oder schlecht es ist. Und in der Tat ist die Rede per se erst einmal besser als körperliche Gewalt. Aber was ist, wenn die Argumente, die wir einsetzen, selbst eine Form der Gewalt darstellen? Wenn sie über logische Strukturen, die uns vielleicht nicht ganz bewusst sind oder die wir aus Gewohnheit einsetzen, die Position unseres Gesprächspartners gar nicht zur Geltung kommen lassen, sie von Vorneherein durchstreichen oder falsch darstellen? Und was, wenn einem selbst das begegnet – und man gar nicht weiß, ob der Andere einfach nur überzeugend ist, oder ob er uns über seine Rede zu manipulieren versucht?

In dieser Kolumne möchte ich solchen und ähnlichen Fragen nachgehen und aufzeigen, wie und warum verschiedene Argumentationsformen in Diskussionen problematisch werden können. Außerdem möchte ich selbst Vorschläge zur Diskussion stellen, wie man es besser machen kann. Dabei werde ich mich weniger auf eine feststehende argumentationslogische Begrifflichkeit beziehen, sondern ganz konkrete und exemplarische Gesprächssituationen heranziehen, um die Probleme, die dabei entstehen können, vorzustellen. So kann dann jeder diese Beispiele auf eigene Gesprächssituationen anwenden und die eigenen – vielleicht sehr impliziten – Strategien beobachten und verbessern.

Die Grundlage dafür aber ist ein philosophisches Verständnis des gemeinsamen ‚Gesprächs‘, das eine Diskussion ja immer auch ist: Mindestens zwei Menschen unterhalten sich über ein gemeinsames Thema. Manchmal ist am Anfang noch nicht klar, welches Thema sie gemeinsam haben; manchmal reden sie auch aneinander vorbei. Aber immer, wenn wir miteinander sprechen, teilen wir uns dem Anderen mit. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Wir teilen mit ihm etwas, nämlich unsere Rede, das also, was wir sagen. Jeder, der etwas sagt, ist für das verantwortlich, was er für alle, die an dieser Rede teilnehmen, gesagt hat. Dieser Umstand ist nicht schwer nachzuvollziehen, denn wir kennen ihn aus anderen Kontexten: Bei der Polizei und vor Gericht ist die Aussage entscheidend. In der Politik können einzelne Sätze ganze Protest- oder Jubelstürme entfachen. Aus religiösen Kontexten kennen wir die Predigt und die Rituale, die mit einer festgelegten Reihenfolge von Wörtern und Sätzen durchgeführt werden. In all diesen Kontexten ist entscheidend, was von wem gesagt wird.

Wenn wir das aber auf ein ‚Gespräch‘ übertragen wollen, das wir von der Philosophie her verstehen, dann müssen wir uns auch den Unterschied zu diesen Situationen deutlich machen. Denn überall gibt es ein asymmetrisches Verhältnis: Der Richter besitzt die Macht, ein Urteil über uns zu sprechen. Er ist für uns kein einfaches Gegenüber, sondern eben derjenige, der etwas tun kann, was wir nicht können. Auch was der Politiker sagt, ist vor allem deswegen wichtig, weil er als gewählter Repräsentant des Volkes auch für seine Wähler spricht. Er spricht also nicht gleich als Privatperson, sondern muss zugleich auch eine bestimmte, eben politische Linie vertreten. Und der Pfarrer kann deswegen Predigten halten oder religiöse Rituale vollziehen, weil er von einer höheren Autorität, der Kirche, dazu ermächtigt wurde.

Im philosophischen Gespräch aber gibt es keine vorhergehende Autorität. Das wäre ja auch seltsam – denn eine Diskussion, in der schon entschieden ist, dass einer von beiden Recht hat, macht keinen Sinn, oder? Im philosophischen Gespräch hat keiner von Vorneherein Recht aber jeder kann mit seinen Argumenten Recht haben. Das heißt: Ein philosophisches Gespräch findet dann statt, wenn alle Teilnehmer an diesem Gespräch von Vorneherein anerkennen, dass sie in dieser Hinsicht gleichberechtigt sind.

Das Wort ‚Recht‘ scheint dennoch eine wesentliche Rolle zu spielen und tatsächlich reicht die Metaphorik der Rechtssprechung von Platons ‚lógon didonai‘ (eine Rechtfertigung oder Verteidigung vor Gericht, wörtlich aber: ‚(eine) Rede geben‘) bis Immanuel Kants ‚Gerichtshof der Vernunft‘. Gerade die Verwendung dieser Metaphorik bei Kant und Platon verweist uns aber auf eine interessante Verschiebung: Bei Kant ist die Vernunft zugleich Klägerin, Angeklagte und Richterin. Und bereits Platon lässt Sokrates in der Politeia deutlich machen: „Wenn wir […] in der Untersuchung einander zum Eingeständnis zu bringen suchen, so würden wir selbst zugleich Richter und Redner sein.“ In der Philosophie ist jeder Teilnehmer zugleich Richter und Redner. Die Gleichberechtigung bezüglich des Rechthabenkönnens ist also zur selben Zeit auch eine gleiche Verpflichtung zur Rechtfertigung der eigenen Rede. Nur dann, wenn beide Teilnehmer prinzipiell die Möglichkeit haben, den jeweils anderen durch Argumente zu überzeugen, ist eine Diskussion eine faire Diskussion und ist ihr Ausgang nicht schon von Vorneherein bestimmt.

Versteht man nun das philosophische Gespräch als Grundlage der Philosophie, dann kann gesagt werden: Philosophie ist die Kunst der Rechtfertigung vor dem Hintergrund dieser Gleichberechtigung aller Teilnehmer. Das ist durchaus eine ungewohnte Perspektive. Denn natürlich ist es viel einfacher, davon auszugehen, dass es stets Aufgabe des Gegenübers ist, uns von etwas zu überzeugen. Aber wie wir hier noch sehen werden, kann uns genau diese Überzeugung in eine Perspektive führen, die am Ende nur noch sich selbst bestätigt sieht und in den Schein der Unangreifbarkeit gerät, weil sie ihre Richtigkeit von Anfang an, für jede mögliche Gesprächssituation, und dadurch ein für alle Mal vorausgesetzt hat. Wer ein philosophisches Gespräch führen will, der ist also an die Verpflichtung gebunden, in der eigenen Rede nicht nur Behauptungen aufzustellen, sondern dem anderen auch Gründe zu nennen, warum er diese Behauptungen als richtig anerkennen soll. Ein philosophisches Gespräch ist entsprechend – vor jeder grauen Theorie und vor jeder Spekulation – diese Praxis des gemeinsam geteilten Logos, ein gemeinsam und mit gegenseitiger Achtung des jeweils Anderen geführtes Gespräch.

Man kann dieses Verständnis von Philosophie am Ende noch auf die übliche Weise übertragen, in der wir mit Philosophie konfrontiert werden: Wenn wir einen philosophischen Text lesen, dann können wir uns vorstellen, dass der Text unser Dialogpartner ist, der uns von einer bestimmten Position überzeugen will. Und dann sind wir aufgerufen, den Text sehr genau zu lesen, denn wenn der Autor oder die Autorin schon lange tot ist, dann hat er oder sie nur diese und keine anderen Worte zur Verfügung, um seine oder ihre Sache zu verteidigen. Wenn wir uns mit philosophischen Texten auseinandersetzen, dann kommt zu der Verantwortung unserer eigenen Rede gegenüber die Verantwortung hinzu, den Text nicht durch bestimmte Vorannahmen zu verfälschen oder zu verzerren, die wir von Vornherein in Geltung gesetzt haben. Das stellt uns umgekehrt vor die Aufgabe, Annahmen, die wir generell machen müssen, wenn wir einen Text verstehen wollen, genau zu überprüfen, dahingehend, ob sie nicht von dem Text etwas verlangen, was er nicht leistet oder leisten kann. Nur wenn wir diese Verantwortung anerkennen, können wir von Perspektiven profitieren, die nicht unsere eigenen sind und können umgekehrt unser Wissen und unsere Perspektive um diejenige erweitern, die der Text uns anbietet.

Das bedeutet, dass philosophisches Denken immer einhergeht mit einer Aufmerksamkeit auf das, was man sagt und auf die Formen der Begründung, die man damit verbindet. Die extremste Gegenposition dazu ist aber die Ansicht, man müsse überhaupt keine Begründungen vorbringen. Das nächste Mal werde ich mich daher mit einer Form des Arguments auseinandersetzen, die bereits annimmt, dass der Sprecher von Vorneherein richtig liegt: der petitio principii.

4 Kommentare

  1. Zählte ein Mensch all jene Sätze zusammen, die er in seinem Leben jemals gehört hatte, wie viele davon wären solche, auf die er bis zu jenem Augenblick vergeblich hoffte, und wie viele wären solche nicht?
    Zeige mir einen Menschen, der der Worte voll ist, und ich zeige dir einen Träumer. Zeige mir einen Menschen, der stumm bleibt, und ich zeige dir einen Krüppel, der bereits mehr gehört als ihm zuträglich.
    Wenig ist schwieriger als die Suche nach der Begründung. Eine Rede ist entweder vergeblich oder müßig.
    So möglich es auch sein mag, über Rede einen Satz herausarbeiten zu können, der geeignet wäre, die eine oder andere Grausamkeit abzustellen, so sicher ist es auch, dass der Verfasser von Glück reden könne, wenn der Satz überhört oder abgelehnt werde. Bleibt ihm dieses Glück versagt, gerät der Satz nur in solche Hände, die ihn erfolgreich für niedrige Beweggründe zu nutzen wissen, ihn hierfür missbrauchen, ihn zur Befriedigung eigener Bedürfnisse zweckentfremden, unter dem Vorwand, ihn erfüllen zu wollen. Solche Sätze erleiden entweder das eine oder das andere Schicksal.
    Wozu dann noch reden?

  2. Daniel-Pascal Zorn sagt

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Gerade weil er in seinem Grundproblem zutiefst philosophisch ist (s. u.) würde ich gerne etwas ausführlicher darauf antworten:

    „Eine Rede ist entweder vergeblich oder müßig.“ – Das nennt man den Fehlschluss des falschen Dilemmas. Er hat berühmte Vorläufer, z. B. den hier:

    „Gespräche sind unter Andersdenkenden unmöglich und unter Gesinnungsgenossen überflüssig.“ (Panajotis Kondylis)

    Der Fehlschluss geht meistens von der Annahme aus, dass Meinungen nur als dogmatische Behauptungen vorgetragen werden – entweder ist man sich also schon einig oder man wird sich nie einig.

    Genauso verhält es sich mit dieser Behauptung: „… dass der Verfasser von Glück reden könne, wenn der Satz überhört oder abgelehnt werde. Bleibt ihm dieses Glück versagt, gerät der Satz nur in solche Hände, die ihn erfolgreich für niedrige Beweggründe zu nutzen wissen…“ – Auch hier wird unbegründet ein ‚Entweder-Oder‘ vorausgesetzt: Ein Satz „über Rede … der geeignet wäre, die eine oder andere Grausamkeit abzustellen“ wird entweder nicht gehört oder missbraucht.

    Falsche Dilemmata schaffen ihr Problem selbst. Denn natürlich muss niemand annehmen, dass eine Rede nur entweder vergeblich oder überflüssig ist, entweder ungehört oder missbraucht wird.

    Das beste Beispiel ist dieses Gespräch:

    Der Beitrag, der dieses falsche Dilemma behauptet, wird als Behauptung ernstgenommen. Das Gespräch zwischen uns findet in der Annahme statt, dass beide Gesprächspartner gleichberechtigt dazu sind, Behauptungen aufzustellen – ein Postulat übrigens, das im Text zentral ist, der Kommentar dazu aber ignoriert. Weswegen die Rede über Sätze, die „grausam“ sind, weil sie die Rede des Anderen gar nicht erst zur Geltung kommen lassen, seltsam reflexiv erscheint. Sie scheint auf die eigene Gewalt nicht zu achten – oder sie bereits als gegeben vorauszusetzen. Das aber wäre ein Zirkelschluss.

    Wir sehen es also verschieden – aber das bedeutet nicht, dass ich nun einfach den Beitrag zu meinem Text rundheraus ablehnen muss. Sondern ich kann versuchen, mein Gegenüber davon zu überzeugen, dass ihn die Festlegung der beiden falschen Dilemmata von Vorneherein – die sich auf noch implizite Vorannahmen über eine „Gewalt der Rede“ stützt – in eine Schleife der Selbstbestätigung der eigenen Meinung führt, die am Ende hausgemacht ist (meine Kolumne wird in kommenden Episoden auf die beiden wirkenden logischen Fehlschlüsse noch eingehen, die ‚Petitio principii‘ und den ‚Bestätigungsfehler‘). Ebenso kann ich versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass seine Klage über die Unfähigkeit, eine „Gewalt der Rede“ selbst an einer Stelle gewalttätig und damit problematisch wird.

    Wir sehen es verschieden, aber deswegen „verhallt“ der Beitrag nicht ungehört, sondern wird ernstgenommen und bedacht. Er wird auch nicht missbraucht für andere Zwecke – sondern der Zweck bist Du, ist Deine Fähigkeit, Dich zu Deinen eigenen impliziten Voraussetzungen zu verhalten. Dazu zwingt Dich niemand – Du darfst Deine Sichtweise gerne behalten. Du kannst Dich jederzeit mit einem unbegründeten ‚Nein‘ aus dem Gespräch zurückziehen. Das gilt dann aber auch nur für Dich – und nicht schon für alle anderen auch.

    Das Problem aber, das Du ansprichst, ist uralt. Es ist gewissermaßen ein Grundproblem der Philosophie – das ‚Entweder-Oder‘ einander ausschließender Alternativen, ‚Nichts‘ oder ‚Alles‘, ‚vollständige Erkenntnis‘ oder ’niemals erreichte Erkenntnis‘, ‚Dogmatismus‘ oder ‚Skeptizismus‘. In der Lösung dieses Dilemmas besteht Philosophie, von Platon bis Kant, von Hegel bis Nietzsche. Sie weist darauf hin, dass wir beide – was auch immer wir behaupten – uns dessen bedient haben werden, was wir vor jeder Behauptung genau dadurch gemeinsam haben: den Logos. Wir werden Rede in Anspruch genommen und geteilt haben. Und da keiner von uns von Vorneherein richtig liegt und da jeder von uns richtig liegen kann, sind wir – vor jeder Behauptung, vor jedem falschen Dilemma, das absolute Asymmetrien und Machtverhältnisse behauptet – in dieser Hinsicht gleich und gleichberechtigt. Bevor wir unterschiedlich sind, teilen wir etwas – diese Reflexivität ist unhintergehbar. Denn wer sie versucht zu hintergehen, wird es in einem Logos tun müssen.

    Und genau darin liegt die Möglichkeit einer Rede, die nicht nur „die eine oder andere Grausamkeit ab[zu]stellen“ vermag, sondern die Grausamkeit grundsätzlich ausschließt. Nicht weil Grausamkeit moralisch verwerflich ist, sondern weil sie selbstwidersprüchlich ist – denn sie ist, am Ende, nur eine Behauptung unter anderen. Und genau so kann man sich zu ihr verhalten.

    Das behauptet am Ende nicht, dass es Grausamkeit nicht gibt, weil es Philosophie gibt. Es behauptet auch nicht, dass man für jedes philosophische Gespräch nicht hunderte herbeizitieren kann, die grausam sind. Aber es bedeutet, dass zumindest die Philosophie Grausamkeit nicht kennt, sondern, wie Platon sagt, die ‚Wissenschaft freier Menschen‘ ist.

  3. Idahoe sagt

    War Platon wirklich ein freier Mensch?

    Sprache ist der Informationsträger, nicht die Information selbst.

    Mit der Bitte um Widerspruch zur Hypothese.

    Erkenntnistheorie nach Franz Maria Arwee

    Was kann ein Mensch erkennen?

    Die Wirklichkeit
    Wirkung bedingt Veränderung. Von etwas Unveränderlichem kann keine Veränderung ausgehen.
    Von etwas Unveränderlichem kann keine Wirkung ausgehen. Auf etwas Unveränderliches kann NICHTS wirken.

    Im Begriff WIRKlichkeit steckt schon das entscheidende Wort, denn etwas Unveränderliches kann NICHTS bewirken, genausowenig wie irgendetwas auf etwas Unveränderliches wirkt, sonst wäre es nicht unveränderlich.
    Folglich kann etwas Unveränderliches kein Ereignis, keinen Zustand, keine Folge haben. Über das Unveränderliche gibt es kein Wissen und keine Erkenntnis, es ist nicht wahrnehmbar und nicht meßbar, es hat keinen Zustand. Etwas Unveränderliches kann nicht der Fall sein.

    Von Nichts kommt nichts
    Das NICHTS müßte unveränderlich sein. Zu keiner „Zeit“, an keinem „Ort“ dürfte sich je etwas verändern. Folglich müßte das NICHTS unendlich und ewig sein.
    Das NICHTS hat keine „Zeit“ und keinen „Ort“, sonst kann es nicht das NICHTS sein.
    Die Konsequenz des Unveränderlichen, des NICHTS wäre, daß es keine Konsequenzen und damit keine Wechselwirkung geben könnte. Nichts kann sich nicht stetig verändern.

    Der Umkehrschluß bedingt, daß die Wirklichkeit folglich der stetigen Veränderung unterliegt und ewig unendlich ist. Es gibt nichts an sich.

    Weshalb macht es Sinn den Ansatz der stetigen Veränderung weiter zu verfolgen?
    Wenn die Welt unveränderlich ist, ist alles was wir taten, tun und tun werden, so belang-, wie sinnlos, denn dann bewirken wir nichts und nichts kann auf uns wirken.

  4. Fabio sagt

    Ich würde den Ausgangspunkt philosophischer Diskussionen unterscheiden vom Ausgangspunkt politischer Diskussionen. Und zwar nicht grundsätzlich, sondern der üblichen Erfahrung in diesen Bereichen nach.

    Der Grund dafür ist, dass mit einem philosophischen Problem konfrontiert, (heute) niemand ernsthaft glauben kann, die einzige Lösung dafür gefunden zu haben, die es jetzt nur noch anderen verständlich zu machen gilt. Allenfalls kann man man der Ansicht sein, einen interessanten Zugang zu einem Problem gefunden zu haben, und dass es sich lohnen würde, an dieser Stelle weiter zu bohren. Das ist dann mit der Einladung verbunden, sich anzuschließen. Ganz andere Herangehensweisen kann man natürlich kritisieren, aber mir scheinen sie eher die Funktion zu haben, die eigene Arbeit vorzubereiten, indem man sagt: „So mache ich es nicht, und zwar deswegen.“ Die Gegenseite sagt vielleicht dasselbe für sich, und beide widmen sich danach weiterhin ihren eigenen Projekten. Da ist eigentlich nicht viel Raum für einen unbedingten Willen, Recht zu behalten (in welcher Hinsicht das auch immer möglich wäre), weil das zu versuchen nur ablenken würden von dem, was man eigentlich machen möchte. Aus der Grundeinstellung heraus, dass es mehr als einen guten Zugang zu was-auch-immer geben kann, zusammen mit der Neigung, im Zweifel bei sich zu bleiben und damit auch leben zu können, ergibt sich eine recht große Pluralität. Diese wahrzunehmen ist m.A.n. Aufgabe der ersten Jahre der Beschäftigung mit Philosophie. Das ist zumindest mein Eindruck nach 3,5 Jahren Philosophie-Studium. (Allerdings finden sich an meinem Institut ziemlich freundliche Zeitgenossen, jeder beschäftigt sich mit etwas anderem, und manchmal arbeiten sie auch zusammen, wenn es Überschneidungen gibt.)

    Im politischen Bereich ist es das genaue Gegenteil. Nicht nur haben „gewonnene“ oder „verlorene“ rhetorisch geführte Konflikte reale Auswirkungen auf das eigene Leben, weshalb also ein einigermaßen aufgeschlossenes Einlassen auf die Gegenposition häufig nicht gewagt werden kann; auch ist es wesentlich leichter, sich in absoluter Wahrheit zu wähnen. Höchstens unter Freunden, die eine eigene Diskussionskultur sich angeeignet haben, lässt sich darüber noch reden – sicher fällt hier aber auch der Aspekt des politischen Interesses weg. Als Grundstein solcher Diskussionen sehe ich die Einstellung, dass sich mein Gegenüber im Wesentlichen in derselben Position befindet wie ich. Das bedeutet, dass er ebenso vor sich selbst seine Meinungen rechtfertigen kann, dass er aber Schwierigkeiten hat, sie vor anderen zu rechtfertigen (vermutlich, weil die Prämissen zu viele wären, um sie alle zu vermitteln; außerdem, weil nicht alle Prämissen immer bewusst sind). Eine Menge mehr oder weniger kohärenter Meinungen steht immer im Hintergrund und lässt sich kaum in den Vordergrund rücken. Verständigung ist sicher trotzdem möglich, aber man braucht nicht hoffen, dass zwei Stunden Diskussion hier irgendetwas bewegen.

    Viele Grüße

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