Philosophie am Berg – Das Philosophicum Lech

Den meisten Skigebieten nimmt der Sommer ihren Sinn. Schneelos und einsam verfallen sie in eine regelrechte Starre. Nicht so Lech am Arlberg: Mit dem »Philosophicum« geht die Sinnsuche hier im Sommer erst richtig los. Zum neunzehnten Mal kamen dieses Jahr über 600 Freunde der Weisheit zusammen, um die Vorträgen rund um das Thema der Selbstoptimierung zu hören.

Zum Start der Konferenz machte HOHE LUFT seinem Namen alle Ehre und lud zum Philosophieren am Berg ein: In über tausend Metern hoher Luft diskutierte Chefredakteur Thomas Vašek mit der Schweizer Philosophin Barbara Bleisch über Perfektionisten und Selbstoptimierer. Bleisch bekannte dann auch gleich eine gewisse Sympathie für den Drang vieler Menschen, sich stetig verbessern zu wollen. Jeder, dem das völlig fremd sei, nennt sie mit Sloterdijk einen „finalen Spießer“. Doch zwanghaftes Streben nach Vollkommenheit kann auch gefährlich sein. Denn Scheitern gehört zu den Grunderfahrungen des Menschseins. Wer damit nicht umgehen kann, hat unter Umständen ein unglückliches Leben. Glücklicher sei hingegen oft der sogenannte »Satisficer«, der sich mit einem hinreichenden Ergebnis begnügt, anstatt weiter nach dem Optimum zu suchen. Damit eine Gesellschaft funktioniert, benötige sie aber beide Typen, so Bleisch.

Dass der Mensch sich stets verbessert, ist ein Leitmotiv der philosophischen Anthropologie. Als »Mängelwesen« sind  wir im Gegensatz zu Tieren nur schlecht auf das Leben eingestellt: Wir haben kein Fell, deshalb stricken wir uns Kleidung. Ohne Fangzähnen oder Klauen geboren, erfanden wir Messer und Speere. Unser unfertige Natur nötigt uns dazu, Hilfsgeräte zu erschaffen; der Mensch ist ein »Prothesengott«, wie es Sigmund Freud ausdrückt. Diese Prothesen werden mittels moderner Technologien immer effektiver. Heute nutzen wir Smartphones und Computer, die schneller rechnen und mehr speichern als unser Gehirn. Sogar vor unserem eigenen Körper machen wir nicht halt: Mit Energy-Drinks bleiben wir wach, mit Eiweiß-Shakes fördern wir das Muskelwachstum. Diese Art der Selbstoptimierung ist jedoch nicht immer unproblematisch: Schönheitsoperationen oder Doping im Sport etwa sind Techniken der Verbesserung, die nicht immer moralisch einwandfrei sind. Hier werden Praktiken aus dem Bereich der Therapie angewendet, um den eigentlich gesunden Menschen zu verbessern. Auf dem Magna-Impuls Forum äußerte Sportjournalist Hajo Seppelt diesbezüglich Bedenken in Hinblick auf einen fairen Wettkampf im Leistungssport. Mit ihm diskutierten unter anderem der Schönheitschirurg Edvin Turkof und die Ex-Bürgermeisterin von Kiel, Susanne Gaschke, wodurch es dem Podium gelang, die enorme Breite des Themas zumindest teilweise abzudecken.

Das größte Problem der Selbstoptimierung sprach hingegen der Philosoph Bernward Gesang in seinem Vortrag an. Er warnte davor, dass die aktuellen Techniken nur der Anfang der Optimierung des menschlichen Körpers seien. Das Philosohpicum sei daher auch ein Versuch, potentielle ethische Probleme schon im Vorhinein anzusprechen, anstatt nur Kritik zu üben, wenn es vielleicht schon zu spät ist. Laut Gesang könnten die Visionen radikaler Selbstoptimierung soziale Spannungen verschärfen. Was, wenn jemand sich einen Chip ins Gehirn setzt, der ihn plötzlich zwanzig Sprachen sprechen lässt? Von solchen Erfindungen schwärmen die Transhumanisten, eine Bewegung, die an die endgültige Überwindung der Mangelhaftigkeit des Menschen durch Technik glaubt. Was die Transhumanisten jedoch nicht sähen, so Gesang, sei der ungeheure Wettbewerbsvorteil, den der Mann mit Chip im Kopf besitzen würde. Seine Konkurrenten wären gezwungen, sich auch entsprechend verändern zu lassen, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt weiterhin bestehen wollen. Das Ergebnis wäre eine Klassengesellschaft, in der die natürlichen Menschen von technisch optimierten übertrumpft würden. Welcher Klasse man angehört, könnte sich zudem bereits vor der Geburt entscheiden: Bald könnte die Genforschung so weit sein, dass Eltern sich die Eigenschaften ihrer Kinder im Katalog aussuchen. Hätte man dann nicht die Pflicht, die eigenen Kinder möglichst wettbewerbsfähig zu designen?

Gesangs Dystopien lösten im Publikum durchaus Besorgnis und Widerspruch aus. Im darauffolgenden Vortrag wies Thomas Damberger jedoch darauf hin, dass wir schon heute mit ähnlichen Phänomenen konfrontiert sind. Der Pädagoge äußerte sich unter anderem kritisch zu Psychopharmaka wie Retalin, das die Konzentration erhöht und laut aktuellen Studien bereits heute von vielen Studenten regelmäßig eingenommen wird. Solche Mittel seien lediglich eine »flexible Anpassung an die Marktanforderungen«. Bildung als Vervollkommnung hingegen sei ein ganzheitliches Konzept. Ganz ähnlich äußerte sich auch Barbara Bleisch: Gäbe es eine Pille, die einen zum perfekten Pianisten machte, wäre das nicht das Selbe, wie diese Eigenschaft mühsam zu erlernen. Denn der Reifeprozess, der das Lernen begleitet, bliebe bei der Pille aus.

Auch die anderen Referenten sparten nicht mit wilden Zukunftsvisionen: Der wissenschaftliche Leiter Konrad Paul Liessmann etwa verwies in seinem herausragenden Vortrag auf die Ideen des Robotikers Hans Moravec, der davon träumte, durch eine exakte Kartographierung des Gehirns den menschlichen Geist eines Tages auf einen Computer hochladen zu können. Mit Recht und dem ihm eigenen Witz entkräftete Liessmann jedoch diese Theorie. Sie beruhe auf einen plumpen Leib-Seele Dualismus, der schon lange als widerlegt gilt.

So gesellte sich mit der Zeit zu aller anfänglichen Sorge um die Zukunft in den Augen der Besucher bald auch eine gewisse Abgeklärtheit. Denn trotz aller Begeisterung, die manche Vertreter des Transhumanismus erfassen mag, wenn sie an die radikale Technisierung des Menschen denken, zeigt sich, dass es noch genügend kritische Geister gibt, die zumindest den gefährlichsten Ausprägung des menschlichen Schöpfertums eine anspruchsvolle Alternative entgegenzusetzen haben.

-Robin Droemer

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Tobias Hürter geniesst die Hohe Luft am Berg

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Die Hohe Luft-Gang beim Philosophicum

Garnischranz

Besonderer Dank gebührt Hotel Garni Schranz, das keine Wünsche offen ließ