Zur Ästhetik von Topfreinigern

Seit jeher produzieren Menschen Kunst – und setzen sich mit dieser auseinander. Von Platon über Arthur Schopenhauer bis hin zu Martin Heidegger wurde immer schon versucht, Kunst auch philosophisch zu ergründen. Was ist der Sinn von Kunst? Ist sie selbsterklärend? Muss jeder Mensch ein Kunstwerk gleichermaßen begreifen können? Nicht nur die Kunst selbst, auch die Ansätze zur Erklärung ihres Sinns haben sich im Laufe der Zeit immer wieder stark verändert. Platon etwa war noch davon überzeugt, Kunst müsse zu einem tugendhaften Leben erziehen. Für ihn war Kunst eine pädagogische Maßnahme – etwas, das uns nach Wahrheit und Werten streben lassen sollte. Dabei unterschied Platon zwischen Künstlern, die etwas schöpferisch herstellen, wie etwa ein Tischler, und Künstlern, die sich mit der Darstellung der Wirklichkeit befassen, wie etwa Maler. Letztere würden Ideen der Wirklichkeit immer nur nachahmen, während Erstere  Ideen verwirklichen – und der Wahrheit somit näher stehen. Heute hingegen nehmen wir diese Unterscheidung kaum mehr vor – selten werden Baumeister Künstler genannt. Ruhm und Ehre scheint jenen Künstlern vorbehalten, die „Bilder zweiter Ordnung“ schaffen. Welche Idee wird uns nun aber durch moderne Kunst vermittelt? 1964 stellte Andy Warhol in New York eine Reihe von bedruckten Topfreiniger-Kisten der Marke Brillo aus – und deklarierte sie als Kunst. Was unterschied diese Kisten nun von jenen aus dem Supermarkt? Die Kunstwelt stand Kopf: Auf einmal schien alles Kunst sein zu können. Michael Hauskeller erklärt in Anlehnung an den Philosophen Arthur Danto den wesentlichen Unterschied zwischen einem Kunstwerk und einer gewöhnlichen Topfreiniger-Kiste. Was erst einmal paradox anmutet, gibt schließlich Antwort: Welche Kiste nun ein Kunstwerk ist, wissen wir erst, wenn wir wissen, welche Kiste ein Kunstwerk ist – zudem, und das ist wesentlich, müssen wir auch Kenntnis davon haben, warum jene Kiste Kunst ist, diese jedoch nicht. Kunst braucht Gründe und muss sich erklären können – auch wenn sie sich nur aus sich selbst heraus erklärt. – Oder in den Worten von Hauskeller: „Um das Werk zu verstehen, muss man die Metapher verstehen, auf der es beruht, also nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Gründe, warum sie gerade auf diese und keine andere Weise zu verkörpern war.“

– Christina Geyer