Was den Banker von der Katze unterscheidet

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, fordert Immanuel Kant. Aber liegt unser Verstand immer richtig? Während Tiere ganz instinktiv handeln, muss der Mensch, um handeln zu können, erst zwischen verschiedenen Optionen abwägen und dann eine Entscheidung treffen. Das ist, was gemeinhin der „freie Wille“ genannt wird. Ist aber dieser freie Wille besser als das instinktive Handeln?

Wir rühmen uns oft unseres Verstandes und grenzen uns über diesen von den „einfältigen“ Tieren ab. Dabei ist das instinktive Handeln ein Naturzustand im Sinne Rousseaus, ganz im Gegenteil zur bewusst ausgeführten Handlung. Der Mensch ist, wie Jean-Paul Sartre sagt, zur Freiheit verdammt. Diese Freiheit ist nämlich keine Entscheidung unseres freien Willens, wir haben keine andere Wahl, als frei zu sein und frei zu entscheiden. Wir sind also dazu gezwungen, bewusst zu entscheiden und auch bewusst zu handeln. Viele mögen versuchen, ethische Maximen zu berücksichtigen, aber eine Garantie dafür gibt es nicht. Zweifelsohne werden Entscheidungen oft willentlich falsch getroffen, wobei „falsch“ hier einen moralisch verwerflichen Akt meint. Wenn ein Banker an der Wallstreet bei hohem Risiko auf fremde Gelder spekuliert, dann tut er das bei vollem Bewusstsein. Er will davon profitieren, viel Geld machen und reich werden. Aber ist seine Gier nicht erst recht ein „natürlicher Impuls“, ein tierischer Instinkt? Falls dem so ist, sind alle „falschen“ Entscheidungen instinktive Handlungen? Und heißt das dann zugleich, dass der freie Wille immer richtig liegt? Nein, denn genau das unterscheidet uns ja eben von den Tieren: Wir haben ein Bewusstsein, das zwischen „richtig“ und „falsch“ unterscheiden kann. Tiere hingegen können ihre Handlungen nicht bewerten. Der Banker mag also triebgesteuert handeln, weiß aber zugleich, dass sein Tun moralisch eben nicht richtig ist.

Sokrates vertrat die Ansicht, dass rechtes Denken zu rechtem Handeln führt. Das mag stimmen, aber wer sorgt dafür, dass wir alle „recht“ denken? Tiere kennen erst gar kein „rechtes“ und „unrechtes“ Handeln (geschweige denn Denken), sie reagieren vielmehr ganz automatisch auf bestimmte Situationen. Für Jean-Jacques Rousseau sind diese instinktiven Reaktionen immer gut, da sie der Natur direkt entsprechen, also ganz „natürlich“ und unverfälscht sind. Das meint der „Naturzustand“ bei Rousseau. Der Naturzustand ist also immer „gut“, aber nicht unbedingt im moralischen Sinne. Er ist gut, weil er natürlich ist und keine andere Wahl hat, als so zu sein, wie er von Natur aus eben ist. Wenn eine Katze einen Vogel fängt, so haben wir wahrscheinlich Mitleid mit dem Vogel. Die Katze hat aber instinktiv gejagt, weil sie wohl Hunger hatte. Sie hat ihre Handlung nicht hinterfragt und abgewägt, ob es moralisch „gut“ ist, den Vogel zu töten. Der Banker hingegen hatte die Möglichkeit, seine Handlung zu hinterfragen. Er befand sich nicht in einem Naturzustand, denn er hatte ja Gelegenheit, sein Vorhaben zu überlegen und zu entscheiden, ob er es in die Tat umsetzt oder nicht. Der Banker hatte die Wahl, er konnte eine bewusste Entscheidung treffen, die Katze nicht. Sie reagiert ja bloß. Das instinktive Handeln kann nicht falsch sein, es wird nicht bewusst entschieden und passiert sozusagen vormoralisch. Das will meinen, dass Moral weder beabsichtigt noch unbeabsichtigt berücksichtigt wird – oder eben nicht, wie im Fall der Vogeljagd. Sie spielt eben gar keine Rolle, weil die Handlung vor der Moral einsetzt.

Rousseau formuliert seine Kritik an der Vernunft in der Blütezeit der Aufklärung und macht sich dadurch nicht gerade viele Freunde. So schreibt ihm Voltaire: „Niemand hat es mit mehr Geist unternommen, uns zu Tieren zu machen, als Sie; das Lesen Ihres Buches erweckt in einem das Bedürfnis, auf allen Vieren herumzulaufen.“

– Christina Geyer –