Die Scheinheiligen

Mit der Glaubwürdigkeit ist es so eine Sache. Man muss sie sich hart erkämpfen und kann sie, besonders als Person des öffentlichen Lebens, schnell wieder verlieren. Wenn man als Fachmann für sportliche Ereignisse vor einem Millionenpublikum durch gravierende Bildungslücken auf dem eigenen Spezialgebiet auffällt, mag das noch verzeihlich sein. Etwas anders sieht es aus, wenn man als ausgewiesene Feministin plötzlich Werbung für die Bild-Zeitung macht. Wie viel Integrität muss man an den Tag legen, wenn man berühmt ist?

Das eine behaupten während man das andere tut ist mit der Idee der Integrität nicht vereinbar. Wer integer ist, verkauft keine Werte als unantastbar und hält sich selbst nicht daran. Die moralische Gesinnung spiegelt sich bei dem Integren in den eigenen Handlungen wider – was dieser tut, ist Ausdruck seines eigenen Wertekanons. Integrität geht mit Vertrauenswürdigkeit einher. Der Integre steht gewissermaßen für bestimmte Werte und liefert gute Gründe dafür anzunehmen, dass das in ihn gesetzte Vertrauen nicht enttäuscht wird.
Wenn ein Bischof christliche Werte der Genügsamkeit und Demut predigt und dann Gelder durch einen Protzbau verschwendet, wird er unglaubwürdig. Man nimmt ihm schlichtweg nicht mehr ab, dass er selbst an diese Werte glaubt. Kant würde sagen, derjenige beweist dadurch einen Mangel an Wahrhaftigkeit – der Eigenschaft, in Wort und Tat das auszudrücken, was er selbst für wahr hält. Und da Kant diese Eigenschaft als „Grundzug und das Wesentlichste eines Charakters“ bezeichnet, ist klar, wieso Korrumpierbarkeit mit Gesichtsverlust einhergeht: Der Unbestechliche wird weit mehr geschätzt und ernst genommen als der Opportunist. Kant war aber bekanntermaßen ein Hardliner wenn es um Wahrheit ging, der von den absoluten moralischen Pflichten keine Ausnahmen gestattete. Dabei machen wir ständig Werte geltend, von denen wir uns selbst kleine Ausnahmen erlauben oder handeln entgegen unser Wissen um die „richtige“ Handlung. Vielleicht sind wir ja etwas unfair gegenüber den Bischofssitzbauern und Steuerhinterziehern. Müssen bekannte Personen integrer sein als der normale Bürger? Nein, das müssen sie bestimmt nicht. Auch ein Freund verliert seine Glaubwürdigkeit, wenn er sich vor allen ständig als großer Verfechter der Treue aufspielt und dann herauskommt, dass er seit Jahren fremdgeht. Integrität können wir also von jedem fordern. Das Problem der Prominenten ist nur: Was sie von sich geben kriegen mehr Leute mit. Und wenn sie sich gegen ihre postulierten Ideale wenden, wird dies umso mehr breitgetreten und ausgeschlachtet. Als öffentliche Person hat man eben andere Möglichkeiten der Wertevermittlung und damit auch eine gewisse Verantwortung – nicht nur für das eigene Image.

– Greta Lührs

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