»Wenn du etwas kannst, dann hast du Verantwortung«

Van Bo Le-Mentzel bezeichnet sich selbst als »Karma-Ökonom«. Der ausgebildete Architekt hat die »HartzIV-Möbel« erfunden – eine Reihe leicht nachzubauender Möbel, deren Baupläne frei zugänglich sind. Er hat verschiedene Crowdfunding-Projekte wie die Karma-Chakhs oder die Vortragsreihe #dclass ins Leben gerufen und setzt sich für Open Source und Sharing-Konzepte ein.

Am 14. März 2015 war Van Bo Le-Mentzel als Referent beim Hamburger Kongress Work in Progress zu Gast. HOHE LUFT traf ihn dort zum Interview. Darin erklärt er, was sowohl Eigentum als auch persönliche Fähigkeiten mit Verantwortung zu tun haben und wieso man sich an Spiderman ein Beispiel nehmen sollte. Teile aus dem Interview erscheinen außerdem in unserer Sonderbeilage »Verantwortung« (ab 21.05. im Handel). 

 

Architekt Van Bo Le-Mentzel. Foto: Tina Linster

Architekt Van Bo Le-Mentzel. Foto: Tina Linster

Van Bo, was bedeutet Verantwortung für dich?

Das Schöne an dem deutschen Wort »Verantwortung« ist, dass es das Wort »Antwort« enthält. Im Englischen sagt man ja auch »responsibility« und wenn man das getrennt schreibt, dann heißt es »response ability« – also die Fähigkeit, zu antworten. Und das ist tatsächlich eine Fähigkeit, die man lernen muss. Für mich bedeutet Verantwortung, den Mut zu haben, die richtigen Fragen zu stellen und dann den Mut zu entwickeln, sich auf den Weg zu machen, die richtigen Antworten zu finden. Und nicht einfach alles zu glauben, was einem so gesagt wird.

 

Welche Rolle spielt Verantwortung für dich persönlich?

Bei mir hat Verantwortung mit einem schlechten Gewissen angefangen. Und in dem Wort »Gewissen« steckt das Wort »Wissen«. Das heißt, wenn man etwas weiß, dann entwickeln sich mitunter schlechte Bauchgefühle. Ich dachte früher, dass ich als Ausländer hier in Deutschland eigentlich einem Deutschen den Schulplatz wegnehme, den Abiturplatz, den Studienplatz oder den Platz in der U-Bahn. Und aus diesem Gefühl heraus habe ich das Bedürfnis entwickelt, etwas zurückzugeben. Mittlerweile mache ich das nicht mehr aus einem schlechten Gewissen heraus, sondern inzwischen habe ich das Bewusstsein, dass es okay ist, dass ich hier bin. Und dass ich niemandem den Platz wegnehme. Das hier ist auch mein Land, meine Straße, mein Viertel und mein Zuhause. Und ich kümmere mich jetzt einfach ein wenig darum und setze mich für die Gesellschaft ein.
Was mir besonders gut gefällt an unserem Grundgesetz und was mich gerade sehr beschäftigt, ist der Artikel 14, der besagt: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« Das wissen meiner Einschätzung nach viele nicht, die irgendetwas besitzen, dass das, was sie da haben, dem Allgemeinwohl dienen soll. Und weil es da schon drinsteht und ich anscheinend nicht der Einzige bin, der so denkt, versuche ich so oft wie möglich in die Gesellschaft zu tragen: Bitte denkt dran, dass Eigentum auch Verantwortung bedeutet. Und mit Eigentum meine ich nicht nur Immobilien – sondern auch Ideen, Baupläne, Wissen, Macht, Werkzeuge, Netzwerke, Patente usw.

Kann man Verantwortung einfordern?

Ich denke schon, dass jeder Mensch sich mit den anderen arrangieren muss. Denn wenn wir das nicht machen, werden wir von anderen arrangiert. Es gibt ja ein starkes Interesse von Leuten aus der Politik, aus der Wirtschaft, aus den Behörden, den so genannten Gate-Keepern, zu verhindern, dass wir Verantwortung übernehmen. Die wollen, dass wir nach Schema F leben: in die Schule gehen, unsere Steuern zahlen, alle vier Jahre wählen gehen, möglichst viel für das Bruttosozialprodukt schuften und in die Rentenkasse einzahlen. Ich denke, es ist die Verantwortung von jedem, das zu hinterfragen; und einen Beitrag zu leisten, dass sich dieses Denken weiterentwickelt und sich wirklich etwas verbessert.

Würdest du dir wünschen, dass mehr Menschen Verantwortung übernehmen?

Das Problem mit der Verantwortung ist: man kann die Leute nicht zwingen. Wenn du einen Musiker zwingst, ein geniales Solo zu spielen, dann wird das auch nicht klappen. Das muss schon von innen heraus kommen. Das Einzige, was man machen kann, ist mit gutem Vorbild vorangehen. Und es gibt ja viele, die das tun. Der Unternehmer Götz W. Werner zum Beispiel – von dem man jetzt nicht erwarten würde, dass der sich als einer der reichsten Menschen Deutschlands auf einmal um das Wohl der 99% kümmert – das ist einer, der mit seiner Bewegung »Grundeinkommen« Verantwortung übernimmt. Der sich überlegt: was kann ich als Unternehmer mit sehr viel Geld und sehr viel Einfluss tun? Und so gibt es sehr viele, die schon Verantwortung übernehmen. Das inspiriert wiederum andere und die ziehen dann nach. Ich denke, es wäre falsch, Verantwortung einzufordern. Besser wäre es, wenn man es vorlebt.

Fühlst du dich als jemand, der das vorlebt?

Ich weiß, dass viele sich bei mir bedanken und mir schreiben, dass ich sie inspiriere oder dass ich ein Vorbild für sie bin. Ich hoffe, dass ich denen ein bisschen die Angst nehmen kann. Viele trauen sich einfach nicht, sie selbst zu sein, sondern wollen lieber so sein, wie es von ihnen erwartet wird. Wenn man angepasst ist, gibt es eben weniger Risiko. Ich möchte denen, die sich auf die Suche nach dem machen wollen, der sie wirklich sind, das Vertrauen und die Zuversicht geben, dass sie so wie sie sind, gut sind

Klingt, als bräuchte es dafür ganz schön viel Mut…

Unbedingt. Das, was eigentlich nichts kostet und wofür man noch nicht einmal einen Computer braucht, das ist eigentlich das Schwierigste, was es gibt: Man selbst zu sein. Sich zu fragen: wer bin ich und wo will ich hin? Und mache ich eigentlich den ganzen Tag das, was ich machen will? Entspricht das überhaupt dem, wie ich mir mein Leben vorstelle? Ich glaube, das würden sehr viele Menschen, vielleicht die Mehrheit, verneinen.
Wir werden im Moment eigentlich nur als anfälligere Roboter gesehen. Ich glaube nicht, dass die Politik von uns erwartet, dass wir fühlen und lieben. Nehmen wir die ganze Debatte um den demografischen Wandel: man versucht, Menschen mit Geld dazu zu motivieren, mehr Kinder zu bekommen. Dabei müsste man eigentlich für die Liebe werben! Ich glaube nicht, dass Menschen wegen 100 Euro mehr Kinder bekommen, sondern weil sie eine Perspektive sehen. Es geht darum, diese Perspektive zu stützen und Hoffnung zu vermitteln. Und das hat mit Geld fast nichts zu tun.

Haben besonders kreative Menschen mehr Verantwortung für die Gesellschaft?

Ich habe Verantwortung auch von Peter Parker (Spiderman) gelernt. »Aus großer Kraft folgt große Verantwortung« – diesen Satz sagt sein Onkel Ben, der dann später gestorben ist, weil Peter Parker sich nicht verantwortlich gefühlt hat, einen Räuber aufzuhalten, der dann zufälligerweise seinen Onkel tötet. Das zeigt Peter, dass er seine Fähigkeiten nicht nur für sich selbst einsetzen darf, sondern sie der Allgemeinheit zur Verfügung stellen muss. Vielleicht hat der auch das Grundgesetz gelesen.
Letztendlich ist es genau das, woran ich auch glaube: Wenn du etwas kannst, dann hast du Verantwortung. Und wenn du gut erzählen kannst, ist es deine Verantwortung, dass die Dinge, die erzählt werden müssen, erzählt werden. Wenn du gut zeichnen kannst, dann ist es deine Verantwortung, dass andere, die deine Zeichnung brauchen, davon profitieren. Und das trifft nicht nur auf sogenannte kreative Fähigkeiten zu. Schließlich gilt für alle das Gleiche: Wenn sich jeder nur an die eigene Nase fasst, entsteht keine Gesellschaft

– Interview: Greta Lührs

Den Teaser zu Van Bo Le-Mentzels neustem Projekt »Hartz5« gibt es hier.