Kann der Mensch wollen, was er will?

HOHE LUFT_live ging am 07.08. in die nächste Runde. In einer ausgebuchten modern life school diskutierte HOHE LUFT Chefredakteur Thomas Vašek mit dem Philosophen Ho-Seoung Moon das Thema „freier Wille“.

Ho-Seoung Moon, der eine philosophische Praxis in Göttingen betreibt, versteht den freien Willen als eine Form des Vermögens, seine eigenen Wünsche zu reflektieren und umzusetzen. Dabei ist die Frage nach der Existenz eines freien Willens seiner Ansicht nach nicht inhaltlich zu beantworten, sondern funktional. Wir müssen gar nicht zwingend definieren, was der freie Wille ist, da wir ein intuitives Alltagsverständnis davon haben, so Ho-Seoung Moon. Der Begriff ist dadurch bestimmt, wie wir ihn erleben, ähnlich wie die Liebe oder die Vernunft. Thomas Vašek widerspricht diesen Ausführungen: „meiner Meinung nach ist die Existenz des freien Willens tatsächlich ein Problem und kein Scheinproblem.“ Wenn wir wirklich in unserem Verhalten komplett determiniert (d.h. kausal vorherbestimmt) sind, hätte das massive Auswirkungen auf unser Leben. Ohne die Freiheit des Willens, kann es keine Verantwortung geben. Alles, was wir tun und als rationale Entscheidungen ansehen wäre sinnlos, wenn wir nicht willensfrei sind. Um also überhaupt handlungsfähig zu sein, müssen wir den freien Willen voraussetzen.

Nach der Auffassung Ho-Seoung Moons lässt die Freiheit des Willens Grade zu. Er zitiert Arthur Schopenhauer (1788 – 1860): „Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Demnach wirken zwar ständig Eindrücke auf uns ein, die unseren Willen bestimmen, doch haben wir die Freiheit, uns zu unseren Wünschen so zu verhalten, wie wir es möchten. Wer wenig willensfrei ist, richtet sich stets nach Fremdbestimmungen und identifiziert sich nicht selbst mit seinen Wünschen. Der von Harry Frankfurt (geb. 1929) beschriebene „Wanton“ (übers. Lüstling) betreibt diese Selbstreflektion gar nicht und ist somit seinen Trieben ausgeliefert. „Ist der Wanton nicht der freieste Mensch von allen, wenn ihm alles egal ist?“ fragt eine Dame aus dem Publikum. Thomas Vašek kann dem nicht zustimmen. Seiner Meinung nach muss man Willensfreiheit und Willensschwäche unterscheiden. Der Wanton ist bei Frankfurt gar keine Person, da er seine Wünsche nicht hierarchisch ordnen kann. Unsere Entscheidung, einen Schokoriegel zu essen oder es lieber sein zu lassen, untersteht dem freien Willen. Seiner Neigung gegen die eigene Überzeugung nachzugehen ist dann aber keine Unfreiheit, sondern die Schwäche des Willens. Genauso ist Willensfreiheit nicht gleich Handlungsfreiheit. Wer eingeschlossen ist, kann dennoch willensfrei sein.

Die Frage nach dem freien Willen wirft eine Reihe von Grenzfällen auf. Psychische Zwänge, Sucht, Demenz, wann ist ein Mensch (noch) willensfrei? Welche Rolle spielt die Neurophysiologie? Viele Ansätze wurden beleuchtet und die Schwierigkeiten eines radikalen Determinismus aufgezeigt. Dass wir uns als frei betrachten müssen, darin sind sich Thomas Vašek und Ho-Seoung Moon einig. Beweisen kann man den freien Willen natürlich nicht. Wie auch? Wenn er messbar wäre, wäre er doch nicht mehr frei, oder?
Das nächste Mal findet HOHE LUFT_live am 04.09. in der modern life school statt. Thema wird dann Thomas Vašeks neues Buch „Work-Life-Bullshit“ sein.

– Greta Lührs –