Der Mensch ist mehr als nur sein Hirn

Es ist einige Jahre her, dass Stephen Hawking den Tod der Philosophie verkündet hat. Angesichts der Fortschritte von Physik, Astronomie und Neurowissenschaften mag dies erst einmal einleuchtend klingen. Die großen Fragen sind heute nicht mehr nur an spekulative Antwortansätze gebunden. Und trotzdem ist die Philosophie nicht im Sterben begriffen. Warum?

Eine mögliche Antwort besteht in der Fähigkeit des Menschen, nach moralischen Gesichtspunkten zu handeln. Den Menschen auf seine neurophysiologischen Mechanismen zu reduzieren, hieße in letzter Konsequenz, ihn von der Verantwortung für sein Handeln zu entbinden und ihn von moralischer Schuld freizusprechen. Darum ist die Philosophie gefordert, die Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse für den Menschen und die Welt, in der er lebt, herauszuarbeiten. Sie kann die Problematiken aufzeigen, die sich aus den Erkenntnissen der Wissenschaft ergeben. Die Welt muss nicht bedeutungslos und zufällig sein, wenn der Mensch sie als solche nicht erkennen will. Er kann ihr einen eigenen Sinn geben, wie er auch sich selbst einen anderen Sinn geben kann. Er kann sich dazu entscheiden, nicht nur Spielball seines Gehirns sein zu wollen.

Der Mensch ist dann eben mehr als nur die Theorien, die ihn zu erklären versuchen. Dass ausgerechnet ein Neuropsychologe die Philosophie zu rehabilitieren versucht, dürfte Hawking sauer aufstoßen. Christian Hoppe von der Universität Bonn kritisiert die Vorstellung, wonach moderne Hirnforschung den Menschen erklären könne. Man lerne dort etwas über das Hirn, nicht aber über den Menschen an sich. Die Philosophie habe, so Hoppe, ganz grundlegende Antworten gefunden: „das ist aus der Hirnforschung als solcher meiner Ansicht nach gar nicht möglich.“ Es scheint, als könnten wir aufatmen: Eine Todesprognose jedenfalls klingt anders.

– Christina Geyer

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Gehirne zwischen Liebe und Krieg
– Menschlichkeit im Zeitalter der Neurowissenschaften

Das Denkorgan des Menschen steht im Blickpunkt der Forschung. Doch wird es auch adäquat benutzt? Ein Symposium für die interessierte Öffentlichkeit.

09.-11.10.2015, Stadthalle Fürth
Hier geht es zur Anmeldung.

Interview mit Evelin Lindner:
Erniedrigung kann Gewalt auslösen. Doch kann sie auch zu Liebe führen? Dieser scheinbar paradoxen Frage geht die Medizinerin und Psychologin Evelin Lindner in ihrem Vortrag auf dem Symposium nach. Mit den komplexen Zusammenhängen zwischen Demütigung, Aggression und Menschenwürde beschäftigt sie sich bereits seit der Promotion, in diesem Jahr wurde sie als Gründungspräsidentin des transdisziplinäre Netzwerks Human Dignity and Humiliation Studies für den Friedensnobelpreis 2015 nominiert.