Ich bin nicht betroffen
Ehrliche Solidarität statt Mitleid

„We are not Trayvon Martin“ unter dieser Überschrift posten seit dem Freispruch von George Zimmerman, welcher im US-Bundesstaat Florida den unbewaffneten schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin erschossen hatte, hunderte US-Amerikaner ihre Gedanken zu diesem Fall, dessen Ausgang vielerorts Empörung hervorruft.

„Warum nicht?“, ist die erste Frage, die sich mir stellt. Der Spruch, der sonst auf Plakaten zu sehen ist lautet „We are Trayvon Martin“ und drückt Verbundenheit mit dem Opfer aus. Doch wer sich die Blogeinträge der vornehmlich weißen Poster – meist aus der US-Mittelschicht – ansieht, erkennt schnell die Intention hinter der Überschrift: wir sind nicht betroffen und werden es auch nie sein, weil wir weiß sind. Uns hätte man nicht des Diebstahls verdächtigt oder erschossen nur weil wir nachts im Kapuzenpullover in einer gehobenen Wohngegend unterwegs waren. Und wenn doch, wäre der Täter niemals freigesprochen worden. Und das ist ungerecht.
Was diese Form der Anteilnahme so besonders macht, ist, dass sie keine Gleichheit vorgaukelt, die faktisch nicht da ist. Denn genau dadurch weist sie auf den Fehler im System hin: es gibt keine Gleichheit, sondern extreme Ungleichheiten in der Art und Weise wie schwarze und weiße Menschen behandelt werden. Solidarität in Form von Mitleid mit marginalisierten oder diskriminierten Gruppen, denen man selbst nicht angehört, kann schnell in das Gegenteil des Beabsichtigten umschlagen und herablassend, gar entwürdigend wirken. Das Mitleid ist deshalb für viele so degradierend, weil es die eigene Opferrolle bestätigt, statt sie abzubauen. Es impliziert außerdem, dass man zu wissen glaubt, wie der andere sich fühlt. Betroffene können dies als Anmaßung empfinden. Bezeichnend beschreibt dies Tucholskys (1890 – 1935) Ausspruch „das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint.“

Im Gegensatz dazu sind die Beiträge zu „We are not Trayvon Martin“ nicht gut gemeint sondern ehrlich. Ja, wir sind weiß und wir maßen uns nicht an zu behaupten, wir wüssten, wie es ist als schwarzer Jugendlicher in den USA zu leben. Aber wir können sagen, dass wir die Ungleichheit und die Vorurteile ungerecht finden, die wir auch von unserer Seite wahrnehmen. Durch das Anprangern dieser Ungleichheit, wird die Systemkritik umgekehrt. Diese Solidarität ist darum wertvoll, weil sie von der Bevölkerungsgruppe kommt, die durch ihre Stellung in der Lage sein könnte, die Gesellschaft zu verbessern. Nicht nur für die, die Trayvon Martin sind, sondern für alle.

– Greta Lührs –