Stress mit Grund

Oben-ohne Aktivistinnen, Performance-Künstler mit Hitlergruß und Bushidos neuer Skandalsong – die Provokation ist stets eines der wirksamsten Mittel um sich die Aufmerksamkeit der Medien zu sichern. Der Begriff der Provokation leitet sich vom lateinischen „provocare“ ab und bedeutet so viel wie „hervorrufen“. Wer provoziert, zielt also in erster Linie auf eine bestimmte Reaktion ab. Dabei kann Provokation auch sinnvoll sein. Im Fall von Rapper Bushido trifft das allerdings nicht zu.

Wer provozieren will, muss eine gewisse Grenze des Konformen überschreiten, um aus der Masse herauszustechen und die gewünschte Wirkung hervorzurufen. Bushido beherrscht diese Technik par excellence. Sein neuer Song „Stress ohne Grund“, den er gemeinsam mit Rapper Shindy aufgenommen hat, sorgt gerade für Aufsehen, da er homophobe und gewaltverherrlichende Zeilen sowie Morddrohungen gegen Klaus Wowereit, Claudia Roth und Serkan Tören enthält. Viele sind sich einig: Bushido ist damit zu weit gegangen.
Dass sich nun alle unheimlich aufregen, ist von Bushido natürlich kalkuliert. Denn die Aufregung gehört zur Provokation dazu, sie wird gezielt herausgefordert. Sie kann ein politisches Instrument sein und neue Sichtweisen anstoßen. So erreichte etwa der Protest der FEMEN-Aktivistinnen, die zur Fußball-EM in der Ukraine mit freiem Oberkörper gegen Sextourismus demonstrierten eine große mediale Resonanz und stieß eine neue Debatte über Feminismus an.

In diesem Stil nutzte auch die 68er Bewegung die Provokation für ihre politischen Anliegen. In vielen Fällen ist Provokation aber nicht rein politisch, sondern auch künstlerisch. Der Performer Jonathan Meese etwa musste sich vor Gericht für einen Hitlergruß als Teil seiner Darbietung verantworten, obwohl ihn niemand für nationalsozialistisch eingestellt hält. Meese provoziert, indem er die aufgeladene Symbolik benutzt, um im Rahmen der Kunst etwas zu vermitteln. Ob das gelingt, sei dahingestellt. Dennoch ist seine Intention nicht, wie sich deutlich bei der Gerichtsverhandlung gegen ihn gezeigt hat, den Holocaust zu verharmlosen oder zu verherrlichen. Es macht offenbar einen Unterschied, ob der Provokateur seine Handlungen rechtfertigen kann, wie Meese es vor dem Gericht konnte, oder ob er nur provoziert um zu provozieren.
Währenddessen nutzt Bushido den Schutz der künstlerischen Freiheit aus, um auf Kosten von Randgruppen Profit zu machen. Er gefällt sich in der Rolle des Unangepassten und genießt die Aufregung um seine Person. Seine Texte sind aber nicht politisch, nicht rebellisch oder tiefer begründet, sondern beleidigend und verhetzend. Der Anlass für die Provokation ist eben nur die mediale Aufmerksamkeit und damit der Verkauf seiner CD. Wollte man Bushidos Marketingstrategie durchbrechen, dürfte man eigentlich in den Medien kein Wort über den Song verlieren. Doch das könnte den Eindruck vermitteln, es gäbe keinen Grund, darüber zu schreiben. Diese Zwickmühle verdanken wir der Freiheit der Meinung und der Kunst. Es scheint, dass man für dieses hohe Gut auch Leute wie Bushido aushalten muss.

– Greta Lührs –